Das Gebiß eines Schwertwals (Orcinus orca) erinnert mich eher an ein Riesenreptil als an einen Wal. Die Batterie großer, kegelförmiger Zähne lässt mich jedes Mal schlucken, diese größten Delphinartigen haben nicht ohne Grund ihren Namen Killer whale.
Normalerweise schließen die Zähne des Ober- und Unterkiefers dicht, beide Zahnreihen passen exakt ineinander. An den Rändern sind manche Zähne abgeschliffen, bei älteren Tieren runden sich die Zahnspitzen.

Gestern geriet ich auf Twitter in eine Diskussion mit Markus Bühler (Bestiarium-Blog) und walkundigen Paläontologen Robert Boessenecker vom College von Charleston (Coastal Paleontologist, atlantic edition). Beide schreiben wirklich lesenswerte Blogs.

Orca-Schädel im Zoologischen Museum Kiel (Copyright: Markus Bühler)

Markus hatte im Zoologischen Museum in Kiel, einen Orca-Schädel mit extrem stark abgenutzen Zähnen gesehen. Der Schädel stammte von einem Orca-Bullen, der 1841 auf Sylt gestrandet war. Die Abnutzung der Zähne nennt Markus “really nasty abrasion“. Nasty trifft es definitiv – gleich mehrere Zähne sind so abgekaut, dass die Zahnhöhle (Pulpa) offen liegt. Das ruft bei mir sofort die Erinnerung an starke Zahnschmerzen hervor.
Die fehlenden Zähne dürften wohl eher dem Zahn der Zeit anzulasten sein. Ohne die stützenden Weichteile verliert der Zahnapparat nämlich seinen festen Halt im Kiefer. Werden die Kauorgane dann nicht extra befestigt, fallen sie irgendwann aus. Die Risse in den Zähnen könnten auch postmortal entstanden sein: Das lebendige Hartgewebe des Zahns trocknet nach dem Tod aus. Werden Zähne nicht in Flüssigkeit aufbewahrt, beginnen sie dann allmählich zu reißen. Darum sind bei Museumsschädeln oft die Zähne gegen Repliken ausgetauscht.
Die Aufnahmen aus dem Museum sind etwa 15 Jahre alt, wir wissen nicht, ob dieser Schädel nach der Umgestaltung des Museums noch ausgestellt ist.

Und der Schwertwal, der hat Zähne

Schwertwale haben 10 bis 14 konische Zähne in jeder Kieferhälfte – insgesamt also bis zu 56. Die spitzen, nach hinten gebogenen Zähne eignen sich zum Schnappen und Festhalten der oft schlüpfrigen Beute perfekt. Mit 2,5 Zentimetern Durchmesser und bis zu 10 Zentimetern Länge sind sie groß. Die beiden ineinandergreifenden Zahnreihen können auch Fleischbrocken oder Körperteile der Beute herausreißen oder abbeißen. Zum Kauen sind sie ungeeignet, Wale schlucken den ganzen Bissen unzerkaut.

Schwertwale kommen zwar kosmopolitisch in fast allen Meeren vor, die Bestände unterscheiden sich aber durch ihre bevorzugte Beute, ihre Jagdmethoden und ihre akustische Kommunikation. Je nach ihrer Kultur ernähren sich manche von verschiedenen Fischarten wie etwa Lachs, Hering oder Antarktischem Seehecht, andere reißen kleine und große  Meeressäuger, vom Seehund bis zum Bartenwal (dazu gibt es schon einige Meertext-Artikel, die verlinkt sind).

Anders als andere Säugetiere, haben Zahnwale nur eine einzige Zahngeneration. Junge Zahnwale haben sehr spitze Zähne, im Laufe des Alters runden sich die Zahnspitzen etwas ab. Allerdings stört das beim meist wenig, die meisten Zahnwale wie Delphine und Schweinswale saugen ihre Fische oder Tintenfische einfach per Unterdruck ins Maul ein.

Einige Orcas leiden allerdings aufgrund ihrer Lebensweise und Ernährung an erheblichem Zahnverschleiß. Da Orcas zwischen 40 und 80 Jahre alt werden können und manche von ihnen ihre spitzen Zähne auch beim Beuteerweb einsetzen müssen, sind Gebißschäden ein Problem: Nicht nur Zahnschmerzen machen ihnen das Leben unangenehm, sondern es könnte sogar Probleme beim Beuteerwerb geben. Mal ganz abgesehen von der schlechten Laune.

Fische und Haie schleifen Orca-Zähne ab

Orca-Experten wie John Ford und seinem Team war schon vor über 10 Jahren aufgefallen, dass unterschiedliche Orca-Bestände unterschiedlich stark abgenutzte Zähne haben. Die Orca-Bestände im kanadischen Nordpazik werden in drei Gruppen unterteilt:

  • die Residents, die vor allem Lachs fressen,
  • die Transients, die überwiegend Meeressäuger jagen und
  • die Off-shores, die u. a. Haie erbeuten.

Zwischen der bevorzugten Beute und dem Zahn-Verschleiß besteht ein unübersehbarer Zusammenhang!

Haie und Heringe machen Zahnschmerzen

Die Off-shores waren 2011 noch wenig erforscht, so Ford, allerdings gaben chemische Spuren erste Hinweise, dass sie weder Lachs noch Meeressäuger fressen. Die Orca-Forscher konnten schließlich einige Male direkt beobachten, wie diese Schwertwale Haie jagten. Sie sammelten einige Hautstücke der Orca-Mahlzeit aus dem Wasser und konnten so per DNA-Analyse die Beute identifizieren: Somniosus pacificus! Bei zwei Orca-Jagden erbeuteten die großen Delphinartigen insgesamt 16 dieser Schlafhaie. Schlafhaie sidn langlebig und kommen auch in kühleren Gewässern vor, der Grönlandhai gehört zu dieser Gruppe.

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Kommentare (4)

  1. #1 Joseph Kuhn
    20. Dezember 2021

    @ Bettina Wurche:

    “Bohrlöcher”? Haben gefangene Orcas Zahnärzte, die bohren, oder ist damit etwas anderes gemeint?

    • #2 Bettina Wurche
      20. Dezember 2021

      @Joseph Kuhn: Ja. Es gibt mittlerweile Zoo-Zahnärzte, die flicken auch Orca-Zähne.

  2. #3 Joseph Kuhn
    21. Dezember 2021

    @ Bettina Wurche:

    In diesem Zoo-Blog steht, die Orcas würden bei Bohrungen sogar freiwillig den Mund aufmachen: https://blog.loroparque.com/der-mythos-der-zahnschaeden/?lang=de

    Falls das stimmt, muss man wohl davon ausgehen, dass sie sich auch gegen Corona impfen lassen würden – am Ende haben sie mehr Verstand als manche von uns Menschen. 😉

    • #4 Bettina Wurche
      21. Dezember 2021

      @Joseph Kuhn: Ja, stimmt. Die Meeressäuger-Shows in Zoos und Aquarien bestehen aus leicht modifizierten natürlichen Verhaltensweisen, die durch Belohnung gezielt abrufbar werden. Zur Belohnung gehört übrigens auch Publikums-Applaus. Dazu werden Verhaltensweisen wie gezieltes Stranden, Maul öffnen, “husten” und anderes täglich geübt und belohnt, damit im Ernstfall ÄrztInnen und PflegerInnen das Tier behandeln können.
      Schon ein nicht sehr großer Delphin hat eine Zahnbatterie im Maul, die einem unvorsichtigen Tierarzt die Hand zermamlmen könnte. Ein Delphin-Flukenschlag bedeutet gebrochene Knochen der Menschen.
      Auf der Seehundsstation Friedrichskoog wird das total gut erklärt und gezeigt. Dort sindneben den Kurzzeitgästen, nämlich den Heulern, die wenig Menschenkontakt haben und wieder ausgewildert werden, auch einige Seehunde und Kegelrobben dauerhaft. Sie sind verletzt aufgefunden worden und würden in der Nordsee wohl nicht überleben. Mit ihnen kann die Crew der Station dann die Doktorspiele schön vorführen.
      Kegelrobben sind keine Plüschis, sondern Prädatoren, die auch Schweinswale jagen – die Gebisse sind dementssprechend. Außerdem sind Robbenbisse extrem infektiös, die meisten Antibiotika sind wirkungslos. Da muss so eine Untersuchung gut klappen.

      Ja, Tiere entwickeln keine Verschwörungsmythen, das ist ein erheblicher Vorteil : )