“Moby Dick attacking a whaling boat” – Augustus Burnham Shute – Moby-Dick edition – C. H. Simonds Co; Illustration from an early edition of Moby-Dick (Wikipdeia: Mody Dick)

Im 19. Jahrhundert war die Pottwal-Jagd im Pazifik ein großer Industriezweig vor allem amerikanischer Walfänger. Herman Melville hat den Walfängern und den Pottwalen (Physeter macrocephalus) mit seinem legendären „Moby-Dick“ ein Denkmal gesetzt: Der große weiße Pottwal-Bulle Moby-Dick widersetzt sich seinen Jägern und versenkt stattdessen Captain Ahab mitsamt Schiff „Pequod“ und Mannschaft, nur ein Mann überlebt. Der großartige Roman beruht auf einer wahren Begebenheit: 1821 hatte der weiße Pottwal Mocha Dick tatsächlich mit Rammstößen des Kopfes den hölzernen Walfänger „Essex“ versenkt.

Die Pottwal-Forscher Hal Whitehead, Luke Rendell und Tim D. Smith haben die Logbücher der Walfänger analysiert und sind zu dem Ergebnis gekommen: Offenbar haben Pottwale innerhalb sehr kurzer Zeit gelernt, den Walfängern aus dem Weg zu gehen. Anders wäre es nicht zu erklären, dass die Pottwal Fänge innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgegangen sind.

William M Davis (1815-1891) – Nimrod of the Sea; or, The American Whaleman by William M Davis (1874); 1874 illustration of whalers stripping blubber from a slain whale. (Wikipedia: Sperm whaling)

Logbücher dokumentieren Wal-Massaker

Die Logbücher der Walfänger verzeichnen, welches Schiff wo und wann wie viele Wale erbeutet hat und wie viele Fässer Öl daraus gekocht wurden. Sie sind heute wertvolle Datenquellen, auch um historische Bestände zu rekonstruieren. Das kostbare Kopföl der Pottwale (Spermaceti) war für die Walfänger aus Nantucket, New Bedford und den anderen Walfänger-Gemeinden der US-amerikanischen Ostküste im 19. Jahrhundert der Grund, sich auf die gefahrvolle und mehrjährige Reise zu den Walgründen im Pazifik zu begeben (die Walbestände des Nordatlantiks waren längst dem jahrhundertelangen Abschlachten zum Opfer gefallen und darum nicht mehr lohnenswert). Diese Communities – oft von Quäkern bewohnt – waren Teil einer strukturierten Waltötungs und -verwertungs Maschinerie und grausam effektiv.
Allerdings gingen nach den ersten Jahren die Fänge der Amerikaner im Pazifik um 58% zurück. Dieser Rückgang kann nicht dadurch erklärt werden, daß die Walfänger weniger Jahre weniger kompetent beim Aufspüren und Harpunieren der Wale waren, außerhalb des Pazifiks blieb ihr Erfolgt nämlich gleich groß. Auch wenn sie zunächst sehr viele Wale gefangen hatten, könnten diese Tötungen nicht zu einem so schnellen starken Rückgang des Pottwalbestandes dort geführt haben. Es muss also andere Gründe dafür geben.

Die Lern-Kultur der Pottwale

Hal Whitehead ist einer der wichtigsten Pottwal-Forscher weltweit, er hat ihre Kommunikation entdeckt und ihnen aufgrund ihrer komplexen sozialen Kommunikation mit Ausbildung von Dialekten und Lernstrukturen eine Kultur zugestanden. Anders als andere Zahnwale nutzt nur Physeter schnelle Klick-Serien, so genannte „Codas“, zur sozialen Kommunikation – die Klicks waren bis dahin nur als Echoortungs-Klicks bekannt.

Seit mehreren Jahrzehnten untersucht der Forscher der Dalhousie-Universität die soziale Kommunikation von Pottwalen, an den Gruppen der Weibchen und Jungtiere vor den Galapagos-Inseln hatte er erstmals beschrieben, wie die Tiere voneinander lernen. Kleine Familiengruppen aus Weibchen und ihrem Nachwuchs sind Social Units (Sozialverband), viele Social Units gehören zu einem Clan. Innerhalb des Clans klicken die Pottwale ähnliche akustische Muster, die Clans unterscheiden sich dann akustisch voneinander. Die Gruppen eines Clans interagieren miteinander, ähnlich wie man es von Orcas kennt.
Whitehead und sein Team sind zu dem Ergebnis gekommen, dass innerhalb des Social Units die einzelnen Wale ihr Klick-Muster erlernen, nicht nur von Mutter zu Nachwuchs, sondern auch horizontal von Nicht-Verwandten. Damit erfüllen die Meeressäuger die Anforderungen  an ein soziales Lernen und eine kulturelle Leistung (Quellen s. u.).

Whitehead, Rendell et al sind der Meinung, dass der schnelle Rückgang des Walfang-Erfolgs durch ein Lernen in den Sozialverbänden der Pottwal-Gruppen zu erklären wäre: Die grauen Riesen der Meere haben die Gefahr erkannt und sind daraufhin aktiv den Walfängern ausgewichen.

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Kommentare (5)

  1. #1 RPGNo1
    22. März 2021

    Spannend.

    Ich nehme für mich mit, dass immer mehr Tierarten entdeckt werden, die ein kulturelles Verhalten an den Tag legen, als man sich das vor wenigen Jahrzehnten noch hätte vorstellen können.

    • #2 Bettina Wurche
      22. März 2021

      @RPGNo1: Exakt so ist es! Die Mull-Kultur fand ich auch wirklich klasse. Für mich ist das ein gutes Zeichen, dass immer mehr WissenschaftlerInnen ihre eigene Rolle und Position im Universum immer stärker reflektieren und mit offenem Geist nach anderen Kulturen und Kulturleistungen suchen. Whitehead war in den 70-er Jahren neben Roger Payne eine der wichtigsten Innovatoren einer Erforschung lebender Wale, statt nur Daten toter und getöteter Tiere zu nutzen.
      Diese Forschung ist jetzt auch ganz klar erst durch die Computer-Programme zur Auswertung und Mustererkennung gigantischer Datenmengen möglich geworden. Whitehead und seine Arbeitsgruppe nutzt MATLAB, andere WissenschaftlerInnen nutzen R. Technologischer Fortschritt bringt imme rneue Forschungs-Perspektiven. Das ist ja auch in der Klimaforschung sehr deutlich zu sehen.

  2. #3 Herb
    Heidelberg
    22. März 2021

    Vielen Dank für den äußerst interessanten Bericht. Dies würde aber auch bedeuten, dass die atlantische Pottwal-Population dieses Verhalten nicht gelernt und weitergegeben hat. Gibt es denn einen Austausch zwischen den beiden Populationen über die beiden Kaps?

    • #4 Bettina Wurche
      22. März 2021

      @Herb: Das kommt auf jeden Fall vor. Die Weibchen-Kind-Gruppen leben in wärmeren Gewässern. Diese Gruppen sind die kulturellen Zentren, Whitehead nennt die gegenseitige Unterstützung in der Nachwuchs-Fürsorge die Keimzelle von Kultur und Kommunikation. Die Mütter tauchen ja recht tief ab, in dieser Zeit wird Baby dann von ihrer besten Freundin beaufsichtigt. In subpolaren Gewässern leben ausschließlich Bullen nach Eintritt der Geschlechtsreife (dann fliegen sie bei Muttern `raus). Diese machen fast ausnahmslos nur Nord-Süd-WAnderungen, sie besuchen offenbar meist die gleichen Damen. Ab und an wechseln einzelne Bullen auch mal vom Atlantik in den Pazifik – die Walfänger hatten darüber berichtet: Alte Bullen bringen besonders viel Öl wegen ihres riesigen Spermaceti-Organs. Darum haben Walfänger natürlich diese Tiere ins Visier genommen. Oft haben sie zwar eine Harpune anbringen, aber den Wal nicht tödlich verletzen können. Dadaurch sind solche Wechsel dokumentiert worden. Die Pottwale bleiben allerdings außerhalb der Packeis-Grenze, darum sind sei wohl eher um Kap Horn geschwommen.
      Genetische Analysen haben allerdings auch “ocean changing” bei Weibchen nachgewiesen:
      https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1689695/pdf/10097396.pdf

      Ich glaube allerdings, dass in der Zeit im Nordatlantik gar keine Pottwaljagd im großen Stil mehr stattfand, sonst wären die Amerikaner ja nicht extra dafür in den Pazifik gesegelt. Möglicherweise hatte diese Population nicht schnell genug gelernt. Um Madeira und die Azoren sind Pottwale mit kleinen offenen Booten und mit Hand-Harpunen bis in die 1970-er Jahre getötet worden. Entweder waren sie weniger lernfähig oder die AWlfänger härter im Nehmen

  3. […] Gruppen über eine lange Distanz mit Klickgeräuschen vor den Menschen gewarnt haben. (Quellen: scienceblogs.de, spectrum.de, deutschlandfunknova.de, abcnews.go.com und The Royal Society – Bilology […]