2018 haben Biologen des OrcaLabs vor British Columbia zum ersten Mal beobachtet, wie ein erwachsenes Orca-Männchen ein Neugeborenes angriff und tötete. Das ist der bisher erste und einzige Bericht einer solchen Kindstötung (Infantizid) bei Orcas. Der Deutsche National Geographic hat die Story gerade noch einmal gebracht und ich bin darauf angesprochen worden. Darum also hier die ganze Story und etwas Hintergrund.

Das OrcaLab ist eine Feldforschungseinrichtung, die mit Hydrophonketten Orca-Aktivitäten in der Johnston Strait belauscht. Sowie Orcas auftauchen, fahren die Biologen mit kleinen Booten zu den Gruppen, um sie direkt zu erfassen und zu beobachten. Vor British Columbia gibt es verschiedene Orca-Ökotypen, die sich nicht vermischen: Die fischfressenden Residents, die sich dort regelmäßig aufhalten und die Transients (Bigg`s killer whales), die Meeressäuger jagen und nur gelegentlich vorbeiziehen. Da diese Gruppen seit Jahrzehnten erforscht werden, sind die Tiere per Photo-Identifikation ihrer markanten Rückenflossen individuell bekannt. Beide Ökotypen haben ein unterschiedliches Laut-Repertoire. Jede Gruppe und jedes Individuum haben eine Kennung aus Buchstaben und Zahlen. Jede Familiengruppe ist nach dem weiblichen Leittier benannt.
Dieser Beitrag basiert direkt auf der Nature-Publikation zu diesem Zwischenfall, die mit Photos und Graphiken diese wilde Jagd gut abbildet – anschauen lohnt sich!

Dorsal Fin of the orca whale, thanks to the ‘NOAA Photo Library’ (Wikipedia: NOAA)

2018 hatten die Biologen des OrcaLab um 09:59 Orca-Laute von West Coast Transients-Schwertwalen (WTC killer whales oder Bigg`s Orcas) in der Hydrophon-Kette, um 10:55 Uhr fuhren sie mit einem Boot los, um die Orcas in der nahe gelegenen Robson Bight zu beobachten.
Sie trafen das erwachsene Weibchen T068 (age ≥ 46 yr, post-reproductive – sie ist die Matriarchin/Anführerin ihrer Familie T068) und ihren erwachsenen Sohn T068A (age 32), die 200 m hinter T046B1 (age 13), ihrem Baby T046B1A (age < 2 yr) und ihrer Schwester T046B4 (age < 3 yr) schwammen. T046B4 hatte frische, blutende Wunden mit Zahnspuren eines anderen Orcas an beiden Flanken und andere Verletzungen.

Kurze Zeit später trafen die beiden T046-Weibchen mit weiteren Orcas ihrer Familie zusammen: ihrer Mutter T046B (age 28 yr, einer Tochter der Matriarchin T046) mit ihren weiteren Töchtern T046B2 (age 8 yr) und T046B3 (age 5 yr) sowie einem Neugeborenen (T046B5). Das Neugeborene hatte noch fötale Falten und eine nicht aufgerichtete Rückenflosse, kleine Wale liegen zusammengefaltet im Mutterleib.

Einige Zeit später beobachteten die Biologen ungewöhnliche Bewegungen und aufspritzendes Wasser, was normalerweise Anzeichen für Jagd-Aktivität sind. Dann tauchten die Orcas wieder auf – diesmal hatte das Männchen T068A das Jungtier zwischen den Kiefern.
Die Mutter T046B preschte auf das Männchen zu, wurde aber von dessen Mutter abgewehrt. Ein Hydrophon zeichnete während des Kampfes starke Laut-Aktivitäten auf.

Schließlich rammte die verzweifelte Mutter T046B T068A nahe der Oberfläche und brachte dem Männchen mehrere Wunden bei. Der verwundete T068A behielt das Neugeborene aber im Maul, und schwamm mit seiner Mutter T068 fort. Die Mutter konnte trotz weiterer Versuche ihr mittlerweile totes Kalb zurückzubekommen, scheiterte aber.
Um 16:15 Uhr mussten die Biologen wegen des Einbruchs der Dunkelheit die Beobachtung aufgeben.
Bis dahin hatten die T068-Tiere das getötete Kalb mit sich getragen, aber nicht gefressen. Da das Neugeborene am Schwanz gepackt und dann mitgeschleift wurde, ist es vermutlich ertränkt bzw. erstickt worden – Wale atmen unter Wasser nicht, sondern halten die Luft an.

Diese Beobachtungen sind per Hydrophon sowie Über- und Unterwasser-Kameras dokumentiert und haben den Orca-Experten viel Stoff zum Nachdenken gegeben.
Da die T068-Tiere das Jungtier der T046A-Gruppe nicht gefressen, sondern nur ganz gezielt getötet. Es war also offenbar ein Kindsmord innerhalb eines Clans – ein Infantizid.
Bei Orcas ist diese Verhaltensweise in 40 Jahren Orca-Forschung noch nie beobachtet worden. Allerdings bei Großen Tümmlern verschiedener Populationen (s. dazu Meertext: Delphin-Verhaltensforschung).

Möglicherweise kommen solche Verhaltensweisen auch bei den Orcas vor British Columbia häufiger vor, spielen sich aber vor allem unter Wasser, also im Verborgenen ab und sind darum noch nie dokumentiert worden.
Normalerweise halten Transient Orcas bei der Jagd „Funkstille“. Dass es in diesem Fall sehr viele und ungewöhnliche Lautäußerungen gab, unterstreicht, dass es hier nicht um eine Jagd zum Nahrungserwerb ging. Die anormalen Lautäußerungen unterstreichen den extremen Streß dieser Situation.
Die Kooperation des Männchens T068A und seiner Mutter ist typisch für Orcas. Es ist bekannt, dass gerade Weibchen jenseits des Reproduktionsalters – wie T068 – ihren erwachsenen Söhnen viel Unterstützung geben und auch andere Tiere der Gruppe aktiv unterstützten (s. Meertext: Orcas-Omas kümmern sich um ihre Enkel ). Mit ihrem ökologischen Wissen und dem Teilen von Beute tragen die erfahrenen Weibchen erheblich zum Überleben der gesamten Gruppe bei. Möglicherweise unterstützen die Mütter ihre Söhne auch bei der Auswahl von Partnerinnen zum Paaren.

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Kommentare (4)

  1. #1 RPGNo1
    4. November 2020

    Dass landlebende männliche Raubtiere Jungen töten, damit deren Mütter wieder schneller empfängnisbereit sind, war mit bekannt. Aber dass Zahnwalen ein ähnliches Verhalten zeigen, lese ich zum 1. Mal. Faszinierend.

    And now something completely different:
    Eine tote ca. 2 m große Lederschildkröte wurde an die dänische Nordseeküste gespült. Ich frage mich, wie es das Tier von den warmen Subtropen/Tropen an diese kühlen Gestade geschafft hat.

    https://www.spiegel.de/panorama/daenemark-kindergartenkinder-finden-riesenschildkroete-a-7f728082-99cd-436d-91af-cf4ad9efbdde

    • #2 Bettina Wurche
      4. November 2020

      @RPGNo1: Bei Orcas war das definitiv überraschend. Ich habe 1000 Fragen dazu, auch, warum die Gruppe von T068A nicht eingegriffen hat.
      Lederschildkröten sind extrem groß, haben viel Masse und eine dicke Fettschicht – ihre Körpertemperatur können sie so deutlich über der wassertemperatur halten. Mit dem warmen Golfstrom gelangen sie bis nach Schottland, selten auch in Nord- und Ostsee bis nach Skandinavien. Die Lederschildkröte Marlene im Meeresmuseum strandete an – ich glaube – der Darßer Schwelle. Wenn ich mich recht entsinne, sorgte sie auch mit für die Neuausrichtung des damaligen Naturkundemuseums zum Meeresmuseum.

  2. #3 RPGNo1
    4. November 2020

    @Bettina Wurche

    Danke für die Informationen zur Lederschildkröte

    • #4 Bettina Wurche
      4. November 2020

      @RPGNo1: Gern : ) In einem “Meer und Museum” ist die Geschichte der Lederschildkröte erzählt, ich schaue mal, ob ich das Heft finde. Online habe ich die Story leider nicht gefunden.