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Berardius bairdii (Wikipedia: NOAA United States. National Marine Fisheries Service – Cetaceans of the Channel Islands National Marine Sanctuary)

Drohnen spähen immer wieder seltene Wale aus, die vom Schiff aus kaum zu entdecken gewesen wären.
Am Wochenende habe ich eine besonders aufregende Wal-Begegnung aus der Bucht von Monterey entdeckt: Während einer Tour von Monterey Bay Whale Watch hatte eine Drohne eine große Gruppe der selten zu erspähenden Baird-Wale gefilmt. Baird-Wale sind Vierzahnwale, sie gehören zu den Schnabelwalen. Gleich 24 von ihnen schwammen in einer Reihe, alle dicht nebeneinander, in nahe des Tiefseecanyons vor Monterey
Nancy Black Meeresbiologin und Besitzerin von Monterey Bay Whale Watch sagte gegenüber der Presse: “This is the largest group of beaked whales I have seen over the last 30 years, and I have only seen this species of whale about 10 times in my life.” – Die größte Gruppe von Baird-Walen, die sie je gesehen hat, und sie hat diese Art erst insgesamt 10 Mal überhaupt gesehen.
Schnabelwale sind Tieftaucher und leben normalerweise fernab der Küsten in tiefen Gewässern. Da sie nur mittelgroß sind, lange tauchen, sich nur kurz an der Oberfläche und dann auch unauffällig verhalten – so tauchen sie ohne Fluke-up ab – sind sie nur schwierig auszumachen zwischen großen Wellen.

Darum war diese Sichtung von gleich 24 Tieren absolut Aufsehen erregend! Dabei sind auch noch zwei Kälber.
Das Monterey Bay Whale Watch hat mir erlaubt, die Aufnahme hier zu zeigen.
Video von Monterey Bay Whale Watch, Published on May 31, 2019

Die Wale schwimmen in einer ungewöhnlichen Formation – einer breiten Front. So eine Formation habe ich bei Schnabelwalen noch nie gesehen, normalerweise schwimmen sie eher hintereinander. Möglicherweise haben sie diese Gruppenanordnung für die Nahrungssuche eingenommen, das ist aber nur eine Spekulation meinerseits.
Ihre langen, dünnen Schnäbel sind so gut sichtbar, die Schwanzflossen ohne Einkerbung zeigen klar, dass es Schnabelwale sind. Sie tauchen synchron auf und ab.
Als Tieftaucher leben sie normalerweise fern der Küsten, sie tauchen 1000 bis 3000 Meter tief und bis zu 70 Minuten lang. Ihre Beute besteht  bodenbewohnenden Fischen, Tintenfischen und Krustentieren. Nur an Orten wie Monterey kann man wegen des nahen Unterwassercanyons solche Hochseebewohner dicht vor der Küste erspähen.

Baird-Wale – langer Schnabel mit vier Zähnen
Baird-Vierzahnwale (Berardius bairdii) sind die größten Schnabelwale. Wie alle Ziphiidae haben sie eine für Zahnwale ungewöhnliche Bezahnung: Erwachsene Männchen und Weibchen tragen vier Zähne an der Spitze des Unterkiefers, weitere Zähne gibt es nicht. Sehr wahrscheinlich brauchen sie sie nicht zum Fressen, denn sie jagen Kalmare in der Tiefe – die saugen sie per Unterdruck ein. Dazu erweitern sie den Kehlraum mit zwei Kehlfurchen. Berardius bairdii (Stejneger, 1883) kommt nur im nördlichen Pazifik vor, ausgewachsene Männchen werden bis zu 12,8 Metern lang.  Benannt ist er nach Spencer F. Baird, der 1850 Kurator des Smithsonian Museums wurde.

Baird-Wale haben, wie alle Schnabelwale, die Kiefer zu einem langen Schnabel ausgezogen. Ihr Unterkiefer ragt so hervor, dass die vier Zähne von außen sichtbar sind. Die vorderen Zähne können neun Zentimeter lang werden, die zweiten immerhin noch fünf Zentimeter – die Tiere scheinen sie gegeneinande einzusetzen, denn sowohl Männchen als auch Weibchen tragen die Narben davon auf den Körpern.

Die nordpazifischen Vierzahnwale werden im nördlichsten Pazifik und der Bering-See heute noch von japanischen Walfängern erlegt, leider fallen Schnabelwale als “Kleinwale” unter keine Schutzbestimmungen. Interessant ist, dass offenbar u. a. durch diese Walfangaktivitäten eine neue Art von ihnen entdeckt worden ist – der etwas kleinere und dunklere “Rabe” (mehr dazu auf Meertext: „Raven“: Mysteriöser Wal aus Alaska gehört zu neuer Schnabelwal-Art!). In antarktischen Gewässern lebt der Südliche Schwarzwal (B. arnuxii), der auch meist in Familien umherstreift.

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Kommentare (9)

  1. #1 tomtoo
    5. August 2019

    Ist faszinierend mal so eben 1000-3000 Meter abtauchen. Da sind moderne Uboote echte schlaffis gegen.

    • #2 Bettina Wurche
      5. August 2019

      @Tomtoo: Ich erkenne die taucherische Überlegenheit der Wale zu 100% an. Jeder pimpfige Schweinswal stellt uns schon in den Schatten : )

  2. #3 tomtoo
    5. August 2019

    @Bettina
    Sag nicht pimfig! Ich hab die irgentwie in mein Herz geschlossen. Obwohl ich sie vor dem mitlesen in deinem Blog garnicht kannte. ; )

    • #4 Bettina Wurche
      5. August 2019

      @tomtoo: oh, Klasse! Größtes Kompliment, danke : ) Ja, natürlich sind die Lütten Schweinsis wirklich knuffig.

  3. #5 tomtoo
    5. August 2019

    @bettina
    Sehs positiv. Hättest du mich vor drei Jahren gefragt was Schweinswahl auf englisch heist, hätte ich zurückgefragt, was issen ein Schweinswahl? Und warum zur Hölle noch mal sollte ich wissen was ein porpoise ist?
    Ist nur ein kleiner Schritt für den Wissenden, aber ein riesen Schritt für den Blinden wie mich. Dafür danke ich dir. : )

  4. #6 Aginor
    5. August 2019

    Schweinswale sind echt super niedlich!

    Zum Artikel: Hat mich zum Nachdenken gebracht. Vielleicht sind noch mehr Tierarten (gerade im Meer) wirklich so intelligent und vorsichtig dass sie sich von Schiffen und dergleichen fern halten.

    Dann würde man bei einer Bestandsschätzung natürlich teils irre weit daneben liegen weil die wenigen Sichtungen keine gute Grundlage zum hochrechnen sind.
    (Oder gibt es bei Walen und dergleichen auch Tricks zum indirekten aufspüren? Also Kotspuren oder so?)

    Macht mir fast etwas Hoffnung dass – zumindest unter Wasser – einige als selten oder gar vom Aussterben bedrohten Tierarten vielleicht doch häufiger sind als angenommen.
    …ein bisschen Hoffnung darf man ja haben, trotz der ganzen Hiobsbotschaften die wir täglich hören müssen.

    Gruß
    Aginor

    • #7 Bettina Wurche
      5. August 2019

      @Aginor: Bei Walen unterscheidet man grundsätzlich zwischen ship-attracting und ship-avoiding-Arten bzw. Gruppen. Es gibt Arten, die auf Schiffe zuschwimmen, dazu gehören eine Reihe Delphinartiger. Viele große Bartenwale und Pottwale lassen sich meist zumindest nicht stören. Dann gibt es Arten, die Schiffe gezielt meiden – viele Schnabelwale gehören dazu. Bei einem einem Wal-Survey in der Antarktis habe ich selbst erlebt, wie “wenig” Wale wir vom Schiff aus (Krähennest in 30 Metern Höhe!) gesehen und geschätzt haben und wie viel mehr vom Helikopter aus zu sehen war. Heute werden solide Schätzungen immer auch akustisch durchgeführt, das geht technisch mittlerweile und ist Standard. Damit erwischt man auch Wale, die sich nicht zeigen wollen. Kotspuren verschwinden im Wasser zu schnell, die helfen leider nicht. Schätzungen bedeuten allerdings auch immer, dass mit komplexen statistischen Methoden jeder Survey methodenspezifisch ausgewertet wird. Das bedeutet z. B.: Bei einem Line-Transect Survey guckt der Beobachter überwiegend geradeaus. Die Wahrscheinlichkeit, einen Wal vraus zu sehen, ist 1. Nach rechst und links nimmt die Wahrscheinlichkeit ab. Bei einem Point-Transect-Survey schaut man nach allen Seiten, um einen Punkt herum ( z. B. Krähenest). Dann ist die statistische Wahrscheinlichkeit, einen Wal zu sehen, in jede Richtung gleich groß, und insgesamt etwas geringer. Südliche Entenwale und Vierzahnwale kommen als Familie eher zum Schiff hin (das hatten wir einmal), vom Helikopter aus habe ich zweimal einen einzelnen Schnabelwal gerade noch verschwinden sehen – sie gleiten spurlos unter Wasser.
      Günstigere Dronen werden die Walforschung in jeder Hinsicht revolutionieren.
      Allerdings verschieben sich gerade auch wegen des Klimawandels Wal-Populationen, andere, wie Buckel- und Pottwale, erholen sich offenbar allmählich.
      Jedenfalls kann man seit einigen Jahren von New York aus Whale watching-Touren machen und vor allem Buckelwale sehen. Die kommen oft nahe an die Küsten und sind sowieso häufiger sichtbar – siehe Antofagasta. Allerdings ist das unfallträchtig – die Nördlichen Glattwale im St. Lorenzstrom werden gerade geanau dadurch dezimiert. Darüber wollte ich auch ncoh schreiben, bin noch nicht dazu gekommen.

      Bei methodisch sauberen Surveys wird das also berücksichtigt.

  5. #8 Aginor
    6. August 2019

    Ah, sehr interessant, danke!

    Gruß
    Aginor

  6. #9 RPGNo1
    6. August 2019

    @Bettina Wurche

    Jedenfalls kann man seit einigen Jahren von New York aus Whale watching-Touren machen und vor allem Buckelwale sehen.

    Dazu hattest du ein paar Sätze in deinem lesenswerten Bericht über den USA-Urlaub von 2016 geschrieben.
    http://scienceblogs.de/meertext/2016/12/01/meertext-in-new-york-und-washington-dinosaurier-raumfahrt-und-trump-schock/?all=1