Psychische Störungen sind einerseits Allerweltskrankheiten: Studien gehen davon aus, dass ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung im Laufe eines Jahres an einer solchen Störung leidet, im Laufe des Lebens ist jeder Zweite betroffen. Andererseits gibt es gegenüber Menschen mit einer psychischen Störung häufig ein Unbehagen und oft auch handfeste Vorbehalte. Auch mehr als 200 Jahre nach der „Befreiung“ der psychisch Kranken durch Pinel haftet den psychischen Störungen das Stigma des „Verrücktseins“, der „Geistesgestörtheit“, an. Die Betroffenen werden häufig misstrauisch beäugt, ob sie irgendwie seltsam sind, oder gar gewalttätig. Für sie gibt es mit den „Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzen“ Sondergesetze, die zu einem nicht geringen Teil aus Vorschriften über die Zwangsunterbringung bestehen. Dabei verhalten sich die meisten Menschen, die unter einer psychischen Störung leiden, im sozialen Alltag eher unauffällig und gewalttätig sind die allerwenigsten.

Pinel befreit die Kranken

Die Forschung zur Stigmatisierung psychischer Störungen zeichnet ein komplexes Bild. Es scheint eine partielle Entstigmatisierung mancher Probleme zu geben, z.B. der Depressionen, aber auch eine Zunahme stigmatisierender Haltungen gegenüber anderen Störungsbildern, z.B. den Schizophrenien.

Seit vielen Jahren bemühen sich zahlreiche Institutionen um das Thema. 15 mal schon hat beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zusammen mit dem Aktionsbündnis Seelische Gesundheit und der Stiftung für Seelische Gesundheit den „DGPPN-Antistigma-Preis – Förderpreis zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen“ verliehen. 2017 ging der erste Preis an den Informations-und Beratungsdienst SeeleFon des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker e. V. (BApK). Selbsthilfe- und Angehörigengruppen leisten bei der Entstigmatisierung psychischer Störungen einen erheblichen Beitrag. Aber auch staatliche Stellen sind hier aktiv. Beispielsweise hat das bayerische Gesundheitsministerium 2015 seine Jahreskampagne der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gewidmet, 2016 der psychischen Gesundheit von Erwachsenen, und in beiden Kampagnen ging es ganz zentral auch um das Thema Entstigmatisierung. Weniger ruhmreich war dann der erste Entwurf des bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes, da war zunächst das stigmatisierende Denken an vielen Stellen unübersehbar. Jetzt ist es deutlich entschärft in Kraft getreten.

Meinen Blogbeitrag vorgestern über die aktuelle Konjunktur homöopathischer Lobbyaktivitäten hatte ich mit der Überschrift „ADHS-Epidemie bei der Homöopathielobby?“ betitelt. Einige Leser/innen sahen darin einen stigmatisierenden Umgang mit dem Thema, da der Titel eindeutig mit einer Diagnose – ADHS – gegen die Homöopathielobby polemisiert. Ich persönlich sehe das zwar als metaphorischen Sprachgebrauch, nicht ganz medical correct, doch ohne stigmatisierenden Unterton, aber natürlich kann man das auch anders wahrnehmen. Daher will ich das Thema des sensiblen Sprechens über psychische Störungen bzw. die Verwendung von Begriffen aus diesem Diagnosespektrum im Alltagsleben einmal zur Diskussion stellen. Trägt jede solche Begriffsverwendung eine stigmatisierende Last? Oder kann umgekehrt gerade auch eine übersensible Rücksichtnahme ein Stigma transportieren, weil man psychische Störungen damit doch wieder zu einem ganz besonderen Thema macht? Wie kontextabhängig ist ein stigmatisierender Sprachgebrauch und wie viel Stigma setzt sich eventuell kontextunabhängig durch? Wie sehen Sie beispielsweise Formulierungen wie „das ist doch paranoid“ oder „das ist doch schizophren“? Wie gehen Sie mit Betroffenen in Ihrem Bekannten- oder Familienkreis um? Wie soll man in Blogs mit Kommentatoren umgehen, die erkennbar unter einer psychischen Störung leiden, diese vielleicht sogar explizit ansprechen, und mit ihren Anliegen die Diskussion „stören“? Darf man sie moderieren oder trägt man damit zu ihrer Stigmatisierung bei? Ein Problem, das auch viele von Tagungen zu diesem Thema kennen, wenn sich Betroffene auf unkonventionelle Art und Weise einbringen. Nachdenkliche – und sensible – Kommentare sind gefragt!

Kommentare (65)

  1. #1 Peter
    Berlin
    13. November 2018

    Ich sehe mitten im Text direkt nach dem Wort “Schizophrenien” eine Anzeige für das “Gesundheitswunder” Kurkuma – Heilmittel gegen Krebs und Alzheimer – gesundheits-praemien.de – Absicht oder Zufall?

    Wenn Absicht: geniales Marketing – wenn Zufall – mal geistigen Gesundheits-Check machen?

    • #2 Joseph Kuhn
      13. November 2018

      @ Peter:

      Die Werbung wird automatisch eingeblendet, vermutlich anhand bestimmter Begriffe im Text. Da ist kein Mensch am Werk.

  2. #3 Markweger
    13. November 2018

    Bei Migranten gibt es häufig psychische Störungen.
    Ihre Gewalttaten werden jedenfalls öfter damit erklärt.

    • #4 Joseph Kuhn
      13. November 2018

      @ Markweger:

      Sie formulieren zwei Wahrheiten und montieren sie zu einer hetzerischen Aussage. Preisfrage: Was könnte ich mit den Wörtern “nachdenklich” und “sensibel” gemeint haben?

  3. #5 LasurCyan
    13. November 2018

    Was mich bei dem Themenkomplex stört, ist der Begriff ‘Störung’. Warum und weshalb diese Abweichung von normal-unverstört überhaupt negativ konnotiert ist, sei einmal dahingestellt. Ganz sicher ist imho jedenfalls, dass mit dem nötigen gesellschaftlichen Status die Störung zur lässlichen Macke wird, oder gar in Genialität umgedeutet wird. Beispiele auf Wunsch, sonst wird es unübersichtlich..

    Zu der AfD-ADHS-Unterstellung: Ja, fand ich als Diagnose unangemessen. Aber ‘nur’ weil es Menschen diskriminiert, die davon betroffen sind. Als Polemik geht das locker durch, ist als solche auch erkennbar und passt schon..

    • #6 Joseph Kuhn
      13. November 2018

      @ LasurCyan:

      “Was mich bei dem Themenkomplex stört, ist der Begriff ‘Störung’.”

      Das ist eine lange Geschichte, die viel damit zu tun hat, dass man sich mit dem Begriff der “psychischen Krankheit” schwer getan hat. Eine Krankheitsentität mit kausaler Ursache und typischem Verlauf gibt es bei den psychischen Störungen oft nicht, daher hat man sich auf Symptombündel zurückgezogen, offen gelassen, was dahinter steht, und von “Störungen” (disorders) gesprochen. Eingekauft hat man sich damit, wie Du zurecht feststellst, einen offenen Bezug zur “Abweichung vom Normalen”, der aber im Krankheitsbegriff (als Gegenbegriff zur Gesundheit) auch angelegt ist. Die Begrifflichkeit ist in dem ganzen Bereich schwierig, siehe z.B. Thomas Schramme (Hg.): Krankheitstheorien, Frankfurt 2012, oder Andreas Heinz: Der Begriff der psychischen Krankheit, Frankfurt 2014. Auch im Internet gibt es einiges dazu.

      • #7 LasurCyan
        14. November 2018

        Danke für die LiteraturTipps, Joseph. Das Thema ist spannend, wie leider so vieles..

  4. #8 ChemDoc
    13. November 2018

    Markweger; versuchen Sie mal, sich zu schämen! Wenn Sie nicht wissen, wie das geht, lernen Sie es!
    Können ja nicht immer nur denkende Menschen sein, die Ihnen die Arbeit abnehmen und die sich für Sie schämen!

  5. #9 Alisier
    13. November 2018

    Sehr gute Fragen. Gute Antworten sind nicht einfach zu formulieren. Hoffentlich bleiben grobe Schnellschüsse eine Ausnahme.

  6. #10 Markweger
    13. November 2018

    Werbung:
    Da sieht man nur was Google (es dürfte Google Werbung sein) über einem weiß.
    Ich habe vorher in einem Flugzeugforum gelesen, jetzt kriege ich Werbung für Flugreisen.

  7. #11 Alisier
    13. November 2018

    Das war keine Werbung, Markweger, und auch nicht google, sondern der subtile Hinweis der Mitkommentatoren, sich doch mal eine kleine Reise zu gönnen. am besten ganz weit weg, an einen Ort wo es keinen Internetempfang gibt.

  8. #12 Karl Mistelberger
    13. November 2018

    Earlier this year, police mental health professionals cleared him after he was found behaving “irrationally” at his home, said authorities.

    https://www.bbc.com/news/world-us-canada-46135459

  9. #13 Reinhardt
    13. November 2018

    Bei der Verwendung des Kürzels ADHS im Titel muß man denke ich berücksichtigen, wie wir als Menschen Begriffe verwenden. Dass dieses Akronym sich in der Überschrift wieder gefunden hat lag an der Absicht ein gewisses Verhalten polemisch überzogen zu beschreiben. Das hatte aber nichts damit zu tun sich über jene, die tatsächlich unter der derart bezeichneten Störung leiden, lustig zu machen. Wie beschreibt man aber ein Verhalten, welches nicht wirklich mit gesundem Menschenverstand zu erklären ist, in einem Titel wo es auf Kürze ankommt, wenn nicht mit einem Begriff das sich auf eine entsprechende Störung bezieht?

    Das Problem welches ich hier sehe ist dass, wenn zu sensibel auf eine solche Verwendung reagiert wird, man den Bereich in dem der Begriff verwendet werden darf, in gewisser Weise vorschreibt (d.h. ausschließlich im Rahmen der jeweiligen Störung). Um sich aber auf ein unnormales Verhalten beziehen zu können, müsste man demnach einen neuen Begriff definieren, der sich im Wesentlichen aber wieder auf eine Verhaltensstörung beziehen würde.

    Damit wird es einem damit fast unmöglich gemacht ein solches Verhalten zu beschreiben ohne dass sich jemand verunglimpft fühlt. Es tritt also in gewisser Weise eine Blockade ein, die durch die Vermeidung der jeweiligen Begriffe zu einer Stigmatisierung beiträgt.

    Um das zu verhindern sollte man die Begriffe auch weiterhin verwenden, verwenden dürfen und die Verwendung immer kontextabhängig bewerten.

  10. #14 Diaphanoskopie
    13. November 2018

    Ich bin mal so frei und kopiere meinen Kommentar aus dem anderen Thread hierhin und versuche mich danach noch an einem neuen Kommentar:

    “Der Unterschied zu “Hals und Beinbruch” ist unter anderem, dass Menschen mit Frakturen in unserer Gesellschaft nicht Stigmatisiert sind, sondern mit Empathie rechnen können. Jemandem “Hals und Beinbruch” zu wünschen in eine Form, jemandem viel “Glück” zu wünschen und damit positiv konnotiert. Ob das auch so ist, wenn man jemandem “Manie und Psychose” wünscht, wäre einen Versuch werde. Psychische Erkrankungen werden häufig abwertend benutzt und auch im Titel wird ADHS nicht wertschätzend gemeint (zumindest verstehe ich das nicht so). Wenn der Titel nicht zu Stigmatisierung beiträgt, nutzt er Vorurteile, die bei vielen Menschen zu dem Thema bestehen. Das kann man machen, die frage ist, ob es nicht bessere Alternativen gibt. “Hyperaktive Berichterstattung mit Aufmerksamkeitsstörungen” finde in deutlich passender, weil “Hyperaktiv” ein Verhaltensbeschreibung ist und in dem Fall etwas mit dem Thema zu tun hat. ADHS hat aber nichts mit den aktuellen Aktivitäten der Homöopathielobby zu tun.

    “Das deprimiert mich” ist zum einen eine Selbstoffenbarung und eine Beschreibung des eigenen Emotionalen Zustandes, das passt meiner Ansicht nicht als Begründung.
    “Das ist Schizophren” ist etwas anderes. Meist möchte man damit ja ausdrücken, dass etwas widersprüchlich ist (warum kann man das nicht einfach so schreiben). Im psychiatrischen Sinne meint man eigentlich eine Dissoziation, somit ist es auch noch falsch benutzt. Man möchte natürlich nicht nur ausdrücken, dass etwas “schizophrenes” Widersprüchlich ist, sondern auch, dass es unverständlich ist, somit wird auch hier ein Begriff benutzt um etwas abwertend zu beschreiben. Das unterstützt Stigmatisierung.

    Mir geht es nicht darum die Nutzung von Worten zu verbieten, sondern darum, achtsamer mit Sprache umzugehen und sich zu fragen, ob man etwas anders ausdrücken kann, wenn einem ein ableistischer Begriff in den Sinn kommt und der gerade gut zum emotionalen Zustand passt (ich bin zumindest mit Emotionsregulation beschäftigt, wenn ich lese, was “GPRGAZ (der, dessen Namen keiner kennen muss)” o verzapft). Der Vorteil ist, dass man auch andere Worte mal wieder nutzt 🙂

    Warum mache ich hier so ein Fass auf? Aufgrund eigener Erfahrung: In meiner Arbeit mit Jugendlichen in einer psychiatrischen Tagesklinik (na, was kommen da für Assoziationen?) haben wir die letzten Therapiestunden oft damit verbracht, wie man sich verhalten kann, wenn man wieder in die Schule geht. Sagt man, dass man in der “Klappse” war? Wie reagiert man, wenn man aus dem Grund massiv abgewertet wird? Auf der Akutstation waren Jugendliche, die einen Suizidversuch überlebt haben, schnell damit beschäftigt, sich um die Reaktion ihrer MitschülerInnen zu sorgen, anstatt sich mit den Gründen für die eigene Verzweiflung auseinanderzusetzen.

    Danke an Joseph Kuhn für seinen offenen Umgang mit der kritischen Rückmeldung von @maike (und dafür, diese Flut an SocialMediaTerror gesammelt und geordnet darzustellen. Das ist gut für meine Emotionsregulation)”

  11. #15 PDP10
    13. November 2018

    @Markweger:

    Bei Migranten gibt es häufig psychische Störungen.
    Ihre Gewalttaten werden jedenfalls öfter damit erklärt.

    Hast du über deine panische Angst vor Migranten eigentlich schonmal mit einem guten Therapeuten geredet?

    Das wächst sich langsam zu einer echten Störung aus …

  12. #16 borstel
    13. November 2018

    Spannend auch, weil die Definition der psychsichen Erkrankung z.T. auch vom kulturellen Kontext abhängt (man denke an die Pathologisierung der Homosexualität), und (noch viel auffälliger, als bei somatischen Erkrankungen) sich die Frage stellt, wo die Grenze zwischen einem “Spleen” (einem noch als “normal” bezeichneten oder nichtpathologischen Verhalten) und einer (evtl. behandlungswürdigen) Störung zu ziehen ist (und dann auch noch bedacht werden muß, wen es denn hier belastet: den Betroffenen oder aber [auch] seine Umwelt).

    Zur Frage der Moderation bei psychisch offenkundig kranken Kommentatoren: Wenn so etwas ganz klar und deutlich zum Vorschein kommen sollte (ich habe leider online keine Textproben von Schizophreniekranken an der Hand, um das deutlich zu demonstrieren), ja, dann sollte moderiert werden, im Zweifelsfalle durch Sperrung, auch, um den Schreiber vor sich selbst zu schützen und nicht der Stigmatisierung preiszugeben. Traurig, aber wohl nötig. Zumal jemand im psychotischen Schub Argumenten nicht zugänglich ist, und somit auch die Diskussion gesprengt werden könnte.

    Unabhängig davon stellt sich aber ein ganz anderes Problem: Es muß eine klare Diagnose vorliegen, und die ist (von manifesten Psychosen einmal abgesehen) auch für einen Fachmann nicht durch bloße “Fernbeurteilung” eines dahingeschriebenen Kommentars zu erstellen.
    Und das bedeutet für uns ganz klar, daß wir uns mit solchen Beurteilungen zurückhalten müssen.
    Wenn diese pejorativ gedacht sind, um so schlimmer: Ich habe drüben bei GWUP einen gewissen PR-“Fachmann” als Psychopathen bezeichnet. In Ordnung war dies ganz gewß nicht!

    Zur Frage des Stigmas können wir natürlich auch noch festhalten, daß es sicherlich keine Debatte darüber gegeben hätte, wenn den Homöopathielobbyisten eine schlichte Überaktivität vorgeworfen worden wäre. Und auch wenn gefragt worden wäre, ob ihre Kakophonie Anzeichen einer Blutdruckentgleisung ist, dann hätte dies sicherlich keine besondere Reaktion hervorgerufen.

    Eine “verbindliche Regelung”, was noch in Ordnung ist, und was nicht, ist, so glaube ich, nicht aufzustellen.

  13. #17 PDP10
    13. November 2018

    @Diaphanoskopie:

    Du hast ja einerseits Recht … aber:

    Der Unterschied zwischen einer ironischen / sarkastischen Zuschreibung (die jeder außer @Markweger versteht) und einer echten Zuschreibung, die so gemeint und diskriminierend ist (wie die von @Markweger) ist dir schon klar?

    Die ironische Zuschreibung ADHS hat übrigens einen ernsten Hintergrund darin, dass die HP-Apologeten tatsächlich HP-Mittelchen gegen vermeintliche “Verhaltensstörungen” bei Kindern propagieren …

    Kontext halt …

  14. #18 Michael
    13. November 2018

    Mich hat das schon beim ersten Lesen gestört. Ich finde, man sollte die mit einer bestimmten Diagnose verbundenen Klischees nicht in abschätziger Weise zur Charakterisierung von Personengruppen und deren Gebaren verwenden. Nicht aus Rücksicht ggü. Homöopathen, sondern um die Klischees nicht zu verfestigen und zu legitimieren und um diejenigen, die von der Diagnose betroffen sind, nicht zum Mittel zum Zweck zu machen.

    Gruß
    Michael

  15. #19 Diaphanoskopie
    13. November 2018

    > Trägt jede solche Begriffsverwendung eine stigmatisierende Last?

    Nein, das denke ich nicht. Aber es ist ein Unterschied, ob ich Verhalten direkt beschreibe oder eine Diagnosekategorie nutze, die ausdrücklich dafür gedacht ist, eine psychische Störung zu beschreiben. Die Diagnosekriterien für eine ADHS sind deutlich vielfältiger und ihre Folgen reichhaltiger reine Hyperaktivität (im Sinne von jemandem, der eine hohe Tätigkeitsfrequenz aufweist).
    Damit entstehen zwei Probleme: Der Begriff ADHS wird als abwertend benutzt (auch wenn man das metaphorisch macht) und trägt damit zur Stigmatisierung bei. Die Diagnose ADHS wird verharmlost und damit die Folgen für Betroffene (“Haben wir nicht alle ADHS?”). Damit entsteht ein Spannungsfeld für Menschen mit psychischen Störungen, dass nicht einfach zu navigieren ist.
    >Oder kann umgekehrt gerade auch eine übersensible Rücksichtnahme ein Stigma transportieren, weil man psychische Störungen damit doch wieder zu einem ganz besonderen Thema macht?

    Auf jeden Fall. Es geht auch nicht um übersensible Rücksichtnahme sondern darum, achtsam damit umzugehen, was man schreibt. Wie in meinem Kommentar erwähnt, reicht der beschreibende und wesentlich spezifischere Begriff der “Hyperaktivität” aus, um das Verhalten vom DingsBums zu beschreiben. Man könnte noch “ungezielt” oder “impulsiv” oder “aggressiv” hinzufügen und hätte ein deutlich konkreteres Bild seines Verhaltens, ohne die ableistische Note.

    >Wie kontextabhängig ist ein stigmatisierender Sprachgebrauch und wie viel Stigma setzt sich eventuell kontextunabhängig durch?

    Klar hängt das vom Kontext ab. Hier soll das Verhalten von jemandem charakterisiert werden, der sich verhält wie die (hyperaktive) Axt im Wald, dabei die Grenzen des guten Geschmacks weit hinter sich lässt und versucht Menschen soweit zu provozieren, dass sie justiziable Dinge sage, das Ganze unter der Überschrift ADHS. Ich finde den Kontext schon stigmatisierend. Auch wenn ich weiß (glaube zu wissen ;-)) dass es auf keinen Fall so gemeint ist.

    >Wie sehen Sie beispielsweise Formulierungen wie „das ist doch paranoid“ oder „das ist doch schizophren“?

    Hier finde ich es wichtig zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Wort zu unterscheiden. Ich bin mir sicher, ersteres schon gesagt zu haben, wäre aber vorsichtig, es zu schreiben. Ich hätte den Begriff “paranoid” in der Überschrift aber vermutlich nicht kommentiert, weil er recht konkret ein Verhalten (und dessen Begründung, das wäre in diesem Fall schwierig) beschreibt, aber ich wäre darüber gestolpert, weil es sich um einen eng mit der Psychiatrie verbundenen Begriff handelt.
    Schizophren wird in der Regel ohnehin falsch benutzt und kann ohne Probleme durch “Widersprüchlich” o.ä. ersetzt werden. Allerdings hat “Widersprüchlich” nicht diesen herrlich abwertenden Unterton wie “Schizophren” und da wären wir wieder bei der Stigmatisierung.

    >Wie soll man in Blogs mit Kommentatoren umgehen, die erkennbar unter einer psychischen Störung leiden, diese vielleicht sogar explizit ansprechen, und mit ihren Anliegen die Diskussion „stören“? Darf man sie moderieren oder trägt man damit zu ihrer Stigmatisierung bei?

    Nö, finde ich nicht. Ich kann meine Anliegen auch nicht überall vorbringen (herzlichen Dank übrigens für diesen Text und die Möglichkeit, mein Anliegen vorzubringen) wo ich will und muss damit rechnen, moderiert zu werden. Ich denke Menschen sollten nicht AUFGRUND ihrer psychischen Erkrankung anders behandelt werden. Das bedeutet nicht, dass eine psychische Störung als Ausrede genutzt werden kann. Es gibt das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe, das beinhaltet für mich jedoch auch die Einhaltung gesellschaftlicher Normen. Die sind in der Regel weit genug um einen bunten Strauß an Verhaltensweisen aufzunehmen.
    Es ist ja nicht so, dass die meisten Menschen, die sich nicht benehmen können, damit aufgrund einer psychischen Störung Probleme hätten. Man muss nur mal hier in Dresden zu einer öffentlichen Bürgersprechstunde gehen 🙂

  16. #20 PDP10
    13. November 2018

    @Diaphanoskopie:

    Den letzten Absatz deines Posts möchte ich mal kurz vorbehaltlos unterschreiben.

  17. #21 Diaphanoskopie
    13. November 2018

    #3

    Das ist eine ziemlich holzschnittartige Sicht auf die Welt. Hier in Sachsen gab es 2015/2016 mehrere aufsehenerregende (also für das beschauliche Sachsen) Auseinandersetzungen zwischen Menschen, die in den provisorischen Aufnahmeunterkünften für Geflüchtete untergebracht waren. Da gab es dann Videos in denen Gegenstände von der einen Seite zur anderen geworfen wurden und die Bereitschaftspolizei die Lage klären musste. Darunter der hämische Kommentar, das müssten wohl die “traumatisierten Flüchtlinge” sein. Denn “Traumatisierte” sind in der Welt der besorgten Bürger Opfer, immer. Dass eine Posttraumatische Belastungsstörung mit Übererregung und Reizbarkeit einhergeht, dass Menschen, die schnell Angst haben und sich bedroht fühlen schneller aggressives Verhalten zeigen, insbesondere wenn sie keine Möglichkeit haben, einer Situation aus dem Weg zu gehen und es somit ein Wunder war, wie wenig eigentlich passiert ist, das passt nicht ins Weltbild von Menschen, die nur Täter und Opfer kennen.

  18. #22 PDP10
    13. November 2018

    @Diaphanoskopie:

    Na gut, dieser Satz:

    Ich denke Menschen sollten nicht AUFGRUND ihrer psychischen Erkrankung anders behandelt werden.

    … Stimmt so meiner Erfahrung nach nicht in seiner Absolutheit.

    Manchmal – sehr selten! – muss man Menschen AUFGRUND ihrer psychischen Erkrankung anders behandeln.
    Jedenfalls scheint mir das als Laie so. Ich denke immer noch, dass eine gute Freundin noch leben könnte, wenn man das getan hätte.
    Aber gut … Das ist nur eine anekdotische Erfahrung. Kein Anspruch auf Allgemeinheit.

  19. #23 PDP10
    13. November 2018

    @Diaphanoskopie:

    #3: Das ist eine ziemlich holzschnittartige Sicht auf die Welt.

    Nee. Das ist bloß die Sicht eines Idioten.

    BTW: Meines Wissens nach sind Dummheit und Rassismus keine psychischen Störungen …

  20. #24 Diaphanoskopie
    13. November 2018

    @PDG10 #16

    unsere Kommentare haben sich überschnitten, daher weiß ich nicht, ob meine Kommentar (#18) meine Kritik besser darlegt. Man kann sicher über den Kontext diskutieren, in dem die Überschrift steht. Aber um Deinen Einwand gelten zu lassen, müsste das in dem Text deutlicher rauskommen und so der ironische Bezug deutlicher werden (vielleicht habe ich das aber auch einfach überlesen, vor lauter selbstgerechter Empörung ;-))

  21. #25 Diaphanoskopie
    13. November 2018

    #21
    Das wahr vielleicht ungeschickt formuliert. Es ging mir um das Verhalten im öffentlichen Raum, das war ja die Eingangsfrage.

    Auf die Symptomatik wird reagiert, die Symptomatik hat ein Mensch und der wird behandelt wie ein Mensch, dessen Symptomatik eine bestimmte Ausdrucksform hat.

    …ich glaube, ich muss das morgen nochmal versuchen…

  22. #26 Diaphanoskopie
    14. November 2018

    #22

    Wenn man Dummheit als unterdurchschnittliche Intelligenz definiert, wäre die Diagnose ab einem IQ unter 70 eine geistige Behinderung. Wenn man aber eine umgekehrte Korrelation zwischen Rassismus und Intelligenz herstellt, tut man Menschen, die weniger Intelligent sind als der Durchschnitt Unrecht. Wenn ich meinen klinischen Eindruck nehme, sind die meisten Menschen mit rassistischen Einstellungen durchschnittlich Intelligent. Ist aber auch nur anekdotisch 🙂

  23. #27 PDP10
    14. November 2018

    @Diaphanoskopie:

    Das wahr vielleicht ungeschickt formuliert. Es ging mir um das Verhalten im öffentlichen Raum, das war ja die Eingangsfrage.

    Ah, ok. Verstehe.

    Man sollte Menschen nicht aufgrund ihrer Störung gegenübertreten sondern einfach die “Normen” einfordern, die ganz “Normal” sind?

    Vernünftiger Ansatz.

    Wobei man sich natürlich trefflich darüber streiten könnte, was denn diese “Normen” sein sollen.
    Aber man könnte auch einfach einen Minimalkonsens nehmen. Einen, der für ein Zusammenleben notwendig ist. Er muss ja nicht gleich hinreichend sein.

    • #28 Joseph Kuhn
      14. November 2018

      @ PDP10:

      “einfach die “Normen” einfordern, die ganz “Normal” sind? … Wobei man sich natürlich trefflich darüber streiten könnte, was denn diese “Normen” sein sollen”

      So ist es, sogar in Buchform.

  24. #29 roel
    14. November 2018

    @Joseph Kuhn

    “Trägt jede solche Begriffsverwendung eine stigmatisierende Last?”

    Vielleicht ja, ich bin mir nicht sicher, erhoffe mir hier aber auch Antworten auf diese Frage. Ich denke ähnlich, wie beim Sexismus muss ich hier vielleicht etwas umdenken. Was ich früher noch als blöden Witz abgetan habe, empfinde ich heute als sexistischen Witz. Was ich früher als dummen Spruch verstanden habe, verstehe ich heute als sexuelle Belästigung.

    “Oder kann umgekehrt gerade auch eine übersensible Rücksichtnahme ein Stigma transportieren, weil man psychische Störungen damit doch wieder zu einem ganz besonderen Thema macht?”

    Es fällt mir schwer, hier passende Beispiele zu finden.

    “Wie sehen Sie beispielsweise Formulierungen wie „das ist doch paranoid“ oder „das ist doch schizophren“?”

    Ich versuche solche Formulierungen zu vermeiden. Wobei ich gerade beim anderen Beitrag über krankhaftes Verhalten geschrieben habe. Aber auch bei dieser Frage, erhoffe ich mir passende Antworten in dieser Diskussion.

    “Wie soll man in Blogs mit Kommentatoren umgehen, die erkennbar unter einer psychischen Störung leiden, diese vielleicht sogar explizit ansprechen, und mit ihren Anliegen die Diskussion „stören“?”

    Ich denke aus dem Kommentarverhalten ist es schwer auf irgendwelche Krankheiten zu schließen. Es gibt – auch bei den scienceblogs – Kommentatoren, die hier nur eine Rolle vorspielen und/oder sich als Kunstfigur sehen. Aber dennoch, ist es schwer, bei wirklich Betroffenen, die passende Antwort zu finden oder Maßnahme zu treffen. Das ist denke ich ist vom Fall abhängig. Beim GPRGAZ war die Sperrung sinnvoll, er hätte die scienceblogs nur als weitere Plattform wahrgenommen. Er hat schon genügend andere.

    • #30 Joseph Kuhn
      14. November 2018

      @ roel:

      “Ich versuche solche Formulierungen zu vermeiden.”

      Mit dem Vermeiden ist das so eine Sache. Ich finde, “Reinhardt” hat in Kommentar #12 ein paar Aspekte gut getroffen.

      Ich denke, man sollte sensibel dafür sein, ob man jemanden abwertet. Die Formulierung “er ist ein Spasti” ist etwas anderes als die Formulierung “er ist ein Narzisst” (eine Diagnose nach ICD F60.8). Und kurios kann es mit Formulierungen werden wie “der ist verrückt”. Ursprünglich hatte der Begriff einen psychiatrischen Bezug, aber in dem Kontext wird heute niemand so sprechen. Anders im Alltag. Darf man Leuten wie Kim oder Assad nun attestieren, sie würden sich “verrückt” verhalten oder nicht? Von “alternativverhaltend” würde ich jedenfalls nicht sprechen wollen, ohne dass mir das ein wenig verrückt vorkäme.

      “Es fällt mir schwer, hier passende Beispiele zu finden.”

      Die Beispiele sind allgegenwärtig, z.B. wenn man einem Menschen mit einer Depression gegenüber in Bezug auf seine Befindlichkeit “aus Rücksicht” herumdruckst, lieber gar nicht mehr fragt, “wie geht es dir”, so dass er sich erst recht vom normalen Umgang ausgeschlossen fühlt. Das gibt es ja auch bei körperlichen Erkrankungen, z.B. Krebserkrankungen, wo die Leute manchmal so “sensibel” behandelt werden, als seien sie morgen schon tot.

      “Ich denke aus dem Kommentarverhalten ist es schwer auf irgendwelche Krankheiten zu schließen.”

      Nein, das ist manchmal offenkundig und die Leute sprechen es auch an, sie erzählen von ihren Behandlungen. Es geht nicht darum, bei Leuten, die einfach nur komisch kommentieren, über eine psychische Störung zu spekulieren, das geht natürlich nicht.

  25. #31 noch'n Flo
    Schoggiland
    14. November 2018

    Statistisch gesehen hat mindestens jeder dritte Bundesbürger einmal im Leben eine psychische Krise. Von daher ist es wichtig, damit verbundene Tabus zu brechen.

    Leider erlebe ich immer wieder, wie Krankschreibungen wegen Burn-out oder anderer Depression von Arbeitgebern nicht ernst genommen oder gar lächerlich gemacht werden. Das macht es für die Betroffenen nur noch schlimmer. Nicht selten folgt dann nach der Genesung im Betrieb Mobbing bzw. Bossing, so dass es schnell wieder zu einer Dekompensation kommt. Traurig.

  26. #32 maike
    14. November 2018

    @LasurCyan ist zwar insgesamt nicht ganz das Thema hier, aber ich hatte trotzdem ein paar Gedanken zu dem Begriff Störung. Ich denke (aufgrund meiner subjektiven Erfarungen, also eher anekdotisch), dass es bei einigen Störungsbildern helfen kann, diese eben als Störung oder auch Krankheit zu bezeichnen, da dies eine mögliche Heilung mit einschließt und die Personen es so nicht Teil von sich selbst ansehen müssen, sondern als etwas, gegen das sie vorgehen können und mit dem sie nicht für immer leben müssen, z.B. bei einer (nicht chronischen) Depression. Anders ist es hingegen bei “Störungen” wie dem Autismusspektrum, welche man über das gesamte Leben hat und die an sich auch keine Behandlung rechtfertigen, da sie eher eine bestimmte Andersartigkeit kennzeichnen. Aber wie Joseph schon gesagt hat, steht hinter dem Begriff eine ziemlich lange Geschichte und Diskussion.

    “Trägt jede solche Begriffsverwendung eine stigmatisierende Last?”
    Hier schließe ich mich Diaphanoskopie an. Es kommt auch die Wertung an, die darin mit schwingt. Wenn ein konkretes Verhalten beschrieben werden soll, wäre es meiner Meinung nach passender, konkrete beschreibende Adjektive zu verwenden anstelle von einer Diagnosekategorie, die in den Meisten fällen deutlich komplexer ist und in der Regel ein Zusammenwirken von mehreren Symptomen erfordert.

    “Wie gehen Sie mit Betroffenen in Ihrem Bekannten- oder Familienkreis um?”
    Ich bin nicht ganz sicher, was die Frage fragt, also ob sie entweder fragt, wie ich damit umgehe, wenn jemand Äußerungen wie “das ist schizophren” verwendet oder wie ich mit Betroffenen von psychischen Krankheiten umgehe. Die Antwort zum einen:
    Ich frage die Person in einer ruhigen Minute, warum sie ausgerechnet diese Formulierung gewählt hat und versuche dann zu erklären, warum ich das unpassend finde, möglichst ohne die Person anzugreifen, da es nicht mein Ziel ist, irgendjemanden zu beschuldigen, sondern Achtsamkeit zu fördern. Je nach Situation bringe ich dann unter Umständen noch ein Beispiel, welches mich selbst trifft und über das ich mich schon mehrfach sehr geärgert habe. Bei mir ist das Beispiel dann häufig wenn “autistisch” als Synonym oder Metapher für emotionslos genommen wird, da Freunde bei mir im Schnitt wissen, dass ich mindestens genausoviele Emotionen habe, wie sie auch, ich aber auch auf dem Spektrum bin und es mich nervt, immer wieder damit konfrontiert zu werden (teilweise sogar direkt), emotionslos und kalt zu sein.
    Und zum anderen:
    Ich frage die Person, was sie sich von mir wünscht, ob ich z.B. die Information in mein Verhalten mit einfließen lassen soll oder gerade das nicht tun soll, ob der Wunsch nach einem darüber Sprechen existiert oder eher nicht. Steht mir diese Person sehr nahe oder habe ich häufig mit ihr zu tun, belese ich mich außerdem zu dem konkreten Störungsbild. Und an sich versuche ich dann natürlich die Wünsche der betroffenen Person zu dem Umgang damit zu berücksichtigen.

    Noch ein paar generelle Gedanken zu Metaphern und Assoziationen: Um ein konkretes Verhalten mit einer Diagnose zu beschreiben muss ja irgendwo die Assoziation herkommen, die den Link von konkretem Verhalten zu komplexer Diagnose herstellt. Merke ich das bei mir, frage ich mich, woher diese Assoziation kommt und ob ich da nicht zu generell mit etwas komplexem Umgehe. Und der Sinn von einer Metapher ist ja, etwas möglichst bildlich (ist das so?) zu beschreiben oder zu verdeutlichen. Dafür nimmt man in der Regel Dinge, bei denen man annimmt, dass sie jede*r kennt, oder? Zum Beispiel “haarig wie ein Bär”. Das funktioniert deswegen so gut, weil wir davon ausgehen, das alle wissen, was ein Bär ist und wie sein Fell aussieht. Bei psychischen Störungen frage ich mich, ob man wirklich davon ausgehen kann (natürlich abhängig von den Kreisen in denen man sich bewegt und mit wem genau man gerade redet, was man bei öffentlichen Beiträgen nicht immer so genau weiß), dass alle wissen, was genau es eigentlich ist und dass es in vielen Fällen komplexer ist, als diese eine stereotype Sache, die man dann damit beschreibt und somit die Assoziation stützt. Ich hoffe der Gedankengang war gerade halbwegs nachvollziehbar formuliert, ich tue mich häufig etwas schwer im geschriebenen.

  27. #33 LasurCyan
    14. November 2018

    sondern als etwas, gegen das sie vorgehen können

    Da bin ich ganz Deiner Meinung, maike. Mir ging es um die Diskriminierung aufgrund von Abweichungen von der Norm. Solche Diskriminierungen werden eben oft völlig absurd begründet, mit der Hautfarbe, dem Geschlecht, oder eben ob Jemand* ‘a little bit silly in the head’ ist. Nur das war mein Fokus, mehr ging in den 4zeiler nicht rein^^

  28. #34 Joseph Kuhn
    14. November 2018

    Noch ein Input:

    “Auch im Alltäglichen werden Worte wie „paranoid“, „schizophren“ oder „geisteskrank“ häufig als Beleidigung und im falschen Zusammenhang verwendet. Dieser Wortgebrauch trägt stark zur Stigmatisierung bei und sollte in den Medien nicht leichtfertig nachgeahmt werden, egal wie verlockend eine reißerische Überschrift auch sein mag.”

    Quelle: https://medien-mittweida.de/medien-und-mentale-gesundheit/2018/

    Einmal davon abgesehen, dass der Satz “Dieser Wortgebrauch trägt stark zur Stigmatisierung bei” eher eine Befürchtung sein dürfte als ein empirisch belegter Zusammenhang, bleibt unstrittig, dass man darauf achten sollte, wie man Begriffe aus dem Assoziationsfeld der psychischen Störungen verwendet. Trägt meine Überschrift also zur Stigmatisierung von ADHS-Betroffenen bei? Hätte sie ohne die Diskussion hier dazu beitragen? Trägt sie trotz dieser Diskussion dazu bei? Oder doch nicht, weil die meisten, die hier lesen, die Metapher als solche lesen oder sich sogar aktiv gegen eine mögliche Stigmatisierung aussprechen? Sollte man entspannter mit dem Thema “Wortgebrauch” umgehen, weil Stigmatisierung de facto ganz anders zustande kommt, z.B. durch die Behandlungsformen psychischer Störungen, die Reaktionen von Versicherungen, Arbeitgebern usw.?

    Ich frage nicht rhetorisch, ich frage, weil ich glaube, dass Antworten schwierig sind (ich habe jedenfalls keine).

  29. #35 user unknown
    https://demystifikation.wordpress.com/2014/02/14/die-welt-homosexualitat-ich-bin-wohl-homophob-und-das-ist-auch-gut-so/
    14. November 2018

    Ein paar lose Ideen:

    a) Wenn man jemanden stigmatisieren will – hier wird irgendwie so getan, als ob das gänzlich ausgeschlossen wäre – dann greift man natürlich zu stigmatisierenden Begriffen.

    b) Stigmatisierend ist ein Begriff, wenn er etwas unerwünschtes beschreibt. Ich möchte beispielsweise nie ernsthaft paranoid werden, also im medizinischen Sinne. Wenn mich jemand als paranoid bezeichnet, weil ich mich durch – sagen wir – Veganer verfolgt sehe, die mir mein Schnitzel verbieten wollen, dann gehe ich nicht davon aus, dass er diejenigen, die im klinischen Sinne paranoid sind damit ausgrenzen will. Aber natürlich teilt er mit mir die Ansicht, dass es besser ist, nicht paranoid zu sein.

    Wenn man rhetorisch in der Klemme ist und einem nix besseres einfällt, dann bezichtigt man den Angreifer der Stigmatisierung von Kranken. Das kommt oft ganz schlecht an und das Publikum lässt sich so reinlegen. Es lenkt vom Thema ab – Ziel erreicht. Wer immer ganz sauber argumentieren will, der muss aber auf derartiges Derailing verzichten.

    c) Das wandernde Stigma. Ich weiß nicht was älter ist, ob irre oder wahnsinnig oder bekloppt – alles stigmatisierend und den Geisteszustand betreffend. Wenn man jetzt stattdessen “psychisch gestört” sagt, wirkt die Stigmatisierung anfangs um so besser, als sie so nüchtern klingt und als Schimpfwort noch unverbraucht ist. Wenn das aber die Mehrheit erst mal kapiert hat und alle von “psychisch gestört” reden, dann nutzt sich das natürlich wieder ab und es braucht neue Begriffe. Das politische Kabarett ist da meistens ganz vorne dabei und schlägt schon Sachen vor, die dann auch wirklich übernommen werden (Maximalpigmentierte – jetzt keine Geisteskrankheit, aber die selbe Baustelle).

    d) Der blinde Fleck: Gibt es hier Probleme mit Homophoben? Ist eine saubere Diagnose gestellt, oder wird flugs aus 3-10 Symptomen der Schluss auf eine Erkrankung gezogen?
    Mir gefällt an dieser Stigmatisierung nicht, obwohl sie nicht anders funktioniert als paranoider VT-ler usw., dass damit keine Ursachenanalyse mehr geführt wird. Ich glaube viele halten Homophob tatsächlich für ein Krankheitsbild, dass man jedem, der sich homosexuellenfeindlich äußert, anheften kann. Dass damit alles hinreichend beschrieben ist. Ich bin auch nicht so sicher, ob die Symptomatik bei angeblicher Homophobie wirklich an Phobien erinnert. Ich habe das aber nicht medizinisch erforscht und kenne auch die Literatur nicht.
    Oder xenophob – hört man aber in letzter Zeit weniger.

    e) MIssverständnisse
    Meist ist ja aus dem Kontext klar, ob man jemanden stigmatisieren will oder ob man einen Fachterminus verwendet. Wer nicht missverstanden werden will berücksichtigt das.

    f) Betroffene
    Das sieht doch ein Blinder! So ein Spruch kann einen stocken lassen, wenn man ihn aus Gewohnheit loslässt, obwohl ein bekanntermaßen Blinder im Raum ist. Wie peinlich!
    Andererseits – wie bereits erwähnt – ist das vielleicht besser als eine Tabuisierung. Tabus stehen in einem schlechten Ruf, aber zum Teil zu Unrecht. Das führt jetzt aber zu weit. Man kann festhalten, dass “Das sieht doch ein Blinder” Blinde nicht abwertet. Das Blindsein schon. Wem das zu hoch ist, der wird für mehr und mehr Tabus eintreten, fürchte ich. Das dicke Ende kommt dann nach. Man verlernt völlig frei von der Leber zu reden.

    Idioten, Deppen, Bekloppte, Schwachsinnige – man braucht das ständig um seine Umwelt adäquat darzustellen. Es gibt nur umständlichere Ausdrücke dafür aber keinen Ersatz. Die Aufgabe der Ausdrücke ist es ja drastisch zu sein, der Wutabfuhr zu dienen.

  30. #36 borstel
    15. November 2018

    Dazu fällt mir gerade spontan ein: https://de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus-Tretm%C3%BChle.

    Eine Bemerkung zum Thema Homophobie, Xenophobie usw.: Laut WP hängt die Nutzung des Wortes vom Kontext ab (medizinisch oder soziologisch): https://de.wikipedia.org/wiki/Phobie – mag jetzt trivial erscheinen….

    Von z.B. einer Homophobie im medizinischen Sinne, die keine Aversion, sondern eine “exzessive, übertriebene Angstreaktion” vor Lesben und Schwulen (so WP im Artikel Angststörung) beinhaltet, habe ich auf jeden Fall noch nie etwas gehört – obwohl ich gerade zu später Stunde zugeben muß, daß ich panische Angst vor Homosexuellen fast schon wieder sehr witzig fände. Ein Mensch, der panisch vor, sagen wir, Klaus Wowereit, Lilo Wanders oder Hella von Sinnen davonrennt, wäre einfach nur urkomisch, wie in einem ganz schlechten Cartoon. Aber das ist halt mein sowieso gelegentlich abseitiger Humor, der da durchscheint, man möge es mir verzeihen.

  31. #37 rolak
    15. November 2018

    das ist halt mein .. abseitiger Humor

    Aber nicht doch, Borstel, das ist (bisher | auch für mich) der einzige positive Aspekt derartiger WasserglasStürme, dieses herrliche ComicKopfKino.

    Ok, oder wir sind beide auf der abseitigen Seite.

    (Falls es irgendjemand nicht kapiert: Nein, kein Plädoyer für Diskriminierung)

  32. #38 PeterK
    Mannheim
    15. November 2018

    Bei disem Thema darf der der Wink zu Jörg Bergstedt nicht fehlen. Jörg Bergstedt vertritt sicherlich eine sehr extreme Position, kann aber seine Punkte in vielerlei Belangen gut belegen. Beispielsweise, dass dass die Psychiatrischen Ärzte klar vertreten, dass psychiatriesche Erkrankungen am Besten auf freiwilliger Basis behandelt werden, aber trotzdem viel zu oft Zwang anwenden. Schaut euch das Video an, es ist sehr informativ: https://youtu.be/pJXUbAWIAP0

  33. #39 roel
    15. November 2018

    @Joseph Kuhn

    Vielen Dank für die umfangreiche Antwort. Wie kommuniziere ich jetzt weiter mit einem abergläubigen Menschen (“Ich finde, “Reinhardt” hat in Kommentar #12”). Ich tue so, als ob ich es für einen Tippfehler halte.

    Ich denke Reinhardt hat da schon Recht, wenn man knapp etwas beschreiben will/muß und das Verhalten hat so viele Parallelen, ist der Gebrauch vieler Worte wohl angemessen. Trotzdem verzichte ich darauf weitestgehend und beschreibe es dann als krankhaft mit einer kurzen Erklärung. Vielleicht liegt es daran, dass ich kein Ventil zur Wutabfuhr benötige, wie z.B. der unknown user es beschreibt.

    “Die Beispiele sind allgegenwärtig”

    Na ja, da verhalte ich mich schon entsprechend und mache keine Unterschiede. Aber ich verstehe jetzt, wie es gemeint ist.

    “Es geht nicht darum, bei Leuten, die einfach nur komisch kommentieren, über eine psychische Störung zu spekulieren, das geht natürlich nicht.”

    Wobei ich mich immer frage, warum macht man das, wo ist der Hintergrund, einen Stil zu schreiben, den man ansonsten nicht schreibt und das mit einem Durchhaltevermögen, das beachtlich ist.

    • #40 Joseph Kuhn
      15. November 2018

      @ roel:

      “Wie kommuniziere ich jetzt weiter mit einem abergläubigen Menschen”

      Für den Aberglauben hat LasurCyan georgt, weil er seinen Kommentar #7 über die Antwortfunktion nachträglich in die Kommentarreihe geschoben hat, daher ist “Reinhardt” auf die Kommentarnummer 13 gerutscht. Du kannst also ganz normal mit mir reden 😉

      • #41 LasurCyan
        15. November 2018

        Für was man so alles verantwortlich ist, tss..aber es gibt ja die total altmodische Variante des permanenten links, der passt auch nach Einschüben..

  34. #42 RainerO
    15. November 2018

    Wie sehr die Diskussion über die richtige Verwendung und Auslegung eines Begriff eskalieren kann, zeigt exemplarisch recht schön ein aktueller Blog-Beitrag bei psiram: Angelesen: “Verschwörungstheorien” von Bernd Harder

  35. #43 Diaphanoskopie
    15. November 2018

    @borstel

    Wenn ich mich richtig erinnere wurde der Begriff “Homophobie” Ursprünglich von einem Psychologen (?) benutzt, um satirisch auf die Ansicht Bezug zu nehmen, dass Homosexualität eine Krankheit sei. Diese Ansicht ist auch aus dem medizinischen Mainstream noch nicht so lange verschwunden. Die Krankheitsassoziation ist also beabsichtigt und beabsichtigt falsch.

  36. #44 shader
    15. November 2018

    noch’n Flo: “Leider erlebe ich immer wieder, wie Krankschreibungen wegen Burn-out oder anderer Depression von Arbeitgebern nicht ernst genommen oder gar lächerlich gemacht werden.”

    ?!? Krankschreibungen werden (zumindest hier in Deutschland) nicht mit der Nennung der Krankheit an den Arbeitgeber weitergeleitet.

  37. #45 shader
    15. November 2018

    Sorry, aber man kann es mit der PC-Denke auch übertreiben. Der Ausdruck “Störung” wird schon als stigmatisierend angesehen? Wie wollt ihr es in Zukunft nennen? “Alternative Fähigkeiten”?

  38. #46 knorke
    15. November 2018

    @44 Mitunter verheimlicht man es gegenüber dem AG aber nicht und setzt sich damit böse in die Nesseln. Es reicht ja schon, dass man aufgrund eines guten Verhältnis zum AG dazu was sagt und das durch einen flapsigen Spruch diskreditiert wird oder sogar unter den Kollegen die Runde macht. Kann alles vorkommen.

    [Edit: Nummer des Bezugskommentars nachjustiert, hatte sich durch eine eingeschobene Antwort verschoben. JK]

  39. #47 shader
    15. November 2018

    @knorke, genau aus dem Grund mache ich das meinem AG nicht bekannt, was ich habe, egal wie harmlos das ist.

  40. #48 noch'n Flo
    Schoggiland
    15. November 2018

    @ shader:

    Krankschreibungen werden (zumindest hier in Deutschland) nicht mit der Nennung der Krankheit an den Arbeitgeber weitergeleitet.

    Hier in der Schweiz auch nicht. Aber oftmals erzählen ja die Arbeitnehmer auf Nachfrage dem Arbeitgeber ihre Diagnose. Insbesondere, wenn die Arbeitsunfähigkeit lange andauert.

  41. #49 Joseph Kuhn
    15. November 2018

    @ LasurCyan:

    “Variante des permanenten links”

    In meinem Kommentar ist ein Permalink, aber die Kommentarnummern im Text kann er nicht automatisch korrigieren. Entweder verzichtet man in den Kommentaren darauf, Bezüge mit Kommentarnummern zu kennzeichnen, oder man verzichtet auf die Antwortfunktion bei Kommentaren, die schon viele Nachfolger haben, oder man schürt den Aberglauben 😉

    • #50 LasurCyan
      15. November 2018

      kann er nicht automatisch korrigieren.

      Klar, nicht jede Maschine beherrscht den AbzählReim, Joseph. Deshalb: Verzicht auf die Antwortfunktion scheint angebracht. Aber ich bereue nichts!

  42. #52 roel
    15. November 2018

    Oh, was habe ich da angerichtet?

  43. #53 Dr. Webbaer
    16. November 2018

    Psychische Störungen sind einerseits Allerweltskrankheiten: Studien gehen davon aus, dass ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung im Laufe eines Jahres an einer solchen Störung leidet, im Laufe des Lebens ist jeder Zweite betroffen.
    […]
    Wie soll man in Blogs mit Kommentatoren umgehen, die erkennbar unter einer psychischen Störung leiden, diese vielleicht sogar explizit ansprechen, und mit ihren Anliegen die Diskussion „stören“? Darf man sie moderieren oder trägt man damit zu ihrer Stigmatisierung bei? [Artikeltext]

    Von Man-Sätzen ist Abstand zu halten, Dr. W rät zu Passiv-Konstruktionen oder zur Benennung von “Ross und Reiter”.

    ‘Psychische Störungen’, die sozusagen jeden betreffen, zumindest ‘jeden Zweiten’, deuten auf Missbildungen im diesbezüglichen Forschungsapparat, eindeutig, wie Dr. Webbaer findet, hin.

    Kulturpessimistisch kann das Leben selbst als Störung betrachtet werden, bei bestimmtem Output bestimmter Meinungsträger, die sich gar als irgendwie überlegen betrachten, muss diese Einsicht, sollte sie das Eigene meinen, auch nicht verkehrt sein.

    Dr. W rät der anthropologisch bemühten Wissenschaft an Krankheiten, vs. sog. Störungen, zu bearbeiten, auch um nicht übergriffig zu werden.

    MFG + schönes Wochenende schon einmal,
    Dr. Webbaer

    PS:
    Störer, die einem Inhalteangebot des Webs bewusst oder unbewusst (!) schaden, sind zu zens(ur)ieren, bedarfsweise, minimalistisch, nie öffentlich “breit” erörtert und idealerweise die genau für diese Zwecke hinterlassene E-Mailadresse nutzend.
    Allerdings wird gegensätzliche Meinung oft (von einigen) mit Störertum verwechselt, was nicht sein muss.

  44. #54 Sinapis
    16. November 2018

    “Trägt jede solche Begriffsverwendung eine stigmatisierende Last? Oder kann umgekehrt gerade auch eine übersensible Rücksichtnahme ein Stigma transportieren, weil man psychische Störungen damit doch wieder zu einem ganz besonderen Thema macht? Wie kontextabhängig ist ein stigmatisierender Sprachgebrauch und wie viel Stigma setzt sich eventuell kontextunabhängig durch? Wie sehen Sie beispielsweise Formulierungen wie „das ist doch paranoid“ oder „das ist doch schizophren“? Wie gehen Sie mit Betroffenen in Ihrem Bekannten- oder Familienkreis um? Wie soll man in Blogs mit Kommentatoren umgehen, die erkennbar unter einer psychischen Störung leiden, diese vielleicht sogar explizit ansprechen, und mit ihren Anliegen die Diskussion „stören“? Darf man sie moderieren oder trägt man damit zu ihrer Stigmatisierung bei?”

    Spannend. Komplex. Schwierig.

    Einiges wurde schon so oder ähnlich gesagt, aber ich füge mal ein Paar eigene Gedanken an:

    Intention scheint mir ein zentraler Punkt.
    Will ich abwerten oder abwehren?
    Du bist Krank, mit Dir rede ich nicht, ich nehme Dich nicht ernst. Deine Meinung, Deine Ansichten Du bist “gestört”.
    Oder gar verletzen?
    Will ich meine Betroffenheit über ein Verhalten ausdrücken?
    Das ist verrückt, weit daneben. Ich kann mir nicht vorstellen wie man so etwas denken kann. Das ist nicht normal. Der Gedanke, das Verhalten ist krank, schädlich und gefährlich wie eine lebensbedrohlicher Virus und verlangt nach angemessener medizinischer intervention.
    Ist es gar ein Hinweiß auf eine, vielleicht nur vermutete, Gefahr?
    Ist etwas wahnsinnig gefährlich, nicht nur für die betroffene Person selber, sondern auch für andere?

    Stigmatisierung hat immer etwas mit Ausgrenzung zu tun (?). Im Hinblick auf mich selber kann ich genug Beispiele finden wo ich selber Begriffe aus dem Feld der “Psychischen Störungen” (oder besser Erkrankungen? Krankheit impliziert doch zumindest eine Möglichkeit der Heilung und ist vielleicht weniger wertend) verwende, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Einem guten Freund habe ich öfter mit diversen Krankheitsbegriffen belegt – so wie er mich auch – und ich glaube wir haben immer verstanden das wir uns damit sagen wollten wie wenig es uns gefällt wenn der Andere etwas tut, sagt oder denkt das ihm schadet…

    Ist natürlich schwierig so etwas im öffentlichen Raum anzuwenden, erfordert es doch ein zeimliches maß an Vertrautheit um nicht missverstanden zu werden.

    Im Falle von mehr oder weniger offensichtlichen pathologischen zügen, halte ich persönlich wenig von Zurückhaltung. Wenn ich ein Verhalten als “Krank” empfinde werde ich das bei bedarf auch so sagen. Allerdings, einer Person im Sinne einer “Ferndiagnose” zu unterstellen sie habe eine Persönlichkeitsstörung halte ich für daneben, ist aber manchmal auch nicht leicht so etwas differenziert auszudrücken.
    Das ist wie “political correctness” allgemein und hängt meiner Ansicht nach viel mit Sender vs. Empfänger zusammen. Wer sich angegriffen/stigmatisiert/herabgesetzt fühlen möchte – und ja, das ist in gewissem Sinne auch schon die Unterstellung einer Paranoia 😉 – kann immer etwas finden unabhängig vom gewählten Wort. Was mir aus meiner persönlichen Erfahrung noch wichtig ist: Ich sehe einen Entscheidenen Unterschied im Sprachgebrauch darin ob ich eine Person oder ein Verhalten bezeichne. Im einfachsten Beispiel, “Du störst” (oder bist gestört), ist für mich Grundverschieden von “Dein Verhalten Stört” (oder ist Ausdruck eines gestörten denkens/fühlens im Sinne einer psychischen Erkrankung).

    Allgemein, was ist den psychisch Krank? Ich glaube ich habe es hier noch nicht gelesen, aber neben dem offensichtlichen, der direkten Gefährdung der eigenen Gesundheit und der Mitmenschen, ist für mich der Begriff Leidensdruck zentral.
    Wenn die konsequenzen der inneren Realität eines Menschen keine erheblich destruktiven Konsequenzen für Ihr eigenes und das Leben anderer haben, so what? Speziell auf dem weiten Feld des autistischen Spektrums gibt es da bestimmt viel zu entdecken bei dem Individielle Ansichten und Erfahrungen sehr unterschiedlich ausfallen können…
    Wo ist da eine Krankheit? Was muss behandelt und geändert werden? Wer braucht besonderen Schutz, Verständnis? Wer würde einfach lieber als ganz normaler Mensch gesehen werden, egal wie anders?

    Analog könnte man auch einen Blinden fragen, wie er mit seiner Behinderung umgeht, das kann auch zu interessanten Antworten führen…

  45. #55 Dr. Webbaer
    16. November 2018

    Allgemein, was ist den psychisch Krank?

    Psychische Krankheit gibt es und liegt aus allgemeiner Sicht dann vor, wenn die Patienten erkennbar psychisch leiden, bspw. sind Depressionen ernst zu nehmen und stellen eine biochemische Störung dar, und wenn sie auf Grund ihrer Krankheit auch i.p. Strafrecht anders zu handhaben sind.

    Allgemein findet eine Ausweitung psychischer Krankheit wie auch psychischer Störung statt, womöglich sind hier dbzgl. tätige Therapeuten auch an dieser Ausweitung interessiert, profitieren in persona davon.

    Ansonsten müsste es so sein, dass soz. jeder an einer wie auch immer gearteten psychischen Störung leidet, denn der hier gemeinte Nasentrockenprimat scheint körperlich-seelisch nicht auf moderne Gesellschaften eingestellt zu sein.
    Wie sich Dr. Web-Baer gerne erlaubt einzusehen wie anzumerken.

    Insofern sind die “Seelenklempner” bestmöglich demokratisch einzupflegen wie einzuhegen, wie Dr. W findet.
    Damit sie so keine illegitime Macht erhalten und nicht sozial sonderlich bestimmend werden.

    Der hiesige verständige, womöglich dem Kollektivismus mit dediziert-dezidiertem internationalistischem Anspruch, wie Dr. W einschätzt, kann hier womöglich zustimmen.

    MFG + schönes Wochenende schon einmal,
    Dr. Webbaer

  46. #56 Dr. Webbaer
    16. November 2018

    *
    … womöglich dem Kollektivismus mit dediziert-dezidiertem internationalistischem Anspruch [anhängig], wie Dr. W einschätzt …

  47. #57 Dr. Webbaer
    16. November 2018

    ‘Inhaltegeber’ fehlte auch noch, meine Fresse! (Webbaeren dürfen dies so schreiben), sorry!

  48. #58 shader
    16. November 2018

    “Ansonsten müsste es so sein, dass soz. jeder an einer wie auch immer gearteten psychischen Störung leidet, denn der hier gemeinte Nasentrockenprimat scheint körperlich-seelisch nicht auf moderne Gesellschaften eingestellt zu sein.”

    Gilt das auch für Nasenbären?

  49. #59 Dr. Webbaer
    16. November 2018

    Dies gilt auch für Bären, Bro, Sie sind bspw. ja auch als Ökologist bekannt und insofern, unfruchtbar und kindlich geblieben auch so-o ein Fall; jeder hat sein Päckchen zu tragen.

  50. #60 Joseph Kuhn
    17. November 2018

    @ Sinapis:

    “Allgemein, was ist den psychisch Krank? Ich glaube ich habe es hier noch nicht gelesen”

    Die Frage ist wichtig, aber nicht gut zu beantworten. Wir hatten es im Blog schon diskutiert, und oben in Kommentar #6 hatte ich zwei Literaturhinweise gegeben. Die klare und konsensfähige Definition von (psychischer) Krankheit gibt es leider nicht.

    “ist für mich der Begriff Leidensdruck zentral”

    Das ist zumindest keine notwendige Bedingung für “Krankheit”. Im Englischen wird zwischen disease und sickness unterschieden, auf sickness würde es zutreffen, auf disease, das unserem Begriff “Krankheit” entspricht, nicht, weder bei körperlichen noch bei psychischen Krankheiten. Viele Krebskrankheiten sind z.B. deswegen so tückisch, weil man anfangs nicht leidet, ähnlich wie beim Diabetes. Bei psychischen Störungen kann das in bestimmten Phasen z.B. der Manie oder der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auch so sein.

  51. #61 Novidolski
    17. November 2018

    Vom richtigen Sprachgebrauch
    Interessant ist das Verhalten von Kindern untereinander. Kinder nehmen ja kein Blatt vor den Mund, wenn sie körperliche Gebrechen oder seltsame Verhaltensweisen beschreiben.
    Wenn einem Kriegsveteran ein Bein gefehlt hat, dann war das eben der Krüppel oder der Einbeinige.
    Wenn ein Schüler eine Brille tragen musste, was früher sehr selten war, dann nannte man ihn Brille.

    Wenn man da als Elter nicht eingreift, dann verschärft man die Situation, weil der Betroffene die Stigamtisierung unterschwellig speichert. Über die Langzeitwirkung der Stigmatisierung will ich hier jetzt nicht eingehen, man denke nur an den Klumpfuss von Joseph Goebbels, oder den verkrüppelten Arm Kaiser Willhel II und den Folgen.

    Also worum geht es, es geht um einen menschenwürdigen Umgang mit Menschen die krank oder verletzt sind. Am besten man nennt diese Menschen nicht nach ihren krankhaften Merkmalen, sondern mit ihrem Namen.

  52. #62 Sinapis
    17. November 2018

    @Joseph Kuhn

    Mein zitierter Gedanke war eher in Hinsicht auf die “leichteren” Störungen gedacht. Mehr zu der Frage ab wann es den legitim sein könnte ein Verhalten oder Charakterzüge als Krank zu definieren oder gar eine beim Betroffenen nicht erwünschte Änderung seiner Verfassung anzustreben.

    “Viele Krebskrankheiten sind z.B. deswegen so tückisch, weil man anfangs nicht leidet, ähnlich wie beim Diabetes. Bei psychischen Störungen kann das in bestimmten Phasen z.B. der Manie oder der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auch so sein.”

    Natürlich, dass ist mit ein Grund dafür, dass ich wenig davon halte gewisse Begriffe aus dem Sprachgebrauch auszuklammern – aus Sorge vor Stigmamtisierung oder anderen Gründen.
    Genau wie die Erkennung eines Tumors im Frühstatidum – vor spürbarer Symptomatik – die Heilungsprogse deutlich verbessern kann, halte ich es auch bei psychischen Erkrankungen für sehr Vorteilhaft diese frühzeitig zu erkennen und die Chancen einer Schadensabwendung zu erhöhen. Bei Krebs braucht es dafür u.U moderne Bildgebene Verfahren, bei psychischen Störungen kann es vielleicht die Aufmerksamkeit für Verhaltensmuster und eine geeignete Rückmeldung sein…

    “Was Du sagst klingt psychotisch” kann durchaus eine hilfreiche Warnung für den angesprochenen sein.

    Wenn ich so darüber nachdenke ist das Problem der Stigmatisierung evtl. stark damit verbunden,dass viel zu viele Menschen keinen blassen Schimmer davon haben, was die Worte, die sie manchmal unbedacht verwenden für eine Bedeutung für Betroffene haben, bzw. es ihnen egal ist.

    Das ist wohl wieder das SenderEmpfänger Ding, das Gleiche Wort kann, von unterschiedlichen Personen gesprochen, sehr unterschiedliches auslösen…

    • #63 Joseph Kuhn
      17. November 2018

      @ Sinapis:

      “halte ich es auch bei psychischen Erkrankungen für sehr Vorteilhaft diese frühzeitig zu erkennen”

      Das ist eine für jedes Störungsbild empirisch zu klärende Frage. Früherkennung ist nicht an sich gut. Als Einstieg siehe z.B. die Wilson-Jungner-Kriterien für Screening-Programme.

  53. #64 Ηaselnuss76
    18. November 2018

    Gibt es Hinweise oder Belege dass solche Störungen nicht bei allen Ethnien gleich häufig sind?

  54. #65 Novidolski
    18. November 2018

    JK
    Früherkennung, dazu gehört auch die genetische Früherkennung. Was hilft es einer Person, wenn sie mit 10 Jahren gesagt bekommt, dass sie nicht älter als 20 Jahre alt wird.
    Hier muss genau abgewogen werden, was hilft und was nicht hilft.