Die Lorenz-Maschine zählt zu den seltensten und teuersten Verschlüsselungsmaschinen überhaupt. Ein bisher unbekanntes Exemplar soll nun in England aufgetaucht sein. Seltsamerweise sieht dieses völlig anders aus als andere Lorenz-Maschinen.

“Nazi-Chiffriermaschine zur Versteigerung geboten” meldete der ORF gestern. Auch das Nachrichtenportal von N-TV, T-Online und Die Welt berichteten (wenn auch mit etwas weniger reißerischen Titeln) von einer Verschlüsselungsmaschine, die für etwa 12,50 Euro bei eBay zum Verkauf stand. Danke an die Leser Dr. Karsten Hansky, Peter Lichtenberger, Tobias Schrödel, Ruth Kraemer-Klink, Prof. Wolfgang Lechner und S. Reimer für die diversen Tipps.

Bei der besagten Maschine soll es sich laut britischen Experten um eine Lorenz-Maschine gehandelt haben. Meiner Schätzung nach könnte man für eine solche derzeit etwa eine Viertelmillion Euro verlangen – und bekommen.

 

Die Lorenz-Maschine

Über die Lorenz-Maschine habe ich in Klausis Krypto Kolumne bereits berichtet. Sie wurde von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg auf höchster Ebene eingesetzt. Sogar Adolf Hitlers Korrespondenz wurde damit verschlüsselt.

Lorenz-Maschine-NCM

Die Briten schafften es jedoch, diese strategisch ungemein wichtige Verschlüsselungsmaschine zu knacken. Dazu bauten sie die komplexeste und leistungsfähigste Datenverarbeitungsmaschine ihrer Zeit: Colossus.

In meinem Buch Codeknacker gegen Codemacher gibt es ein Kapitel über die Lorenz-Maschine und Colossus.

Im Gegensatz zur Enigma arbeitete die Lorenz-Maschine nicht mit verdrahteten Rotoren (und zählte somit auch nicht zu den Rotor-Verschlüsselungsmaschinen), sondern mit Zahnrädern, deren Zähne einzeln deaktiviert werden konnten. Diese Mechanik bildete eine Folge von Nullen und Einsen, die (wie beim One-Time-Pad) zum Klartext gezählt wurde. Da Fernschreiben damals bereits in einem Binär-Format verschickt wurden, konnte man diese mit der Lorenz-Maschine verschlüsseln.

Die Lorenz-Maschine hatte (im Gegensatz zur Enigma und vielen anderen Verschlüsselungsmaschinen) keine Tastatur. Sie wurde an einen Fernschreiber angeschlossen, wobei ausgehende Fernschreiben ver- und eingehende entschlüsselt wurden. Heute würde man so etwas als Verschlüsselungs-Gateway bezeichnen.

Von der Lorenz-Maschine haben nur sehr wenige Exemplare überlebt. Eines ist im NSA-Museum (USA, siehe oben), ein weiteres in Bletchley Park (siehe unten) zu sehen. Im Deutschen Museum in München gibt es ein Fragment (siehe ganz unten). Weitere Exemplare kenne ich nicht.

lorenz-maschine

lorenz-maschine-DM

 

Ein bisher unbekanntes Exemplar entdeckt?

Bei den erwähnten Berichten über das angeblich in England neu entdeckte Exemplar kam mir einiges seltsam vor (als Beispiel beziehe ich mich auf den T-Online-Artikel):

  • Im Artikel heißt es: “Auf den ersten Blick sieht sie wie eine Schreibmaschine aus …” Das ist falsch, denn die Lorenz-Maschine hat ja keine Tastatur.
  • Im Artikel heißt es außerdem: “… bestätigte, dass es sich tatsächlich um eine sogenannte Lorenz-Rotor-Chiffriermaschine handelte.” Das ist falsch. Die Lorenz Maschine ist keine Rotor-Chiffriermaschine.
  • Das Bild, das mit dem Artikel veröffentlicht wurde, zeigt gar keine Verschlüsselungsmaschine und erst recht keine Lorenz-Maschine. Stattdessen handelt es sich um einen Fernschreiber ohne Verschlüsselungsfunktion.

Und was schließen wir daraus? Das Gerät, das in England aufgetaucht ist, ist allem Anschein nach keine Verschlüsselungsmaschine, sondern ein Fernschreiber. Diesen Fernschreiber konnte man vermutlich an eine Lorenz-Maschine anschließen (theoretisch ging das mit jedem damals erhältlichen Fernschreiber). Möglicherweise stammt der Fernschreiber sogar von der Firma Lorenz (diese stellte solche Geräte her). Vielleicht ist dieses Gerät für Fernschreiber-Sammler ein bedeutender Fund – für Kryptologie-Interessierte ist es jedoch eher uninteressant.

Wir haben es hier also mit einer klassischen Zeitungsente zu tun. Vermutlich hat ein Journalist die Sache falsch verstanden, und die anderen haben von ihm abgeschrieben.

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Der in den Artikeln erwähnte Andy Clark (auf dem Bild in der Mitte zu sehen) dürfte diesen Unsinn jedenfalls nicht in die Welt gesetzt haben. Er ist ein Fachmann und kennt ohne Zweifel den Unterschied zwischen einem Fernschreiber und einer Verschlüsselungsmaschine.

Zum Weiterlesen: Arne Beurling: Wie ein genialer Mathematiker Görings Geheimschreiber knackte

Kommentare (4)

  1. #1 Ralf Bülow
    1. Juni 2016

    Hier wird die Story etwas genauer erklärt, und es gibt auch ein Foto: http://www.bbc.com/news/uk-36401663

  2. #2 Jerry McCarthy
    England
    1. Juni 2016

    Das Gerät, das gefunden wurde, ist ein Fernschreiber zur Verbindung mit einer SZ42. Dieser Fernschreiber kommt von der Firma Lorenz, und auch hat ein Etikette mit dem Reichadler. Leider hat auch die Story aus dem BBC ein paar Fehler 🙁

  3. #3 Jerry McCarthy
    England
    1. Juni 2016

    > Vermutlich hat ein Journalist die Sache falsch verstanden, und die anderen haben von ihm abgeschrieben.

    Ja, genau!! 🙂

  4. #4 Jerry McCarthy
    England
    1. Juni 2016

    Von dem TNMOC (The National Museum Of Computing) kommt Eine bessere Version diese Story. Wichtig ist, daß das TNMOC einen Hauptantriebsmotor für die SZ42 benötigt. Hat man hier so einen Motor im Untergeschoss??

    http://www.tnmoc.org/news/notes-museum/lorenz-sz42missing-motor