Angespültes Exemplar mit seiner Boje (links im Bild, bestehend aus einem kleinen Stück Holz und dem weißlichen Schaumfloß)

Am Nordseestrand in Dänemark angespülte Entenmuschel (Dosima fascicularis) mit seiner Boje (links im Bild, bestehend aus einem kleinen Stück Holz und dem weißlichen Schaumfloß) (Wikipedia: Drahreg01)

Bläulich-weiß schimmernde Tier-Gruppen werden gerade mal wieder an den Stränden des deutschen Wattenmeeres und der dänischen Nordseeküste angespült: Bojenbildende oder Schaumfloß-Entenmuscheln Dosima guanamuthui (Daniel 1971). Durch die Schalenklappen erinnern sie auf den ersten Blick zwar an Muscheln, es sind aber tatsächlich Krebse.
Genauer gesagt: Rankenfußkrebse, wie auch die bekannteren Seepocken.

Entenmuscheln und Seepocken sehen als Larven noch wie Krebse aus, dann aber suchen sie sich für den Rest ihres Lebens einen festen Sitzplatz. Diese extrem starke Metamorphose hatte Charles Darwin auf seiner Expedition mit der Beagle entdeckt und damit endlich die rätselhafte Herkunft dieser Meereswesen geklärt.
Fest angesiedelt, bauen die erwachsen Krebschen eine mehrteilige Schale, diese Behausung können sie nach Bedarf öffnen und schließen. So sind sie gegen Freßfeinde und widrige Umstände geschützt. Ihre Beine bilden einen Fangapparat, mit dem sie aus ihrer Umgebung Plankton herausfischen. Dabei schlagen die Beinchen koordiniert, wie eine lebendige Reuse.

Bei den oft noch lebend angespülten Bojenbildenden Entenmuscheln am Strand sind die Rankenfüße und ihre typischen Bewegungen oft noch in Aktion, wie dieses Video zeigt:

Treibende Wohngemeinschaften – Meeresplastik und wärmere Ozeane

Entenmuscheln heften sich nach der Metamorphose an ein treibendes Objekt, wie etwa Treibholz, an und driften daran durch die Meere, meist als Kolonie. Bojenbildenden oder Schaumfloß-Entenmuscheln genügen schon kleine treibende Objekte, sie vergrößern die kleinen Plattformen einfach mit einem Schaumkleber zu einem größeren Schwimmkörper. Oft bilden mehrere Individuen ein gemeinsames Schaumfloß und driften dann als Wohngemeinschaft über die Meere. Entenmuscheln hängen dann kopfüber ins Wasser.
Damit gehören sie zum Pleuston, der Ozean-Oberfläche treibenden Lebensgemeinschaft, wie auch ihre opak-bläuliche Färbung schon vermuten lässt. Blau-violett ist an der Meeresoberfläche eine Tarnfarbe.

Nach 2019 sind auch in diesem Jahr wieder viele von ihnen im Spülsaum deutscher und dänischer Nordseestrände zu finden, wie etwa die Schutzstation Wattenmeer im Blog und auf Instagram berichtet.
Ihre Genügsamkeit, auch kleine Objekte zu besiedeln und sie einfach selbst zu vergrößern, verschafft ihnen in unseren Ozeanen voll treibendem Plastikmüll und der Öl- und Teerverschmutzung einen enormen Vorteil: Selbst ein kleines Bröckchen Plastik oder ein Teerklumpen kann zum Floß für eine ganze Kolonie werden!
Außerdem fördert auch die Erwärmung der Ozeane ihre Ausbreitung: Dosima kommt zwar in vielen Gewässern vor, braucht aber zur Fortpflanzung tropische Meeresregionen.

Da sie seit einiger Zeit vermehrt auch an nordeuropäischen Küsten und auch in der Nordsee ankommt, vermuten BiologInnen einen Zusammenhang mit der Verschmutzung und Erwärmung der Ozeane.
Solche ungewöhnlichen Sichtungen kann man übrigens im BeachExplorer nachlesen und melden.

Der wasserfeste Bio-Klebstoff von Dosima ist auch für medizinische Anwendungen interessant: Das Hydrogel aus Proteinen und Kohlenhydraten, das mit Wasser aufgeschäumt wird, könnte etwa in der Orthopädie als elastischer Stoßdämpfer eingesetzt werden, z. B. bei lädierten Bandscheiben.

Kommentare (15)

  1. #1 RPGNo1
    24. August 2021

    Nett. 🙂

    Ich verstehe, dass die Leute früher dachten, dass die Tiere Muscheln sind, denn sie sehen diesen äußerlich viel ähnlicher als Krebsen.

    • #2 Bettina Wurche
      24. August 2021

      @RPGNo1: Allerdings! Mit der Evolution der Embryologie und Fortpflanzungsbiologie konnten im 19. Jahrhundert erstmals eine ganze Reihe kryptischer Arten systematisch zugeordnet werden. Denn in der Larvalentwicklung/Embryologie sind Informationen der Stammesgeschichte enthalten. Dieses Verdienst von Darwin, Haeckel u a kann man gar nicht hoch genug respektieren

    • #4 Bettina Wurche
      24. August 2021

      @Lercherl: Ich bin mal wieder fassungslos, wie schamlos manche Leute abschreiben. Zumal der Vergleich auch im Original nicht doll ist.
      Gut, dass die Seepocken davon vermutlich nie erfahren werden.

  2. #5 Alexander
    25. August 2021

    Neben Krebsen, die keine Muscheln sind, gibt es ja auch Muscheln, die keine Würmer sind, wie ich im Zusammenhang mit dem Schicksal eines Herrn Selkirk gelesen habe. Das ist aber auch ein Durcheinander bei Euch Biologen! 😉

    • #6 Bettina Wurche
      25. August 2021

      @Alexander: Liegt das Durcheinander nicht vielmehr bei den Viechern? 😉

  3. #7 rolak
    25. August 2021

    Muscheln, die keine Würmer sind

    Ich hätte da – ganz passend – noch eine bohrende Frage: im Laufe der Jahrhunderte sind ja diverse Lebewesen grundfalsch taxonomisiert worden, wie zB Biber (Fastenspeise, “Bezüglich des Schwanzes ist er ganz Fisch”) oder Fliege (“der kleinste Vogel” (src[50:03]). Gibt es da vielleicht irgendwo eine schicke, kontextreiche Zusammenstellung dieser teils hochamüsanten Fehlleistungen?

    • #8 Bettina Wurche
      25. August 2021

      @rolak: Der Biber ist ja weniger taxonomisch, als vielmehr vom Endverbraucher uund mit Absicht als “Fisch” eingeordnet worden. Eben, um Fleisch als Fastenspeise durchgehen zu lassen.
      Eine Übersicht ist mir dazu noch nie untergekommen, sondern immer nur einzelne Anekdoten. Kann jemand anders vielleicht weiterhelfen?

  4. #9 RPGNo1
    25. August 2021

    Die Begründung beim Biber lautete doch wie folgt: Das Tier hat einen Schuppenschwanz, also ist ein Fisch. Das Verspeisen von Fischen ist in der Fastenzeit erlaubt, da sie nicht warmblütig sind und somit nicht unter das Fastengebot für Fleisch fallen.

    https://www.ndr.de/kirche/Das-Kirchenlexikon-Fisch-als-Fastenspeise,fisch644.html

    Ja ja, die alten Gläubigen waren schon gewieft darin, die kirchlichen Gebote und Vorschriften trickreich zu umgehen. Ich erinnere nur an die Maultaschen, im Schwäbischen auch als “Herrgottsbscheißerle” bekannt.

    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.herrgottsbscheisserle-alles-wissenswerte-rund-um-die-maultasche.a8988d97-4384-41dd-ad5a-c2c80da43e2f.html

    • #10 Bettina Wurche
      25. August 2021

      @RPGNo1: Was ich meinte: Mönche/christliche Würdenträger haben den Biber zum Fisch erklärt, weil sie auch an Fastentagen Fleisch essen wollten. Biber, ertränkte Schweine und anderer Fasten-“Fisch” ist nicht von Naturphilosophen so definiert worden.
      Erst kommt das Fressen, dann die Systematik : )

  5. #11 RPGNo1
    25. August 2021

    @Bettina Wurche

    Dann verstehen wir uns ja richtig. 🙂

    Ich wollte auch nur ein wenig mit nützem/unnützem Wissen glänzen. 😉

    • #12 Bettina Wurche
      25. August 2021

      @RPGNo1: Mission accomplished! : )))

  6. #13 Kyllyeti
    26. August 2021

    … und dann noch die Brachiopoden (Armfüßer).
    Die waren auch wohl die ersten, die auf die Idee mit den zwei Schalen kamen. Vermutlich würden sie einen Rechtsstreit mit den Muscheln bzgl. Design-Plagiat gewinnen.

    • #14 Bettina Wurche
      26. August 2021

      @Kylleti, @RPGNo1: Ich bin mir gar nicht so sicher, dass die Brachiopoden die ältesten Zweiklapper sind. Muscheln sind auch schon recht alt. Zwei oder mehr Schalenklappen sind einfach praktisch : )

  7. #15 RPGNo1
    26. August 2021

    @Kyllyeti

    Stimmt. Die Brachiopoden werden gerne in populärwissenschaftlichen Büchern über das Erdaltertum beschrieben und dann auch als Beispiel konvergenter Evolution herangezogen.