Vor fast einem Jahr hatte Reinhard Burger, Präsident des Robert Koch-Instituts, bei „Weitergen“ auf scienceblogs einen Gastbeitrag über Wildpolioviren im Abwasser in Ägypten. Ägypten ist eigentlich seit 10 Jahren poliofrei. Vor kurzem machten Medienberichte über Polioerkrankungen in Syrien und die möglichen Folgen für Deutschland die Runde. Auch Syrien war seit mehr als 10 Jahren poliofrei. Allerdings ist dort durch den Bürgerkrieg im Moment nichts mehr, wie es sein sollte.

Besorgniserregender ist daher vielleicht sogar, dass man Anfang des Jahres auch Wildpolioviren in Abwässern und in Stuhlproben in Israel sowie in Abwässern im Gaza-Streifen gefunden hat. Obwohl die Impfraten in Israel sehr gut sind, ist es dort offensichtlich zu einer Art „stiller Verbreitung“ von Polioviren gekommen. In der aktuellen Ausgabe des Lancet überlegen nun israelische und palästinensische Fachleute, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.

Worum geht es: In Ländern, die poliofrei sind, ist man sehr schnell von der OPV-Impfung mit Lebendimpfstoff (der berühmten „Schluckimpfung“) zur IPV-Impfung mit inaktiviertem Impfstoff übergegangen, um das seltene Auftreten von Impfpoliofällen zu verhindern. Auch in Deutschland wird seit 1998 nur noch die IPV-Impfung verabreicht. Die IPV-Impfung schützt die Geimpften zuverlässig vor der Erkrankung, kann aber, anders als die OPV-Impfung, die Aufnahme und das Ausscheiden des Virus nicht sicher verhindern. Das macht nichts, wenn keine Viren mehr zirkulieren. Das Auftreten von Wildpolioviren in Ländern ohne manifeste bzw. klinisch auffällige Polioerkrankungen lässt den ausschließlichen Einsatz des IPV-Impfstoffs nun zumindest für manche Regionen fraglich werden: ‚The „natural experiment“ in Israel, the West Bank, and Gaza suggests that both IPV and OPV in combination should be considered essential for the endgame of the global polio eradication strategy“, heißt es im Lancet.

Ob man in Deutschland jetzt auch die Abwässer systematischer auf Polioviren untersuchen sollte? Falls ja, wer sollte das tun?

Kommentare (19)

  1. #1 Dr. Webbaer
    16. November 2013

    Vielleicht ist anzumerken, dass es seit Neuerem bestimmte religiös motivierte Ablehnung von Polio-Impfungen gibt?!

    MFG
    Dr. W

    • #2 Joseph Kuhn
      16. November 2013

      Nein. Das ist hier nicht anzumerken. Genauso wenig wie der Wetterbericht.

  2. #3 Dr. Webbaer
    16. November 2013

    Besteht Interesse an Belegen? Auch die möglichen Polio-Übertragungsfolgen betreffend?

    MFG
    Dr. W

    • #4 Joseph Kuhn
      16. November 2013

      Nein, kein Interesse. Die in Nahost zirkulierenden Polioviren stammen wohl aus Pakistan. Es ist bekannt, dass die Taliban und andere Gruppierungen in der Region Impfungen verhindern.

  3. #5 Michel
    16. November 2013

    Sind Polioviren so stabil oder haben sie noch andere Wirte in “freier Wildbahn” Ich denke, dass müsste man versuchen zu berechnen, wie hoch ein infektionsrisiko ist, sich dürch Abwässer oder mangelnde Hygiene mit Polio zu infizieren?

  4. #6 Joseph Kuhn
    16. November 2013

    @ Michel: Der Mensch ist der einzige Wirt des Poliovirus, d.h. es kann sich nur im Menschen vermehren. Daher besteht die Möglichkeit, Polio auszurotten. Aber Polioviren können natürlich eine Weile “in freier Wildbahn” überleben, wie andere Erreger auch. Das befähigt sie ja erst dazu, im engeren Sinne “übertragbare” Krankheiten auszulösen. Polioviren können in trockener und heißer Umgebung nicht gut überleben, in Abwässern geht es dagegen wohl monatelang. Aber ich bin kein Virologe, dazu können andere sicher mehr und Fundierteres sagen.

  5. #7 Ludger
    16. November 2013

    Fällt mir gerade so ein: Impfpolio mit Lähmungen bekommen die nicht geimpften Nachbarn von Menschen, die mit der Polio-Schluckimpfung geimpft wurden. Das passiert allerdings nur sehr, sehr selten. Das Risiko besteht nicht für die Impflinge selber. Bei der Schluckimpfung kommt es nämlich zu einer Infektion des Darmes mit erstens einer Virusausscheidung und zweitens mit einer solchen Immunisierung der Darmschleimhaut, dass eine spätere Weiterverbreitung des Virus nicht mehr möglich ist. Schluckimpfungen würden die Weiterverbreitung des Virus unterbinden, ohne dass es bei guter Durchimpfung mit IPV zu Impfpolio kommt. Bekommen wir also jetzt wieder dei Schluckimpfung?

  6. #8 Joseph Kuhn
    16. November 2013

    @ Ludger: Deswegen wurde den Eltern von zu impfenden Kindern bei der Schluckimpfung nahegelegt, sich mitimpfen zu lassen.

  7. #9 Dagda
    16. November 2013

    @ Ludger

    Auch der Empfänger einer OPV-Impfung kann an einer Impf-Poliomyelitiserkrankung erkranken, das ist auch der häufigere Fall. Seltener ist eine Ansteckung mit VAPP bei Kontaktpersonen.

    Grundsätzlich ist einer der Vorteiles der oralen Impfung dass der Impfschutz ansteckend ist. 😀

  8. #10 Joseph Kuhn
    16. November 2013

    @ Dagda:

    “Grundsätzlich ist einer der Vorteiles der oralen Impfung dass der Impfschutz ansteckend ist.”

    Ja, das ist schon ein tolles Prinzip. Schade, dass das nicht auch bei den Masern funktioniert. Dann könnte man “Masernparties” der anderen Art organisieren.

    “der häufigere Fall”

    Wie erklärt sich das? Ich hätte vermutet, bei den Kontaktpersonen trifft es z.B. eher einmal jemanden mit einer Immunschwäche, aber das war wohl zu laienhaft gedacht.

  9. #11 Ludger
    16. November 2013

    @ Dagda #9
    Ich habe mal gelernt, dass die Poliomyelitis (VAPP) durch Impfvirus die nicht geimpften Angehörigen betrifft, nicht aber die Impflinge. Das halte ich deswegen für plausibel, weil das Impfvirus sich genetisch verändern muss, damit es eine VAPP auslösen kann. Bis das passiert ist, dürften die meisten Impflinge schon immun sein. Das RKI schreibt zu dem Thema nur, dass sehr selten eine VAPP auftreten kann aber nicht bei wem. Ich habe allerdings hier: http://www.cdc.gov/vaccines/pubs/pinkbook/downloads/polio.pdf was dazu gefunden:

    In order to eliminate VAPP from the United States, ACIP recommended in 2000 that IPV be used exclusively in the United States. The last case of VAPP acquired in the United States was reported in 1999. In 2005, an unvaccinated U.S. resident was infected with polio vaccine virus in Costa Rica
    and subsequently developed VAPP. A second case of VAPP from vaccine-derived poliovirus was reported in 2009. Also in 2005, several asymptomatic infections with a vaccine-derived poliovirus were detected in unvaccinated children in Minnesota. The source of the vaccine virus has not been determined, but it appeared to have been circulating among humans for at least 2 years based on genetic changes in the virus. No VAPP has been reported from this virus. [Hervorhebung durch mich]

    Zu den Zahlen habe ich hier: http://www.polioeradication.org/Polioandprevention/Thevirus/Vaccinederivedpolioviruses.aspx was gefunden:

    Episodes of circulating vaccine-derived poliovirus are rare. Between 2000 and 2011 – a period in which more than 10 billion doses of oral polio vaccine were given worldwide – 20 cVDPV outbreaks occurred, resulting in 580polio cases. In the same period, wild poliovirus paralysed over 15 500children. [Hervorhebung durch mich]

  10. #12 Ludger
    16. November 2013

    Ergänzung:
    Auf Seite 11 des ersten Links von #11 gibts auch Zahlen:

    From 1980 through 1998, 152 cases of paralytic polio were reported in the United States; 144 (95%) of these cases were VAPP, and the remaining eight were in persons who acquired documented or presumed wild-virus polio outside the United States. Of the 144 VAPP cases, 59 (41%) occurred in healthy vaccine recipients (average age 3 months). Forty-four (31%) occurred in healthy contacts of vaccine recipients (average age 26 years), and 7 (5%) were community acquired (i.e., vaccine virus was recovered but there was no known contact with a vaccine recipient). Thirty-four (24%) of VAPP cases occurred in persons with immunologic abnormalities (27 in vaccine recipients and 7 in contacts of vaccine recipients). None of the vaccine recipients were known to be immunologically abnormal prior to vaccination.

    Es gibt also beides.

    • #13 Joseph Kuhn
      17. November 2013

      Danke für das Heraussuchen der Daten. Macht auch noch einmal die Begründung für den Wechsel OPV-IPV sehr anschaulich.

  11. #14 Dagda
    16. November 2013

    @ Ludger

    Ja klar. Es gibt beides. Ich bin kein Virologe und habe wenig Ahnung von Poliomyelitis, aber es gibt wohl beides. Sowohl empfänger der Impfung können erkranken (auch weil manche häufig ja milde Immundefekt vor der Impfung nicht erkannt werden) und der Impfstamm ist grundsätzlich infektiös und wird fäkal oral verbreitet. Tatsächlich ist das ja auch ein weiteres Problem des OPV, dass es die Gefahr der VAPP Ausbreitung gibt.
    http://www.who.int/features/qa/64/en/index.html

  12. #15 rolak
    17. November 2013

    Als Wurfsendung in die drei (gefundenen) aktuellsten Impf-bezüglichen threads: Aktuell (und dem Augenschein nach auch für länger) in der 3sat-Mediathek Impfen – Kleiner Piks mit großer Wirkung aus der hitec-Reihe. Mal eine ordentliche Produktion inmitten des Grausligen, auch bzgl der Einschätzung.von Problemgröße und Auslöser des Impfverweigerns.

  13. #16 WolfgangM
    18. November 2013

    Das Risiko einer Impfpoliomyelitis durch OPV bei Erstimpfung betrug 1:890.000. Die OPV Impfviren haben nur eine Punktmutation- das unterscheiden sie von den Wildtypviren. Weil das Polio Virus ein RNA Virus ist, gibts auch kein proof reading so dass so eine Mutation schon mal passieren kann. Vor ca 12 jahren ist aber in der Produktion ein sog MAPREC Test eingeführt worden der eher neurotrope bereits in der Produktion erkennt. Daher müßte jetzt die Rate der Impfpoliomyelitis bei Erstimpfung noch niedriger sein.
    Das Problem liegt eher bei schlechten Durchimpfungsraten. Geimpftes Kind scheidet Impfviren aus, durch Schmierkontakte evtl auch Aerosole wird dann ein anderes ungeimpftes Kind infiziert und es beginnt ein neuer Vermehrungszyklus wiederum mit der Chance auf Rückmutation zum Wildtypvirus.

    Trotz der neuen Polioausbrüche gibt es doch auch Grund für Optimismus.
    Global seit 1 Jahr kein Polio Typ 3 Isolat. Das letzte im Nov 2012 in Nigeria, in Asien der letzte Typ 3 Fall im April 2012.

    Evtl ist also nach WPV Typ 2 auch schon WPV3 bereits in freier Wildbahn ausgerottet . Schön langsam sollten daher IPV Hersteller von Wildtypviren auf attenuierte Viren umstellen und daraus IPVattn herstellen.

  14. #17 WolfgangM
    18. November 2013

    Nachtrag:

    hier die Liste der Poliofälle und die jeweils letzten Isolate

    http://www.polioeradication.org/Portals/0/Document/Data&Monitoring/Wild_poliovirus_list_2008_2013_12Nov.pdf

    Nur mehr WTP1 zirkuliert.

  15. #18 thiassos
    29. November 2013

    In Syrien grassieren Krankheiten weil Krieg ist. Die Menschen haben Stress. essen unregelmässig, werden mit Toxinen verseucht ,schlafen sicherlich schlecht und werden mit drohender Vernichtung konfrontiert.
    Wer solche Ursachen ausklammert und Viren vorschiebt ist einfach ein Idiot …..Punkt

    • #19 Joseph Kuhn
      30. November 2013

      Ein Argument von beeindruckender Stringenz. Ich hoffe, Sie beachten morgen trotz des Krieges in Syrien rote Ampeln, es wäre gesünder. Ich würde Sie deswegen auch nicht für einen Idioten halten.