Vor Cape Cod fand sich am vergangenen Freitag ein nach Hummern tauchender Fischer plötzlich im Maul eines jungen Buckelwals (Megapter novaeangliae) wieder. Das ist kein Seemannsgarn, sondern ein ungewöhnlicher Unfall zwischen zwei Individuen, die sich im gleichen Jagdrevier in die Quere kamen.

Der erfahrene Taucher und lizensierte Hummerfischer Michael Packard war wie üblich mit seinem Boot „Ja’n J“ von Herring Cove Beach (Cape Cod) aus in den Nordatlantik gefahren und dort abgetaucht. Als Hummertaucher sammelt er mit der Hand die gepanzerten Delikatessen vom sandigen Meeresboden auf. Vor Cape Cod liegen die flache Stellwagen Bank und einige Unterwassercanyons, in den kalten Strömungen wimmelt es vor Leben.

Michael Packard fand sich jetzt unvermittelt selbst als Teil der Nahrungskette wieder. Bei 15,5 Grad Celsius Wassertemperatur und 6 Metern Sichtweite tauchte er inmitten von Sandaalen und Felsenbarschen ab. „Plötzlich fühlte ich diesen großen Schubs und als nächstes war alles um mich herum schwarz“, erzählte er der Presse, im Krankenbett im Cape Cod Hospital sitzen „Ich konnte die Kontraktionen der Muskeln im Walmaul spüren.“

Im allerersten Augenblick befürchtete Packard den Angriff eines Großen Weißen Hais, er konnte aber weder Zähne fühlen noch hatte er irgendwelche Wunden. Darum kam er schnell darauf, dass ein Wal ihn verschluckt haben müsse. Als nächstes fühlte er, wie der Wal seinen Kopf schüttelte, und nach etwa 30 oder 40 Sekunden sah er schon wieder Licht: der Wal war aufgetaucht, öffnete das Maul und spuckte den fehlerhaften Happen wieder aus. Packards Besatzungsmitglied Josiah Mayo half ihm dann wieder an Bord und rief über Funk einen Krankenwagen zum Pier. Da ihn glücklicherweise kein weißer Hai, sondern ein zahnloser Bartenwal erwischt und sein Neopren ihn geschützt hatte, kam der Taucher nur mit Hautabschürfungen ins Krankenhaus.

Cape Cod – Paradies für Fischer und Wale

Cape Cod ist eine weit in den Nordatlantik vorspringende Halbinsel am südöstlichen Zipfel von Massachusetts vor Boston. Wie der Name schon sagt, sind die Gewässer fischreich. Auch wenn die Bestände des Atlantischen Kabeljaus, dem Cod, heute überfischt sind, gibt es genügend andere Leckerbissen im Meer, heute sind die meisten Sportfischer auf der Jagd nach Felsenbarschen (Striped brass, Morone saxatilis).

Four Humpbacks Feeding at Stellwagen Bank (Wikipedia: Arturo de Frias Marques)

Der sandige Meeresboden ist unter anderem von Schwärmen der nur fingerlangen Sandaale (Ammodytes dubius, auch Tobiasfisch genannt) bevölkert, die sich gern im Sand verstecken. Diese silbrigen dünnen Minifische sind der Reichtum des Meeresschutzgebietes Stellwagen Bank und die Nahrungsgrundlage vieler größerer Meeresbewohner. Und genau darum sind dort auch viele Buckelwale. Mit einer speziellen Jagdtechnik schöpfen sie ein Maul voll Wasser und Sandaale. Und in diesem Fall eben auch den Taucher Packard.
Da die Augen eines Bartenwals mehrere Meter hinter der Schnauzenspitze und auf den Seiten des Kopfes liegen, kann der Meeressäuger beim Fressen unmöglich sehen, was direkt vor ihm passiert. Da  Bartenwale keine Echoortung wie Zahnwale haben, müssen sie sich vorher überlegen, wo sie ihr großes Maul einmal auf- und zuklappen. Die Bartenwale pressen dann beim Auftauchen bei fast geschlossenen Kiefern mit der muskulösen riesigen Zunge Wasser und Schlamm durch die Barten heraus und schlucken die übrigbleibenden Fischlein.

Packard hatte einfach Pech

Der Buckelwal hat den Taucher versehentlich verschluckt, erklärt auch Jooke Robbins gegenüber der Presse. Robbins leitet die Buckelwal-Forschung am Center for Coastal Studies in Provincetown. Obwohl sowohl Buckelwale als auch Fischer oft sehr nahe beieinander in den gleichen fischreichen Gewässern auf der Jagd sind, sind solche Unfälle bisher so gut wie noch nie berichtet worden. Buckelwale sind gegenüber Menschen nicht aggressiv und falls sie kämpfen – etwa mit Schwertwalen – setzen sie die Schwanzflossen als Waffen ein. Der Buckelwal hat den Taucher also keinesfalls angreifen wollen.
Mayo hatte den Buckelwal, der Packard verschluckt hatte, beim Auftauchen gesehen und beschreibt ihn als mittelgroß. Robbins vermutet, dass es ein junger, vielleicht noch unerfahrener Wal war. Vielleicht hätte ein älterer Wal vorher seine Umgebung noch einmal überprüft.

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Kommentare (16)

  1. #1 rolak
    13. Juni 2021

    ^^vier verschiedene Tiere im Titel – mehr geht kaum…

    Eine amüsant schräge Geschichte, danke fürs WeiterErzählen!

    • #2 Bettina Wurche
      13. Juni 2021

      @rolak: Gern : ) Ja, mich hat es auch amüsiert. Packard ist aber auch eine coole Socke, der sehr beherrscht und besonnen reagiert hat.

  2. #3 stone1
    13. Juni 2021

    Und der Buckelwal rief: ‘R…Ra-Ra-Ra-Rache für Hummer!’
    (Dabei die Intonation von Michael Palin in der entsprechenden Szene aus ‘Ein Fisch namens Wanda’ dazudenken.)
    ; )

    • #4 Bettina Wurche
      14. Juni 2021

      @stone1: hehehe…ob und was der Wal gesagt hat, wissen wir leider nicht: Packard hatte kein Hydrophon dabei : )

  3. […] Cape Cod: Buckelwal verschluckt Hummerfischer […]

  4. #6 knorke
    13. Juni 2021

    Ich habe statt Sandaale zuerst Sandalen gelesen, und hab mir gedacht wie schlimm es doch ist, wenn es dort so zugemüllt ist 🙂
    Ich war mal an Cape Cod. Ganz nett da, auch wenn es nur für ein paar kurze Blicke aufs Wasser und einer kurzen Nacht in Hyannis gereicht hat. Stellenweise ziemlich prunkvolle Urlaubsörtchen, aber auch ein paar abgeranzte Ecken dort. Hummererssen kann man da auch überall anscheinend. Hab aber lieber nen normalen Burger genommen, mir war nicht nach Kampf gegen Ritterrüstungen. 🙂

    • #7 Bettina Wurche
      14. Juni 2021

      @knorke: Die Auto-Korrektur hatte auch zunächst Sandalen fabriziert : )
      In der Nordsee gibt es den Großen Sandaal und den Kleinen Sandaal. Die Kleinen hießen im Laborjargon immer Sandaletten : )
      Cape Cod würde ich wahnsinnig gern mal sehen, wie die ganze Ecke dort. Ich würde auch auf ein paar authentische Ecken hoffen und mich durch die Seafood-Speisekarte fressen. In Kalifornien fand ich Fishburger und Clam Chowder ganz exzellent.

  5. #8 Joseph Kuhn
    13. Juni 2021

    Michael Packard hat künftig beim Grillen vermutlich für immer die verrückteste Geschichte von allen zu erzählen. Aber auf die Erfahrung würde ich doch gerne verzichten. Was wäre, wenn der Wal abgetaucht wäre und ihn 100 m weiter unten ausgespuckt hätte?

    Und was der Wal wohl dabei dachte? Raus aus meinem Essen, Bürschchen? (ja, ja, Anthropomorphismus, ich weiß)

    • #9 Bettina Wurche
      14. Juni 2021

      @Joseph Kuhn: Gut, dass er einen Zeugen hatte, das hätte ihm sonst keiner geglaubt : ) Glücklicherweise ist die Stellwagen Bank sehr flach, und der Wal wollte ja die Sandbank-Sandaale mampfen. Aber ich habe auch schon überlegt, dass einem Menschen bei so einem Kronkorken-Aufstieg schon aus 15 Metern Tiefe die Ohren wegfliegen dürften.
      Ja, die Gedanken des Wals hätte ich auch gern gewußt – Neopren schmeckt nicht gut : )

  6. #10 Pollo
    14. Juni 2021

    Ich hätte die schöne Geschichte noch schöner gefunden, wenn Michael Jonas geheißen hätte …

  7. #11 schlabbersack
    14. Juni 2021

    #6
    Was dem Wal für kurze Zeit durch den Kopf ging ist doch klar: Michael Packard.

  8. #12 RPGNo1
    14. Juni 2021

    Eine ähnliche Situation erlebte im letzten Jahr ein deutscher Anbieter von Tauchsafaris in Südafrika.

    https://www.rtl.de/cms/wal-verschluckt-taucher-ploetzlich-wurde-alles-dunkel-4305750.html

  9. #13 Aginor
    14. Juni 2021

    Ich frage mich seit Jahren wie groß man sein muss, damit der Wal seinen Fehler bemerkt und einen gezielt wieder ausspuckt.

    Habe vor Jahren mal irgendwo gelesen dass Seevögel wie Tölpel ab und zu mal von Walen einfach mitgefressen werden, wenn die (Herings-? Bin nicht sicher) Schwärme mit dem Blasenteppich einkreisen und drauflosmampfen. Das nutzen die Vögel natürlich auch gerne zum mitfressen, aber ab und an sind sie eben zu langsam wieder draußen.

    Gruß
    Aginor

    • #14 Bettina Wurche
      15. Juni 2021

      @Aginor: Ja, klar! Ein im Fischschwarm schwimmender/tauchender Seevogel ist Teil der “Fischsuppe” und hat halt Pech gehabt. Ein Taucher ist dann allerdings deutlich größer und übersteigt auch einfach die Schlundweite jedes Wals. Das kann nicht einmal mehr ein Wal ignorieren : )

  10. #15 Omnivor
    Am 'Nordpol' von NRW
    14. Juni 2021

    @knorke
    Deshalb bieten Touri-Restaurants auch ‘Lazy Lobster’ an. Die werden schon ausgezogen serviert.

  11. #16 stone1
    17. Juni 2021

    @schlabbersack

    Was dem Wal für kurze Zeit durch den Kopf ging ist doch klar: Michael Packard.

    rofl, Thx for making my day! : ]