Zwei Gewöhnliche Schweinswale (Phocoena phocoena)

Zwei Gewöhnliche Schweinswale (Phocoena phocoena) (Wikipedia; Ecomare/Sytske Dijksen – Ecomare; harbour porpoises Michael & Jose in 2012, Ecomare)

„Aus den Augen aus dem Sinn – wie der Schutz der europäischen Schweinswale versagt“ – Out of sight, out of mind: how conservation is failing European porpoises“ ist der Titel einer neuen Studie zur Effektivität des Walschutzes in der EU.
Ida CarlenLaetitia Nunny und Mark P. Simmonds` Fazit: Ein Versagen des Schweinswal-Schutzes in europäischen Gewässern. Gerade das deutsche Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) verhindert gezielt die Umsetzung von internationalen Abkommen und ignoriert wissenschaftliche Erkenntnisse – dadurch ist der Ostsee-Schweinswal akut vom Aussterben bedroht.

Wale sind langlebige Säugetiere und Prädatoren, sie werden relativ alt und haben nur eine begrenzte Fortpflanzungsrate – wahrscheinlich bekommen die Weibchen nicht einmal jedes Jahr ein einziges Kalb, das dann viel Zuwendung braucht.
Obwohl viele Menschen Walschutz als wichtig betrachten und ihn befürworten, sind ausgerechnet unsere einheimischen Schweinswale (Phocoena phocoena) nur wenig in der Öffentlichkeit bekannt. Klein, meist unsichtbar und eher unspektakulär bleiben sie hinter den bekannteren Delphinen (Große Tümmler) oder Buckelwalen zurück.
Sie haben mich mein ganzes Biologen-Leben lang begleitet, seit Beginn der 90-er Jahre – damals habe ich an den Synchronzählungen auf Sylt teilgenommen, die letztendlich zum heutigen Walschutzgebiet führten. Darum haben sie einen festen Platz auf Meertext.
Heute stelle ich eine brandneue Publikation vor, die analysiert, warum es mit dem Schweinswal-Schutz in Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen bisher so schlecht geklappt hat, welche unrühmliche Rolle dabei das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft spielt und warum es jetzt einen Hoffnungsschimmer gibt.

Schweinswale – kleine Wale in großer Gefahr

Der kleine Zahnwal ist der häufigste Wal in europäischen Gewässern und lebt auch in Nord- und Ostsee, mehr zu seiner Biologie ist hier.
Als kleiner, küstennah lebender Wal hat er in industrialisierten Küstengewässern keine guten Überlebenschancen, die menschliche Nutzung bringt viele Gefahren und Probleme mit sich:

  • Lärm durch Schifffahrt und Infrastruktur-Bau und -Betrieb (Windfarmen)
  • Starke Belastung der Küstenmeere durch Schadstoffe (PCBs, …), die das Immunsystem schwächen und die Fortpflanzungsfähigkeit mindern
  • Fischerei – sie sterben in den Netzen und konkurrieren um Fische

Populationen anderer Schweinswalarten (Familie Phocoenidae) in anderen Regionen der Welt sind ebenfalls bedroht, teilweise stehen sie kurz vor dem Aussterben: Das bekannteste Beispiel ist der Vaquita oder Kalifornische Schweinswal im Golf von Kalifornien (Phocoena sinus).
Carlen und ihre Mitautoren diskutieren die häufigsten Bedrohungen und Faktoren, die die Schweinswalpopulationen global beeinflussen, und geben Empfehlungen.

Wie der Schweinswalschutz in Europa begann

1960/61 verhedderten sich in den Nylonnetzen der Ostsee-Lachsfischer innerhalb einer einzigen Saison 50 Schweinswale. In den 1970 ern waren es innerhalb von sieben Jahren nur noch acht Exemplare. Damit war klar: Dieser Kleinwal-Bestand war offensichtlich eingebrochen und die Fischerei hatte damit zu tun hat.
Dieses Phänomen war auch in anderen Meeren zu beobachten – nach einer sehr hohen Anzahl der Kleinwalen im Beifang (Arten, die zwar gefangen werden, aber nicht die Zielart sind), nahmen sie stark ab. Aus einem überall häufigen Meeressäuger wurde ein seltenes Tier. Allerdings konnte niemand sagen, wie selten, denn es gab keine Bestandszahlen.
In den USA und Kanada gab es daraufhin die ersten Überlegungen zum Schutz der kleinen Meeressäuger.

In Europa begann der Schweinswalschutz in den späten 1980-ern in England: Erste Hinweise auf einen starken Rückgang der Kleinwale führten zu der Erkenntnis, dass man für Management und Schutz erst einmal Basisdaten braucht. Die lagen nicht vor und so begann in den 90-er Jahren die Erforschung dieser kleinen Meeressäuger – auch in Deutschland.
1991 wurde das regionale Abkommen zur Erhaltung der Kleinwale in der Nord- und Ostsee, des Nordostatlantiks und der Irischen See, abgekürzt ASCOBANS (englisch: Agreement on the Conservation of Small Cetaceans of the Baltic, North East Atlantic, Irish and North Seas) verabschiedet, das 1994 in Kraft trat.

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Kommentare (2)

  1. #1 libertador
    11. Februar 2021

    “Infrastruktur-Bau und -Betrieb (Windfarmen)”

    Gibt es da Untersuchungen dazu? Insbesondere was den Lärm im Betrieb angeht, fände ich es interessant wie groß die Lärmeintrage sind.

    • #2 Bettina Wurche
      11. Februar 2021

      @libertador: Der Bau von Windfarmen mit den Ramm-Arbeiten muss mittlerweile in der Nordsee mit Blasenschleiern abgemildert werden, das schein zu funktionieren. Die Windfarm-Betreiber haben das zumindest teilweise auch freiwillig für die Ostsee übernommen.
      Dazu gibt es einen ganzen Stapel Literatur, das Ergebnis war dieses Gutachten:
      https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/meeresundkuestenschutz/Dokumente/Noise-mitigation-for-the-construction-of-increasingly-large-offshore-wind-turbines.pdf
      und das Schallschutz-Konzept des BfN:
      https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/awz/Dokumente/schallschutzkonzept_BMU.pdf
      (Da ist jeweils viel Literatur zitiert. Allerdings hatte Frau Hendricks es für die Ostsee ebenfalls noch verabschieden wollen, dazu kam es leider nicht mehr)

      Im laufenden Betrieb fallen keine Rammarbeiten an, darum gibt es dazu keine Regelungen.
      Bislang herrschte dazu die Meinung, dass der laufende Betrieb für die Kleinwale kein Problem sei:
      https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5677494/

      Die Windfarmen selbst und die Turbinen-Geräusche scheinen auch kein Problem zu sein:
      https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19507958/

      Letztes Jahr habe ich bei Recherchen und im Gespräch mit einer Schweinswal-Forscher-Gruppe allerdings erfahren, dass es zumindest aus der Schleswig-Holsteinischen Nordsee jetzt doch Probleme gibt:
      Die Wale verschwinden gerade aus deutschen Gewässern:
      http://docs.dpaq.de/17231-fmars-07-606609.pdf
      Gleichzeitig berichteten diese Walforscher, dass es zumindest in/um einige/n Nordsee-Windfarben eine sehr hohe Lärm-Belastung (Zitat: “Höllenlärm”) gibt, vor allem durch Versorgungsschiffe. Diese Beobachtungen sind bis jetzt persönliche Kommunikation und noch nicht publiziert. Für belastbare Daten müssten jetzt Hydrophonketten aufgebaut u ausgewertet werden, dafür gibt es zurzeit noch keine Mittel. Die Publikation dürfte also noch etwas auf sich warten lassen.
      Es wäre jedenfalls eine plausible Erklärung, warum die Schweinswale jetzt ihr eigentliches Kern-Areal verlassen.
      Ich hoffe sehr, dass es bald Projektmittel und dann auch publizierte Daten gibt.

      Da Schweinswale Schiffsrouten meiden, halte ich diese Aussage für belastbar.