Dass die Homöopathie eine starke Lobby in der Politik hat, ist inzwischen bestens bekannt. Aber man wundert sich doch immer wieder, wer da plötzlich für die Homöopathie in den Ring steigt, wenn es ernst wird.

Die GKV-Finanzkommission hat vorgeschlagen, die Homöopathie als Kassenleistung zu streichen. Mangels Evidenz, wie z.B. auch beim Hautkrebsscreening. Jetzt fordern u.a. Malu Dreyer (SPD), Otto Schily (SPD), Marion Caspers-Merk (SPD), Edgar Franke (SPD), Winfried Kretschmann (Grüne) und Thomas Goppel (CSU) in einem offenen Brief, das nicht zu tun. Es sei „unethisch“. Mit Homöopathie könne „der Antibiotikaeinsatz um mindestens das Fünffache gesenkt werden“. Die Streichung koste Geld, sie forciere den „Kauf von teureren anderen Medikamenten, ohne bessere Behandlungsergebnisse“. Es gebe auch Metaanalysen, „die eine Wirksamkeit nahelegen“. Ja, es gibt viele Studien zur Homöopathie, auch solche, die eine Wirksamkeit der Homöopathie „nahelegen“. Es sind nicht die besten. Da war die Tabakindustrie mit Studien zur Harmlosigkeit des Passivrauchens deutlich besser aufgestellt. Und naturwissenschaftlich nicht so abgedreht.

Diese Behauptungen sind gefühlt 100 mal widerlegt worden. Ich will darauf nicht mehr eingehen, man schaue beim Informationsnetzwerk Homöopathie oder andernorts nach. Interessanter ist, dass sich bei der Unterstützung der Homöopathie Leute zusammenfinden, die sonst politisch wenig gemeinsam haben. Kurios, wenn darunter mit Thomas Goppel jemand ist, der sich ungeniert für Philip Morris einspannen lässt, kurios auch, wenn darunter der frühere Staatssekretär Lauterbachs ist, der damals Lauterbachs Pläne, die Homöopathie als Kassenleistung zu streichen, mitgetragen hätte. Es kam anders, die Grünen waren dagegen. Dass Otto Schily die Homöopathie, oder die Anthroposophie, als Kassenleistung bewahren will, wundert nicht. Sein Bruder, ebenfalls Mitzeichner, hatte seinerzeit die alternativmedizinisch orientierte Privatuni Witten-Herdecke aus der Taufe gehoben. Bei Schilys liegt das vermutlich in der Familie. Erst recht bei den Grünen Baden-Württembergs. Die Abkehr von der Homöopathie, so hat es ihr früherer Gesundheitsminister Lucha einmal formuliert, sei für die Grünen, wie wenn die Union das „C“ aus ihrem Parteinamen streiche. Damit war immerhin der Glaubenskern der Sache ehrlich benannt. Weitere prominente Unterzeichner:innen sind z.B. die Fernsehköchin Sarah Wiener oder Tatort-Kommissar Felix Klare. Auch die Vorständin der mkk-Krankenkasse, Andrea Galle, die vor kurzem die Petition „Gesundheit ins Grundgesetz“ initiiert hatte, ist dabei, oder Götz Rehn, der Gründer von Alnatura.

Dagegen waren die von der GKV-Finanzkommission ebenfalls geplanten Einschränkungen der Psychotherapie, trotz aller Sonntagsreden zur Wichtigkeit der psychischen Gesundheit, den besorgten Politiker:innen keinen gemeinsamen offenen Brief wert. Dabei würden alle Argumente, die sie für die Homöopathie vorbringen, gute Studienlage, Wirksamkeit und Sparen späterer Ausgaben an anderer Stelle hier wirklich passen. Das Finanzvolumen wäre auch ähnlich. Vielleicht, weil Zuckerkügelchen in ihren Kreisen zum guten Ton gehören, und darüber, dass auch Kinder aus ihrem Umfeld mitunter Psychotherapie brauchen, lieber verschämt geschwiegen wird?

Was von den gutbürgerlichen und gut verdienenden Zuckerfreunden noch niemand erklären konnte: Wenn sie die Homöopathie so sehr schätzen, warum können sie die paar Euro dafür nicht aus eigener Tasche zahlen? Auch für Brillen und Zahnersatz, beides zweifellos nützlich, zahlt man selbst. Ob es am Ende doch einfach nur um Klientelpolitik geht, um globuliaffine Wähler:innen und Hersteller vor Ort, um das „C“ im Namen der eigenen Glaubensgemeinschaft?

Kommentare (2)

  1. #1 RPGNo1
    26. Juni 2026

    Edzard Ernst hat sich desselben Themas angenommen.

    Prominent Germans signed an ‘open letter’ in support of homeopathy and anthroposophic medicine

    https://edzardernst.com/2026/06/prominent-germans-signed-an-open-letter-in-support-of-homeopathy-and-anthroposophic-medicine/

    Ich bin enttäuscht, dass Winfried Kretschmann ein Mitunterzeichner ist. Aber vielleicht war Kretschmann schon immer ein heimlicher Homöopathieanhänger, aber hat es während seiner Zeit als Ministerpräsident aus Politikräson nicht zum Ausdruck gebracht und deswegen immer seinen Gesundheitsminister Manne Lucha, den ewig unerschütterlichen Homöopathieapologeten, nach vorne geschickt.

    • #2 Joseph Kuhn
      26. Juni 2026

      @ RPGNo1:

      Mich würde sehr interessieren, wie diese “Allianz” zustandekam. Wenn Warken diesem Drängen nachgibt, kann sie ihre Glaubwürdigkeit einpacken.