Der Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, stellvertretender bayerischer Ministerpräsident, ist bisher nicht gegen Corona geimpft. Das ärgert Markus Söder, der die Impfquoten in Bayern unbedingt schnellstmöglich steigern will, auch mit Blick auf die Delta-Variante des Virus. Ein Impfskeptiker im eigenen Kabinett gibt da kein gutes Bild ab. Am Dienstag gab es vor diesem Hintergrund bei einer Pressekonferenz einen aufschlussreichen Wortwechsel zwischen Söder und Aiwanger:

Söder: „Vielleicht sagst Du selber was dazu, warum Du Dich nicht impfen lassen willst.“

Aiwanger: „Die Entscheidung, ob sich jemand impfen lässt oder nicht, ist eine persönliche Entscheidung – die nehme ich auch für mich in Anspruch.“

Das stimmt. Es gibt keine Impfpflicht in Deutschland. Und dann hat Aiwanger noch hinzugefügt, er wolle sich die Entwicklung in den nächsten Wochen und Monaten anschauen. Das kann man so verstehen, dass er sein persönliches Risiko mit und ohne Impfung mit Blick auf das Infektionsgeschehen abwägt: Was riskiere ich, wenn ich mich diese Woche oder diesen Monat noch nicht impfen lassen, bzw. was gewinne ich, wenn ich es tue. Hier kommt also die „absolute Risikoreduktion“ ins Spiel, von der gerade erst wieder anlässlich Harald Walachs letztem Zahlensalat die Rede war.

Wenn man sich jetzt, bei vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen impfen lässt, reduziert man sein momentan (!) recht kleines Infektionsrisiko durch die Impfung natürlich nur wenig. Aber indem man sich darauf verlässt, verlässt man sich quasi in einer Trittbrettfahrermentalität darauf, dass andere für einen das Infektionsrisiko niedrig halten, z.B. indem sie weiter Masken tragen und Kontaktbeschränkungen auf sich nehmen oder sich impfen lassen. Ohne das würde das Infektionsrisiko für alle schnell steigen und damit auch der individuelle Nutzen, sich selbst baldmöglichst impfen zu lassen soll, bevor es einen erwischt.

Aber so lange das nicht ansteht, kann Trittbrettfahren auf Kosten anderer eine individuell rationale Strategie sein. Spieltheoretische Ansätze zur Erhöhung der Kosten des Trittbrettfahrens sind leider auch nicht immer von der ganz feinen Art. Wenn man so will, hat Söder mit seinem öffentlichen „Erklär-dich-Hubert“ gerade einmal ausprobiert, was da geht. Das hat Hubert Aiwanger auch sofort verstanden und moralisch pariert: „Menschen, die für sich als Person vom Impfen noch nicht überzeugt sind, sollten wir nicht sagen, dass sie falsch agieren“. Aber steht Aiwanger nur „für sich als Person“?

Kommentare (46)

  1. #1 Echt?
    2. Juli 2021

    Gleiche Strategie beim Klimawandel. Solange meine Nachbarn Energie sparen, kann ich doch mit alten Autoreifen heizen. Und solange alle brav ihren Müll entsorgen, kann ich meinen ja ruhig in den Wald schmeissen. Genauso funktioniert ein Gemeinwesen – nicht.

  2. #2 Kerberos
    2. Juli 2021

    Asoziales Gesindel.

    • #3 Joseph Kuhn
      2. Juli 2021

      @ Kerberos:

      Moralische Empörung ist hier eine zu unterkomplexe Reaktion.

      Interessanter und weiterführender wäre es, z.B. über sein mutmaßliches Risikokalkül zu diskutieren, über den damit einhergehenden Anspruch, inkrementell auch selbst als Risikofaktor zu wirken, über sein Recht auf eine persönliche Entscheidung im Verhältnis zu seiner politischen Rolle usw.

  3. #4 RainerO
    2. Juli 2021

    @ Echt?
    Stimmt, genau das ist die Denkweise vieler “Freientscheider”. Sollen mal die anderen machen und ich verlasse mich dann auf sie. Ganz so krass wie Kerberos würde ich diese Gruppe nicht bezeichnen, aber die Bezeichnungen, die mir einfallen (Sozialschmarotzer, Wohlstandsmaden) sind auch nicht besonders schmeichelhaft.
    Mal sehen, wie es mit der Durchimpfungsrate und einer eventuellen vierten Welle im Herbst aussieht. Ob es dann den Geimpften (und vielleicht auch den Gerichten) beibringbar ist, dass wieder alle eingesperrt werden, um die zu schützen, die sich “frei” gegen eine Impfung entschieden haben? Denn “Privilegien” für Geimpfte sind ja übelste Diskriminierung.

  4. #5 libertador
    2. Juli 2021

    @Joseph Kuhn und @Kerberos

    Warum wäre moralische Empörung die falsche Reaktion?

    Das ist doch eine Strategie, um mit Trittbrettfahrern umzugehen. Ich sehe hier ein mögliches Dilemma für liberale Gesellschaften. Auf der einen Seite ist die Achtung der Entscheidung des Einzelnen ein wichtiges Gut, auf der anderen Seite ist es nicht wünschenswert, wenn einige alleine die Vorteile mitnehmen. Auflösen lässt sich das Dilemma ggf. auf die folgende Art: Auch die Ächtung ist etwas, dass der Freiheit des Einzelnen unterliegt und damit geschützt ist. (Die Rolle der sozialen Sanktionen für die gesellschaftliche Moral bespricht schon Adam Smith wohlwollend).

    Abgesehen davon ist die spieltheoretische Bewertung ganz interessant. Es ist derzeit nicht davon auszugehen, dass er dauerhaft einer Infektion entgehen kann und der Impfschutz wirkt vermutlich doch recht lange. Einzig die Bewertung von möglichen bislang übersehenen Schäden durch die Impfung oder neue Varianten, die eine neue Impfung benötige, die er sich dann erst geben würde, können die Abwägung vielleicht entscheidend kippen.

    Wenn er wirklich spieltheoretisch klug agieren würde und andere ausnutzen würde, wäre es außerdem klüger sich bedeckter zu halten und andere nicht ggf. auch von der Impfung abzuhalten.Wobei er dann berücksichtigen müsste, dass es auffliegt.

    • #6 Joseph Kuhn
      2. Juli 2021

      @ libertador:

      „Das ist doch eine Strategie, um mit Trittbrettfahrern umzugehen“

      Im Prinzip ja, es erhöht die Kosten des Trittbrettfahrens – wenn es in der Abwägung des Trittbrettfahrers wirksam wird. Das liegt sicher außerhalb der Möglichkeiten von Kommentaren hier. Wir können nur das Problem hin- und herwenden, um besser zu verstehen, womit man es zu tun hat.

  5. #7 RPGNo1
    2. Juli 2021

    Die SZ meint zum Thema: “Hubert Aiwanger möchte keinen Corona-Impfschutz. Damit wird eine Frage befeuert, die sich seit Beginn der Krise immer wieder aufdrängt: Nimmt der bayerische Wirtschaftsminister Corona wirklich ernst?”

    https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-hubert-aiwanger-impfung-1.5338873?reduced=true

  6. #8 RPGNo1
    2. Juli 2021

    Sorry, der SZ-Artikel ist hinter einer Bezahlschranke. Aber ich habe noch einen Kommentar.

    https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-corona-aiwanger-impfung-kommentar-1.5338875

  7. #9 RainerO
    2. Juli 2021

    Abgesehen vom fatalen Signal, das er als Politiker in Regierungsverantwortung aussendet, torpediert er damit noch dazu ausgerechnet sein eigenes Ministerium.
    Wenn zu viele seinem “Vorbild” folgen, zieht das die notwendigen Einschränkungen unnötig in die Länge. Und das führt unweigerlich zu (noch mehr) wirtschaftlichen Schäden. Ob er wirklich nicht so weit denken kann/will?

  8. #10 RPGNo1
    2. Juli 2021

    Aiwanger ist Landwirt und Diplom-Agraringenieur (FH). Wenn dazu noch ein bairischer Dickkopf, vulgo Beratungsresistenz kommt …

  9. #11 Kai
    2. Juli 2021

    Erinnert ein wenig an Seehofer und seiner öffentlichen Weigerung, den Astraceneca Impfstoff zu nehmen…

    Aber ich finde das Problem liegt eigentlich woanders. Wenn es ein relevantes Risiko gäbe, wäre es ja rational nachvollziehbar, abzuwarten und andere vorzuschicken. Vor einem halben Jahr wäre so ein Schritt irgendwie nachvollziehbar gewesen – allerdings war damals die Inzidenz auch so hoch, dass der Nutzen einer Impfung deutlich höher war. Nun sind aber schon hunderte Millionen Menschen durchgeimpft und wir wissen mittlerweile sehr viel über die Verträglichkeit und die Nebenwirkungen der Impfstoffe. Man könnte doch meinen, das sollte das Vertrauen in die Impfung stärken. Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Je mehr wir über die Impfung lernen, desto verängstigter scheinen die Menschen zu sein. Da geht also irgendwas gehörig schief in der Aufklärung und Risikokommunikation. Oder Menschen wie Walach sind einfach sehr viel besser darin, den Menschen Angst einzujagen.

  10. #12 Ulrich Berger
    2. Juli 2021

    “Aber so lange das nicht ansteht, kann Trittbrettfahren auf Kosten anderer eine individuell rationale Strategie sein.”

    Leider nur allzu wahr, und wir Spieltheoretiker sind uns dessen auch bewusst: https://www.pnas.org/content/101/36/13391. Aiwanger ist hier aber weniger Spieltheoretiker, sondern vielmehr Spieler, und offenbar von nicht allzuviel moralischem Skrupel geplagt.

    • #13 Joseph Kuhn
      3. Juli 2021

      @ Ulrich Berger:

      “offenbar von nicht allzuviel moralischem Skrupel geplagt”

      Das sind vermutlich die wenigsten Politiker/innen. Was Aiwanger bewegt, hat er ja inhaltlich trotz Söders Aufforderung nicht gesagt. Man könnte, rein theoretisch, in Aiwangers Antwort auch ein moralisch anerkennungswürdiges Motiv sehen: Ein öffentliches Eintreten dafür, dass eine Impfung nur dann freiwillig ist, wenn man sich auch dagegen entscheiden kann. Aber andere Teile seiner Antwort (“Impfen ist ein direkter Eingriff in den Körper”) deuten eher auf anderes hin.

  11. #14 schorsch
    2. Juli 2021

    Solange wir H. Aiwangers Motivation nicht kennen, halte ich eine moralische Bewertung seines Handelns für nicht gerechtfertigt. Es mag sein, dass er Trittbrettfahrer ist. Es mag aber auch sein, dass er schlicht zu dumm ist, die Impfung für sich angemessen bewerten zu können und lieber auf den Zauberdoktor aus dem Nachbardorf hört, als auf die Wissenschaft. Das wäre ein guter Grund für seine Wähler, ihre Wahlentscheidung beim nächsten Mal gründlich zu überdenken, aber es wäre nicht verwerflich.

    Es mag aber durchaus auch sein, dass er gute Gründe hat, eine Impfung für sich sehr intensiv zu überdenken, und dass er ferner gute Gründe hat, diese Gründe nicht öffentlich zu nennen. Solange wir das nicht wissen – und zumindest seine mir bekannten Äusserungen zu diesem Thema geben diesbezüglich nichts her – sollten wir uns mit moralischen Urteilen zurückhalten.

    Auch wenn es hier nicht um strafrechtliche Vorwürfe geht, gilt dennoch die Unschuldsvermutung.

  12. #15 Kerberos
    2. Juli 2021

    @Joseph Kuhn
    Na ja, meine Formulierung hat den Vorzug der
    Kürze (und Würze) :=)
    Und vor allem, was ich damit ausdrücken wollte:
    Verachtung.
    Die “Empörung” lehne ich ab, da dieses Wort
    mittlerweile durch Übernutzung bei Schreiberlingen
    verkommen ist :=(
    Bezüglich Impfverweigerung erinnere ich gerne an die
    Impfpflicht gegen Pocken, die im 19ten Jahrh. eingeführt
    wurde. Man hatte lange per Propaganda und Beispiel
    gekrönter Häupter versucht die Menschen zu überzeugen,
    leider nicht mit ausreichendem Erfolg.

  13. #16 hwied
    3. Juli 2021

    Aiwanger will sich profilieren, so einfach ist das.
    Söder kann man nur raten, die Keule rauszuholen und seinen Spezi nicht mit Vornamen anzusprechen.
    Gegen Laschet hat er den gleichen Fehler gemacht.

  14. #17 schorsch
    3. Juli 2021

    Der Aiwanger will sich also profilieren? Darf ich dich daran erinnern, hwied, dass es der Söder war, der das Thema aufs Tapet gebracht, der den Aufhänger geliefert hat, nicht der Aiwanger?

    Wäre es dann nicht logischer, anzunehmen, dass der Söder sich auf Kosten seines Koalitionspartners profilieren wollte? Was bei der typischen CSU-Anhängerschaft ja auch ganz gut funktioniert, wenn man so sieht, wie der Aiwanger hier abgewatscht wird.

  15. #18 Jolly
    3. Juli 2021

    Solange der Impfstoff knapp ist, sowieso noch nicht alle jetzt und sofort geimpft werden können, würde ich Herrn Aiwanger nicht als Trittbrettfahrer bezeichnen.

    Wenn er sich nicht nach vorne drängeln will, was ja einige andere Politiker gemacht haben, oder einfach anderen den Vortritt lässt, so gibt es daran gar nichts zu mäkeln. Für die maskentragende Herde ergibt sich erst einmal kein Unterschied, da ja ein anderes Schaf geimpft wird. Die muss also auch nicht wegen ihm Einschränkungen länger hinnehmen.

    Über kurz oder lang wird er sich infizieren, davon kann man bei der Verbreitung des Virus und den vielfältigen sozialen Kontakten eines Politikers ausgehen. Oder er lässt sich eben doch noch impfen. Damit wäre aber das Risiko der Impfung auch nur aufgeschoben, nicht aufgehoben.

    Er gefährdet in erster Linie sich. Das sollte ihm erlaubt bleiben.

    • #19 Joseph Kuhn
      3. Juli 2021

      @ Jolly:

      “Wenn er sich nicht nach vorne drängeln will (…), so gibt es daran gar nichts zu mäkeln.”

      Wenn. Aber das scheint nicht das Motiv zu sein. Zumal inzwischen immer mehr Impfstoff liegen bleibt. Wobei Söders Bemerkung, “Sich jetzt impfen zu lassen, sei kein Vordrängeln mehr”, vermutlich nicht als Sachinformation für Aiwanger gedacht war, sondern angesichts dessen mutmaßlich ganz anders gelagerten Vorbehalten eine besondere Note hat.

      “Er gefährdet in erster Linie sich.”

      Er gefährdet von der Natur der Sache her zugleich Dritte: Wenn er sich infiziert, kann er auch andere anstecken. Das Risiko ist derzeit natürlich in der einen wie der anderen Hinsicht recht gering.

  16. #20 hwied
    3. Juli 2021

    schorsch,
    so herum kann man es auch sehen. Sich profilieren ist nicht negativ, entscheidend ist , wer sich womit profiliert.
    Aiwanger steht auf der falschen Seite. Söder profitiert mehr von der Situation.

  17. #21 Jolly
    3. Juli 2021

    @Joseph Kuhn

    Er gefährdet von der Natur der Sache her zugleich Dritte

    Ja schon, aber sonst würde eben ein anderer Dritte gefährden. Und egal ob das sogar die selben Dritten wären oder doch andere, in der Summe ändert das nichts.

    Zu falschen Schlüssen kommt Aiwanger, wennn er nur das Risiko für einen bestimmten Zeitraum betrachten würde, wie das im Text für Leute mit Trittbrettfahrermentalität ausgeführt wurde. Eine spätere Impfung kann zwar das Risiko später entdeckter Nebenwirkungen senken, aber, und davon können wir ausgehen, wenn an den Imfpstoffen nichts Wesentliches geändert wird, addieren sich für ihn einfach nur die Risiken. Auch wenn alles nur kleine Zahlen sind, in einer Gesamtbetrachung ergibt sich für ihn das Ansteckungsrisiko über den gesamten Zeitraum bis zur Impfung plus das Impfrisiko.

    So ein Trittbrettfahrer ist ein Verlierer.

    Zumal inzwischen immer mehr Impfstoff liegen bleibt.

    Dann will ich nichts gesagt haben.

    • #22 Joseph Kuhn
      3. Juli 2021

      @ Jolly:

      “Ja schon, aber sonst würde eben ein anderer Dritte gefährden.”

      Wie meinen? Mit den Viren, die sich Aiwanger einfängt, gefährdet nur er Dritte. Das tut er dafür ggf. mehrfach. Aber wie gesagt, das ist nicht der springende Punkt.

      “So ein Trittbrettfahrer ist ein Verlierer.”

      Na, muss das sein, wo doch schon Söder auf seiner zarten Seele herumgetrampelt ist …. 😉

  18. #23 RPGNo1
    3. Juli 2021
  19. #25 Joseph Kuhn
    3. Juli 2021

    Ein bisschen Grusel am Samstagabend:

    Der Journalist Matthias Meisner hat ein Buch des früheren thüringischen Verfassungsschutzpräsidenten Helmut Roewer gelesen und auf twitter kommentiert. Titel: “Corona-Diktatur. Der Staatsstreich von Merkel, Christunion & Co.” Klingt nach echt krankem Verschwörungszeug.

    Herausgegeben wurde das Buch von einem Kleinverlag “BuchHaus Loschwitz” einer Frau namens Susanne Dagen, die für die Freien Wähler im Dresdner Stadtrat ist – und unverhohlen nach rechtsaußen sympathisiert. Hubert Aiwanger ist auch Bundesvorsitzender der Freien Wähler. Ich glaube, die Partei hat über Aiwangers Impfvorhalte noch manche Klärungen vor sich.

  20. #26 Joseph Kuhn
    6. Juli 2021

    Aiwanger in der NZZ zum Trittbrettfahrer-Argument:

    “Dieser Vorwurf kommt immer wieder im Zusammenhang mit Impfdebatten. Zunächst einmal ist ja wohl ein Geimpfter gegen schwere Krankheitsverläufe besser geschützt, sofern nicht eine Mutation den Impfschutz durchbricht.”

    https://www.nzz.ch/international/hubert-aiwanger-es-darf-keinen-druck-auf-ungeimpfte-geben-ld.1633849

    Wer hat’s verstanden? Man bemühe die Spieltheorie, sonst interpretiert man seine Antwort unterkomplex. Es geht wieder um indirekte Reziprozität.

  21. #27 Jolly
    6. Juli 2021

    @Joseph Kuhn

    Wer hat’s verstanden?

    Was ist denn an der Aussage Aiwangers unverständlich? Wenn er für sich ein Impfung ablehnt, aus Gründen, die uns zwar nicht bekannt sind, aber aus seiner Sicht stichhaltig sein können, sollten wir ihm nicht einfach unterstellen, er kalkuliere im Sinne eines Trittbrettfahrers.

    “Wir müssen Druck vom Kessel nehmen, müssen die Leute überzeugen und die wissenschaftliche Aufklärung vorantreiben.” (Aiwanger in der NZZ)

    Vielleicht hilft es ja schon, bei ihm damit anzufangen.

    • #28 Joseph Kuhn
      6. Juli 2021

      Mein lieber Scholli,

      “Was ist denn an der Aussage Aiwangers unverständlich?”

      Zunächst sollte man lesen, was er sagt. Bei dem Zitat aus der NZZ steht der Vorwurf des Trittbrettfahrens gegen ihn natürlich im Hintergrund, und er bemüht sich, aus der Position des moralisch Angeklagten herauszukommen. Das versucht er, indem er den Geimpften einen Vorteil zuschreibt und so deren Position, sich moralisch über die Ungeimpften zu beklagen, zu schwächen. Ohne überhaupt darüber zu befinden, was er darf oder soll, ging es mir erst einmal nur darum, die Funktion des Arguments in einem Spiel mit indirekter Reziprozität offenzulegen.

      “Vielleicht hilft es ja schon, bei ihm damit anzufangen.”

      Ich glaube, das ist nicht nötig. Er gehört sicher zu den best informierten Politikern, bekommt jeden Tag aktuelle Lageinformationen. Aber Informationen determinieren keine Entscheidungen. Das ist ja letztlich auch sein Punkt: Jeder muss selbst entscheiden.

  22. #29 Joseph Kuhn
    28. Juli 2021

    Aiwangers Mundtrockenheit:

    Er höre “im persönlichen Umfeld von Fällen (…), die massive Impfnebenwirkungen haben”. “Da bleibt einem schon das eine oder andere Mal die Spucke weg”.

    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hubert-aiwanger-freie-waehler-erneuert-seinen-verzicht-auf-eine-corona-impfung-a-12fac96e-464f-4782-87bb-24ba5abcb055

    Die SPD-Politikerin Hilde Mattheis weiß, wozu Xerostomie führen kann: “Tja, da fehlen einem schlicht die Worte”

    https://twitter.com/HildeMattheis/status/1420304323280572417

    Die Süddeutsche spekuliert, wie Söder mit seinem mitregierenden Impfskeptiker umgehen wird: https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-aiwanger-corona-impfskepsis-kommentar-1.5366241. Über einen passenden Spielzug wird er sicher nachdenken.

  23. #30 RPGNo1
    29. Juli 2021

    Das Mindeste aber müsse es sein, den Zugang zu Restaurants, Reisen und Veranstaltungen für Nicht-Geimpfte zu erschweren, „weil im Moment die Kooperativen die Dummen sind“. An die Adresse des bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger (Freie Wähler), der sich bislang nicht hat impfen lassen, sagte [der Bonner Verhaltensökonom Armin Falk]: „Klappe halten, impfen lassen.“

    https://www.tagesspiegel.de/politik/leopoldina-forscher-poltert-allgemeinheit-muss-zahlen-fuer-traegheit-und-dummheit-der-impfgegner/27466542.html

  24. […] kurzem wurde hier die Haltung des stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger zur […]

  25. #32 RPGNo1
    20. August 2021

    Alle Oberpfälzer Landräte haben sich an einer Impf-Werbekampagne beteiligt – nur die Regensburger Landrätin Tanja Schweiger nicht. Ihre Argumente klingen ähnlich wie die, die man von ihrem Lebensgefährten, Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, hört.

    https://www.br.de/nachrichten/bayern/landraetin-schweiger-beteiligt-sich-nicht-an-impf-werbekampagne,SgXORUs

  26. #33 Joseph Kuhn
    14. September 2021

    Unter welchen Bedingungen sind Impfverweigerer Trittbrettfahrer?

    Es gibt eine interessante Debatte um die Frage, inwiefern Impfverweigerer Trittbrettfahrer sind bzw. sein können: Can One Both Contribute to and Benefit from Herd Immunity?

    Lucie White, Philosophin an der Uni Hannover, bejaht diese Frage in kritischer Auseinandersetzung mit zwei Kollegen und leitet daraus sogar ein Argument für eine Impfpflicht ab.

    Ein Punkt der Debatte ist, ob auch Geimpfte von hohen Impfquoten profitieren. White verweist hier darauf, dass Geimpfte davon profitieren, dass das Gesundheitswesen nicht überlastet wird, dass restriktive Infektionsschutzmaßnahmen für alle verringert werden können und dass das Risiko der Entstehung von Mutationen, gegen die sie nicht geschützt sind, verrringert wird. Das sind quasi indirekte Vorteile. Aber White hätte auch einen ganz direkten Vorteil anführen können: Auch Geimpfte sind nicht zu 100 % geschützt und hohe Impfquoten verringern auch für sie das verbliebene Ansteckungs- und Erkrankungsrisiko.

  27. #34 RainerO
    14. September 2021

    Geimpfte als “Trittbrettfahrer? Ich kann schlecht Trittbrettfahrer sein, wenn ich selber das Trittbrett bin.

    • #35 Joseph Kuhn
      14. September 2021

      @ RainerO:

      “Geimpfte als “Trittbrettfahrer?”

      Es geht darum, unter welchen Bedingungen Ungeimpfte Trittbrettfahrer sind.

      Ein Argument der Autoren Ethan Bradley und Mark Navin, mit denen sich Lucie White auseinandersetzt, warum Ungeimpfte keine Trittbrettfahrer sein könnten, ist, in den Worten Whites: “Where individuals are free riders, the authors note, they are refusing to contribute to something that they are benefitting from, and thus should also be contributing to.” Bradley/Navin sagen dann, Geimpfte hätten aber nichts von der Herdenimmunität. Die Gegenargumente von White dazu habe ich kurz referiert.

      (Nur nebenbei: Ich habe im Kommentar bewusst nicht von Herdenimmunität gesprochen, sondern von hohen Impfquoten, siehe auch mein ergänzendes Argument oder die Anmerkung zum Stichwort “Gemeinschaftsimmunität” im Blogbeitrag hier: https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2021/05/07/corona-impfung-auch-fuer-kinder-zu-empfehlen/.)

  28. #36 RainerO
    14. September 2021

    Ich habe wohl die Formulierung “… ob auch Geimpfte von hohen Impfquoten profitieren.” so fehlinterpretiert, dass damit auch die Geimpften in einer gewissen Form Trittbrettfahrer wären.
    Und natürlich haben auch Geimpfte etwas von hohen Impfquoten. Wie kann man das negieren?

    • #37 Joseph Kuhn
      14. September 2021

      @ RainerO:

      “Wie kann man das negieren?”

      Zum Beispiel, wenn man man den Nutzen der Impfung für nicht gegeben oder marginal hält und davon ausgeht, dass die Impfung großen Schaden anrichtet. Dann macht es keinen Sinn, solche Leute, solange sie ungeimpft sind, von ihrer subjektiven Haltung her als “Trittbrettfahrer” zu bezeichnen, weil sie ja – subjektiv – gar keine Vorteile wahrnehmen, die sie über geimpfte Dritte ausnutzen könnten.

      Du und ich sehen die Vorteile und bezeichnen daher Impfverweigerer unbefangen gerne als Trittbrettfahrer. Aber es lohnt sich, die Argumentation um die Rechtfertigung dieser Bezeichnung nachzuverfolgen, weil es den Blick auf manche Details schärft, z.B. die individuellen Vorteile Geimpfter durch hohe Impfquoten, also einem nur gemeinsam herzustellenden kollektiven Gut. Wie gesagt, Lucie White leitet daraus sogar ein Argument für eine Impfpflicht ab (hier ist ein = 1, ich weiß nicht, ob sie insgesamt für eine Impfpflicht ist).

  29. #38 RainerO
    14. September 2021

    Ich seh’ schon, ich formuliere zu unscharf. Mit “Wie kann man das negieren” meinte ich eigentlich: Wie können das die Wissenschaftler (Bradley/Navin) negieren?
    Die Argumentation der beiden halte ich (‘tschuldigung) für Hirnw****ei, denn sie definieren einen Trittbrettfahrer nur dann als solchen, wenn er sich bewusst ist, dass er vom Verhalten anderer profitiert und das absichtlich macht.
    In meinen Augen ist aber jeder, der mit Nichtstun vom Verhalten anderer, die sehr wohl etwas tun, profitiert, ein Trittbrettfahrer, ob bewusst oder unbewusst (oder ist der Begriff “free rider” tatsächlich in der Deutung von Bradley/Navin definiert?). Wir würde man das denn sonst bezeichnen? “Protected by accident”? “Free rider by accident”?
    Impfpflicht? Sehr schwieriges Thema. ich würde mir wünschen, dass das nicht notwendig wird, sehe aber auf lange Sicht derzeit kaum einen Weg ohne (zumindest für bestimmte Berufsgruppen und Bereiche).
    Für Österreich gibt es eine aktuelle Umfrage, der zufolge sich 75% der Ungeimpften auf keinen Fall wird impfen lassen, egal welchen Impfstoff (aktuelle und zukünftige), egal was es noch so an Kampagnen, Überzeugungs- und Überredungsversuchen geben wird. Damit kann man >80% vergessen. Es wird nur mit Druck gehen. Der 1G/2G/3G-Druck ist offenbar zu wenig. Und die Entscheider haben so oder so die A****karte gezogen. Prügel gibt es auf jeden Fall.

    • #39 Joseph Kuhn
      14. September 2021

      @ RainerO:

      “ob bewusst oder unbewusst”

      Hast du denn gelesen, was Bradley/Navin geschrieben haben, oder wenigstens, was Lucie White in ihrem Artikel dazu sagt? Der Begriff des Trittbrettfahrens macht einen moralischen Vorwurf, er interpretiert Mitnahmeeffekte moralisch, nicht nur faktisch. Aber macht es Sinn, z.B. jemanden, der davon überzeugt ist, dass eine Impfung nichts nützt und massiv schadet, vorzuhalten, er würde von hohen Impfquoten profitieren und möge sich daher bitte auch daran beteiligen, zum Wohle aller die Impfquote zu steigern?

      Ich denke, gerade in einem Wissenschaftsblog sollte man, wenn eine Frage der begrifflichen Klarheit aufgeworfen wird, diese Frage nicht als “Hirnw****ei” denunzieren. Hier ist Hirn gefragt, nicht Meinung.

      “Es wird nur mit Druck gehen.”

      Ein (=1) Argument könntest du bei Lucie White finden. Das noch mit anderen Argumenten abzuwägen wäre. Man kann natürlich auch sagen, das ist alles “Hirnw****ei”, es wird geimpft, basta. Das Begründungsniveau ist dann genau auf der gleichen Höhe wie die Impfverweigerung völlig verstockter Impfverweigerer: “Nein, ich lass mich nicht impfen, basta”.

  30. #40 Adent
    15. September 2021

    @Joseph
    Ich denke ein Argument fehlt noch bei Lucie White, sie beschreibt drei dafür, daß Geimpfte auch objektiv beitragen UND profitieren. Das 4te wäre, dass Geimpfte auch weniger Viruslast verbreiten, auch auf andere Geimpfte. Somit sind es sogar 4 gute Gründe warum Geimpfte sowohl zum Gesundheitswohl beitragen als auch davon profitieren.
    Das Argument, dass Impfverweigerer keine Trittbrettfahrer im eigentlichen Sinne sind kann ich aber nachvollziehen, da sie den Vorteil der Impfung gar nicht sehen. Ich würde Sie daher eher als Pandemiebeschleuniger titulieren und das mit dem hohen Risiko neue Virusvarianten zu erzeugen.

  31. #41 RPGNo1
    15. September 2021

    @Adent

    Das 4te wäre, dass Geimpfte auch weniger Viruslast verbreiten, auch auf andere Geimpfte. Somit sind es sogar 4 gute Gründe warum Geimpfte sowohl zum Gesundheitswohl beitragen als auch davon profitieren.

    Es gibt wohl auch noch einen weiteren Grund, ich nenne ihn mal 4.b). Ich verweise auf einen Tweet von Martin Moder, den ich schon im OLT verlinkt habe.

    Wie ansteckend sind Geimpfte? Neue Arbeit: Auch bei gleicher Viruslast sind Viren, die man Geimpften entnimmt, nicht so vermehrungsfähig wie Viren, die man Ungeimpften entnimmt. Das sind hervorragende Nachrichten, gönnt euch diese Einordnung!

    https://twitter.com/Martin_Moder/status/1429480231560228873

  32. #42 RainerO
    15. September 2021

    @ Joseph Kuhn

    Hast du denn gelesen, was Bradley/Navin geschrieben haben,…

    Ja, habe ich. Sonst wüsste ich ja nicht, wer sie sind, bzw. wie sie “free rider” definieren.
    Vielleicht habe ich zu emotional gewertet. “Trittbrettfahrer” ist natürlich ein Vorwurf. Ich war halt der Ansicht, dass das alle passiven Profiteure*) einer hohen Impfquote wären. Daher auch meine Frage, wie man sie denn sonst bezeichnen sollte, wenn sie per definitionem keine “free rider” sind.
    Den Vorwurf der “Hirnw****ei” zum Thema Impfpflicht lasse ich aber nicht auf mir sitzen. “Es wird nur mit Druck gehen” heißt nicht: Es wird geimpft, basta. Außerdem habe ich gesagt, dass ich derzeit keine andere Optionen sehe, nicht dass es sie gar nicht gäbe. Vielleicht sehe ich sie nur einfach nicht.
    Aber gerade Whites Argument für eine Impfpflicht ist im Grunde genau das, was ich in #38 im letzten Absatz erwähnt habe. Anreize bringen nichts mehr, die Impfverweigerer sehen die persönlichen Vorteile durch eine Impfung nicht, daher geht nur eine Impfflicht (wenn es nicht doch noch andere Wege gibt).
    —————————————————————————————————————————–
    *) mit Ausnahme derer, die sich (noch) nicht impfen lassen können, obwohl sie das gerne täten

  33. #43 Jolly
    15. September 2021

    @adent

    Das Argument, dass Impfverweigerer keine Trittbrettfahrer im eigentlichen Sinne sind kann ich aber nachvollziehen, da sie den Vorteil der Impfung gar nicht sehen.

    Genau, das ist die eine Sichtweise.

    Aber auch die andere hilft nicht weiter: Aus Sicht der Impfbefürworter, sind Impfungen nicht mit individuellen Nachteilen, sondern in der Gesamtrisikobetrachtung mit individuellen Vorteilen verknüpft.

    Auch wenn alle von Impfungen der anderen profitieren (keine Überlastung des Gesundheitssystems, kürzerer Lockdown), aber nicht jeder den anderen diesen Vorteil einräumt, ist damit nur eine notwendige Bedingung für die Verwendung des Begriffs gegeben. Das ist aber nicht hinreichend, ein entscheidendes Kriterium fehlt in beiden Sichtweisen: So oder so, der Begriff passt einfach nicht.

    Jemand, der auf individuelle Vorteile verzichtet, als Trittbrettfahrer zu bezeichnen, ist absurd.

  34. #44 Adent
    15. September 2021

    @RPGNo1
    Das meinte ich insgesamt mit Viruslast, weniger und weniger infektiös.
    @Jolly
    Hmm, das sehe ich nicht so, es geht ja gerade darum dass die Nicht-Impfwilligen die (objektiven) Vorteile mitnehmen, auch wenn sie nicht einsehen, das es diese überhaupt gibt. Ob dieses Verhalten jetzt überhaupt Trittbrettfahrertum ist oder nicht, darum geht es doch unter anderem in dem Artikel von Bradley/Navin und der Gegenrede von White.
    Ich denke geklärt ist unter uns hier, dass man als Geimpfter sowohl zur Herdenimmunität beitragen als auch von ihr profitieren kann. Die Impfverweigerer bestreiten ja schon ersteres, insofern sind sie eher Dünnbrettbohrer (Sorry, der musste sein :-)) als TB-fahrer.

  35. #45 RPGNo1
    15. September 2021

    @Adent

    Das meinte ich insgesamt mit Viruslast, weniger und weniger infektiös.

    Ah, dann hatte ich dich missverstanden.

  36. #46 Jolly
    16. September 2021

    @adent

    Sorry, der musste sein

    Einigen wir uns auf: Trittbrettbohrer.