In Deutschland hatte es die öffentliche Gesundheit nach dem Krieg schwer. Die Nationalsozialisten hatten 1934 die Gesundheitsämter als flächendeckende Struktur geschaffen und als Infrastruktur für ihre Medizinverbrechen benutzt. Die Sozialhygiene ist damals zur Rassenhygiene mutiert, eine zutiefst bösartige Mutation. Als Konsequenz daraus hat man nach 1945 die Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung weitgehend entstaatlicht und in die Hände der Selbstverwaltung der Sozialversicherung und der niedergelassenen Ärzte gelegt. Der Begriff “Volksgesundheit” war zum Unwort geworden und manche Ärztefunktionäre versuchen bis heute, mit dem Schreckgespenst “Staatsmedizin” Leute zu erschrecken.

Erst in den 1980er Jahren kam die öffentliche Gesundheit, als „Public Health“ anglifiziert, aus den USA und aus Großbritannien nach Deutschland zurück. Es wurden Forschungsverbünde „Public Health“ aufgebaut, da und dort Lehrstühle eingerichtet, und dann erst einmal abgewartet. 2012 hat die Leopoldina einen Weckruf veröffentlicht, die Stellungnahme „Public Health in Deutschland“, mit dem Befund, dass man es dabei eher mit einer Brache als eine Baustelle zu tun hat.

Das Robert Koch-Institut hat den Ball aufgenommen und über Jahre mit der Finanzierung einer Geschäftsstelle die Arbeit des „Zukunftsforums Public Health“ ermöglicht. Das Zukunftsforum Public Health ist ein Zusammenschluss von Akteuren aus Wissenschaft und Praxis, die Eckpunkte für eine Nationale Public Health-Strategie in Deutschland formulieren wollten. Vier Symposien und einen öffentlichen Konsultationsprozess später liegen diese Eckpunkte jetzt vor. Ein Gemeinschaftsprodukt, an dem sehr viele Menschen mitgearbeitet haben. Die Eckpunkte orientieren sich an den 10 Essential Public Health Operations (EPHOs) der Weltgesundheitsorganisation und formulieren dazu Herausforderungen, Ziele und Meilensteine.

Viel weiter ist der Weg allein durch das freiwillige und oft in der Freizeit erfolgende Engagement der einzelnen Akteure nicht zu gehen. Die Politik kann diesen Impuls nun aufnehmen oder auch ignorieren. Sie sollte aber durch Corona zumindest die Lektion gelernt haben, dass selbst Infektionskrankheiten nicht nur eine Frage der Krankenversorgung sind, sondern etwas, was die Gesellschaft insgesamt betrifft, dass es um Public Health geht, und um „Health in all policies“. Dass das alles Anglizismen sind, ist symptomatisch für das Public Health-Entwicklungsland Deutschland.

Morgen ist übrigens wieder „Tag des Gesundheitsamtes“. Die Gesundheitsämter treten im Moment vor allem als Kontaktnachverfolgungs- und Quarantäneanordnungs-Behörden in Erscheinung. Sie könnten viel mehr sein – Public Health-Agenturen vor Ort. So hatte es die Gesundheitsministerkonferenz mit einem modernen Leitbild für den ÖGD 2018 beschlossen. Auch die Verwirklichung dieses Leitbilds würde durch eine politisch unterstützte Nationale Public Health-Strategie befördert werden. Aber hat die Politik gerade Ohren für das, was unüberhörbar ist?

Kommentare (2)

  1. #1 Omnivor
    Am 'Nordpol' von NRW
    19. März 2021

    mit dem Schreckgespenst “Staatsmedizin” Leute zu erschrecken.

    Meine Vermutung ist eher, dass das nichts mit politischem Feingefühl zu tun hat, sondern dass die Funktionäre Angst um ihre Privatpraxis am Starnberger See mit Direktzugang zum Segelsteg haben.
    => Die Gesundheitsversorgung sollte nicht in den Händen von Privatunternehmern liegen, alle Ärzte und Apotheker sollten Angestellte von Gemeinnützigen Gesellschaften sein.

  2. #2 hwied
    19. März 2021

    Eine Alternative zum deutschen Gesundheitswesen wäre die britische Form, die vom Staat finanziert ist.
    Die britische Form ist kostengünstiger und soll laut Wikipedia gleichwertig sein :”bieten sie jedoch beide eine weltweit anerkannte hohe Qualität”.
    Aus eigener Erfahrung kann ich behaupten, dass dies nicht stimmt. Wir hatten Einblick in die Leistungen dieses System nach einem schweren Unfall in London. In einem der größten Krankenhäuser Londons waren die Zustände wie in einem Entwicklungsland. Großraumkrankensäle mit etwa 20 Betten, kaum Personal und die Kranken wurden zur Mittagszeit von Angehörigen mit Nahrung versorgt und auch gefüttert. Auf den Arzt mussten wir 8 Stunden warten.