Seit Mitte März hat die STIKO einen neuen Vorsitzenden: Thomas Mertens, Professor für Virologe aus Ulm. Er löst Jan Leidel ab, der den Vorsitz lange Jahre innehatte und davor Amtsarzt in Köln war.

In einem Interview mit der Ärztezeitung heute bewertet der neue STIKO-Vorsitzende eine Impfpflicht als kontraproduktiv: „Dadurch würden hartnäckige Impfgegner nur zu Märtyrern aufgewertet.“ In diesem Punkt folgt er seinem Vorgänger. In einer der Diskussionen hier auf Gesundheits-Check zum Thema Impfpflicht pro und contra wies Jan Leidel vor zwei Jahren darauf hin, dass es beim Thema Impfen viele Baustellen gibt, die man vorrangig zu bearbeiten habe: „Hausaufgaben machen, bevor man über Impfpflicht nachdenkt (…)“, war sein Fazit. Die Impfpflichtdebatte war kurz darauf jenseits ihrer jährlich rituellen Beschwörung nach Masernausbrüchen auf die politische Bühne zurückgekehrt, als der CDU-Parteitag Ende 2015 eine Impfpflicht für Kinder forderte.

Eine der Baustellen beim Thema Impfen ist die Personalsituation im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD), den man für eine gute Impfaufklärung und Kampagnen in Kitas und Schulen ebenso braucht wie für die Durchsetzung einer Impfpflicht, die ja auch nicht allein dadurch Realität würde, dass sie auf dem Papier steht. Die Gesundheitsministerkonferenz hat sich im letzten Jahr übrigens daran erinnert, dass beim Thema ÖGD einiges im Argen liegt und einen weitreichenden Beschluss zur Stärkung des ÖGD verabschiedet. Mal sehen, was davon umgesetzt wird, wenn es an das dafür nötige Geld geht.

Thomas Mertens hat sich auch skeptisch gegenüber einer „No vaccination, no school“-Strategie geäußert: „Auch eine indirekte Impfpflicht wie in den USA – ohne Impfschutz werden Kinder nicht in eine Schule oder einen öffentlichen Kindergarten aufgenommen – wäre in Deutschland kaum durchsetzbar.“ Seit kurzem ist vor Aufnahme in die Kita der Nachweis über eine Impfberatung verpflichtend, schon das ist in der Praxis nicht ganz problemlos. Des Weiteren verweist Thomas Mertens zu Recht darauf, dass beim Impfen der eigentliche Kern des Problems nicht bei den Kindern liegt: „Die problematischsten Impflücken etwa bei Masern gibt es bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, da würde eine Impfpflicht für Kinder gar nicht helfen.” Dafür gibt es hier eine andere Baustelle: „Gezielte Impfprogramme in diesen Altersgruppen werden in Deutschland durch das föderale System erschwert.“ Der Nationale Impfplan und der Nationale Aktionsplan 2015-2020 zur Elimination der Masern und Röteln in Deutschland sollen das durch eine bessere Koordination unter den Ländern ändern. Einige der Hausaufgaben, die Jan Leidel angesprochen hatte, sind angegangen, abgeliefert sind sie noch nicht, wie die wiederholten Masernausbrüche der letzten Zeit zeigen.

Masern_2001_2017

Kommentare (35)

  1. #1 Mars
    13. April 2017

    haben wir bei 350 gemeldeten fällen keine anderen probleme? ja, jeder tote einer zuviel.
    aber:
    15.000 Alkoholtote jedes jahr – sogar herr Kuhn lässt sich mit dem – halbvollen – gläschen ablichten.
    ist doch verlogen solche themen so aufzubauschen
    frohe ostern
    lasst uns darauf einen trinken !!!

  2. #2 Ziegenfisch
    13. April 2017

    Wir haben auch andere Probleme. Aber das ändert ja nichts daran, dass auch dies hier eines ist, welches es zu bearbeiten gilt. Durch Nichts-tun und Nicht-drüber-reden-weil-es-sind-noch-nicht-alle-Wale-gerettet erhöhen wir nicht die Impfraten.
    Daher finde ich es durchaus wichtig auch auf vergleichsweise wenig gemeldete Masernfälle zu reagieren und daran zu arbeiten, dass es nicht wieder mehr werden.

    Das heißt im Umkehrschluss ja keineswegs, dass wir nicht AUCH über das Problem “Alkoholtote” reden müssen und an den Ursachen arbeiten. Im Gegenteil. Auch das ist ein Problem, welches entschlossen angepackt werden muss – neben vielen anderen.

  3. #3 pederm
    13. April 2017

    Was des Autors Gläschen mit den jährlichen Alkoholtoten zu tun hat, hätt´ ich doch gerne erklärt, Mars! (Ansonsten s. Ziegenfisch.)

  4. #4 AmbiValent
    13. April 2017

    Ich denke, Strafen machen keinen Sinn, wenn man dann die Impfungen nicht auch konsequent durchführen kann (auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen).

    Das Argument, man wolle Rebellen nicht zu Märtyrern machen, halte ich dagegen für Blödsinn… was ist dann mit Rebellen gegen die Gurtpflicht? Die Führerscheinpflicht? Die Waffenscheinpflicht?

    Dass die Opferzahl nur dreistellig ist, heißt nur, dass wir momentan noch Glück haben. Wenn wir aber die Impfungen aus falsch verstandender Rücksicht auf Rebellen schleifen lassen, wird es irgendwann ohne Vorwarnung richtig ernst.

  5. #5 Holger
    13. April 2017

    kann man diese Argumentation auch auf die Gurtpflicht ausweiten?

    • #6 Joseph Kuhn
      13. April 2017

      @ Holger:

      Welche Argumentation? Dass Kinder kaum Verkehrsunfälle verursachen und deswegen nicht geimpft werden müssen? Sicherheitsgurte nicht gegen leicht übertragbare Krankheiten helfen? Oder der ÖGD kein Personal hat, um im Impfpass die Gurtpflicht zu dokumentieren?

  6. #7 Holger
    13. April 2017

    die Argumentation

    “Dadurch würden hartnäckige GURTMUFFEL nur zu Märtyrern aufgewertet.”
    .
    Oder anders gefragt: wieso sollte durch Impflicht der Impfgegner zum Märtyrer werden? Der Gurtmuffel wird dies ja auch nicht durch die Gurtpflicht.

    • #8 Joseph Kuhn
      14. April 2017

      @ Holger:

      Ideologische Impfgegner sehen sich als aufrechte Kämpfer gegen eine Verschwörung aus Pharmaindustrie, gekaufter Wissenschaft und Staat. Auf dieser Bühne haben Rollen wie des “Märtyrers” durchaus ihren Platz, Figuren wie Wakefield spielen sie auch virtuos. Eine vergleichbare ideologisch aufgeladene Gurtmuffelszene gibt es meines Wissens nicht.

  7. #9 Oliver Gabath
    14. April 2017

    Ich vermute, es wäre schon viel damit getan, wenn man die impfmüden Impfbefürworter zum Impfen brächte.

    Hand aufs Herz: Wer weiss, wann seine letzte Tetanus-Impfung war?

  8. #10 CM
    14. April 2017

    @Oliver Gabath: Ich! (vor drei Jahren)

    Zugegeben: Wir alle (außer den Perfekten 😉 ) sind manchmal faul und bequem in Bereichen wo wir es besser nicht wären (aufräumen, Steuererklärung, …, Impfen).

    Doch geht es nicht vornehmlich um die Impfung von Kindern? Ich weiß welchen Stellenwert die Esoterik (Homöopathie, Astrologie, etc.) in unserer Kita haben – auch bei Gesundheitsthemen wird höllisch aufgepasst, entsprechende Fehleinschätzungen und “Diagnosen” inklusive. Aber als es letzten einen Keuchhustenausbruch gab, war ich doch sehr verärgert: Pertussisimpfungen werden schließlich auch empfohlen.

    Insofern bin ich ebenfalls gegen eine Impflicht im engeren Sinn – doch möchte ich bitte, dass Kinder keine kommunalen Kitas besuchen dürfen, die nicht geimpft sind. Verantwortungsvolle Eltern, sollten sich darauf verlassen dürfen.

  9. #11 Joseph Kuhn
    14. April 2017

    @ Oliver Gabath:

    Das sehe ich auch so. Wenn die Vergesslichen, Bequemen und Unsicheren zu motivieren wären, könnten wir uns die paar unmotivierbaren Hardcore-Impfgegner vermutlich leisten, ohne das Ziel der Masernelimination zu gefährden. Daher sollte man erst einmal beobachten, was die verpflichtende Impfberatung bewirkt und dann weitersehen.

    Tetanus ist noch einmal eine andere Sache. Die Impfraten sind vergleichsweise hoch, Themen wie Elimination oder Herdenimmunität spielen hier keine Rolle und Tetanus überträgt sich auch nicht von Mensch zu Mensch. Die Tetanusimpfung wird von den Impfskeptikern zudem nicht in dem Maße abgelehnt wie die Masernimpfung. Durchgemachte Masern werden dort ja geradezu als Förderung der kindlichen Entwicklung angesehen, das fällt bei Tetanus naheliegenderweise wohl keinem ein.

  10. #12 gedankenknick
    14. April 2017

    Bevor wir eine Impflicht einführen, sollten in Deutschland erst mal wieder Impfstoffe lieferbar sein!

    “Pneumovax 23” könnte man sich mit Gold aufwiegen lassen, wenn die Arzneimittelpreisverordnung mir nicht einen Aufschlag von 7% (!) vor schreiben würde.

    Boostrix Polio? Da lachen ja die Hühner…
    Priorix Tetra? Selbe Situation wie bei Bosstrix Polio!
    IPV Merrieux? (Ein “reiner” Polio-Impfstoff). Na da bin ich aber gespannt, welcher Großhändler mir den gerade verkaufen kann!
    Imovax Polio? Selbes Spiel!
    Repevax? Vielleicht in einem Jahr wieder – oder in 5…

    Zwischendurch die letzten Jahre nicht zu bekommen: Tollwutimfstoff, FSME-Impfstoff, Tetanus-Einzel-Impfstoff, Hepatitis-A / -B/ -AB-Kombi-Impfstoffe….

    Und da schreit einer nach Impf-PFLICHT? Leute, Leute. Das ist so wie die Pflicht, privat mit dem Hubschrauber zur Arbeit zu müssen…

  11. #13 Bob
    14. April 2017

    @gedankenknick

    Kann ich nicht nachvollziehen. Alle möglichen Impfungen der letzten Jahre waren jederzeit verfügbar. Maximale Wartezeit nicht mal eine Woche.

  12. #14 Hans-Werner Bertelsen
    14. April 2017
  13. #15 Lemmie
    14. April 2017

    #1 Mars
    “haben wir bei 350 gemeldeten fällen keine anderen probleme?”

    Du meinst 363 Fälle oder beziehst Du Dich nicht auf die Statistik von Josef Kuhn im o.a. Artikel?
    Ob wir nicht andere Probleme haben, ist eine blöde Frage, echt jetzt.

    Bei den Masern sollte man nicht vergessen, dass sie kurz vor der Ausrottung standen oder immer noch stünden, wenn Impfen selbstverständlich wäre. Ich finde in dem Fall lohnt es sich, die nachlässigen Impf-Schluderer und die nicht-militanten Impfgegner zu motivieren mit massiver Aufklärung, Ausgrenzungsmaßnahmen (in diesem Kindergarten muß Dein Kind geimpft sein, sonst bleibt es draußen) und vielleicht sogar mit Prämien (Kind ist geimpft, deshalb Nachlass beim Krankenversicherungsbeitrag).
    Und hartnäckige, aber nicht eigentlich bösartigen Masernimpfungsverweigerern könnte man vielleicht ans Nachdenken bringen, wenn man die Solidarität mit anderen als den eigenen Kindern anspricht: Deine Kinder mögen vielleicht die Masern gut wegstecken, aber unter den von ihnen unwissentlich angesteckten könnten welche sein, die schwächer, empfindlicher sind als Deine und denen Du durch Deine Impfverweigerung richtig schaden könntest.

  14. #16 Oliver Gabath
    14. April 2017

    @CM:

    Josef hat es ja im Prinzip schon beantwortet. Ich möchte noch anmerken: vergesslich, bequem oder unsicher sind Menschen leider nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern schockierend oft auch gegenüber ihren Kindern. Diese Leute dürften aber sehr viel leichter zu motivieren sein, als die richtigen Anti-Vaxxer. Ich könnte mir vorstellen, dass die verpflichtende Impfberatung eine Menge Leute aus diesem Lager zum Nachdenken bringt, die sonst keinen Gedanken darauf verwendet hätten.

    Zugegeben ist Tetanus eine andere Sache als die Masern, aber dafür kann sich da jeder selbst an die eigene Nase fassen, denn spätestens mit Anfang 20 ist man dafür selbst verantwortlich und nicht mehr die Eltern.

  15. #17 Joseph Kuhn
    14. April 2017

    Update:

    In der Schwäbischen Zeitung gibt es heute auch ein Interview mit Thomas Mertens. Zum Thema Impfpflicht wird er fast wörtlich so zitiert wie gestern in der Ärztezzeitung.

    Interessant ist seine Antwort auf die Frage, warum “im süddeutschen Raum die Impfquote gerade bei Masern im bundesweiten Vergleich eher niedrig ist”. Dazu Mertens: “Das ist ein komplexes Problem. Es hängt auch damit zusammen, dass alle Gesundheitsmaßnahmen im Grunde genommen Ländersache sind. Bayern beispielsweise hat das Impfen auf die Hausärzteschaft verlegt und den öffentlichen Gesundheitsdienst stark aus diesem Bereich herausgenommen.”

    Ich fürchte, der ÖGD ist in vielen Ländern nur noch bedingt abwehrbereit. Ein Punkt, den Mertens nicht erwähnt: Viele Masernausbrüche der letzten Jahre gingen von Waldorf-Einrichtungen aus, impfkritische Haltungen sind dort nicht selten und Bayern und Baden-Württemberg sind reichlich mit solchen Einrichtungen gesegnet.

  16. #18 rolak
    14. April 2017

    reichlich gesegnet

    Nur echt in der Original Karfreitags-Intonierung.

    Anderntags hätte evtl “bedingt abwehrbereit” das Rennen gemacht.

    • #19 Joseph Kuhn
      14. April 2017

      … was aber nur noch älteren Semestern oder SPIEGEL-historisch Interessierten was sagt.

    • #20 rolak
      14. April 2017

      Semester

      Oh, ein Connaisseur. Die Eingeweihten sind bekanntlich längst über diese grobstofflichen Jahrgänge hinaus.

      btt: Orac freut sich gerade bzgl der Kalifornischen IndirektPflicht über die Funktionalität der Ausnahmen-Beschränkung auf ‘medizinisch begründet’.

  17. […] Mertens: Impfpflicht kontraproduktiv, Gesundheits-Check am 13. April […]

  18. #22 user unknown
    https://demystifikation.wordpress.com/2014/04/16/karfreitagsquiz/
    15. April 2017

    Die Bezeichnung “Martyrer” ist aber unglücklich gewählt, handelt es sich dabei doch um Personen, die für ihre Überzeugung sterben. Würden die Impfgegner denn sterben, wenn man sie gegen ihren Willen impft? Als ob an deren Ängsten doch was dran wäre.

  19. #23 gedankenknick
    15. April 2017

    @Bob:
    Na dann geh doch mal in eine deutsche Apotheke und verlange eine “Pneumovax 23”, eine “Boostrix Polio”, eine “Priorix Tetra” oder eine “IPV Merieux”. Viel Spaß. Wenn Du eine bekommst, sag mit bitte, wo Du die bekommen hast, denn ich suche händeringend nach größeren Mengen zumindest der ersten 3!

    Die letzte 10er-Packung Boostrix Polio” konnte ich via meines Großhandels am 21.05.2015 einkaufen. Die letzte einzelne habe ich am 21.05.2015 eingekauft und an mich selbst verkauft (um die mir von meinem Hausarzt setzen zu lassen) – ich hatte damals so ein komisches Gefühl, dass es ENg werden könnte…

    Die letzte Packung “Priorix Tetra Reimport” war am 22.03.2016…

    Ansonsten z.B. mal hier lesen (Artikel vom 13.01.2017): https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/01/13/pneumokokkenimpfung-muss-bis-maerz-warten Die wenigen Packungen, die ich bekommen konnte Anfang April, sind auch schon wieder alle…

    Oder mal hier auf der offizielen Seite schauen, wo Lieferengpässe mit Impfstoffen aufgelistet sind. Achtung, das sind nur die Engpässe, die die Hersteller FREIWILLIG zugeben: https://www.pei.de/DE/arzneimittel/impfstoff-impfstoffe-fuer-den-menschen/lieferengpaesse/listen-lieferengpaesse-humanimpfstoffe/listen-node.html Ich zähle allein 18 Sorten, die als “nicht verfügbar” gelistet sind. Dazu kommen 4 Sorten, die als “ab und an verfügbar” zählen… Na, merkst Du was?

    War es vor 3 Jahren, wo in Deutschland mittels §73.3 AMG Tollwutimpfstoff aus Frankreich importiert werden musste, weil es in D keinen gab? Sanofi informiert übrigens über einen Lieferengpass bis Juni 2017: https://www.gelbe-liste.de/nachrichten/lieferengpaesse/lieferengpass-tollwut-impfstoff-hdc-inaktiviert Na bloß gut, dass es noch GSK gibt… (Das ist Ironie!)

    Wenn ich mich richtig erinnere, was es um das Jahr 2007, wo irgendwo im Radio verkündet wurde, dass man FSME-Impfungen auf Kassenleistung bekommt, wenn man bloß den Arzt erzählt, man plane einen Aufenthalt in Bayern oder Österreich. Erfolg der Story war, das über ein Jahr FSME ausverkauft war, weil sich jeder Waldspaziergänger in FSME-freien Gebieten in D hat impfen lassen wollen, weil man es ja dann auf Kasse bekommt und nicht selber zahlen muss…

    Also bitte – ich weiß, wovon ich rede. Ich darf nämlich JEDE WOCHE verschiedenen Arztpraxen erklären, welche dringend benötigten Impfstoffe ich immer noch nicht liefern kann… (Und ja, da bin ich genervt!)

  20. #24 Hans-Werner Bertelsen
    15. April 2017

    Die Impfquote ist im Süden niedrig? Liegt es daran, dass im Süden die Esoterik-Quote in den Praxen höher ist, als im Norden? In München bekommt man bei Praxisgründung gesagt, ohne “ganzheitliches Profil” sei eine Praxis nicht auskömmlich zu führen. Das ärztliche Gespräch wird weiterhin mit 9.- honoriert. Also dann werde ich mich mal umschauen nach “Fortbildungskursen” im Sektor Ganzheit. Schwuppdiwupp – dann kommen schon mal alle Eso-Fans in die Praxis.

  21. #25 Hans-Werner Bertelsen
    15. April 2017

    Ein Teil der Patienten möchte reden und nicht in 5 Minuten mit einem Rezept wieder an die Luft. Solange die ärztliche Gebührenordnung für GKV-Patienten (in der PKV kann man sich als Arzt zurücklehnen und erzählen lassen…) dies nicht berücksichtigt und weiterhin invasive Diagnostik wesentlich höher belohnt, wird sich an diesem hirnverbrannten Unsinn nichts ändern. Als Kassenarzt bekomme ich für Beratungen 9.- pro Quartal. Als “Homöopath” kann ich 590.- pro Jahr abrechnen. Muss nur eben schnell noch ´n Kurs machen…

  22. #26 Bob
    15. April 2017

    @gedankenknick

    a) sie reden aus Zwischenhändler- und nicht aus Endverbrauchersicht.

    b) ja, manchmal mag es manche Kombinationsimpfstoffe nicht geben. Heisst das dann die Krankheit ist überhaupt nicht impfbar?

  23. #27 gedankenknick
    15. April 2017

    @Ben:
    Versuchen Sie mal, in Deutschland zeitnah zu bekommen:

    Eine Polio-Impfung als Einzel- oder Kombiimpfstoff für Erwachsene.
    Eine 23ger Pneumokokken-Impfung. 13ner zählen nicht!

    Haben Sie die von mir angezeigten Links überhaupt angeklickt? Immer schön die zweite Tabellenspalte “Verfügbarkeit” ansehen. Hint: “Offen” heißt, ein Termin ist unbekannt und nicht absehbar. Dazu die letzte Spalte vergleichen – da steht, ob es eine Alternative gibt.

  24. #28 gedankenknick
    15. April 2017

    Huch, ich meinte natürlich @Bob:

    Nur Nebenbei: Wenn ich als “Zwischenhändler” und damit Versorgungsdienstleister der Arztpraxen keinen Impfstoff ranbekomme, um ebenjene Arztpraxen zu versorgen (Stichwort lautet “Sprechstundenbedarf”), wo bekommen Sie als Patient denn den Impfstoff bitte her? Bei den Arztpraxen? Oder bei Zwischenhändlern? Oder direkt ab Werk? Ist mir schleierhaft.

  25. #29 Bob
    15. April 2017

    @gedankenknick

    ihr Ausgangspunkt ist doch, dass sie als Zwischenhändler aktuell an einzelne Impfstoffe nicht oder nicht in ausreichender Menge herankommen. Daraus hatten sie oben abgeleitet, dass eine Impfpflicht nicht klappt, da es ja angeblich jetzt nicht genug Impfstoffe gebe (#12).
    Nun muss ich ihnen sicher nicht das kleine 1×1 der BWL und von Produktions- bzw. Logistikprozessen erklären. Das können sie.
    Dann wundert mich aber ihre Schlußfolgerung; denn sie wissen dann a) wie es zu möglichen Engpässen bei einzelnen Produkten kommt, und b) dass es diese bei einer gesetzlichen Impflicht vermutlich nicht oder nur in geringerem Ausmaß gibt.
    Meine persönliche Erfahrung ist eine andere und auch die aller anderen Leute von deren Impfungen ich weiss (ja ich weiss, Anekdoten gelten nicht). Ja, es kam je nach Impfung zu Wartezeiten, aber sicher nie dazu, dass jemand viele Monate oder gar Jahre nicht geimpft werden konnte.
    Ja, ich kenne den Unterschied zwischen 13 oder 23 Serotypen von Staphylococcus pneumoniae.

  26. #30 Bob
    15. April 2017

    Pardon me, Streptococcus

  27. #31 gedankenknick
    16. April 2017

    @Bob:
    Wenn ein Impfstoff seitens des Herstellers z.B. ein halbes, ein ganzes Jahr oder gar mit offenem Ausgang als “nicht lieferbar” gemeldet ist, und dieser Hersteller im Zweifelsfall eine Monopolstellung inne hat, dann ist das kein Problem? (Ja, und wenn sich tatsächlich 2 Anbieter auf dem Markt befinden, haben die beide immer noch eine Monopolstellung). Nebenbei, Impfstoffe sind keine Produkte, die man mal nebenbei produziert. Eine einzelne Charge hat einen Produktionszeitraum von durchaus mal 9 Monaten. Will meinen, wenn JETZT die Produktion hochgefahren wird, merkt man davon etwas vielleicht in einem Jahr…

    Wenn Waldarbeiter sich über ein Jahr nicht gegen Tollwut impfen lassen können, weil die beiden Hersteller ihre Produktion lieber in Ländern verkaufen, wo sie mehr Geld dran verdienen, dann ist das für diese Waldarbeiter kein Problem?

    Wenn Polio-Impfstoff einzeln oder als Kombi (3- oder4er) seit mehr als einem Jahr (!) nicht lieferbar sind, dann ist das anekdotisch? Nur so als Info, die WHO will Polio seit Jahrzehnten ausrotten – bloß ohne ausreichende Mengen Impfstoff wird das sicher gut gelingen! Und wir leben (angeblich) in einem Hochindustrieland…

    Mein Status als “Zwischenhändler” ist mir in diesem Zusammenhang – mit Verlaub – scheißegal. An Impfstoffen verdiene ich fast nichts, insbesondere an den ausgeschriebenen Grippeimpfstoffen, wo eine Impfung durch die AOK Nordost mit 6,95€ vergütet wird – inclusive 19% MwSt. versteht sich. Ich mache mir sorgen um den Impfstatus der Bevölkerung dieses Landes, und ich bin nicht der einzige hier, und auch nicht der einzige Apotheker.

    Dass jemand, der da keinen Einblick ins System hat, wesentlich entspannter ist, ist mir vollkommen klar. Dass das Problem der breiten Bevölkerung erst auffallen wird, wenn das Kind so richtig in den Brunnen gefallen ist, ist logisch und folgerichtig. Wenn dann unsere Politiker aber wieder jammern, dass man das hätte nicht ahnen können, ist das FakeNews und einfach Lüge. Und hiermit weise ich darauf hin. Und von nun halte ich in dieser Hinsicht meine Tastatur und meinen Mund, denn offensichtlich cassandrae ich ja nur rum…

    P.S: Es gibt schon zu denken, dass die einzige Instanz, die Lieferengpässe melden DARF, der Hersteller des Produkts alleine ist. Darüber habe ich mich schon 2013 (!) aufgeregt, direkt nachdem das Meldesystem etabliert wurde. Diese Liste wurde übrigens “erfunden” wegen der Nichtproduktion von Grippeimpfstoff (bzw. dessen Nichtverfügbarkeit, weil weniger produziert wurde als gebraucht, auch wenn mein Beitrag sich um die Nichtverfügbarkeit eines anderen Rabattartzeimittels dreht(e) – beides wegen der elenden Rabattvertragsausschreibungen der “wir sparen und zu Tode kranken Kassen”). Aber ich rege mich unnötig auf. Wenn unsere Kassen und unsere Politik sagen, dass kein Problem vorhanden ist, dann ist dem natürlich so. Was gelten auch meine 15 Jahre langen zwischenhändlerischen Erfahrungen… äh Anekdoten – nichts! Und auch bei Presseorganen z.B. der DAZ – alles nur Journalistenlügen… 😉

  28. #32 gedankenknick
    16. April 2017

    @Bob:
    Sorry, ich habe einen Link vergessen. HIER https://knicksfussnoten.wordpress.com/2013/05/31/veroffentlichung-von-arzneimittellieferengpassen-beim-bfarm-nicht-erwunscht/ habe ich 2013 versucht, das Lieferengpass-Meldesystem des BfArM zu benutzen. Spoiler – ich bin gescheitert, weil es (für mich) nicht benutzbar (und auch gar nicht gedacht) war.

  29. #33 Karl Mistelberger
    16. April 2017

    > #17 Joseph Kuhn, 14. April 2017
    > Viele Masernausbrüche der letzten Jahre gingen von Waldorf-Einrichtungen aus, impfkritische Haltungen sind dort nicht selten und Bayern und Baden-Württemberg sind reichlich mit solchen Einrichtungen gesegnet.

    Zu Waldorf kommt Montessori. Diese Einrichtungen sind im Süden ebenfalls stark vertreten. Ebenso spielt die Wohlstandsverblödung eine Rolle: https://www.zeit.de/2015/10/masern-impfung-autismus-bildung-berlin-kalifornien

  30. #34 gedankenknick
    30. April 2017

    @Bob:
    Ich scheine nicht der einzige Apotheker zu sein, der da das selbe Problem sieht:
    https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/politik/nachricht-detail-politik/fdp-will-impfpflicht-fuer-kinder/

    Ach ja, ich bin nicht der Kommentator bei Disteq, denn ich habe gar keine Anmeldung bei dem Webdienst…

  31. #35 Joseph Kuhn
    30. April 2017

    Update:

    Die FDP fordert eine allgemeine Impfpflicht für Kinder:
    https://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-04/fdp-parteitag-allgemeine-impfpflicht-kinder-14-jahre?page=4

    Die Begründung, die Impfraten würden zurückgehen, ist aus der Luft gegriffen. Und ob der FPD das Spannungsverhältnis zwischen der vielbeschworenen Eigenverantwortung und dem Gegenpol Zwang wohl ausreichend und unter Berücksichtigung der Alternativen diskutiert hat?