Great white shark

Great white shark (Carcharodon carcharias), Isla Guadalupe, Mexico (Wikipedia: Sharkdiver.com)

Eine Theorie für Haibisse gerade an der Meeresoberfläche ist, dass Haie Surfer mit Robben verwechseln. Die fetten Meeressäuger sind für Haie eine nahrhafte und sehr attraktive Beute. Die in wärmeren Gewässern lebenden Seelöwen haben gestreckte schlanke Körper und vier große schwarze Flossen – dadurch erinnert ihr Umriss definitiv an Surfer in schwarzen Neoprenanzügen, die auf ihrem Surfbrett paddeln oder auch an Schwimmer.
Angriffe von Haien auf Menschen sind selten, bekommen allerdings überproportional viel Aufmerksamkeit. Spätestens seit dem Kino-Erfolg von Spielbergs „Der Weiße Hai“ werden diese großen Knorpelfische mit dem markanten Umriß viel zu oft als „mindless Killer“ dargestellt. Die Neurobiologin Laura Ryan der australischen Macquarie University möchte das durch ein besseres Verständnis für die Situation des Hais ändern. Darum hat sie die Theorie der Verwechslung von Menschen und Robben noch einmal auf überprüft und dazu im Experiment erstmals die Perspektive des Hai-Blicks von unten eingenommen. Die vom britischen Wissenschaftsmagazin „Journal of the Royal Society Interface“ publizierte Studie “A shark’s eye view: testing the ‘mistaken identity theory’ behind shark bites on humans” konzentrierte sich auf den Weißen Hai (Carcharodon carcharias), einen der besonders gefürchteten Haie. Diese Art ist neben Tigerhaien (Galeocerdo cuvier) und Bullenhaien (Carcharhinus leucas) für die meisten Angriffe auf Menschen verantwortlich. Dabei haben die Wissenschaftler Videos analysiert, um herauszufinden, wie die Netzhaut eines Haies die visuelle Bewegung und Formhinweise erkennen würde.
Das Fazit der Biologen: Umriß und Bewegungsweise von schwimmenden Menschen, auf Surfbrettern paddelnden Menschen und schwimmenden Robben  unterscheiden sich nicht signifikant. Dabei war der Unterschied zwischen Seelöwen und Seebären mit angelegten oder abgespreizten Flossen größer als der zwischen Robben mit abgespreizten Flossen und schwimmenden oder auf Surfbrettern paddelnden Menschen. Bei Angriffen von Haien auf Menschen handelt es sich also in der Regel um eine Verwechslung mit einer Robbe.

Aus der Hai-Perspektive

Weiße Haie können Gerüche über große Distanzen wahrnehmen. Mit ihren Lorenzinischen Ampullen haben diese Knorpelfische dann auch Elektrorezeptoren als weiteres Sinnesorgan, damit können die sie elektrische Felder wahrnehmen und sich bei langen Wanderungen im Erdmagnetfeld orientieren.
Das Sehvermögen ist hingegen nur schwach ausgebildet. Weiße Haie können, so die Studie, Farben und Formen nur schwach unterscheiden, ihr Sehvermögen ist sechs Mal schlechter als das des Menschen.

Die WissenschaftlerInnen haben für ihre Untersuchung also Videoaufnahmen von Meeressäugern mit schwimmenden und surfenden Menschen aus der Perspektive des Hais verglichen – von unten. Sie haben Videoclips von zwei australischen Seelöwen (Neophoca cinerea; Masse = 48 kg und 180 kg) und einer neuseeländischen Pelzrobbe (Arctocephalus forsteri; Masse = 48 kg) aufgezeichnet sowie von Menschen mit verschiedenen Schwimmstilen, darunter das „Hundepaddeln“. Außerdem haben sie die Menschen noch auf verschieden geformten Surfboards paddeln lassen.

Als nächstes haben die Biologen die Bewegungen und Umrisse aller „Versuchsobjekte“ analysiert, bei der Datenauswertung kam unter anderem das Computerprogramm MatLab zum Einsatz.

SurferInnen sehen Seelöwen am ähnlichsten

Die Paddel- und Ruderbewegungen von SurferInnen und SchwimmerInnen ähneln denen von Robben. Die Video-Auswertung hat klar gezeigt das Verwechslungsrisiko von SurferInnen mit einer schmackhaften Robbe besonders hoch. Die im Experiment zum Vergleich eingesetzten Seelöwen und Seebären haben als Ohrenrobben stark vom Körper abgesetzte Vorder- und Hinterbeine, die zu flächigen flachen Flossen umgebildet sind. Sie sind damit wie Menschen auf den ersten Blick deutlich als Vierfüßer erkennbar.
Die Hundsrobben, wie etwa die auch in Deutschland vorkommenden Seehunde und Kegelrobben haben kegelförmig zulaufende Körper mit kurzen Extremitäten, deren Umrisse Menschen und Seelöwen und Seebären weniger stark ähneln, sie wurden in dieser Studie nicht berücksichtigt. In den wärmeren Gewässern, in denen Weiße Haie meist leben, schwimmen vor allem Ohrenrobben wie Seelöwen und Seebären.

Signs warning of shark attacks

Signs warning of shark attacks at Boa Viagem Beach in Recife, Brazil (Wikipedia: Raul)

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Kommentare (8)

  1. #1 RPGNo1
    5. November 2021

    Die Untersuchungsanordnung der Neurobiologin Laura Ryan und ihrem Team samt dem anschließenden Abgleich der Videoaufnahmen klingt so simpel. Einfach genial. Wieso ist man nicht bereits früher auf diese Idee gekommen, um Gewissheit über die Haiattacken zu erlangen? 🙂

    PS: Eine kleine Manöverkritik habe ich noch. “und schwimmenden Robben beim Schwimmen” ist doppelt gemoppelt.

    • #2 Bettina Wurche
      5. November 2021

      @RPGNo1: Diese Analyse riesiger Datenmengen per MatLab oder R erfordert Programmier-Verständnis und IT-Kenntnisse. Mir hatte kürzlich jemand erklärt, dass junge WissenschaftlerInnen heute ihre Forschungsfragen schon so formulieren, dass diese Methoden zur Anwendung kommen können. Für solche Projekte und Methoden braucht es also eine neue Generation von WissenschaftlerInnen, die eine andere Denkweise mitbringen oder sich aneignen.
      Dazu kommt, dass solche Technologie immer erschwinglicher wird, damit ist die finanzielle Schwelle nicht mehr so groß.
      Lieben Dank für die Korrektur!

  2. #3 knorke
    5. November 2021

    In Bezug auf Kommentar 1+2: Ein Jammer, dass ich selbst ein paar Studentengenerationen zu früh dafür dran war. Unsereiner fühlt sich mit den Bordmittelns von SPSS und Excel noch immer am wohlsten.
    Aber so geht es eben zu. Noch ein paar Generationen davor, so sagte man mir, ist man erst mit Lochkarten und später mit Magnetbändern zu Großrechnern im keller der Uni getingelt – wenn man sich denn rechtzeitig angemeldet hat.

    Wäre jetzt also zu überlegen, surfbretter Seesternförmig zu machen, vielleicht nützt es ja was :-)))

    • #4 Bettina Wurche
      5. November 2021

      @knorke: : ))) Ja, ich bin echt beeindruckt, was da gerade so bezüglich Dataminings abgeht. Das erfordert wirklich eine andere Denkweise. Python kommt auch häufig zum Einsatz, z. B. bei der Auswertung der Klimadaten von Satelliten. Darum sind diese Klima- und Wissenschaftsleugner ja auch so bizarr: Auf viele dieser Daten hätte jede/r Zugriff und könnte sie überprüfen.

  3. #5 RPGNo1
    5. November 2021

    @Bettina Wurche

    Für solche Projekte und Methoden braucht es also eine neue Generation von WissenschaftlerInnen, die eine andere Denkweise mitbringen oder sich aneignen.

    Das beweist wieder einmal: Ich bin inzwischen schlicht zu alt. 😛
    Und viel zu wenig fit in Sachen IT und Programmierung.

    Dazu kommt, dass solche Technologie immer erschwinglicher wird, damit ist die finanzielle Schwelle nicht mehr so groß.

    Richtig, die Kosten. Wenn man seit 20 Jahren in der Industrie arbeitet, vergisst man gerne, wie sich Forschungseinrichtungen und Unis (zumindest öffentliche) nach jedem € recken müssen.

  4. #6 Dr. Webbaer
    5. November 2021

    Deckt sich mit dem Kenntnisstand des Schreibers dieser Zeilen, es ist schön mal im wissenschaftsnahen WebLog-Wesen so zu lesen.
    Vielen Dank.

    Dem Schwimmer mag es dann vielleicht doch letztlich egal sein, warum genau an ihm haiisch gebissen wird, nicht wahr?

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    • #7 Bettina Wurche
      23. November 2021

      @Dr. Webbaer: So sorry, ich habe die Freischaltung glatt übersehen.
      Wenn man gebissen wurde, dürfte der Grund egal sein. Aber wenn wir den Grund fürs Gebissenwerden kennen, können wir Gegenmaßnahmen ergreifen. So ist die Überlebenswahrscheinlichkeit für Leute, die nicht allein surfen, schwimmen oder tauchen wesentlich höher: Nach einem Haibiß hat der Hai meist genug und schwimmt weg. Dann kann der Buddy die verletzte Person an Land bringen, die Überlebenschance ist hoch. Wollte der Hai jemanden wirklich fressen, würde das gar nicht nutzen, dann würde der Hai seinen Hunger stillen. Ist eine verletzte Person aber allein unterwegs, ist es meist ausgeschlossen, das Land zu erreichen und schnell Hilfe zu bekommen, das führt meist zum Tod.