Heute geht es um einen verschlüsselten Liebesbrief aus dem Jahr 1864. Die Verschlüsselung ist zwar nicht besonders gut, macht aber optisch einiges her. Außerdem enthält der Brief eine interessante Formulierung.
Was ist eigentlich eine Geheimschrift? Aus Sicht eines Kryptologen handelt es sich um ein Alphabet, das aus Buchstaben besteht, die sich jemand speziell zum Verschlüsseln ausgedacht hat oder die der Codeknacker aus einem anderen Grund nicht kennt.
Wirkungslos, aber abschreckend
Kryptologisch gesehen sind Geheimschriften ziemlich wirkungslos. Ob ich Klausis Krypto Kolumne in der Form §$%*<#< §~|>µ- §-$*+/= oder ABCDEFGF AHIJKL ALBDMNO schreibe, spielt keine große Rolle. In beiden Fällen handelt es sich um eine Buchstabenersetzung, die man (zumindest bei einem längeren Text) durch eine Häufigkeitsanalyse oder Wörterraten lösen kann. Die Geheimschrift hat also eher eine psychologische Wirkung, da sie abschreckend aussieht.
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Klausis Krypto Kolumne ist für die Auszeichnung “Wissenschaftsblog des Jahres” nominiert worden. Hier kann man abstimmen. Jeder kann mitmachen. Ich bitte um tatkräftige Unterstützung.
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Blickt man in die Geschichte der Kryptologie zurück, dann stellt man fest: Vor allem Laien haben Geheimschriften genutzt. Aus dem Mittelalter sind viele Beispiele bekannt – aus heutiger Sicht waren damals alle Menschen Krypto-Laien, da man noch nicht viel über dieses Thema wusste. Auch in den Jahrhunderten danach tauchten immer wieder Geheimschriften auf. In Klausis Krypto Kolumne habe ich schon viele davon vorgestelllt, sie etwa hier, hier und hier.
Experten in Sachen Verschlüsselung verzichteten dagegen meist auf das Erfinden neuer Alphabete. Sie wussten, dass dies nicht viel bringt.
Geile Skizzen?
Der Leser Hans Jahr hat mich auf eine schöne Geheimschrift aus dem 19. Jahrhundert aufmerksam gemacht. Im Jahr 1864 schrieb ein gewisser Alois Pazelt (er wurde später Sekretär des adligen Wissenschaftlers Ludwig Salvator von Österreich-Toskana) einen verschlüsselten Brief. Hier ist ein Ausschnitt (den vollständigen Brief gibt es hier: Seite 1, Seite 2):
Die von Pazelt verwendete Geheimschrift ist ohne Zweifel schön anzuschauen. Schon allein die Tatsache, dass er eine Geheimschrift verwendet, spricht aber dafür, dass er nicht viel von der Sache verstand. In der Tat konnte Hans Jahr den Code ohne Mühe knacken, da dieser sich als Buchstabenersetzung ohne weitere Finessen erwies. Hier ist der Klartext:
Würde ich dich nicht wie ein mädchen heiß und glühend lieben so hätte ich wahrhafig ursache gehabt dir recht lange zu zuirnen; den nicht allein daß du so lange nicht geantwortet has betrübe mich sondern es drängte sich mir der gedanke auf daß auch du kein besonderes vergnügen hegst briefe von mir zu erhalten! Mih gebe zu daß ich mich wie du es nanntest großartig geirrt habe vergebe dir aus vollem herzen und gestehe dir das ich nie boese sondere nur gekränkt war. Die nachtricht daß du theurer wieder nach venedig kommen wirst hat mich unendlich erfriut! Schreibe mir offen darf ich dich ohne anstand oder anstoß wiedersehen ??? Ich bitte dich um eine aufrichtige mittheilung. Kommt der cavaliere Gnagnoni auch mit? (Ich nehme einen vier taegigen urlaub). Unter anderem bin ich so frei dich zu fragen welchen stand du ergreifen wirst? Man erzählte sich daß du so wie “Kaiserlichen hoheit dein bruder Johann an das militaer eintreten werden.”
Soeben erfahre ich daß ich zu meinem alten ungarischen transferiert bin und in einigen tagen nach Triest abgehen werdh. Von dort werde ich dir wiederchreiben und wenn es dich freut einige geile skizzen von meiner reise mittheilen.
Jezt! Sei tausindmahl millionenmahl gekuist von deinem dich ewig liebenden treuen freund
Alois
Cbndino am 1. Mai 1864
Wie man sieht, handelt es sich um einen Liebesbrief. Der Begriff “geile Skizzen” irritiert mich etwas. Vielleicht weiß ja ein Leser, was das genau bedeuten soll.
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Zum Weiterlesen: Verschlüsselter Zettel in altem Uhrenbuch gefunden
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