Dass in der Wissenschaft nicht nur die Münze der Wahrheit zählt, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Wer in der Welt der Wissenschaft etwas werden will, tut gut daran, auch aufzufallen. Der Marktplatz dafür sind die Publikationen, vor allem solche in hochrangigen Journals, das gilt als Qualitätsmerkmal – und bringt es mit sich, dass man auch häufiger zitiert wird. Gesehenwerden ist in der scientific community genauso wertvoll wie auf dem Laufsteg. Das wissen nicht nur zielstrebige Wissenschaftler (und –innen), sondern auch Firmen. Für sie ist Wissenschaft immer auch ein Medium des product placement, ideal dafür sind professoral betitelte Werbeträger. Heute hat mich jemand auf eine Variante aufmerksam gemacht, die ich noch nicht kannte und die sehr an die Schleichwerbung im Kino erinnert.

Hier das Mail, das mir weitergeleitet wurde:

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Von: Cary Wang” Cary_Wang@mail.vresp.com
Antwort an: Cary Wang” reply-473268c82e-f5410c2af1-2fc6@u.cts.vresp.com
Betreff: Rewards for your publications

Dear XXXX,
Did you use Cyagen’s animal model services recently? If so, then we have great news for you:
We are giving away $100 or more in rewards for citing us in your publication! Earn $100 or more based on the journal’s impact factor (IF). This voucher can be redeemed your next order at Cyagen and can be used in conjunction with our ongoing promotions!
How do we determine your reward?
If you published a paper in Science (IF = 30) and cite Cyagen Biosciences, you will be entitled to a voucher with a face value of $3,000 upon notification of the publication (PMID).
If you already published your paper, let us know today to redeem your voucher!

Cyagen Biosciences
2255 Martin Ave Suite E
Santa Clara, CA 95050
Tel: 800-921-8930 or
+1 408-969-0306 (Int’l)
Fax: 408-969-0336

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Daraus könnte man – falls das nicht einfach nur eine phishing mail ist – ein kleines wissenschaftsjournalistisches Projekt machen: Recherchieren, wer in welchem Zusammenhang in der nächsten Zeit – vor allem in Science – Cyagen Biosciences zitiert. Das Ergebnis könnte man natürlich publizieren und zwangsläufig würde man dabei oft Cyagen Biosciences zitieren müssen, ganz sauber. Ob es dafür auch ein Honorar gäbe?

Kommentare (14)

  1. #1 Alisier
    18. August 2015

    Naja…..hm…..
    Wenn ich solche mails sehe, denke ich an Spam, der irgendwelchen anderen Dreck transportiert.
    ” Cary Wang”, wenn das mal kein typischer Fakename ist. Aber ok, scheinbar echte Telefonnr…….
    Nur, wer so offen korrumpiert dürfte doch wohl raus sein: ich denke hier eher an einen schlechten Gag. Wer bitteschön macht denn bei sowas mit?
    Ich glaube nicht, dass das echt ist. So primitiv wird doch wohl niemand vorgehen…….oder doch?
    Nein, ich glaubs wirklich nicht.

  2. #2 Alisier
    18. August 2015

    ……und der pseudochinesische Frauenname ist so dermaßen Phishingmäßig, also nö. Klarer Fake, aus mehreren Gründen.
    Und weswegen habe ich jetzt überhaupt über den Quatsch nachgedacht? Weil der Blogautor ein gewisses Vertrauen genießt: fragt sich wie lange noch… ,:-)

    • #3 Joseph Kuhn
      18. August 2015

      @ Alisier: Mir geht’s ein wenig wie Dir in Deinem ersten Kommentar. Kann das sein? Nein, nie. Oder doch? Machen die nicht alles, wer weiß, vielleicht doch …
      Was mir komisch vorkommt, sind die Mailadressen.

      Danke für das Vertrauen. Übrigens, wenn Du mich zitierst, vor allem in Science, … äh, nein, lieber doch nicht.

  3. #4 rolak
    19. August 2015

    Die Geschäftsidee als solche ist nicht besonders neu, wenn mir auch aus dem NaWiBereich bisher unbekannt. Bei der Dir komisch vorkommenden Adresse gibts eine final unkomische SchmalErklärung:

    Welcome to vresp.com
    vresp.com is a domain that sends permission-based emails. You have received this email because one of our subscribers has identified your email address as having “opt-in” status (i.e. the holder of your email address has voluntarily shared their address for the purpose of receiving offers and information.)

    Falls Du mit dem Clownesken Dich auf die ellenlange Nummer in der reply-url beziehst: So werden die Antworten auf die diversen Aktionen eines DienstNutzers richtig verteilt.

    btw: So angepisst man von sowas auch sein kann, es nennt sich weiterhin ‘phishing’ 😉 Allerdings würde ich die mail eher unter ‘Werbung mit breit gestreuter Zielgruppe’ einsortieren, so wie die Immobilienangebots- oder DSL-Provider-Sendungen im Briefkasten.

    • #5 Joseph Kuhn
      19. August 2015

      @ rolak:

      Danke für die Aufklärung zu den Mailadressen bzw. URLs. Also doch echt? Illegal ist es ja nicht, es geht ja nicht darum, dass eine Firma ihre Publikationen zitieren lässt, sondern in Publikationen auf ihre Produkte aufmerksam machen will. Die Hersteller von Statistiksoftware bekommen das übrigens “standardmäßig” umsonst, weil man im Methodenteil etwa von epidemiologischen Studien die verwendete Software angeben soll.

      Phishing: Ich habe das “h” übernommen und gehe davon aus, dass ich das gebührenfrei tun durfte und Dich vor allem jetzt nicht in jedem Text, in dem ich ein “h” verwende, zitieren muss? 😉

      P.S.: Der erste Absatz dieses Kommentars enthält 11 “h”. Sie wurden alle aus dem lizenzfreien Buchstabenvorrat der deutschen Sprache (Lieferung vom 19.8.2015) entnommen. Die Analyse wurde mit Microsoft Word 2010 durchgeführt.

    • #6 rolak
      19. August 2015

      Also doch echt?

      Zumindest nicht eindeutig sinister adressenklauend oder so.

      enthält 11 “h”

      11h ist ja kurz vor HighNoon, also fast 5vor12, die klassische jetzt-aber-Zeit, da kann man schon mal die Aufmerksamkeit steigern.

      Da ich völlig ausgesorgt habe (zumindest bis Weihnachten letzten Jahres), darfst Du die ‘h’ gerne und in rauhen Mengen lizenzgebührfrei nutzen, Joseph. Auch bei völlig anderen Gelegenheiten, wie zB “Herr Ober, da ist ein ‘H’ in meiner Suppe!”

  4. #7 Dr. Webbaer
    19. August 2015

    Mal unabhängig davon angemerkt, ob der hiesige werte Inhaltegeber vielleicht etwas aufgesessen ist, das auch SPAM genannt werden könnte:
    Korrekt bleibt, dass eine Metrik wie sie sich bspw. auch über sogenannte Impacts ergibt, letztlich etwas für die anderen ist.
    Das Argumentum ad populum steht hier im Raum, wie aber auch exemplarisch Einschätzung wie diese:
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_an_der_Relativit%C3%A4tstheorie#Hundert_Autoren_gegen_Einstein

    Die Wissenschaftlichkeit könnte eine gesellschaftliche Veranstaltung sein, insbesondere auch die Geisteswissenschaften meinend, wie sie (insbesondere: bundesdeutsch) weitgehend auch ist, eher niedrige Rezipienz bedienend, womöglich, aber ansonsten ist die Wissenschafttlichkeit undemokratisch, nicht vom Volkswillen gelenkt, mal davon abgesehen, dass einige wohl bevorzugt von diesem monetär angeleitet: saugen.

    Die Theorie über die Theorie der real existierenden Wissenschaftler bleibt schwierig.

    MFG
    Dr. W

  5. #8 Dr. Webbaer
    19. August 2015

    *
    wie sie [es]

  6. #9 antithese
    20. August 2015

    Hallo, das citation reward program gibt es (http://www.cyagen.com/us/en/community/promotions.html).

    Meine Kollegen kennen den Anbieter. Es wirkt vielleicht etwas unorthodox, allerdings erkenne ich an dieser Stelle keinen negativen Einfluß auf den Inhalt und die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Publikationen, solange Service und Material den angegebenen Spezifikationen entspricht. In deren Fall ist die Methodik zur Überprüfung inzwischen so ausgereift und mit vergleichsweise geringem Aufwand zu betreiben, daß die frühzeitige Entdeckung von Abweichungen (,die bei anderen Providern von Zeit zu Zeit auch aufgetreten ist,) wahrscheinlich ist.
    Bei Software wäre das genauso, allerdings treten können Analysen durch fehlerhafte Methodik oder fehlerhafte Implementation zu falschen Ergebnissen führen.
    Beispielsweise führt der Einsatz des Levenberg-Marquardt-Algorithmus zur Kurvenanpassung bei nicht linearen Modellen auf Grund von Instabilitäten zu unnötig schlechten Ergebnissen. Durch Verringerung der Anzahl von eingehenden Messdaten kann die Qualität der Anpassung scheinbar verbessert werden, was wohl wiederum motivierte die Anzahl der Messdaten für die Aussagekraft der software gestützten Analyse zu optimieren.

    Generell ist die Überprüfung der Spezifikation bei umfangreicher Analysesoftware teilweise mit wirtschaftlich nicht aufzubringenden Aufwand verbunden. Es ist so etwas wie die Achillesferse moderner wissenschaftlicher Forschung.

    Der zu leistende Aufwand wird hier pragmatisch mit tolerierten Irtumswahrscheinlichkeiten in Relation gesetzt. Wenn Forschung ergebnisorientiert angesetzt wird ergibt sich daraus auch eine Verteilung des zu leistenden Aufwands (zweckorientierte Wirtschaftlichkeit). Darum gibt es Konzepte wie randomisierte Studien, in denen Forschungsgruppen nicht um ein eventuell präferiertes Ergebnis wissen. Diese Konzepte bilden allerdings immer noch keinen bindenen Standard, da dies im wesentlichen Zeit und Kosten zur Anerkennung als wissenschaftlich fundierte Ergebnisse erhöht.

    MFG

  7. #10 antithese
    20. August 2015

    ups , das “treten” in dem Absatz der mit “Bei Software” beginnt bitte ignorieren. Ich entschuldige mich fuer diesen Stolperstein.

    MFG

  8. #11 Böx
    boexbooks.wordpress.com
    21. August 2015
    • #12 Joseph Kuhn
      21. August 2015

      @ Böx:

      Danke für den Link, interessant, dass das Thema auch andernorts diskutiert wird. Was die Interpretation des Vorgangs durch Lars Fischer angeht, bin ich etwas unschlüssig. Die spezifizierte Nennung der verwendeten Zellkulturen und dazu ggf. auch des Herstellers in biologischen Studien kann ähnlich wie die oben erwähnte Nennung des verwendeten Statistikprogramms in epidemiologischen Studien methodischer Standard sein, ich kenne mich da nicht aus. Wenn es methodisch relevant ist, wär’s jedenfalls sinvoll. Befremdlich ist aber, wenn der Hersteller dies anregt und eine Belohnung gestaffelt nach Impact Factor anbietet. Das riecht dann eben doch etwas nach Schleichwerbung im Methodenteil einer Studie. Dass es darum geht, die Studie inhaltlich zu beeinflussen, glaube ich auch nicht.

      Nachtrag: Wenn die Produkte der Firma so beschaffen sind, dass man sie aus Gründen der Transparenz der Methodik nennen muss (z.B. weil die Zellkulturen und Versuchstiere auf bestimmte Faktoren weniger oder mehr als andere Produkte ansprechen), ist die Belohnung für ihre Verwendung vielleicht doch kritisch zu sehen, weil dann das Belohnungssystem im Erfolgfall auch methodisch relevant wird. Hilfreich wären ein paar konkrete Beispiele, ich kenne mich, wie gesagt, in dem Bereich nicht aus.

    • #13 rolak
      21. August 2015

      ^^unverschämt – den link wollte ich gerade bringen 😉

  9. #14 Joseph Kuhn
    23. August 2015

    Im Blogbeitrag von Lars Fischer ist übrigens auch ein Beitrag von Ben Goldacre zu dem Thema verlinkt, sehr fokussiert auf die Offenlegung potentieller Interessenkonflikte im Sinne des International Committee of Medical Journal Editors (die davon ausgehen, dass jede wirtschaftliche oder persönliche Verbindung eines Autors zu einem Unternehmen, das von einer Publikation positiv oder negativ betroffen sein könnte, offengelegt werden soll):
    http://www.badscience.net/2015/08/so-this-company-cyagen-is-paying-authors-for-citations-in-academic-papers/

    Die Firma Cyagen hat dort auch einen Kommentar geschrieben: “There appears to have been some gross miscommunication.” Dazu wiederum ist vielleicht dieser Beitrag ganz aufschlussreich:
    http://poynder.blogspot.co.uk/2015/08/when-email-marketing-campaigns-go-awry.html

    Wie man es auch dreht und wendet, diese Werbeaktion bleibt wohl das, als was sie Ben Goldacre in seinem ersten Satz beschrieben hat: “a strange thing, a seedy curio rather than a massive scandal”. Letzteres wäre eher der Fall, wenn Unternehmen nach einer gelungenen Lobbyaktion Politiker dafür belohnen würden, dass diese die jeweils erfogreiche Firma bei der Lesung des entsprechenden Gesetzes im Bundestag nennen. Das wär mal was.