Vor zwei Wochen hat der Sozialmediziner Bernt-Peter Robra hier einen Gastbeitrag zum Trend einiger wichtiger Coronadaten veröffentlicht. Heute gibt es von ihm ein Update der Daten – mit eindeutiger Entwicklungsrichtung.

Corona: Trends

Bernt-Peter Robra

Die nachstehende Abbildung illustriert die Corona-Entwicklung mit Daten des RKI-Lageberichts. Sie schreibt den Stand vor zwei Wochen fort. Die oberste Kurve (blau) sind die testpositiven Fälle der jeweils letzten 7 Tage (aus Tabelle 1 des täglichen RKI-Lageberichts). Die anderen Kurven sind gleitende 7-Tages-Mittelwerte. In halblogarithmischer Skalierung weisen prozentual gleiche Entwicklungen gleiche Steigungen auf.

Die Zahl der Corona-Patientinnen und Patienten auf Intensivstationen („DIVI-Fälle“) hat den Anstieg fortgesetzt, der sich vor zwei Wochen angedeutet hatte – auf jetzt 487 Fälle. Auch bei den COVID-19 zugerechneten Todesfällen (rot) gab es eine Zunahme. Der Infektionsdruck in der Bevölkerung hat also mit spürbaren Folgen zugenommen.

Die Zahlen testbestätigter Meldungen aus Kindereinrichtungen (§ 33 IfSG), Pflege- und Betreuungseinrichtungen (§ 36 IfSG) und im engeren Gesundheitswesen (§ 23 IfSG) sind ebenfalls weiter gewachsen. Dabei sind die neu ausgewiesenen Fälle der dort jeweils Betreuten und Tätigen zusammengefasst.

Kommentare (15)

  1. #1 echt?
    9. Oktober 2020

    Warum haben wir noch keine Coronaausbrüche an den Hochschulen, die Vorlesungen haben doch schon begonnen?

  2. #2 BPR
    9. Oktober 2020

    @echt?
    Hybridlehre ist Trumpf, d.h. ein Mix aus Präsenz- und Onlineveranstaltungen. Vorlesungen sind leicht digital verfügbar zu machen. Schwieriger sind Praktika und Prüfungen. Dazu haben die Hochschulen schon im SoSe Erfahrungen gesammelt. In Sachsen-Anhalt lautet die Weisung: in allen Fällen, in denen Hygiene- und Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden können, muss digital gelehrt werden. Siehe auch:
    https://www.hrk.de/themen/hochschulsystem/covid-19-pandemie-und-die-hochschulen/massnahmen-und-sonderregelungen-der-bundeslaender/
    Im Übrigen: eine Frage der Zeit und der Transparenz der Statistik.

  3. #3 Fluffy
    19:11
    9. Oktober 2020

    Sehe hier als Werbung gerade eine Deutschlandkarte mit der Verteilung der Immobilienpreise.
    Habe die starke Vermutung, dass eine hohe Korrelation zu den Infektionszahlen besteht.

  4. #4 BPR
    9. Oktober 2020

    @Fluffy: auch ohne formale Testung – viele Gesundheitsindikatoren haben einen Nord-Ost- nach Süd-West-Gradienten (S-W besser, z.B. die Lebenserwartung). Bei den Corona-Infektionszahlen und den DIVI-Fällen sind Süden und Westen aber tendenziell schlechter dran. Das passt dann zum Gradienten von Einkommen und vermutlich Immobilienpreisen. Stadtstaaten Berlin, HB und HH und einige Großstädte wie München scheinen ein eigenes Milieu zu haben. Wachtler et al. (RKI) haben Meldedaten auf Kreisebene ausgewertet. Sie schreiben: “Dabei zeigt sich in der frühen Phase der Epidemie bis Mitte April zunächst ein sozioökonomischer Gradient mit einer höheren Inzidenz in weniger deprivierten Regionen Deutschlands. Im weiteren Verlauf ist dieser Gradient jedoch bundesweit nicht mehr nachweisbar und kehrt sich im Süden des Landes, der insgesamt am stärksten von der Epidemie betroffen ist, zuungunsten der stärker deprivierten Regionen um” (Journal of Health Monitoring 2020; 5(S7):19–31. doi:10.25646/7056).

  5. #5 Fluffy
    15:28
    10. Oktober 2020

    Vielen Dank für Ihre Ausführungen. Das zeigt mir, dass es durchaus Personen gibt, die sich mit sozialen oder soziologischen Gründen der Pandemieentwicklung beschäftigen. Der Begriff der Deprivation war mir bis dato nicht geläufig.
    Interessant finde ich, dass sich der Zusammenhang zwischen Deprivation (was ich in diesem Moment als die benachteiligten Schichten verstehen würde) und Inzidenz umkehrt. Welche dynamischen, zeitlichen Veränderungen in der Entwicklung könnten hier dahinter stecken?

    • #6 Joseph Kuhn
      10. Oktober 2020

      @ Fluffy:

      Der Deprivationsindex, den die RKI-Autor/innen verwendet wurden, ist ein Index, der ursprünglich einmal von Werner Maier vom Münchner Helmholtz-Zentrum in Adaption britischer Vorbilder entwickelt wurde. Er bündelt für Gebietseinheiten Merkmale aus Bildung, Beruf und Einkommen und ist in der Sozialepidemiologie inzwischen recht verbreitet.

      Zu den Gründen der Veränderung der Zusammenhangsrichtung gibt es ein paar Überlegungen in der RKI-Publikation. Anfangs hätten Infektionen in Skiregionen und Feste eine wichtige Rolle gespielt, das habe sozial Benachteiligte eher weniger betroffen. Mit zunehmender Verbreitung in der Bevölkerung könnten Arbeits- und Wohnbedingungen bedeutsamer geworden sein. Bei solchen korrelativen Zusammenhängen auf regionaler Ebene muss man aber immer vorsichtig sein, da lauert der “ökologische Fehlschluss” hinter jeder Ecke. Es gibt aber inzwischen auch in Deutschland erste Analysen auf Individualebene, die auf einen Sozialgradienten zumindest bei den Erkrankungen hinweisen, z.B. von Dragano et al.

      Sozialwissenschaftliche Forschung zu Corona finden Sie auch beim Rat für Sozial- und Wirtschaftsdaten sowie beim Netzwerk Public Health Covid-19.

  6. #7 BPR
    11. Oktober 2020

    Am 10. Oktober prüfte Susanne Götze im SPIEGEL, “warum jetzt weniger Menschen an COVID-19 sterben.” Ihr – in sich nicht stimmiger – Untertitel lautete: “Mehr Infektionen, weniger Tote: Gemessen am rasanten Anstieg der Neuinfektionen mit dem Coronavirus stagniert die Sterberate auf niedrigem Niveau”(https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-tote-in-deutschland-warum-jetzt-weniger-menschen-an-covid-19-sterben-a-b8f81fd1-61bb-49d6-b6a5-f3aaf32c1e73). Unsere Trendgraphik zeigt: die Prämisse ist falsch. Zwar hat die (zertifizierte) COVID-19-Sterblichkeit immer noch ein niedriges Niveau. Doch pro Million Einwohner nimmt sie keineswegs mehr ab. Für die Beurteilung dieses Trends ist die aktuelle “rohe” (d.h. nicht altersspezifisch ausgewiesene) Zahl der neu Testpositiven eine ferne und – wie man sieht – in die Irre führende Bezugsgröße.

  7. #8 Uli Schoppe
    11. Oktober 2020

    @BPR
    Äh nein? Die Trendgraphik zeigt das es da mal einen Knick nach oben gibt aber dann bei steigenden Zahlen eher gleich bleibt? Mach mich schlauer, Graphik ist immer falsch ^^

  8. #9 BPR
    11. Oktober 2020

    @Uli Schoppe
    Die Mortalität fällt nicht, eben. Deswegen stimmt die SPIEGEL-Botschaft “weniger Tote” nicht. Im Übrigen ist nichts in einer Graphik, was nicht vorher in einer Tabelle gewesen ist.

  9. #10 DocCarlos
    11. Oktober 2020

    @BPR Den Eindruck habe ich auch.

    Beim SPIEGEL heißt es Sinkende Todeszahlen sind ein weltweiter Trend, bei der Washington Post Covid-19 death rates are lower worldwide (hinter Paywall, zitiert nach coronavirus.jhu.edu).
    Aber der Blick auf Grafiken der Todeszahlen, etwa bei OurWorldInData oder bei ECDC zeigt mir, dass diese Zahlen seit Juni zunächst gestiegen und dann mit gewissen Schwankungen bis jetzt in etwa konstant geblieben sind bei durchschnittlich mehr als 5.000 Corona-assoziierten Sterbefällen weltweit pro Tag.
    Und das in einer Situation, in der wir nicht wissen, ob ein oder auch zwei Milliarden Menschen auf der Welt in Ländern leben, die bei der Zählung dieser Todesursache eine Untererfassung haben.
    Insofern wundere ich mich über Journalisten, die solche Nachrichten verbreiten.

  10. #11 Uli Schoppe
    12. Oktober 2020

    Kann es sein das man beim Spiegel auf die 7 Tage Inzidenz und die Todeszahlen geschaut hat und dann zu einer unpräzisen Aussage gegriffen hat?

  11. #12 BPR
    12. Oktober 2020

    Ja, anscheinend hat die SPIEGEL-Redakteurin die Mortalitätsziffer (Anzahl der an einer Krankheit Verstorbenen pro 100000 Einwohner; mortality rate) und die Infektionsletalität (Verstorbene pro 1000 Infizierte; infection fatality ratio) durcheinander gebracht. Der Zähler ist derselbe (mit allen Problemen der Zuordnung von Todesursachen), der Nenner unterscheidet sich.
    Wenn ein großer Teil der Infizierten gar nicht (erkennbar) erkrankt, sondern “inapparent” bleibt, ist auch die Fallsterblichkeit (Verstorbene pro 1000 Erkrankte; case fatality ratio) informativ. Für die Evaluation der Versorgung interessieren außerdem die Krankenhausletalität und die Letalität der Intensivpatienten. Über alle muss man reden, aber nacheinander.

  12. #13 Uli Schoppe
    12. Oktober 2020

    Vielen dank 🙂
    Ich habe das Argument auch heute im Betrieb schon genutzt (allerdings mit weniger Englisch, die fragen mich sonst ob ich sie vera…en will 😉 ). Zum Dank dafür bekam ich dann zu hören “Ah, dann kann es sein das Corona gar nicht so tödlich ist wie ALLE tun?” Wer denn jetzt ALLE sind und ob da nicht auch wieder Zahlenwirrwar drinnen ist lösen wir dann morgen in der Fortsetzung auf ^^ Die Graphik war in der Diskussion ganz hilfreich; ich wollte an anderer Stelle nur sagen das man durch Erwecken von Anschein bei Graphiken auch auf die geschickte Art “Lügen” kann. Und ich bin stolz auf meine Mitarbeiter das den Meisten direkt die Frage kam was das denn für eine komische Einteilung wäre. Die sind ja nun nicht alle ausgebildete Wissenschaftler. Aber man kann das ja vernünftig erklären. Ist halt die Arbeit die wir Halbgebildeten den Profis abnehmen können in der Kommunikation. Journalisten tun das ja anscheinend viel zu selten…

  13. #14 BPR
    13. Oktober 2020

    Prima, Herr Schoppe. 🙂

  14. #15 RPGNo1
    15. Oktober 2020

    “Die Fälle von Reinfektionen zeigen uns, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass die natürlich erworbene Immunität nach einer Infektion zu Herdenimmunität führt. Diese Strategie wäre nicht nur tödlich für viele, sondern nicht effektiv.” Um Herdenimmunität zu erreichen, benötige man sichere und wirksame Impfstoffe und gute Impfprogramme.

    https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-man-kann-sich-zweimal-mit-corona-anstecken-a-2d328a53-8acb-4913-bd26-c499a1872894