Heute hat das Statistische Bundesamt die nächste Sonderauswertung der Sterbefälle veröffentlicht, sie reicht jetzt bis zum 10. Mai. Die Entwicklung ist höchst erfreulich:

Die Übersterblichkeit von KW 12 bis KW 18 summiert sich nach dem vorläufigen Datenstand auf ca. 8.000 Sterbefälle.

Das war vorerst die letzte Darstellung dieser Kurven hier im Blog. Die nächste gibt es vielleicht, wenn sich zeigt, dass im Frühsommer 2020 deutlich weniger Menschen sterben als im Durchschnitt 2016-2019, falls also der berüchtigte „Ernteeffekt“ sichtbar wird.

Kommentare (14)

  1. #1 UMa
    5. Juni 2020

    Vorbei finde ich noch etwas voreilig, da noch nicht alle Sterbefälle der letzten Wochen enthalten sind.

    Ich komme für die Wochen 11 bis 19 auf eine Übersterblichkeit von insgesamt 9572 (relativ zum Median) wobei 7885 in den Daten der heutigen Auswertung schon enthalten sind während ich weitere 1687 Sterbefälle für den Zeitraum der Wochen 11 bis 19 erwarte, die im Laufe der nächsten Wochen und Monate nachgemeldet werden, davon allein 544 Nachmeldungen für die Woche 19.

    Vor allem die letzte Woche hatte auch in den letzten Auswertungen noch deutlich zu wenig gemeldete Fälle, so dass der Rückgang etwas stärker aussieht, als er wahrscheinlich tatsächlich ist.

  2. #2 Gerald Fix
    6. Juni 2020

    Der Statistiker Tilman Weigel weist auf eine Besonderheit hin: die Übersterblichkeit von Männern.

    Er schreibt:
    “Aus dem Bericht [des RKI] vom 2. Juni geht hervor, dass 55 Prozent der Todesopfer Männer sind. Und das, obwohl die Mehrzahl der alten Menschen Frauen sind – und diese Altersgruppen besonders betroffen sind. Die unterschiedliche Altersstruktur verdeckt die Übersterblichkeit von Männern, sie wird deutlich, wenn man einzelne Altersgruppen vergleicht.”

    Lässt sich das bestätigen?

    • #3 Joseph Kuhn
      6. Juni 2020

      @ Gerald Fix:

      “Die unterschiedliche Altersstruktur verdeckt die Übersterblichkeit von Männern”

      Man muss aufpassen, worüber man spricht, wenn man das Wort “Übersterblichkeit” verwendet. Hier war bisher die prozentuale Übersterblichkeit 2020 gegenüber dem Durchschnitt 2016-2019 gemeint.

      Bei dem von Ihnen verlinkten Kommentar geht es um etwas anderes: um das Verhältnis der Sterblichkeit von Männern und Frauen bei Covid-19. Dass Männer ein höheres Sterberisiko durch Corona haben, ist bekannt. In jeder Altersgruppe liegt die Corona-Sterberate der Männer über der der Frauen, je nach Altersgruppe liegt sie beim 1,5- bis 3-fachen der Sterberate der Frauen. Dabei muss mal allerdings in Rechnung stellen, dass Männer auch sonst höhere Sterberaten als Frauen haben, in allen Altersgruppen. Allerdings ist die Übersterblichkeit der Männer gegenüber den Frauen bei Corona deutlich stärker ausgeprägt als “normal”, mit Ausnahme der Altersgruppe 20-30 (da ist durch Suizide und Unfälle die “normale” Übersterblichkeit der Männer besonders hoch).

  3. #4 Markus Huland
    6. Juni 2020

    @Gerald: Es gibt die Theorie, dass bei Männern mehr ACE2 im Blut herumschwimmt und daher die Infektionen heftiger verlaufen:
    https://www.spektrum.de/news/enzym-laesst-maenner-haeufiger-und-schwerer-erkranken/1733482

    Dass ACE2 das Einfallstor ist, wisst ihr aber, oder?

  4. #5 Schneeweiß
    7. Juni 2020

    Wie kann man den Unterschied erklären dass in Deutschland bisher 8,769 Menschen an Corona gestorben sind?

    Die Übersterblichkeit von KW 12 bis KW 18 summiert sich nach dem vorläufigen Datenstand auf ca. 8.000 Sterbefälle.

    • #6 Joseph Kuhn
      7. Juni 2020

      @ Schneeweiß:

      “Wie kann man den Unterschied erklären …”

      Dem RKI wurden auch nach der KW 18 noch Corona-Sterbefälle gemeldet. Man muss abwarten, ob man davon in den nächsten Sonderauswertungen des Stat. Bundesamtes noch etwas sieht, besser gesagt, ob man davon noch etwas sieht in Form eines Mehr an Sterbefällen 2020 gegenüber dem Durchschnitt 2016-2019. Ein paar hundert Coronafälle gehen in diesem Vergleich schon unter, wenn 2020 nach KW 18 etwas weniger Menschen an anderen Todesursachen gestorben sind oder 2016-2019 aus irgendwelchen Gründen ein paar mehr gestorben waren oder beides der Fall ist.

      Die etwas feiner gerechnete Exzessmortalität bei Influenza fällt in manchen Jahren sogar insgesamt negativ aus, obwohl es gemeldete, laborbestätigte Influenzatote gegeben hat. Man setzt sie dann auf Null.

  5. #7 Kinseher Richard
    8. Juni 2020

    Heute kam in den Nachrichten, dass die wegen Covid-19 durchgeführten Maßnahmen wohl auch dazu führten dass es deutlich weniger Influenza- und Magen-Darm-Erkrankungen gab/gibt.

    D.h. die Diskussionsgrundlagen sind nicht mehr vergleichbar

  6. #8 Joseph Kuhn
    20. Juni 2020

    Antwort der Bundesregierung zur Frage der Übersterblichkeit

    Zwar nichts Neues, aber wer mal die Bundesländer bis KW 17 im Überblick sehen will:
    https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/196/1919698.pdf

  7. #9 Karl Mistelberger
    mistelberger.net
    21. Juni 2020

    Germany (9 Mar – 10 May)

    The number of deaths in Germany has been 4% higher than average, with about 7,100 more people dying than usual.

    https://www.bbc.com/news/world-53073046

    • #10 Joseph Kuhn
      21. Juni 2020

      @ Karl Mistelberger:

      Danke, sehr interessanter Link. Für Deutschland passt es gut zu der hier vorgenommenen Auswertung (die Differenz kommt u.a. dadurch, dass BBC eine Woche früher anfängt, als in Deutschland die Sterblichkeit 2020 noch unter dem Vorjahresschnitt lag, und die Baseline anders bestimmt hat).

      Aufschlussreich sind die “Other excess deaths”, also die Sterbefälle über den gemeldeten Fällen, weil das eine Art Bewertung der Meldevollständigkeit ist. Dass die in Deutschland überraschend gut ist, hatte ich im Mai auch mal angemerkt. Für manche Länder sieht das ganz anders aus. Und ganz besonders interessant sind die Daten für Japan: Bei den niedrigen Fallzahlen dort hatte ich bisher das Nichttesten in Verdacht, aber wenn es keine Übersterblichkeit gibt, kann es logischerweise auch nicht viele Coronatote geben, es sei denn, andere Todesursachen wären 2020 erheblich zurückgegangen.

      Habe nebenan einen Beitrag dazu gemacht, falls es Diskussionsinteresse zu den BBC-Daten gibt. Solche Auswertungen zeigen immer wieder, wie groß das Potential selbst einfacher deskriptiver Auswertungen mit Massenstatistiken ist. Dass vieles sonst ausgefeilte Studiendesigns und zusätzliche Daten benötigt, ist natürlich auch klar.

  8. #11 UMa
    21. Juni 2020

    Hier kommt meine neue Auswertung der Übersterblichkeit und der Vergleich mit den Coronatoten nach angeben des RKI. Ich habe dabei wieder die zu erwartenden Nachmeldungen extrapoliert, was erheblichen Einfluss besonders auf die letzten Wochen hat.

    Im Sommer wird die Berechnung der Übersterblichkeit schwieriger werden, wegen der starken Übersterblichkeit und deren Schwankungen während der Hitzewellen 2018 und 2019. Es sei denn, ich kann den Temperatureffekt aus der Baseline irgendwie herausrechnen.

    KW = Kalenderwoche
    RKI = An Corona verstorben nach RKI angeben
    ÜST = von mir errechnete Übersterblichkeit aus der Anzahl der täglich Verstorbenen von 2016 bis 2020 nach Angaben von destatis.

    KW, RKI, ÜST
    11, 17, 479
    12, 161, 437
    13, 600, 741
    14, 1360, 1975
    15, 1726, 2006
    16, 1575, 1398
    17, 1148, 1147
    18, 773, 669
    19, 493, 619
    20, 335, -140
    21, 252, 565
    Summe, 8440, 9896

    • #12 Joseph Kuhn
      21. Juni 2020

      @ UMa:

      Danke, passt ebenfalls ins Bild.

      Der Sommer wird interessant, weil man dann zum einen den berüchtigten “Ernteeffekt” sehen könnte, zum anderen vielleicht auch erste mittelfristige Auswirkungen des Lockdowns, z.B. durch verschobene medizinische Behandlungen – falls letzteres so ausgeprägt ist, dass es auf die Sterbefallstatistik durchschlägt.

  9. #13 André B.
    Thüringen
    8. Juli 2020

    Hallo zusammen,

    viel interessanter und auch anschaulicher, ist die offizielle Statistik bzw. Grafik dazu vom statistischen Bundesamt. Über die exorbitante höhere Übersterblichkeit im Jahr 2018 und wie das völlige Desinteresse von Medien und Politik zur damaligen Zeit im Verhältnis zur heutigen Situation zu erklären ist, darüber sollten Sie viel eher diskutieren. (http://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/05/PD20_179_12621.html)

    • #14 Joseph Kuhn
      8. Juli 2020

      @ André B:

      Die Grafik oben im Blog beruht auf der “offiziellen Statistik” des Statistischen Bundesamtes, es sind die gleichen Daten. Die Grippewelle 2017/2018 ist in den Medien und auch hier im Blog hinreichend oft kommentiert worden. Die Frage, wie sinnvoll es ist, eine saisonale Grippewelle mit absehbarem Verlauf mit SARS-CoV-2 zu vergleichen, ist in den Medien und auch hier im Blog ebenfalls ausgiebig und wiederholt diskutiert worden. Das muss nicht von vorn begonnen werden: Wer zu spät kommt, hat es eben verpasst, bitte nachlesen, google hilft.