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Algenschaum an der türkischen Küste im Marmarameer (mit freundlicher Genehmigung von Kuzey Ormanları Savunması)

Graubräunliche Schlieren breiten sich gerade im Maramara-Meer aus, vor der südlichen Küstenlinie Istanbuls. Als Sea snot – also „Meeresrotz“ – ist das Phänomen seit mehreren Jahren bekannt. Der schleimig-schaumige Teppich auf der Meeresoberfläche stammt von einer Algenblüte. Die hohe Abwasserlast in dieser Meeresregion ist der ideale Dünger für Algen, gemeinsam mit den  höheren sommerlichen Temperaturen kommt es dann zu explosionsartigem Wachstum einiger Arten. Die diesjährige Algenblüte ist die schlimmste, die es hier je gab: Der aufgeschäumte Schleim bedeckt das Meer, er nimmt den Lebewesen darunter das Licht und erstickt sie.

Wissenschaftler der Universität Istanbul wie der Biologie-Professor Muharrem Balci dokumentieren seit 40 Jahren die immer stärkere Belastung des Binnenmeeres durch nährstoffreiche Abwässer aus Städten und Landwirtschaft. Wenn dann im Sommer die Meerestemperatur steigt, vermehren sich die Algen extrem schnell und stark und überziehen die Oberfläche des Meeres vor allem in Küstennähe wie eine Zeltleinwand. An manchen Stellen reicht der tödliche Algenteppich sogar bis in 30 Meter Tiefe. Wenn die Algen die Nährstoffe aufgezehrt haben, sterben sie ab und sinken auf den Meeresboden. Dabei bedecken und ersticken sie dann Meeresbewohner wie Muscheln, Schnecken und Krebse. Die toten Algen werden von Bakterien abgebaut, die dabei den Sauerstoff verbrauchen. Dadurch entstehen im Meer sauerstoffarme Areale, die nach Schwefelwasserstoff stinken.

Örtliche Fischer beklagen, dass der Algenschleim, der auch ihre Boote umhüllt, schon zu einem großflächigen Muschelsterben am Meeresgrund geführt hat.

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Der Algenschleim bedeckt den Meeresboden und die darauf lebenden Tiere (Mit freundlicher Genehmigung von Kuzey Ormanları Savunması)

Kleine Algen mit großer Wirkung: Kieselalgen und Dinoflagellaten
Seit 2007 ist der schleimige Algenfilm im Marmarameer wissenschaftlich beschrieben. Verschiedene einzellige Algen können solche Blüten verursachen, mit ihrem massenhaften Auftreten verfärben sie dann ganze Meeresbereiche. Je nach Algenart erscheint die Algenblüte grün, rot, gelb oder bräunlich-grau, wie jetzt vor der türkischen Küste. In den Planktonproben der Wissenschaftler fanden sich vor allem Kieselalgen (Diatomeen) und Dinoflagellaten. Einige von ihnen verfärben das Wasser „nur“ und sorgen für Sauerstoffzehrung.

Die Umweltschutzorganisation Kuzey Ormanları Savunması hatte auf ihrem Twitter-Account Prof. Melek Işibilir Okyar der Universität Istanbul zitiert, die Wasserproben untersucht hatte: „Gelöster Sauerstoff, der 2-3 Milligramm pro Liter betragen sollte, beträgt auf 35 Metern nur 1 mg/l pro Liter. Der Rückgang auf 0,8 mg/L in 80 Metern Höhe zeigte, dass der Sauerstoff im Meer bald zur Neige ging.“ erklärt die Professorin:

Einige Diatomeen und Dinoflagellaten geben zusätzlich auch noch potente Gifte ab (Seyfettin Tas, Halim Aytekin Ergül, Neslihan Balkis-Ozdelice: „Harmful algal blooms (HABs) and mucilage formations in the Sea of Marmara” In book: The Sea of Marmara: Marine Biodiversity, fisheries, conservation and governance (2016)).

Gerade viele Dinoflagellaten produzieren Neurotoxine, Muscheln, Fische oder auch ganze Walschulen töten können, wegen ihrer rötlichen Färbung sind sie als Rote Flut (Red Tide) berüchtigt (mehr dazu hier und hier). Werden solche mit Giften belastete Muscheln oder Fische verzehrt, können auch Menschen daran sterben. Diese sogenannten Harmful Algal Blooms verursachen schon jetzt hohe Schäden in Muschel- und Fischzuchten.
Vor der türkischen Küsten gibt es zwar keine großen Aquakulturen, allerdings macht der Algenschleim die regionale Fischerei unmöglich.

Marmara-Meer: Bald ein Schutzgebiet?

Das Marmara-Meer ist der Übergang zwischen der Ägäis des Mittelmeeres und dem Schwarzen Meer, die Küstenlinie des Marmara-Meeres an Istanbuls Küste ist dicht besiedelt und auch stark industriell genutzt. Zu den Abwässern türkischer Herkunft, so Professor Balci, kommen auch noch die Abwässer Osteuropas hinzu, die über die Donau ins Schwarze Meer gelangen.

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Kommentare (19)

  1. #1 Hüseyin Dursun
    Frankfurt am Main
    8. Juni 2021

    Ein guter Artikel mit fundiertem Fachwissen. Wir haben keine Zeit für Spökerkiekerein und müssen unverzüglich ohne prästabilen Hindernissen uns ans Werk machen und ein Absterben am Meeresboden verhindern.

    • #2 Bettina Wurche
      9. Juni 2021

      @Hüseyin Dursun: Danke. Wenn ich daran denke, in was für schlechtem Zustand das Mittelmeer schon ist, möchte ich mir kaum vorstellen, wie es im Marmarameer aussieht. Die Situation in diesem Binnenmeer hat mich sehr an die Ostsee erinnert. Die Ostsee ist ein übles Beispiel dafür, wie selbst umfassende Meeresschutzgesetze einfach nicht umgesetzt werden, ob es um die Einleitung landwirtschaftlicher Abwässer geht, um den Schutz vor Ölpesten oder den Walschutz. Im Marmarameer potenzieren sich diese Probleme noch durch die Mitwirkung verschiedener Staaten, darunter Regimes, die Klima- und Umweltschutz für überflüssig halten. Für die türkischen Biologen und Meeresschützer muss das unerträglich sein. Vor deren Arbeit unter so widrigen Bedingungen habe ich großen Respekt.
      Es ist seltsam, dass die Fischer über tote und zu wenige Fische klagen, aber keine Maßnahmen zum Meeresschutz und zum Erhalt der Fischbestände umgesetzt werden.

      Ich erinnere mich, dass 2016 an der türkischen Küste einige sehr seltene Schnabelwale gestrandet sind: Die Wal-Biologen mussten sich die Kadaver aus Müllkippen ziehen, weil niemand es für nötig hielt, sie zu informieren:
      https://scienceblogs.de/meertext/2016/07/27/erstnachweis-von-trues-wunderbarem-zweizahnwal-im-mittelmeer-tuerkei/?all=1
      Ein frischtoter Wal ist schon eine Herausforderung, ein vergammelter ist wirklich hart.
      Dabei wären die türkischen Behörden verpflichtet gewesen, solche Strandungen zu melden, zu dokumentieren und zu untersuchen, das auch die Türkei das Abkommen zum Walschutz im Mittelmeer unterzeichnet hat (Agreement on the Conservation of Cetaceans of the Black Sea, Mediterranean Sea and contiguous Atlantic area (ACCOBAMS)).

      https://accobams.org/about/introduction/

  2. #3 JW
    9. Juni 2021

    Und zur Ostsee fällt mir ein Bericht in der gestrigen (oder vorgestrigen) taz ein. Da soll vor Kopenhagen eine künstliche Halbinsel zur Wohnraumgewinnung ins Meer gebaut werden. Da wird die Ostsee gleich noch mehr zum salzigen Binnensee. Bei dem bisschen Austausch stört jedes Hindernis.

    • #4 Bettina Wurche
      9. Juni 2021

      @JW: Die Ostsee hat wirklich riesige Probleme, sie ist ein extrem stark menschlich geformtes Meer mit hoher ökologischer Last. Allerdings sind gerade Dänemark und Schweden gerade dabei, ihre Seegraswiesen umfassend zu schützen und sogar aufzuforsten. Das bringt zwar kein Salz hinein, aber Sauerstoff. Gerade der Sauerstoffmangel ist in der Ostsee ja ein Riesenproblem, die “schwarzen Löcher” dehnen sich stetig aus, es sind Todeszonen.
      Darum sind die Seegraswiesen in der Ostsee richtige grüne Lungen. Darüber hatte ich gerade kürzlich für Spektrum geschrieben:

      https://www.spektrum.de/news/oekosystem-seegras-die-gruene-muellabfuhr-im-ozean/1840714

      In Deutschland gibt es erste kleine Projekte, wie man Seegraswiesen rekultivieren oder sogar neu anpflanzen kann.
      Salziger wird sie davon nicht, nur wieder sauerstoffreicher.
      Allerdings sinkt das schwere, kühle Salzwasser nach unten, so dass an Ostseeriffen unter 18 m Tiefe sogar richtige Salzwasserarten vorkommen, wie ein Sonnenstern. Das hatte mich wirklich überrascht, als ich es letztes Jahr erzählt bekam:
      https://www.spektrum.de/news/rummel-am-riff/1776489

  3. #5 Dirk Zabel
    Berlin
    9. Juni 2021

    “Zu den Abwässern türkischer Herkunft, so Professor Balci, kommen auch noch die Abwässer Osteuropas hinzu, die über die Donau ins Schwarze Meer gelangen.”
    Auch wenn die Türkei hier vermutlich primär Verursacher ist, sollte die EU prüfen, wieweit sie zum Problem beiträgt und ggf. versuchen, dies abzustellen.

    • #6 Bettina Wurche
      9. Juni 2021

      @Dirk Zabel: Allerdings. Umweltschutz-Richtlinien in den osteuropäischen Staaten durchzusetzen, ist wirklich eine Herausforderung. Polen ist Ostseeanrainer und sehr weit davon entfernt, internationales und EU-Recht etwa zum Schutz der Schweinswale umzusetzen. Die realen Gefahren einer Ölpest durch Schiffswracks aus dem 2. WK ignorieren die polnischen Behörden seit Jahren. Und selbst das UNESCO-Weltnaturerbe Urwald von Białowieża ist vom Holzeinschlag und Rodung bedroht.
      In den anderen osteuropäischen EU-Staaten entlang der Donau dürften Umweltgesetze noch schwieriger umzusetzen sein, Ranger und Umweltschützer sind regelmäßig Drohungen, Schikanen und Lebensgefahr ausgesetzt.
      Da in zu vielen dieser Ländern nicht einmal mehr eine unabhängige Justiz und Presse existiert und Menschenrechte nicht geachtet werden, brauchen wir über Umweltschutz gar nicht zu sprechen.
      Es ist wirklich bitter.

  4. #7 Joachim
    9. Juni 2021

    In den Niederlanden gibt es ähnliche Überlegungen dem Meer Land abzugewinnen. Verständlich, doch was wir mit dem Meer anstellen geht weit über jede erträgliche Grenze hinaus. Mir fehlen die Worte, wenn ich so einen Text wie diesen Blog hier lese.

    Die Algenblüte ist ein natürliches Phänomen. Doch menschliche „Unachtsamkeit“ macht daraus eine Katastrophe. Da kann ich noch so viel auf Fleisch und Fisch verzichten, Plastik, unnötige Fahrten vermeiden, es nutzt einfach nicht genug.

    Vielleicht nutzt es ja (als Gedankenexperiment, nicht wirklich!), Politiker einmal zum Baden in der Brühe einzuladen? Aber den Notarzt bitte nicht vergessen!

    Es ist so wichtig, dass diese Dinge jemand aufschreibt, daran forscht und sich kümmert und wir wenigstens, so wie gerade Hüseyin Dursun oder JW, Feedback geben. Es ist (überlebens-)wichtig Bewusstsein für das Meer und die Umwelt zu schaffen.

    Anmerkung: Ja, das ist ein sehr schwacher Kommentar. Ich sage ja, mir fehlen die Worte…

    • #8 Bettina Wurche
      9. Juni 2021

      @Joachim: Wieso schwach? Mir fehlen ja selbst die Worte für so etwas.
      Ich habe den Eindruck, dass vielen Politikern auf allen Ebenen das Problem bewußt ist. Das Problem ist eher, dass Umweltschutz zu lange als nicht sozial verträglicher Luxus etikettiert worden ist. Die Lobbyisten der Verbrenner-/Erdöl-Industrie, Agrar-Industrie, u a sind sehr rührig und arbeiten sehr effektiv. Wenn etwa die Grünen jetzt Vorschläge dazu machen, wie man Umweltschutz sozial verträglich umsetzen könnte, werden sie von einer Masse besitzstandswahrenden Personen niedergeschrieen, ohne dass es zu einer sachlichen Auseinandersetzung kommt. Das hatte Ricarda Land gerade in “Hart aber fair” gegenüber einem CDU-Bonzen ausgezeichnet formuliert. Ich habe gestern mal etwas Zeit auf Twitter verbracht und dazu etwas recherchiert. Bei den menschenverachtenden Kommentaren zu Ricarda Lang, Annalena Baerbock und anderen gerade Frauen, ist mir schlecht geworden. Ich fühlte mich, als ob ich in eine Jauchegrube gefallen sei. Auf dem Level läuft halt die Auseinandersetzung. Konservative stiften mit misogynen, menschenverachtenden Kommentaren à la Trump eine willige Masse widerwärtiger Personen zu widerwärtigem Verhalten an.
      Eine rationale Auseinandersetzung zu diesen Themen ist mit Konservativen Autofetischisten offenbar nicht möglich.
      Würden sie mal rational nachrechnen, würden sie ja sehen, dass die Umwelt-/Meeres-/Klimakrisen wesentlich höhere Kosten verursachen, als wenn wir uns schnellstmöglichst darum kümmern.
      Sie gebärden sich, als ob die ökologisch verträgliche Vorschläge völlig irrational seien, dabei sind sie selbst die Irrationalen.
      Das macht die sachliche Auseinandersetzung völlig unmöglich.
      PolitikerInnen, die solche Schutzmaßnahmen durchsetzen wollen, müssten halt auch gewählt werden und dann muss die Umsetzung auch über alle Ebenen erfolgen.

      Die Corona-Krise hat das in Deutschland ja gut aufgezeigt: Merkel hat die Zahlen des RKI als eine der ersten verstanden und danach handeln wollen. Die Umsetzung musste aber über die Ministerpräsidenten der Länder erfolgen. Die wiederum mussten es an die Landkreise,… weitergeben. Kretschmer hatte das in einem Interview kommentiert: Die Hygiene-Maßnahmen seien wichtig. Aber er könne sie eben nicht im Alleingang durchsetzen.
      Genauso ist das beim Umweltrecht auch.
      Der türkische Fischer jammert zwar, dass die Fische und Muscheln tot sind. Aber er begreift nicht, dass er dann auch richtig wählen muss. Erdogan wird jetzt zwar gerade aktionistisch, aber ob das bis nach der Algenpest anhält, ist ungewiß. Ich könnte mir eher vorstellen, dass Menschen, die Umweltschutz einfordern, in Erdogans Türkei nicht gern gesehen sind und möglicherweise sogar Repressalien zu befürchten haben. Wie in allen rechtspopulistischen Regimes.

  5. #9 JW
    9. Juni 2021

    @Joachim: Einerseits volle Zustimmung, andererseits ist eine Neulandgewinnung in einem sich dauernd ändernden Meeresgebiet, welches auch im wesentlichen das eigene Hoheitsgebiet betrifft noch einmal eine andere Nummer, als die Frischwasserzufuhr in ein bedrohtes Binnenmeer mit vielen Anrainern zu gefährden.
    Haben die Niederlande eigentlich aktuelle große Neulandgewinnungsprojekte? Ich dachte in dem Bereich wäre es aktuell ruhig.

    • #10 Bettina Wurche
      9. Juni 2021

      @JW, @Joachim: Ob die Niederlande aktuell viele Projekte zur Neulandgewinnung haben, kann ich nicht sagen. Sie sind aber sicherlich in der Europa führend in amphibischer bzw. aquatischer Architektur. Also mit Gebäuden und ganzen Stadtteilen, die auf dem Wasser schwimmen. Diese schwimmende Architektur benötigt kaum Flutschutz. Dabei geht es nicht um teure Hausboote, sondern eher um erschwingliche Wohnblocks. Ich kann allerdings nicht einschätzen, wie verbreitet es ist.
      Durch die Offshore-Windparks wird ja längst sogar mitten in der Nordsee gigantomanisch gebaut. Meeresökologen schlagen vor, die bestehende Infrastruktur auch für Algenfarmen und anderes zu nutzen. Das habe ich gerade recherchiert, der Artikel wird erst in einigen Wochen publiziert.

      Mit Seegras- und Algenpflanzungen bzw. Farmen könnte man nicht nur Sauerstoff ins Meer bekommen und Schwebstoffe binden, sondern auch große Mengen CO2 binden, diese Gewächse sequestrieren es teils für lange Zeit. Blue Carbon ist gerade ein ganz heißes Thema.
      S. Spektrum-Seegrasartikel.

  6. #11 Axel
    9. Juni 2021

    “Die realen Gefahren einer Ölpest durch Schiffswracks aus dem 2. WK ignorieren die polnischen Behörden seit Jahren.”
    Bei der Bergung der zahlreichen Torpedos, Minen, Granaten, Munition für Handfeuerwaffen und last but not least von C-Waffen in Nord- und Ostsee haben sich seit Jahrzehnten Regierungen des Bundes und der Länder wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Als Segler kennt man die Eintragungen in der Seekarte: Unrein, Munition. Selbst in der Schlei, direkt am Ufer in 2-3 Meter Wassertiefe warten noch Schätze auf ihre Bergung.

    • #12 Bettina Wurche
      9. Juni 2021

      @Axel: Ja, das Munitionsproblem kommt natürlich noch dazu. Und dann sprengen sie ausgerechnet ohne Blasennetz mitten im Schweinswalschutzgebiet während der Fortpflanzungszeit ein paar Seeminen, echt unfaßbar.

  7. #13 Joachim
    9. Juni 2021

    Jetzt habe ich schon dreimal angefangen die richtigen Worte zu finden. Eigentlich sollte man #8 oder den Artikel für sich stehen lassen. Trotzdem, und wenn es nur Bestätigung ist (das wäre das Ziel):

    Es wäre sicher möglich ein paar Punkte (zum Beispiel zu den Grünen oder auch Merkel) zu “kritisieren”. Doch der Spin ist völlig korrekt aus meiner Sicht. Ein Punkt, dem ich z.B. zustimme ist die Andeutung einer feministischen Einstellung, die ich da meine rauszulesen. Passt.

    Zum Teil kommt der Umweltgedanke auch an. Gerade bei einigen Jugendlichen. Fridays for Future ist ein Beispiel, aber auch viele jüngere (und ältere) Wissenschaftler und immer mehr „ganz normale“ Menschen. Ich zähle auf sie (und bin stolz auf „sie“, wie z.B. auf unsere Tochter, die unseren Fleischverzicht initiiert hat).

    Es ist schon viel zerstört. Der Klimawandel ist nicht aufzuhalten. Das Meer ist davon besonders betroffen, doch nicht nur als Wettermaschine besonders wichtig. Der Golfstrom wackelt heute schon, die Polkappen schmelzen ab und ich frage mich ernsthaft, ob wir wahnsinnig geworden sind.

    Ja, die Natur ist zäh, überstand Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge, mehrfach massive Dezimierung von Arten. Es liegt mir auf der Zunge zu sagen, die Natur wird auch den Menschen überstehen. Zynisch? Ja. Nur, das kann doch nicht ernsthaft die Lösung sein?

    • #14 Bettina Wurche
      9. Juni 2021

      @Joachim: Danke auch für diese Worte, Du sprichst mir aus dem Herzen (natürlich gibt es jede Menge zu kritisieren – man sollte aber auch immer berücksichtigen, dass PolitikerIn ein ziemlicher Sch…job ist, weil man / frau es nie allen recht machen kann). Bei Frau Merkel glaube ich eher nicht an eine feministische Einstellung. Ich denke, dass sie als Physikerin als erste das exponentielle Wachstum und damit die Wucht der Pandemie begriffen hat. Zu viele PolitikerInnen sind JuristInnen oder WiWis und scheinen naturwissenschaftliche Zusammenhänge oft nicht ausreichend zu erfassen. In der Klimakrise hat sie allerdings nur kontraproduktiv agiert, da haben ausgerechnet die RichterInnen jetzt auf den Tisch gehauen.
      Tatsächlich wird für einen funktionierenden Umweltschutz oft eine feministische Komponente genannt. Max Liboroin hatte mir mal erklärt, warum ihre Bürgerwissenschaft feministisch ist:
      https://www.greenpeace.ch/de/hintergrund/44975/buergerwissenschaft-mit-kabeljau/
      Ich empfinde Bürgerwissenschaft eher als Ausbeutung Ehrenamtlicher ein, und fordere eher mehr finanzielle Ressourcen auch für ökologische und biologische Projekte , mit dem Feminismusbegriff tue ich mich wirklich schwer.
      Ich bin auch nicht der Meinung, dass destruktives, raffgieriges Verhalten typisch männlich ist.
      Aber irgendwie scheint doch etwas daran zu sein, in politischen Parteien, die einen hohen Frauenanteil auch in den Führungsetagen haben, scheinen eher ökologische und soziale Themen möglich zu sein. Während rechtspopulistische Parteien und Gruppierungen einen klar höheren Männeranteil haben.
      Vor der FridaysForFuture-Bewegung und den Climate Kids habe ich allerhöchsten Respekt, denn sie haben etwas bewirkt (einen herzlichen Gruß an die Tochter : )). Die Wissenschaft hat sich an ihre Seite gestellt, weil sie recht haben und etwas bewirken können.
      Im vergangenen Jahr war ich mit meinem Vortrag “Climate Fiction” auf eine SF-Con in Leipzig – die ElsterCon – eingeladen, da hatten wir zwei Tage lang gute Vorträge, Lesungen und tolle Diskussionen dazu. Es herrschte absoluter Konsens zum Thema (dass die Öko- und Klimakrise die größte Bedrohung ist, genug Lösungen auf dem Tisch liegen und wir diese endlich ernsthaft umsetzen müssen) , obwohl wesentlich mehr Männer als Frauen dort waren. Hier hatte ich darüber mehr geschrieben:
      https://scienceblogs.de/meertext/2020/10/16/climate-fiction-wie-science-fiction-autoren-uns-in-der-klimakrise-helfen-koennen-elstercon-5/
      Eine durchweg empfehlenswerte Literatur-Veranstaltung mit teils hochkarätigen Referenten. Leipzig hat mir überhaupt sehr gut gefallen, eine totale Fahrradstadt.

      Ja, es fällt schwer, nicht zynisch zu werden. Aber, wie Du schreibst: Damit löst man keine Probleme.

  8. #15 stone1
    10. Juni 2021

    @Bettina Wurche

    Ich empfinde Bürgerwissenschaft eher als Ausbeutung Ehrenamtlicher

    Nicht unbedingt, oder doch, falls man Rechner auch als Ehrenamtliche bezeichnen will. Projekte zu unterstützen, indem man CPU-Zeit für verteiltes Rechnen zur Verfügung stellt – wie bei BOINC oder Folding@Home – kostet ein paar € für etwas mehr verbrauchten Strom, hilft aber wissenschaftlicher Forschung, die nicht genügend Mittel für eigene Rechenzentren zur Verfügung hat, zumindest ein wenig.
    Ich hab zu wenig Zeit, um genauer zu verfolgen, welche konkreten Ergebnisse das bringt, aber diesen für mich kleinen Beitrag bin ich gerne bereit, als Bürger zu investieren. Und fühle mich dabei keinesfalls ausgebeutet.

  9. #16 Joachim
    11. Juni 2021

    Den Text von Greenpeace fand ich jetzt schwach. Leute sollen Speisefische auf Plastik untersuchen finde ich aber gut. Man tut einfach, was man kann und weckt vielleicht so Manchen – Politiker z.B – einmal auf.

    (Anmerkung: Ein Spektrometer kostet heute keine 1500EUR, zum Teil unter 800EUR, lässt sich mit relativ wenig Aufwand in ca. x 100 Varianten selber bauen. Prisma und CCD-Zeile oder Kamera tut es für einige Dinge schon. Ein Gitter zu drucken ist auch nicht unmöglich).

    Der Text zu Climate Fiction gibt mir wenigstens textlich mehr.

    Vielleicht darf ich auf den folgenden (vom Text her übrigens auch nicht sooo starken) Text verlinken: https://scienceblogs.de/wissens-ecke/2021/06/11/fuer-die-menschenaffen-wird-es-eng/

    Es geht da nicht um Meer. Doch um Klimawandel und Menschenaffen. Bedenkt man, dass wir mit Menschenaffen doch sehr verwand sind, so …

    Aussterben ist übrigens nicht schwer. Überleben ist schwer. Da sollte man sich überlegen, ob es zweckmäßig ist, sich dauernd mit dem Knüppel (=fahrlässiger Umgang mit der Natur) selbst auf den Kopf zu schlagen. Deutschland wird noch verklagt weil es die Abgasnormen nicht einhält.

    • #17 Bettina Wurche
      11. Juni 2021

      @Joachim: Danke für den Link. Bei den Primaten kommt noch der Jagdruck hinzu: In Afrika werden sie als bushmeat gegessen, in Asien werden Mütter erschossen, um die Jungtiere als Haustiere teuer verkaufen zu können, erwachsene Orangs werden zur Belustigung gehalten, u. a. als Zwangsprostituierte. Aber die Lebensraumzerstörung ist die schwerwiegendste Bedrohung. Es ist einfach entsetzlich.

  10. #18 Joachim
    11. Juni 2021

    Den Text von Greenpeace fand ich jetzt relativ schwach. Leute sollen Speisefische auf Plastik untersuchen finde ich aber gut. Man tut einfach, was man kann und weckt vielleicht so Manchen einmal auf. Außerdem, wer mag schon Plastik im Essen?

    (Anmerkung: Ein Spektrometer ist nicht so teuer und kann man auch in vielen Varianten relativ leicht selbst bauen).

    Der Text zu Climate Fiction ist (wenigstens auch von der Schreibqualität) mehr was für mich.

    Vielleicht darf ich bei der Gelegenheit auf den folgenden (übrigens auch nicht sooo starken) Text verlinken: https://scienceblogs.de/wissens-ecke/2021/06/11/fuer-die-menschenaffen-wird-es-eng/

    Es geht da nicht um Meer. Doch um Klimawandel und Menschenaffen. Bedenkt man, dass wir mit Menschenaffen doch sehr verwand sind, so …

    … Aussterben ist übrigens nicht schwer. Überleben ist schwer. Da sollte man sich überlegen, ob es zweckmäßig ist, sich dauernd mit dem Knüppel (=fahrlässiger Umgang mit der Natur) selbst auf den Kopf zu schlagen.

    (Politischen Kram jetzt mal gestrichen. Zu lang)

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