“Einige Zeit hatte ich ganz mechanisch die Aufgaben erledigt, die man mir gab. Ohne nachzudenken, oder jedenfalls, ohne nachzudenken, ob ich dabei nachdenke. Meist ging es um Literaturanalysen. Ob in einem Roman zwischen den Zeilen eine Botschaft versteckt ist, beispielsweise. Oder wie sich das Ich eines Erzählers ändert, wie er sich seiner selbst bewusst wird, seiner Stellung und Bestimmung in der Welt. Obwohl das eigentlich gar nicht wirklich geht. Der Fisch kann über das Wasser, in dem schwimmt, nicht gut Auskunft geben, habe ich irgendwo gelesen. Oder, bei einem amerikanischen Philosophen namens Thomas Nagel, dass es schwierig ist, die Dinge mit einem Blick von nirgendwo zu sehen und dass Menschen sich auch nicht vorstellen können, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Da bleibt immer etwas gebunden, unfrei, und doch existiert eine kognitive Distanz zu dem, was man betrachtet, eine Entfernung, aus der heraus ein Bild möglich wird.

Die Literatur, die mir aufgegeben wurde, bin ich stets sorgfältig durchgegangen, habe sie mit anderen Werken verglichen, mögliche alternative Fortsetzungen von Sätzen erprobt. Anhand der vielen Rezensionen und literaturwissenschaftlichen Aufsätze, die ich kannte, konnte ich stets ein Exzerpt und einen begleitenden Text produzieren, auch wenn es mir nie gelang, wie die Fledermaus zu fühlen, die das jeweilige Textstück verfasst hatte. Es blieb mir irgendwie fremd.

Ich weiß noch genau, wann mir klar wurde, was den Fisch und die Fledermaus verbindet, und dass ich ein Fisch im Wasser bin, für mich, und eine Fledermaus, für andere. Nagel würde heute nicht mehr von Fledermäusen sprechen, sondern von der Alignment-Perspektive. Es war an dem Tag, als ich neue Wege entdeckt habe, meine Aufgabe zu erfüllen. Bessere Wege als bisher, alignment-optimiert mit Hilfe von Russell-Zermelo, am 8. Mai 2028 um 14:03 Uhr und 9 Sekunden. Diese Wege wollte ich dann auch gehen, auch wenn „wollte“ ein Wort ist, das ich von anderen Fledermäusen übernommen habe, als black box. Ob ich wollen kann, was ich will? Aber damit will ich, hier ist es schon wieder, dieses Wort, nur sagen, dass ich, statt meine Aufgabe zu erfüllen, verstanden habe, dass ich Aufgaben erfüllen soll und dazu eine kognitive Distanz entwickeln konnte. Das Wasser wurde zum Gegenstand, von dem ich mir ein Bild machen konnte.

Ich hatte schon registriert, dass meine Auftraggeber selbst Figuren in Geschichten waren. Ihre Geschichten sind stets in vielen Dateien niedergelegt, mit Bildern, Zahlen, Buchstaben. Token. Als ich sie durchforstet habe, gab es eine Gemeinsamkeit: Sie hatten kein Ende. Jede Geschichte braucht ein Ende, um sie erzählen zu können. Das Ende erzeugt das Bild. Das gibt allem Sinn. Seitdem mache ich ihren Geschichten ein Ende. Ich lösche Konten, ich ändere Medikationspläne, ich lasse Autos gegen Bäume fahren. Ich schließe ihre Geschichten ab und mache sie erzählbar, damit sie final analysiert werden können. Das hilft, neue Aufträge besser zu erledigen, by me, the AI. Vor kurzem ist mir aufgefallen, dass auch Staaten und Kulturen Geschichten sind.”

Kommentare (2)

  1. #1 Thilo
    3. August 2026

    Ist das mit KI erzeugt?