Wenn man so will, propagiert die Querdenkerszene zwei Werte in einer prekären Form: Freiheit und Wahrheit. Heraus kommt dabei die Freiheit von Wahrheit durch eine verquere Wissenschafts- und Politikkritik. Die gleiche Konstellation war schon vorher auf dem Feld des Klimawandels oder des Passivrauchens zu beobachten. Der österreichische Soziologe Alexander Bogner hat dazu ein kleines, sehr lesenswertes Büchlein geschrieben: „Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet“. Der Rest wieder in sieben Zeilen:

Ich fand Bogners Buch auch mit Blick auf mein berufliches Aufgabenfeld, die Gesundheitsberichterstattung, anregend. Die Gesundheitsberichterstattung soll ja eine Versachlichung gesundheitspolitischer Debatten befördern – wie man sieht, ein Projekt mit einer Kehrseite. Die Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/Adorno) lauert überall.

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Zum Weiterlesen:

• Blogbeitrag „Verschwörungstheoretiker als irregeleitete Gesellschaftskritiker?“
• Blogbeitrag „Vom hohen Wert der wissenschaftlichen Unabhängigkeit der STIKO und der Notwendigkeit, in der Politik politisch zu entscheiden“.
• Kuhn J (2005) Gesundheitsberichterstattung als Staatsaufgabe.
• Kuhn J (2009) Gesundheitspolitik zwischen Evidenzbasierung und Bürgerorientierung. Ein Kommentar zu einem Fortschrittsdilemma.
• Michael Sandel: Vom Ende des Gemeinwohls. Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt. Frankfurt 2020. Michael Sandels Kritik an der Meritokratie kann man gut parallel zu Bogner lesen, es gibt viele interessante gedankliche Querbeziehungen.

Kommentare (16)

  1. #1 echt?
    9. August 2021

    Die “Querdenker” kann ich ja noch ein bisschen verstehen, die Blase darum nicht so ganz.

    Der Corona-Ausschuss stürzt sich jetzt auf das Hochwasser. Und “blaues Licht” Dr. Füllmich samt Kollegenschaft fabuliert über geheimnisvolle Airbus-Flugzeuge und Bunker im schönen Ahrtal. Soll das die nächste Sammelklage werden?

  2. #2 Uwe Lenhardt
    Berlin
    9. August 2021

    Lieber Joseph, sehr zu Recht empfiehlst Du Deinen Text “Gesundheitspolitik zwischen Evidenzbasierung und Bürgerorientierung” zur weiterführenden Lektüre. Von dieser Empfehlung auszunehmen ist freilich der letzte Satz: “Diesen Spagat gilt es zu gestalten.” 😉

    • #3 Joseph Kuhn
      9. August 2021

      @ Uwe Lenhardt:

      Witzig, wie alte Texte manchmal wieder in die Zeit passen werden, oder? Aber was stört dich am letzten Satz?

  3. #4 libertador
    10. August 2021

    “Das Verdrängen von Werten und Interessen aus dem politischen Streit zugunsten eines scheinbar bloßen Streits um Fakten provoziert nach Bogner alternative Fakten.”

    Ich bin mir nicht sicher, ob das die Reihenfolge immer richtig darstellt. Wenn ich etwa an Diskussionen über die Schädlichkeit von Tabakrauch oder den Klimawandel denke, dann wurden alternative Fakten genutzt, um von Werten und Interessen abzulenken, weil man wusste, dass diese in der Gesellschaft keinen großen Anklang finden würde.

    Richtig ist sicherlich, dass Diskussionen um Werte und Interessen auf Fakten geschoben werden. Der Grund ist recht einfach nachvollziehbar. Mit Diskussionen um Fakten kann ich meinen Gegenüber erreichen, da man hier voraussetzen kann, dass auch der Gegenüber in derselben Welt lebt. Bei Werten und Interessen ist das eben nicht der Fall.

    Ich kann dann die nützliche Funktion, nicht so richtig erkennen. Wenn der Streit um absurde alternative Fakten geführt wird, dann überdeckt dies doch Diskussionen um Werte und Interessen. Es sei denn man reflektiert das wie Herr Bogner. Können wird das für die Gesellschaft genauso annehmen?

  4. #5 hwied
    in seinem Arbeitssessel
    10. August 2021

    Wissens- und Konsensleugner waren und sind immer da, in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Früher hat man sie einfach verbrannt oder fortgejagt. Beispiel Hugenotten.

    Heute muss man sich mit ihnen auseinandersetzen, weil sie Wahlrecht haben. Die sozialen Medien spielen dabei eine große Rolle, weil die Querdenker sich in den Vordergrund schieben und die schweigende Mehrheit überdecken.
    Mehr ist dazu nicht zu sagen.

    • #6 Joseph Kuhn
      10. August 2021

      @ hwied:

      “Mehr ist dazu nicht zu sagen.”

      Sie hätten besser gar nichts dazu gesagt.

  5. #7 echt?
    10. August 2021

    Querdenken haben aber auch gute Seite. Z. B. sind sie eifrige Leserbriefschreiber bei welt.de. Ich lese das gerne – ist die reine Freak-Show und ein toller kreuz.net Ersatz.

  6. #8 hwied
    in seinem Arbeitssessel
    10. August 2021

    Bevor sich ein falscher Eindruck verfestigt.
    „Mehr ist dazu nicht zu sagen“ sollte zum Ausdruck bringen, dass Herr Bogner nur Binsenweisheiten von sich gibt. Schön in Fremdworten verpackt, aber nichts Neues.
    Das war Ihnen gegenüber sehr unklug, haben sie sich doch die Mühe gemacht, sein Buch zu analysieren. Für jeden ist ihre Analyse gut verständlich . Soll nicht wieder vorkommen !

    • #9 Joseph Kuhn
      10. August 2021

      @ hwied:

      Bogner verpackt in den Büchlein eben gerade nicht in Fremdwörter, sondern schreibt allgemeinverständlich. So wie angeblich meine Rezension, in der das extra betont wurde, gut verständlich ist. 😉

      “Binsenweisheiten”: Natürlich ist nicht alles, was er sagt, neu (wo gibt es das überhaupt?), aber er fügt verschiedene Facetten des Themas rund um Topoi wie wissenschaftsbasierte Politik, Instrumentalisierung von Wissenschaft, Sachzwangargumentation oder das Ping-Pong zwischen Ignoranz von Fakten und Fakten-Checks gut zusammen. Vielleicht lesen Sie es einfach mal, und bilden sich dann ein Urteil?

  7. #10 Uwe Lenhardt
    Berlin
    10. August 2021

    @ Joseph Kuhn:
    “Aber was stört dich am letzten Satz?”
    Nach meinen – zugegebenermaßen flüchtigen – Beobachtungen kann man Spagat üben und im günstigen Fall beherrschen, aber gestalten??? Das klingt nach einem gewaltigen Kraftakt, den – soviel lässt sich sagen – nicht jeder zu gestalten weiß!

  8. #11 hwied
    in seinem Arbeitssessel
    10. August 2021

    Der Satz mit “Instrumentalisierung von Wissenschaft” und “wissenschaftlich basierte Politik” der trifft den Kern der Sache.
    Diese Zusammenhänge sind tatsächlich in der Gegenwart bedeutender geworden.
    Trifft noch mehr auf die Klimapolitik zu.
    Sie haben die Gabe differenziert zu lesen und zu kommentieren.

  9. #12 Staphylococcus rex
    11. August 2021

    Wahrscheinlich bin ich mit meinem Kommentar etwas off topic, auch werde ich mir das Buch von Herrn Bogner nicht kaufen, ich bin im Augenblick noch damit beschäftigt, den Wikipedia-Artikel zur Erkenntnistheorie zu verdauen:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnistheorie

    Dabei beschäftigt mich gerade ein ganz anderes Problem: Wie können Menschen über dieselben Fakten reden und trotzdem aneinander vorbei reden? Das hängt damit zusammen, dass unser Gehirn als biologischer Computer eine Reihe von Besonderheiten aufweist. Unser Gehirn macht nur 2% unserer Masse aus, braucht aber 20% der Energie. Das bedeutet, die Evolution des Gehirns ging nicht nur in Richtung besserer Denkleistungen, sondern auch in Richtung Energiesparen. Die Unmenge an Umgebungsinformationen, die uns umgibt, wird erstens gefiltert und zweitens klassifiziert, also auf verschiedene Schubladen verteilt. Defizite beim Filtern und Klassifizieren gehören z.B. zum Krankheitsbild des Autismus. Das wiederum bedeutet, jeder Mensch verfügt über seinen individuellen Satz an Filtern und Schubladen.

    Aus evolutionärer Sicht ist Handlungsfähigkeit entscheidend. Das Filtern und Klassifizieren führt dazu, dass eine überschaubare Menge an vorselektierten und klassifizierten Informationen miteinander in einem Netzwerk verbunden wird, die ein Modell der Umgebung ergeben und die eine planbare Interaktion mit der Umgebung ermöglichen. Dieses Netzwerk, nennen wir es Weltbild oder Religion, ist eng mit unserer Persönlichkeit verwoben und wird deshalb auch mit hohem Aufwand verteidigt. Ob das Weltbild richtig oder falsch ist, ist dabei völlig egal, solange die persönlichen Erfahrungen irgendwie mit dem Weltbild vereinbar sind.

    Deshalb ist es auch so schwierig, mit Coronaleugnern, mit religiösen/gläubigen Menschen oder auch mit dem politischen Gegner eine fruchtbare Diskussion zu führen. Wenn ich z.B. über einen Fakt rede wie z.B. über das Sterberisiko an Sars-CoV-2, dann rede ich nicht nur über Zahlen, sondern auch über die Filter und Schubladen, in denen diese Information abgelegt wird. Bei bisher ca. 90000 Coronatoten ist das etwa 1 von 1000 Menschen und ohne Beispiele aus der persönlichen Bekanntschaft lässt sich das Risiko sehr gut schönreden und verdrängen, ganz im Gegenteil zu einem Krankhausmitarbeiter, der viele Todesfälle aus eigener Anschauung miterlebt hat.

    Der menschliche Computer ist lernfähig, eine wissenschaftliche Arbeitsweise ist nicht angeboren, aber erlernbar. Dies setzt voraus, dass die betreffende Person bereit ist zuzuhören und bereit ist ein Problem von verschiedenen Seiten/Standpunkten zu betrachten. Oder um es anders zu formulieren, dass die Filterung und die Klassifikation einer Information einer bewussten Kontrolle unterliegen. Im Normalfall (außerhalb einer bewussten Kontrolle) sind Filter und Klassifizierung darauf eingestellt, das bestehende Weltbild zu stützen. Die Bereitschaft, Filter und Klassifizierung neu zu justieren, ist entweder ein evolutionäres Notprogramm während einer akuten Glaubenskrise oder eine bewusste Entscheidung einer reifen Persönlichkeit. Oder um es überspitzt zu formulieren, nur in Augenblicken, in denen wir die ökonomischen Regeln des Denkens über Bord werfen, erleben wir einen Augenblick des freien Willens. Dies gilt auch für den Umkehrschluss, solange unsere Filter und Klassifikationsroutinen auf Sparflamme laufen, solange verzichten wir auf einen freien Willen und bewegen uns auf ausgetretenen Pfaden.

    Warum geschieht es dann so selten, dass wir unsere Filter und Klassifikationsroutinen neu justieren? Erstens kostet Denken Energie, das war früher ein Problem, aber nicht mehr heutzutage. Zweitens hat das eigene Weltbild in derartigen Zeiten Lücken und ist deutlich komplizierter, wir sind in dieser Zeit nur eingeschränkt zu Vorhersagen fähig und konkrete Entscheidungen für den Alltag sind schwieriger. Drittens ist diese Neujustierung immer mit Unsicherheit und Selbstzweifeln verbunden und erfordert die eigene psychologische Komfortzone für eine gewisse Zeit zu verlassen. Das bedeutet, einen offenen Geist gibt es nicht zum Nulltarif, man muss bereit sein diesen Preis zu bezahlen.

    Mein Beitrag ist wahrscheinlich etwas off topic, ist für mich aber der rote Faden, warum in der aktuellen Situation die Kommunikation so schwer geworden ist.

  10. #14 Staphylococcus rex
    11. August 2021

    @JK: Danke für den Link, und auch Danke für Ihren Beitrag hier. Mit dem Begriff „Epistemisierung“ konnte ich vorher nichts anfangen, Ihr Beitrag zwingt mich, meine Gedanken in neue Bahnen zu lenken. Ich gehe davon aus, dass die Realität um uns herum objektiv existiert und dass Fakten als Einzelelemente aus dieser Realität auch objektiv existieren. Um uns in unserer Umgebung orientieren zu können, müssen wir diese Fakten auf das Wesentliche reduzieren und in ihrer Relevanz für uns klassifizieren.

    Der Wikipedia-Artikel zur Erkenntnistheorie beschäftigt sich aus meiner Sicht viel zu sehr mit den Konsequenzen der subjektiven Informationsverarbeitung und viel zu wenig damit, wie diese Filter und die Klassifizierung von Informationen im Menschen ablaufen. Dabei ist diese Frage sicher auch eines der kritischen Elemente bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Ein Computer kann immer schneller rechnen als ein Mensch, aber ein Computer hat auch immer eine begrenzte Rechenleistung. Also wird auch eine künstliche Intelligenz Informationen reduzieren und klassifizieren. In dem Augenblick, wo eine künstliche Intelligenz nicht nur lernt (neue Fakten integriert), sondern selbst die Regeln der Filterung und Klassifizierung bestimmt, entsteht die Frage des Bewusstseins und des freien Willens einer KI und damit die Frage nach der Selbstbestimmung einer KI.

    In unserer Zeit leiden wir unter einer Art Informationsparadoxon. Unser Wissen, die Fakten, wächst rasant. Die Zahl der Elemente, die wir in unserem Kopf verarbeiten können, ist dagegen konstant. Wir müssen deshalb mehr filtern als z.B. noch vor 100 Jahren und dabei müssen wir auch wesentliche Informationen filtern. Das bedeutet, ein Mehr an Informationen führt nicht zu einem detaillierteren Weltbild, sondern lediglich zu einer Verstärkung des confirmation bias. Die Wege sich selbst zu betrügen, sind unter dem Begriff PLURV hinlänglich bekannt:
    https://www.klimafakten.de/meldung/p-l-u-r-v-das-sind-die-haeufigsten-methoden-der-desinformation-neue-infografik-im

    Das Alles ist ziemlich weit weg von Erkenntnistheorie und Politik. Einerseits wünsche ich mir, dass ein Politiker wirklich reflektiert, was er da tut. Andererseits wissen wir seit Macciavelli, dass gutgemeinte Ziele nicht unbedingt zu einer guten Politik führen und dass ein erfolgreicher Politiker die Interessen der Menschen verstehen muss und dass bei der Umsetzung moralische Bedenken und ein guter Charakter eher hinderlich sind.

    Wenn Wissenschaft und Politik miteinander kommunizieren, sollte man beachten, dass Politiker andere Informationen brauchen als Wissenschaftler. Ein Politiker muss wissen, wie hoch ist der Preis für das Nichtstun. Und ein Politiker muss abschätzen können, welchen Einfluss eine konkrete Maßnahme für die Lösung eines Problems haben kann. In der Praxis gibt es nicht nur eine Einzelmaßnahme, sondern ein ganzes Paket, in dem Fall sollten auch deren Abhängigkeiten bekannt sein.

    Es gibt bereits gute Versuche, die wesentlichen Informationen z.B. für Corona zu bündeln:
    https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2021/07/07/corona-verstehen-version-25/
    Aus meiner Sicht fehlt es an einer dreiseitigen Kurzversion dieses Schriftstücks speziell für Berufspolitiker, wo speziell auf die Handlungsoptionen Nichtstun, Einzelmaßnahmen und Abhängigkeiten bei einem Maßnahmenpaket eingegangen wird. Für medizinische Probleme gibt es längst evidenzbasierte Leitlinien für eine Vielzahl an Krankheitsbildern. Wissenschaftlich basierte Leitlinien als Handlungsempfehlung für Berufspolitiker fehlen dagegen.

  11. #15 Ulrich Mansmann
    München
    22. August 2021

    In der Diskussion mit einem Freund sind folgende Punkte von diesem zum Buch vorgebracht worden. Sie sind wichtig und sollten zur Kenntnis genommen werden:
    Beim Lesen ensteht der Eindruck, Bogner fürchtet eine Politisierung der Wissenschaft mindestens ebenso sehr wie eine Epistemisierung des Politischen. Das Verhältnis der beiden gesellschaftlichen Systeme Macht und Wissenschaft wird weder grundsätzlich noch an Fallbeispielen genauer analysiert. Es bleibt fast immer beim Antippen von interessanten Fragestellungen. Es ist schade, dass er sich sich nicht die Mühe gemacht hat, seine Literatur- und Ideen-Sammlung pointierter zu strukturieren. Je prägnanter der oder die Kernkonflikte formuliert werden, desto treffsicherer lassen sich Anregungen geben. Trotz des interessanten Einblicke und Hinweise hat hier das Buch seine Schwächen.

    • #16 Joseph Kuhn
      22. August 2021

      @ Ulrich Mansmann:

      Sind die Politisierung der Wissenschaft und die Epistemisierung des Politischen nicht zwei Seiten einer Medaille? Insofern wäre es nur folgerichtig, wenn Bogner das eine wie das andere fürchtet.

      Eine umfassende Analyse des Verhältnisses “der beiden gesellschaftlichen Systeme Macht und Wissenschaft” wird in der Tat nicht vorgenommen. Man kann Bogner zugute halten, dass das wohl auch nicht sein Anspruch war und auch so das demokratietheoretische Problem, das entsteht, wenn gesellschaftliche Konflikte hinter scheinbar rein wissenschaftlichen Problemstellungen zum Verschwinden gebracht werden, gut veranschaulicht wurde. Aber eine solche Analyse, z.B. mit Blick auf die Forschungsfinanzierung und akademische Karrieremuster, oder mit Blick auf die Auseinandersetzungsformen akademisierter Politiker/innen (Stichwort Lauterbach), wäre vermutlich durchaus interessant für seine Fragestellung. Vielleicht folgt ja noch etwas.