Jorunna parva, Osezaki.jpg

Jorunna parva Osezaki (Wikipedia: Izuzuki Diver – https://www.izuzuki.com/Zukan/Slug/doris/gomahuBUU.html)

Seit einer Woche schwimmen und hoppeln „Sea Bunnies“ durchs Netz.
Weiße Wuschel-Viecher mit schwarzen antennenartigen „Schlappohren“.
Das Sea Bunny ist natürlich kein Mümmelmann, sondern eine Nacktschnecke.
Meeresnacktschnecken sind recht exotische Gestalten, sie bewegen sich anmutig in Zeitlupe und sind oft so psychedelisch gefärbt, dass man seinen Augen kaum trauen mag. Schon lange wollte ich etwas über die schrägen Schnecken schreiben – jetzt ist der ideale Zeitpunkt dafür!
Darum gibt es heute 11 wissenswerte Punkte über  Sea Bunnies.
Und noch einen Nachschlag mit Meerwert für Besserwisser.

1. Sea bunnies sind Nacktschnecken (Nudibranchia). Sie leben im Meer und bilden keine Schale aus, dafür sind sie oft psychedelisch gefärbt. Die kleinen Schnecken schwimmen frei im Meer – ohne Schale sind sie sehr biegsam und ondulieren beim Schwimmen dabei wie der gerüschte Rocksaum einer Flamencotänzerin.
Eine größere, rote Nacktschnecke heißt darum tatsächlich „Spanische Tänzerin“.

2. Sea Bunny heisst eigentlich Jorunna parva.
Der japanische Malakologe (Molluskenexperte) Kikutaro Baba (1905 – 2001) hat diese kleine Schnecke 1934 wissenschaftlich beschrieben und benannt. Baba war einer der führenden Schneckenforscher in Japan: Er hat insgesamt 116 Arten beschrieben, 14 Arten und Gattungen sind nach ihm benannt worden.

3. Die Sea Bunnies leben im Indopazifik vor Japan, Papua-Neuguinea, den Philippinen, den Seychellen und Tansania. Aus Japan kommt auch die derzeitige Begeisterung über „kuschelige“ kleine Knuffelviecher.

Sea-bunny1

The Dodo: Sea bunny

5. Jorunna ist meistens gelblich, manchmal bräunlich gefärbt, vor allem vor Japan leben weiße “Häschen”. Manche haben auch noch elegante schwarze Punkte – das ist dann der “Hermelin-Stil”. Ob diese unterschiedlich gefärbten Tiere alle Jorunna parva sind, oder Unterarten oder gar unterschiedliche Arten repräsentieren, wird unter Nudibranchia-Experten zurzeit noch diskutiert. Z. B. im Sea Slug Forum.

6. Das Kopfende mit den Fühlern strecken sie oft hoch, dadurch entsteht bei menschlichen Beobachtern der Eindruck, dass sie mit nach vorn gereckten „Ohren“ aufmerksam „zuhören“.
Tun sie aber nicht.
Die Fühler sind nämlich Chemorezeptoren – sie riechen also eher zu. Diese sogenannten Rhinophoren helfen der Schnecke, ihren Weg zum Futter zu finden.

7. Bunny ist auch von hinten ein Star: Am Hinterteil sitzt ein sternförmiger Aufsatz, die Kiemen.
Nudibranchia bedeutet „Nacktkiemer”. Bei diesen Schnecken ist die Mantelhöhle mit den Kiemen zurück gebildet, dafür atmet die Schnecke über sekundäre Kiemen am Fußende. Diese Kiemen sind in Büscheln angeordnet, manche Kiemenbüschel sind sternförmig.

8. Wie kommt es jetzt zu dem Pelz-Imitat der Sea Bunnies?
Der englische Name sea slug deutet allein schon phonetisch an, dass Meeresschnecken keinesfalls wuschelig, sondern vielmehr schmierig-schleimig sind. Jorunna und viele andere Nacktschnecken (der Gattung Doridae) tragen einen Pseudopelz aus feinen Fortsätzen des Mantels. Diese feinen Strukturen (Caryophillidae) sind sensorische Fortsätze.

9. Sea Bunnies sind Hermaphroditen. Wie so viele andere Schnecken.

10. Jorunna parva ist, wie viele ihrer Verwandten auch, ein absoluter Nahrungsspezialist: Sie nascht ausgewählte Meeresschwämme.
Durch ihre Spezialisierung auf dieses Futter ist sie absolut nicht für die Haltung im Heim-Aquarium geeignet, sagt das Meerwasser-Lexikon.
Hoffen wir, dass die kleinen weißen Nudis nicht ihrem Sweet-Appeal zum Opfer fallen und in ungeeigneten Aquarien ohne ihre benötigte Schwamm-Nahrung ihre letzten Atemzüge tun.

11. Der korrekte Begriff für eine im Meer lebende Schnecke ist im Deutschen „MEERESSCHNECKE“. Nicht „Seeschnecke“, was eine direkte und falsche Übersetzung des englischen seashells ist. Und bei Muscheln heißt es dementsprechend Meeresmuschel. Nicht Seemuschel. Mehr zu diesen Begriffen ist hier zu finden: meertext: Seeschnecken gibt es nicht!

Zum Weiterlesen:
meertext: Wie schnell rennt eine Schnecke?

Echte Seehasen

In europäischen Gewässern gibt es übrigens auch Seehasen – gleich zwei verschiedene Tiere beanspruchen diesen Namen für sich. Eine Schnecke und ein Fisch.

https://images.zeno.org/Naturwissenschaften/I/300-278/bt08127a.jpg

Seehase (Cyclopterus lumpus)

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Kommentare (6)

  1. #1 rolak
    21. Juli 2015

    ..„Seeschnecke“, was eine direkte und falsche Übersetzung des englischen seashells ist. Und bei Muscheln..

    moin moin, diese Sätze dürften zu oft redigiert worden sein – das zu weit nach vorne gerutschte ‘seashell’ ist die SeeMeeresMuschel, während die dort lebenden Schnecken mehr so ‘sea slug’ heißen.

    Wobei ich eher neugierig wäre, warum es im einen Falle zusammen und im anderen auseinander geschrieben wird…
    Die MeeresHäschen wirken aber auch zu und zu flauschig – kein Wunder, daß man lieber bei der Pareidolie bleibt 😉

    • #2 Bettina Wurche
      21. Juli 2015

      @rolak: Danke, korrekt. Allerdings wird Seashells auch oft für Seeschnecken mit verwendet. Slug ist tatsächlich der richtige Begriff für marine Schnecken, im allgemeinen Sprachgebrauch allerdings heisst es oft eher sea snails.
      Für mich in diesem Kontext war vor allem die Übersetzung bzw. das Weglassen von “sea” wichtig. Im Deutschen gibt es weder Seeschnecken, noch Seemuscheln und noch viel weniger Seerobben und Seemöwen.

    • #3 rolak
      21. Juli 2015

      für Seeschnecken mit verwendet

      Ambiguität macht Sprache spannend. Wieder was gelernt…

  2. #4 meregalli
    21. Juli 2015

    Eine Skurrilität, die zugegebenermaßen weit hergeholt ist, von mir dennoch erst nach Lesen des Artikels gefunden wurde findet sich im Wikipedia-Eintrag über Kaninchen:
    Das Land Spanien verdankt seinen Namen den Kaninchen. Diese erinnerten die Phönizier auf ihren Seefahrten an die – nicht verwandten – Schliefer (phönizisch schaban) in ihrer Heimat. Daher nannten sie das Land Ishapan, was die Römer in Hispania umwandelten.
    Da die Phönizier Seefahrer (eigentl. Meerfahrer) waren, gibt’s dennoch einen Konnex.

    • #5 Bettina Wurche
      21. Juli 2015

      @meregalli: Danke, das ist ein echt spannendes Detail. Ich habe mich schon oft gefragt, woher der Name kommt.

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