Die Skeptiker haben gerade ein Interview des Hevert-Geschäftsführers Mathias Hevert mit Pharma Relations zum Thema gemacht. In dem Interview sagt Mathias Hevert:

„Bei den homöopathischen Arzneimitteln unterscheiden sich die erforderlichen Nachweise wiederum je nach Schwere der Erkrankung und danach, ob eine Indikation angegeben wird. Bei zugelassenen homöopathischen Medikamenten ist ebenso ein evidenzbasierter Wirksamkeitsnachweis für eine bestimmte Indikation zu erbringen.“

Nun ist der Begriff „evidenzbasiert“ nicht geschützt und Homöopathen verstehen darunter vermutlich auch die Schriften ihrer Tradition. Oder andere Belege auf den unteren Stufen der Evidenzhierarchie, also hochgradig fehleranfällige Studien sowie Expertenmeinungen, speziell im Fall der Homöopathie geadelt durch den Binnenkonsens. Dazu Mathias Hevert völlig richtig:

„Die Anforderungen für den Evidenznachweis bei Indikationen für schwerwiegende Erkrankungen sind allgemein höher als für weniger schwere Erkrankungen.“

Er kommt dann auf die Mittel seiner Firma zu sprechen, aber hier bleibt der Punkt mit der Krankheitsschwere offen:

„Hevert-Komplexmittel sind zudem fast ausschließlich mit medizinischen Anwendungsgebieten (Indikationen) zugelassen, d.h. die Wirksamkeit der Arzneimittel für diese Anwendungsgebiete wurde gegenüber dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wissenschaftlich nachgewiesen.“

Dass er bei der Krankheitsschwere nicht deutlicher wird, hat möglicherweise einen guten Grund. Das BfArM schreibt nämlich in seinem Jahresbericht 2017/2017 auf Seite 41 im Zusammenhang mit der Behandlung schwerer Erkrankungen, dass dann eine Studie Voraussetzung für eine Zulassung sei. Und weiter:

„Bislang wurde jedoch noch kein homöopathisches Arzneimittel durch das BfArM zugelassen, bei dem sich der Antragssteller auf eine zum Beleg der Wirksamkeit geeignete Studie berufen hätte.“

Hat Hevert also keine Mittel gegen schwere Erkrankungen im Sortiment? Sonst müsste man ja schlussfolgern, dass entweder das BfArM oder Mathias Hevert eine falsche Tatsachenbehauptung gemacht haben. Und wenn es Hevert gewesen sein sollte, wird er am Ende noch abgemahnt. Das wäre dann doch zu kurios.

Kommentare (11)

  1. #1 schlappohr37
    2. Juli 2019

    “Bislang wurde jedoch noch kein homöopathisches Arzneimittel durch das BfArM zugelassen, bei dem sich der Antragssteller auf eine zum Beleg der Wirksamkeit geeignete Studie berufen hätte.“

    Dann liegt es ja praktisch auf der Hand, keine Studie anzufertigen, denn das wäre ja offenbar nur kontraproduktiv für die Zulassung, richtig?

    Andererseits fragt man sich, wenn

    ” […] die Wirksamkeit der Arzneimittel für diese Anwendungsgebiete [..] gegenüber dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wissenschaftlich nachgewiesen […]”

    wurde, auf welche Weise das geschehen ist, wenn nicht durch eine Studie.

    Die Welt der Homöopathie. Eine Welt der Zeichen und Wunder. Alles ist möglich. Gehet hin und verbreitet die Lehre, und die Taler werden rollen in euren Geldbeutel immerdar.

    • #2 Joseph Kuhn
      2. Juli 2019

      @ schlappohr37:

      “auf welche Weise das geschehen ist”

      Durch Binnenkonsens: “Bei Arzneimitteln der homöopathischen und anthroposophischen Therapierichtungen ist das wissenschaftliche Erkenntnismaterial entsprechend dem Selbstverständnis und der Eigenerfahrung der jeweiligen Therapierichtung zu bewerten.” (BfARM, Bekanntmachung vom 18.11.1998).

  2. #3 2xhinschauen
    http://www.homöopedia.eu
    2. Juli 2019

    Man sollte Hevert oder einen der übrigen Player nicht ohne Not vor den Kadi zerren und sie damit zu Opfern oder Märtyrern machen.

    Im übrigen befleißigt sich Hevert eines gekonnten, aber nicht minder widerwärtigen Rabulismus: Das gewiss auf Irreführung angelegte dauernde Durcheinanderwerfen von “Zulassung” und “Registrierung”. Der erweckte Eindruck, als gäbe es viele zugelassene, wirksamkeitsgeprüfte Homöopathika. Das Durcheinanderwerfen von niedrigen (mit Wirkstoff) und hohen “Potenzen” als einheitliche Methode (wenn die einen “wirken”, dann doch sicher auch alle) usw. usw. Nicht zu vergessen die Falschaussagen z.B. über das angeblich unwissenschaftlich argumentierende INH (unwissenschaftlich), als ob es die tatsächliche Evidenzlage nicht gäbe (http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Studienlage). Einfach raushauen, die späteren langen Widerlegungen liest eh keiner. Dabei hätte ihm der Interviewer mit etwas Sachkenntnis jeden zweiten Satz zerlegt.

    p.s. und wenn man die Berichterstattung über die Homöopathie den Ressorts Politik oder Wirtschaft überlässt, ist es wieder ein “Glaubenskrieg” um “die Berechtigung der pflanzlichen, mineralischen oder tierischen Substanzen”. Qualitätsmedien halt.

    • #4 Joseph Kuhn
      2. Juli 2019

      @ 2xhinschauen:

      “Man sollte Hevert oder einen der übrigen Player nicht ohne Not vor den Kadi zerren”

      Damit es keine Missverständnisse gibt: Die Titelfrage war nicht ernst gemeint. Es sei denn, man hat Spaß an einer juristischen Nonsensaktion.

  3. #6 RPGNo1
    2. Juli 2019

    @2xhinschauen

    Betreffs Frankreich:
    Das klingt nicht gut. Ein paar Provinzpolitiker und ein in internationalem Maßstab kleiner Industriekonzern machen Druck, weil 1000 (!) Jobs auf dem Spiel stehen. Dazu kommt dann noch die bekannten Klagegesänge der Personen, die auf die angebliche, jedoch seit langem widerlegte Wirksamkeit der Homöopathie verweisen.
    Und die französische Regierung droht einzuknicken. Wenn das passiert, dann die deutschen Homöopathenlobbyisten leider wieder Oberwasser bekommen, so befürchte ich.

    Dabei hätte ihm der Interviewer mit etwas Sachkenntnis jeden zweiten Satz zerlegt.

    Ich mag mich irren, aber mir erscheint es so, dass das Interview schriftlich geführt wurde.

  4. #7 2xhinschauen
    http://www.homöopedia.eu
    3. Juli 2019

    @Joseph Kuhn
    Schon klar. Aber wegen der Fassungslosigkeit einiger Kritiker und der Aussichten juristischer Gegenmaßnahmen dachte ich: Das war nicht allen klar 🙂

    @RPGNo1
    Arbeitsplätze sind oft ein Totschlagargument, aber bei Politikern eben erfolgversprechend. Auch wenn es die Faustkeilmanufakturen etc. immer nur bis zur nächsten Wahl “retten” kann. Ich hoffe mal, dass Macron sich nicht der Häme aussetzen möchte, wenn er einem schlechten Beispiel folgend über die Wissenschaft hinwegtrumpelt, sondern dass er die Lage halbwegs geschickt wegmanagt. Dann dauert es eben etwa länger. Jedenfalls hat er bisher nicht nur Politik für die eigene Kernwählerschaft gemacht, teilweise sogar im Gegenteil. Die anmaßende Ahnungslosigkeit des FAZ-Autors betrübt mich da deutlich mehr.

  5. #8 schlappohr
    3. Juli 2019

    […] ist das wissenschaftliche Erkenntnismaterial entsprechend dem Selbstverständnis und der Eigenerfahrung der jeweiligen Therapierichtung zu bewerten.” (BfARM, Bekanntmachung vom 18.11.1998).

    Ich versuche gerade, meinen Hustenanfall in den Griff zu bekommen.

    Nennt man das nicht auch Pipi-Langstrumpf-Syndrom (ich mach mir die Welt, widiwidiwie sie mir gefällt)? War der Einfluss der Magier-Lobby 1998 schon so stark?

  6. #9 2xhinschauen
    http://www.homöopedia.eu
    4. Juli 2019

    @schlappohr
    Der SPIEGEL hat im Mai 1997 in erfrischend kritischer Weise mit der Geschichte aufgemacht, wie dieser unsägliche “Binnenkonsens” durch eine wirklich winzige Textänderung ins Arzneimittelgesetz hineingemogelt wurde:

    „Rückfall ins Mittelalter“
    Mit einer winzigen Gesetzesänderung will Bonn Milliarden für die „sanfte Medizin“ lockermachen. Künftig sollen alternative Heilmethoden auf Kosten der Krankenkassen abgerechnet werden – auch dann, wenn sie nicht nachweisbar wirksam sind.

    https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8716404.html

  7. #10 RPGNo1
    9. Juli 2019

    Wie wunderbar, ich habe mich in meiner Einschätzung #6 geirrt!. 🙂

    https://blog.gwup.net/2019/07/09/frankreich-homoeopathie-fliegt-aus-der-kassenerstattung/

  8. #11 Joseph Kuhn
    10. Juli 2019

    Mezis zu Hevert

    Mezis, eine Initiative, die sich kritisch mit dem Einfluss der Pharmaindustrie auf Ärzt/innen beschäftigt, hat Hevert wegen seines Vorgehens kritisiert: https://mezis.de/bedrohung-der-freien-meinungsaeusserung-mezis-kritisiert-vorgehen-des-pharmazeutischen-unternehmens-hevert-arzneimittel/