… ist ein Roman von Wolfgang Schorlau über die Griechenlandkrise, mit Verknüpfungen zu den Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Griechenland im zweiten Weltkrieg. Wie seine anderen politischen Krimis gleichermaßen spannend und informativ. Als recht ungewöhnliches Stilmittel im Krimi-Genre kommt darin eine Infografik zum Einsatz, die mit kleinen Punkten die Summen veranschaulicht, um die es auf den Finanzmärkten geht. Es sind sehr große Summen, genug für einen großen Plan.

Schorlaus Krimi ist eine gute Lektüre für alle, die 2020 auf dem Balkon Urlaub machen und wissen, dass in der Politik hinter den Kulissen Dinge geschehen, die man uns nicht erzählt. Was immer wieder mal der Fall ist. Aber nicht immer. Die Frage ist, und darum geht es mir hier, wie kommt es, dass Leute nicht mehr zwischen „immer wieder mal“ und „nicht immer“ unterscheiden? Damit meine ich nicht die, die sich am ganz falschen Ende der Vernunftskala bewegen und die zu normalen Zeiten an die flache Erde oder die gefälschte Mondlandung glauben und jetzt eben daran, dass uns Bill Gates Mikrochips einpflanzen will. Ich meine die Leute, die von berechtigten Fragen und Kritikpunkten ausgehen, etwa zur Angemessenheit der Maßnahmen gegen Corona oder zur Gefahr voreiliger Impfstoffzulassungen, dann aber beim Großen Plan landen. Im Moment macht mich dabei vor allem das Treiben alter Männer ratlos, die früher einmal kritische Geister waren und jetzt unkritisch allem hinterherlaufen, was einen Großen Plan zu bestätigen scheint. Dabei ist es keine allzu große intellektuelle Herausforderung, eine Verschwörungstheorie als solche zu erkennen, und um eine Verschwörungstheorie handelt es sich, wenn man gegen gute Argumente einen Großen Plan hinter den Dingen, die man beobachtet, annimmt.

Was bringt beispielsweise Wolfgang Wodarg, jemanden, der sich viele Jahre verdienstvoll gegen ungute Bündnisse aus Politik und Big Pharma engagiert hat, dazu, die Grenze zum Verschwörungstheoretischen zu überschreiten? Was jemanden wie Klaus-Jürgen Bruder, einen der großen alten Männer der kritischen, auch ideologiekritischen Psychologie, wenn er zum Thema Corona auf Rubikon von „Gehorsams-Experimenten“ und anderen Großen Plänen raunt? Kompensieren sie ihren Bedeutungsverlust im Alter auf diese Weise, die Kränkung, dass ihre Meinung zu den Weltläuften nicht mehr so gefragt ist? Sozusagen als Radikalisierungsphänomen im Kampf um schwindende Aufmerksamkeit? Oder können Sie nach Jahrzehnten des Bemühens, „hinter die Kulissen“ zu schauen, finstere Machenschaften zu entlarven, die bürgerlichen Schafe über die „wahre Wahrheit“ aufzuklären, nicht mehr anders, als reflexartig, unkritisch, eine Hidden Agenda des „Systems“ hinter allem zu vermuten, in gefährlichen Querfrontbündnissen mit den „Systemkritikern“ von rechts, einschließlich Interviews in deren „alternativen“ Medien?

Und warum sind es so viele Männer? Neben den beiden Altlinken z.B. Sucharit Bhakdi, Harald Walach, Bodo Schiffmann, Stefan Homburg, Beda Stadler und viele andere. Ob Männer generell anfälliger für Verschwörungstheorien sind? Kann sein. Aber das erklärt nichts, am Y-Chromosom wird es schließlich nicht liegen. Falls es in dem konkreten Fall überhaupt eine Männeranfälligkeit gibt: Vielleicht gibt es auch nur mehr Männer unter den prominenten Alten, die sich in den Medien irgendwie Gehör verschaffen können und für die Medien im Sinne der „Nachrichtenwerttheorie“ interessant sind? Noch dazu, wenn sie als frühere Fach-Männer Glaubwürdigkeit beanspruchen?

Pia Lamberty, eine Psychologin, die zu Verschwörungstheorien forscht, weist zu Recht darauf hin, dass Verschwörungstheorien Ordnung vermitteln. Wir sind sinnsuchende Wesen und neigen dazu, Zusammenhänge auch da zu sehen, wo sie nicht sind. Das macht uns erst handlungsfähig gegenüber der Vielfalt der Eindrücke, die auf uns hereinprasseln. In Krisenzeiten, in denen sich so manches Selbstverständliche auflöst, ist ordnende Selbstvergewisserung besonders wichtig. Aber so hilfreich im Alltag das schnelle Denken ist, so unverzichtbar ist bei der Verteidigung wissenschaftlicher Thesen das hypothesenprüfende, langsame Denken, um Daniel Kahnemans populäre Unterscheidung aufzugreifen. Auf halben Weg lauern die Verschwörungstheorien.

Vielleicht sind im jahrelangen Meinungskampf mit finsteren Mächten gestählte Kritiker besonders gefährdet, im Alter auf halbem Wege abzubiegen?

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Disclaimer: Dieser Blog wird von einem nicht mehr ganz jungen Mann geschrieben. Das Unheil der Welt sieht er vor allem durch den „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) bedingt, dem immer wieder mal, aber nicht immer, durch Große Pläne nachgeholfen wird.

Kommentare (7)

  1. #1 Dietmar Hilsebein
    26. Juli 2020

    Dieter Nuhr hat schon recht. Wir sehen halt die Schreckensbilder der Bekloppten in den Medien. Die Vernunftbegabten kommen in den Medien gar nicht vor. Und so scheint es, daß die Welt bekloppt geworden ist. Aber seien wir ehrlich: die Welt war auch in den 80igern nicht mehr oder wenige bekloppt, nur die Vernetzung war da eben noch nicht möglich. Dieter Nuhr: die hatten damals einen Follower: den Barkeeper. Heute vernetzen die armen Seelen sich über Youtube, Twitter und Co, weil sie es nicht geschafft haben, sich über Nature und Science Gehör zu verschaffen. Sie schaffen es nicht zu begreifen, daß das Gewöhnliche das Normale, das Ungewöhnliche das Besondere ist. Sie wollen das Besondere sein. Die letzte Versuchung Luzifers: ich bin aus Feuer gemacht, was geht mich der Erdwurm da an?

  2. #2 Dietmar Hilsebein
    27. Juli 2020

    Und wer will schon gerne ein Erdwurm sein? Und so kompensiert ein Jeder seine Komplexe: die einen schaffen sich einen Porsche an, die anderen einen Doktortitel. Und wer das nicht schafft, der stellt Einstein in Frage. Es findet im Netz ein Krieg um die Frage statt, wer den Längsten hat. So einfach ist das. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Aber warum nur? “weil der Mensch es nicht erträgt ein gewöhnlicher Erdwurm zu sein, der am Ende in das beschissene Gras beißt.” gez.: Luzi

  3. #3 Johann Hermann von Oehsen
    Hamburg
    27. Juli 2020

    Sind denn die von Ihnen gemeinten und zum Teil genannten “Alten” alle “Verschwörungstheoretiker”? Ich finde, Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie es allein allein darauf abstellen.

    • #4 Joseph Kuhn
      27. Juli 2020

      @ Johann Hermann von Oehsen:

      Die gemeinten Alten sind auch Kaffeetrinker, Autofahrer, Väter und vieles mehr. Und sie können sicher zu vielen Dingen kluge Sachen sagen. Sie darauf zu reduzieren, „Verschwörungstheoretiker“ zu sein, würde somit natürlich zu kurz greifen.

      Aber nicht anzusprechen, wenn sie sich verschwörungstheoretisch äußern, wäre genau so falsch. Zumal sie ja Aufmerksamkeit suchen – und die kann eben nicht in Zustimmung bestehen, wenn Große Pläne unterstellt werden, wo keine sind (sondern im Gegenteil nur allzu oft Planlosigkeit – Pandemieplanlosigkeit – am Werk war).

  4. #5 Alisier
    27. Juli 2020

    “Sie ist weg, WEG (in diesem Falle die letzte funktionsfähige Hirnzelle)
    und ich bin wieder allein, allein….”

    Copyright Fanta4

  5. #6 Oliver Gabath
    27. Juli 2020

    Vor ein paar Jahren hab ich mir über die Frage auch mal Gedanken gemacht, allerdings nur bezogen auf Angehörige meiner Zunft. Generell hab ich die Erfahrung gemacht, dass es für viele Leute nicht einfach ist, eine Welt die sie nicht mehr verstehen einer Generation zu übergeben, die sie nicht mehr braucht.

  6. #7 Wetterwachs
    28. Juli 2020

    @Joseph Kuhn
    Ich kann verstehen, dass es ratlos macht und sogar beängstigend wirken kann, wenn Menschen (z. B. Bruder und Wodarg), die man geachtet und von denen man vielleicht gelernt hat, plötzlich irrational werden. Wenn sie sich dann auch noch vom rechten Rand bzgl. großer Pläne als Bündnispartner ausnutzen lassen, ist das schon schmerzhaft gruselig.

    Eine Erklärung, warum verdienstvolle Wissenschaftler im Alter in Gegenposition zu dem treten, was als wissenschaftlicher Konsens gilt, ist vielleicht auch Erschöpfung, das Gefühl, dass man sein ganzes Leben gearbeitet hat, um die Welt zu erklären und besser zu machen. Und dass man damit einfach nicht den Erfolg hatte, den man angestrebt hat. Die Welt ist immer noch nicht gut und dann kommt auch noch so eine Pandemie. Vielleicht glaubt man, dass ein Feindbild (finstere Macht mit großem Plan) zu einer neuen, erfolgversprechenderen Arbeitshypothese im Kampf gegen Unheil hilft.

    Wenn man „das Unheil der Welt vor allem durch den „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ bedingt sieht“ (Disclaimer), ist man auch beim Älterwerden eigentlich ziemlich sicher davor, den klaren Verstand zu verlieren oder sich selbst in irgendwelchen Verschwörungstheorien oder irrationalen Überzeugungssystemen.

    Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter. Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise.

    Karl Marx, MEW 23, 741-791

    Das ist kein Glaubenssatz, sondern eine schon sehr alte, aber immer noch einleuchtende Erklärung für Unheil. Wobei man in Krisenzeiten eventuell über das „ausnahmsweise“ nachdenken kann.