„Können Orcas es sich wirklich leisten, beim Fressen so wählerisch zu sein?“ fragte @Remmer am 19.04.2021 (Die ganze Frage ist etwas länger, ich habe sie unten angefügt).
Eine richtig gute Frage!

File:Orca Schaedel Senckenberg.jpgDie kurze Antwort ist: Jein.
Die kosmopolitischen Orcas (Orcinus orca) sind eine der am weitesten verbreiteten Meeressäuger, ihr Nahrungsspektrum beinhaltet über 140 verschiedene Arten von Fischen, Tintenfischen, Meeressäugern, Seevögeln und Meeresreptilien. Viele Populationen sind spezialisiert auf bestimmte Beute. Meistens leben diese größten Delphinarten in Familiengruppen. Sie werden bis zu 8 Metern groß und bis zu 6 Tonnen schwer, ihre schwarz-weiß-Zeichnung ist unter Wasser eine Tarnung, weil dadurch ihre Umrisse verwischt werden. Als mittelgroße, schnell schwimmende Wale mit großem Gehirn haben sie einen großen Kalorienbedarf.

Schwertwale haben die kräftigsten Kiefer mit den stärksten Zähnen aller heutigen Wale (mit Ausnahme des Pottwals – der hat aber noch nur im Unterkiefer Zähne und frißt eher Tintenfische). Ganz ehrlich: Bei einem Orca-Gebiß muss ich immer an die großen jagenden Reptilien des Erdmittelalters wie T. rex oder Liopleurodon denken.
Ihre wilden Jagden auf andere Wale haben ihnen den Namen Mörder- oder Raubwal, Killer whale oder Lobo del Mar eingebracht.

Wale – nach der Eiszeit durchgestartet

Two killer whales jump above the sea surface, showing their black, white and grey colouration. The closer whale is upright and viewed from the side, while the other whale is arching backward to display its underside.

Two killer whales jump above the sea surface, showing their black, white and grey colouration. The closer whale is upright and viewed from the side, while the other whale is arching backward to display its underside. (Wikipedia; Robert Pittman – NOAA (https://www.afsc.noaa.gov/Quarterly/amj2005/divrptsNMML3.htm]))

Für mehr Details muss ich etwas weiter ausholen. Die heutigen Lebensräume der Wale und ihre Ökologie hat sich wohl erst nach der letzten Eiszeit entwickelt, im Pleistozän. Mit tauenden Eiskappen sind die ozeanischen Lebensräume immer größer geworden und Orcas sind dort eingewandert. In einem immer größeren Lebensraum haben sie sich zunehmend auseinanderentwickelt, bis zu den heutigen Ökomorphotypen (ecotypes).

Gerade hatte ich für Spektrum einen Artikel über Grauwale im Klimawandel geschrieben, der erklärt auch die Lebensumstände und Entwicklungen der Schwertwale. Nicholas Pyenson hatte zum Lebensraum und Verhalten der Grauwale einen interessanten Artikel veröffentlicht, er nennt sie „Überlebende der Eiszeit“. Ihre heutigen langen Wanderungen haben sich erst nach der Neuformung des arktischen Ökosystems geformt – im kurzen arktischen Sommer stehen in arktischen Gewässern extrem viele Nährstoffe bereit, dass im Frühling ein extremes Wachstum von Phytoplankton einsetzt. Damit vermehren sich auch kleine bodenbewohnende Flohkrebse extrem stark. Dadurch ist im arktischen (auch im antarktischen) Sommer das Polarmeer einer der produktivsten Orte weltweit– das nutzen die Grauwale. Allerdings, so Pyenson, heißt das nicht, dass sie ihr Verhalten mit den langen Wanderungen zu den Nahrungsgründen nicht ändern können. Einige haben bereits eine andere Ernährungsstrategie – sie machen den kräftezehrenden langen Zug nicht mit, sondern bleiben in nordamerikanischen Gewässern vor Alaska und Kanada. Dort haben sie zwar ein geringeres Futterangebot, verbrauchen aber auch weniger Energie für die Wanderung und sind schneller wieder in den Lagunen zur Fortpflanzung.
Diese Grauwal-Aussagen lassen sich auf Orcas und andere Wale übertragen.

Energieumsatz – „Fatness is fitness“

Grundsätzlich muss der Energie-Gewinn der Nahrung größer sein als der Aufwand dafür. Orcas haben einen sehr hohen Kalorienbedarf und eine Gruppe dieser Zahnwale braucht zum Sattwerden ein großes Areal mit ausreichend Nahrung. Sie müssen effektiv fressen.

Ebenfalls im schon genannten Grauwal-Artikel bei Spektrum hatte ich die Arbeit von Fredrik Christiansen vorgestellt. Er ist Experte für Bioenergetik von Walen, also ihren Energiehaushalt und die ökologische Energiebilanz: Wie viel Energie bekommen sie aus ihrer Nahrung, und wie setzen sie diese in Wachstum und Fortpflanzung um? Er hat zwar bislang vor allem mit Bartenwalen gearbeitet, die Beobachtungen und Berechnungen gelten aber auch für Zahnwale mit ihrem höheren Energiebedarf. Die Dicke der Speckschicht ist bei Walen ein klarer Anzeiger ihrer körperlichen Fitneß.
Er hat mir im Interview noch einmal erklärt, dass Wale mit ihrem extrem hohen Energieverbrauch darauf achten müssen, energetisch effizient zu fressen – bei den Grauwalen sind das die im Schlamm lebenden fetten Flohkrebse.

Orcas sind darum u. a. auf fette Fische wie Lachse oder Heringen aus oder fressen manchmal nur Teile ihrer Beute. Vor Südafrika erlegen sie Weiße Haie und fressen nur deren Leber, die bei Haien besonders groß und fettreich ist.

Mageninhaltsanalysen und Beobachtungen: Orca-Forschung hat blinde Flecken
Da heute keine Wale mehr zu Forschungszwecken erlegt werden (sie sind in den meisten Ländern streng geschützt) müssen sich neugierige Biologen mit den Mageninhalten verstorbener Schwertwale begnügen.
Die Mageninhaltsanalyse gehört zum Standard-Programm jedes Totfunds, jedenfalls in Ländern mit Wal-Management-Programmen. Dafür müssen die toten Tiere allerdings gefunden werden.
Das bedeutet, dass etwa in den meisten europäischen Ländern und den USA diese Daten ziemlich umfassend erhoben werden. An entlegenen Küsten wie etwa in der extrem dünn besiedelten Arktis wird aber nicht jeder Wal gefunden und analysiert. In vielen Ländern gibt es kein Screening für tote Wale.
So kommt es zu größeren Lücken im Wissen.

Das gleiche gilt für Beobachtungen von Orca-Jagden und Nahrungsaufnahme.
Auch da gibt es regionale Schwerpunkte, während andere Areale so gut wie unerforscht sind.

Orcas an Küsten werden natürlich häufiger beobachtet, als auf hoher See lebende Gruppen. Wale, die ortsansässig sind, werden gezielt beobachtet, von Profis und Amateuren. Wale, die umherziehen, werden seltener gesehen und dokumentiert.
Wo Wale auf Forschungsstationen oder Whale watching-Aktivitäten stoßen, wird auch ihre Ernährung häufiger dokumentiert. So wissen wir über die nordpazifischen Orcas vor der US- und kanadischen Küste schon sehr viel, während die im Indopazifik kaum erforscht sind.

Was hat die Kultur mit dem Fressen zu tun?

“This study thus reveals the existence of strikingly divergent prey preferences of resident and transient killer whales, which are reflected in distinctive foraging strategies and related sociobiological traits of these sympatric populations.” haben John Ford, Ken Balcomb et al 1998 die Nahrungspräferenzen der beiden vor British Columbia beschriebenen Orca-Gruppen beschrieben (mittlerweile gibt es eine dritte, die offshore lebt).
Gerade diese Forschung war bahnbrechend und hat zum Bild des extrem spezialisierten und „mäkeligen“ Orcas beigetragen.

In diesem Video stellt Andrew Trites die Southern Residents vor: Our Southern Resident Orcas are Picky Eaters (w/ Andrew Trites, Marine Mammal Research Unit at UBC)

Sie sind Lachsjäger und offenbar wirklich wählerisch.
Ihre extreme Spezialisierung macht sie anfällig – die Southern Residents sind von 200 auf 80 Tiere geschrumpft. Das hängt wahrscheinlich mit dem Rückgang der Lachse zusammen und einigen Damm-Projekten.

Bei diesen Lachs-Jägern tragen neben den Müttern u a anderem auch die Großmütter (Matrarchinnen) zum Lernen der richtigen Jagdmethode bei. Das ist ein Zeichen dafür, dass junge Zahnwale die effektivste Jagdtechnik sorgfältig und wohl über einen längeren Zeitraum lernen müssen.

John Ford und andere Orca-Forscher haben die Kommunikation der Schwertwale erforscht:
Die Residents „sprechen“ ganz anders als die Transients. Außerdem haben Residents Sprach-Clans – wie auch Pottwale und andere Wale.
D. h., dass in einem Clan ein besonderer Dialekt gepfiffen/geklickt wird. Innerhalb eines Clans unterscheiden sich die Vokalisierungen (Lautäußerungen) dann auch noch, aber nur leicht. Orcas, die Fische jagen, vokalisieren sehr viel und koordinieren auch ihre Jagd dadurch. Orcas die Meeressäuger jagen, halten bei der Jagd teilweise Funkstille.

Aufgrund des Sprachlernen etwa bei Orcas und Pottwalen sprechen Wal-Experten wie Hal Whitehead von Kultur – sie lernen nicht nur zwischen Mutter und Nachwuchs, sondern junge Tiere lernen Sprache und Verhalten auch von nicht direkt verwandten Gruppenmitgliedern.
Orcas (und Große Tümmler und wahrscheinlich auch viele andere Walarten) haben teilweise sehr ausgefeilte Jagdtechniken, junge Tiere müssen sie lange üben.
Diese elaborierten Jagdtechniken sind Teil des kulturellen Lernens, auch bei Schwertwalen.

Ich bin sicher, dass besonders spezialisierte Orca-Clans dort zu finden sind, wo ein besonders reiches Nahrungsangebot über lange Zeit hinweg sicher ist/war: Etwa in Bereichen mit Lachs- oder Thunfischvorkommen. Manchmal nutzen die Zahnwale auch Tierwanderungen oder die Fortpflanzungszeit, um dort besonders viel Nahrung abzugreifen – etwa die Fortpflanzungszeit der Robben an patagonischen Stränden, die Geburt der Glattwale-Kälber oder die Grauwalwanderung.

Das Teilen von Nahrung – etwa ein Schweinswal für die ganze Gruppe – dient nicht immer dem Sattwerden, sondern hat eher soziokulturelle Gründe. Möglicherweise lernen Jungtiere damit das Jagen. Außerdem stärkt das Teilen des Snacks die Bindung innerhalb der Gruppe.
Mel Cosentino hatte für norwegische Orcas beschrieben, wie sich die Gruppe einen Schweinswal teilt. Dabei geht es um die nordatlantischen Orcas vor der europäischen Küste, die noch nicht so gut erforscht sind.

Im Nordatlantik gibt es drei verschiedene Populationen:
Three genetically distinct populations have been described in the North Atlantic. Population A (that includes the Icelandic and Norwegian sub-populations) is believed to be piscivorous, as is population C, which includes fish-eating killer whales from the Strait of Gibraltar. In contrast, population B feeds on both fish and marine mammals. Norwegian killer whales follow the Norwegian spring spawning herring stock. The only description in the literature of Norwegian killer whales feeding on another cetacean species is a predation event on northern bottlenose whales in 1968.”

Vor der norwegischen Küste haben sich im letzten Jahrzehnt die Heringsschwärme verlagert – die Spekkhogger – so heißen Orcas im Norwegischen – haben sich bis dahin in jedem Winter in einem Fjord sattgefressen. Da die Heringe abgewandert sind, mussten die Wale sich neue Jagdgründe und/oder Beute suchen. Neuerdings lungern sie oft vor Andenes herum, wo sie durch das dortige Pottwal-Whale-Watching regelmäßig beobachtet werden. Und dort jagen sie eben keinen Hering, sondern u. a. Meeressäuger, sicherlich auch andere Fische und Tintenfisch. Das Meer ist dort tief und fischreich, es ernährt die Population von Pottwalbullen und viele Fischtrawler-Besatzungen.

Orcas fressen saisonal

Viele Orcas fressen saisonal unterschiedliche Beute, eben das, was da ist. Oder sie ziehen saisonal in Gebiete mit einem besonders hohen Nahrungsangebot.
Dann werden sie oft nur in manchen Jahreszeiten beobachtet: Nahe der Küste oder wenn eine Forschungsstation besetzt ist, wird ihre Jagd auf spezielle Beute dokumentiert.
Treiben sie sich fernab herum, guckt ihnen höchst selten jemand zu.
Darum waren die Orcas vor Norwegen auch nur im Winter erforscht worden, wenn sie die Heringsschwärme im Fjord gefressen haben. Über ihre Sommer-Diät war nichts bekannt.
Das ändert sich jetzt mit der Veränderung des Heringszuges (s. o.).

Orcas sind vorsichtig und meiden Verletzungen –  Blauwal-Hatz und Buckelwal-Intermezzo

„[…] es erscheint mir so, dass Orcas extrem darauf achten, sich der Jagd nicht verletzen (Beispiel Robbenjagd vor Patagonien oder den Falklands)“ – ja, Orcas achten definitiv auf den Eigenschutz.

Bei dieser Blauwal-Hatz war die koordinierte Jagd und die Vorsicht der Orcas sehr gut zu beobachten:
Am 16. März 2019 sahen Besatzung und Passagiere  eines Whale Watching-Schiffs im Brmer Bay Canyon vor der australischen Küste, wie 50 bis 70 Orcas verschiedener Familien gemeinsam einen kleinen Blauwal hetzten. Die erwachsenen Männchen griffen zuerst an und setzten dem Blauwal immer weiter zu, dann griffen weitere Jäger ein, die sich auch regelmäßig abwechselten (Die Berichte sind sehr lesenswert!).

Mittlerweile gibt es viele glaubhafte Augenzeugenberichte, dass Buckelwale gemeinsam Orcas in die Flucht schlagen und sogar andere Wale retten. Dabei setzen sie ihre großen Brustflossen und die starke Schwanzflosse als Waffen ein. Die Flossen von Walen bestehen aus starkem Gewebe, beweglich und fest gleichermaßen. Ein Schlag damit ist hart – er bricht Knochen und verursacht schwere Traumata. Bekäme ein Orca solch einen 3,5 Meter langen Buckelwal-Flipper an den Kopf, dürfe er für eine Weile taub sein. Buckelwale können Schwertwale darum sogar in die Flucht schlagen (Mehr dazu auf Meertext: Mobben Buckelwale Orcas?).

Übrigens jagen Buckelwale Orcas sogar die Beute wie Heringsschwärme ab.

Orcas sind extrem lernfähig – auch beim Fressen

Das Schmelzen der arktischen Eiskappe macht die Schwertwale zu Gewinnern der Klimakrise – sie dehnen ihre Gebiete immer weiter nach Norden aus und erbeuten immer mehr Belugas und Weißwale. Diese hocharktischen Wale hatten sich bislang an der Eiskante versteckt – da sie keine Rückenflossen haben, kamen sie dort gut klar. Die Schwertwale haben nämlich Angst, sich an der scharfen Eiskante die langen Rückenflossen zu verletzten.
Mit dem Abtauen des Eises dezimieren die Schwertwale jetzt die Beluga und Narwal-Bestände.

Orcas haben auch immer wieder gelernt, ihr Verhalten an menschlichen  Aktivitäten anzupassen:
Ihre Interaktionen mit der chilenischen Langleinen-Fischerei auf Schwarzen Seehecht sind legendär: Vorsichtig pflücken die Zahnwale dort die großen Fische von den Stahlhaken, zur Verzweiflung der Fischer sind sie dabei äußerst effektiv.

Im Aquarium lebende Orcas haben eine Methode entwickelt, mit einem kleinen Stück ihres Futters Möwen anzulocken und die Vögel dann zu snacken.

Die entscheidende Frage ist: Lernen Orcas, wenn eine Nahrungsquelle gerade durch Überfischung erschöpft ist, schnell genug eine andere Ernährungsweise. Und: Gibt ihr Lebensraum eine andere Beute in ausreichender Menge und Qualität her? Gerade in überfischten Gebieten könnte das ein Problem werden.

Fressen Orcas Menschen?

Nein.

Das hatte ich in diesem Artikel im vergangenen Jahr ausführlich beantwortet:
2020 haben Schwertwale nahe der Straße von Gibraltar mehrere Segelboote gerammt und beschädigt. Skipper, die mit Segelyachten dort unterwegs waren, berichteten in den vergangenen Wochen, dass sie von einer ganzen Gruppe Orcas koordiniert angegriffen worden seien.
Bislang gibt es keinen abschließenden wissenschaftlichen Bericht, aber alles weist darauf hin, dass die Orcas gezielt die Boote, allerdings nicht die Menschen angegriffen haben. Dem waren wohl seit längerem „Orca-Abwehr-Maßnahmen „ von Thunfisch-Fischern und Verletzungen der Wale sowie der Tod eines Kalbs vorausgegangen. Die Angriffe zielten nicht auf das Versenken der Boote, sondern auf die Ruder-Anlage. Es sieht so aus, als wollten die Orcas die Boote zum Umdrehen bringen.

1972 hatte ein Orca offenbar versehentlich einen Surfer zwischen den Kiefern und hat den verletzten Mann wieder losgelassen. Ein extrem seltenes Ereignis!

Sind solche Spezialisierungen auch ein anderen Delphinartigen zu beobachten?

Ja!
Gerade Große Tümmler haben eine Vielzahl von Jagdmethoden entwickelt, darüber habe ich schon mehrere Meertext-Beiträge geschrieben – hier, hier und hier.

Hier ist die vollständige Frage:
„Moin. Mir drängen sich bei den Berichten über Orcas, die unterschiedliche Ernährungsweisen kultiviert haben immer verschiedene Fragen auf. Mir erscheint es oft sehr wählerisch wie Orcas fressen (beispielweise nur die Zunge der Großwale, die sie erjagt haben oder eine Robbe für 10 Clanmitglieder) und es erscheint mir so dass Orcas extrem darauf achten, sich der Jagd nicht verletzen (Beispiel Robbenjagd vor Patagonien oder den Falklands). Wie also können so große Tiere, die auch noch in Clans mit einem entsprechenden Nahrungsbedarf leben, sich eine solch ineffiziente Ernährung leisten, insbesondere dann, wenn sie angeblich sehr spezialisiert in Ihrer Nahrungsauswahl sind. Und was fressen beispielweise Robbenorcas, wenn es jahreszeitbedingt keine jungen Robben gibt. Ich denke daher eher (ohne dies mit Fakten belegen zu können), alle Orcas müssen wohl doch Fisch als Grundnahrungsmittel nutzen und nur parallel ihren besonderen Vorlieben frönen, denn nur dann können sie sich solch aufwändige Spezialitätenmenus leisten, sozusagen als Luxusspiel.

Wenn die Orcaclans allerdings alle regelmäßig auch Fisch fangen und nur zusätzlich besondere Vorlieben haben, dann muss der der divergierende Faktor zwischen den einzelnen, vermeintlichen Subspecies ein anderer sein. Und infrage käme da tatsächlich am ehesten eine Sprache, denn dann mischen sich benachbarte Gruppen möglicherweise weniger, weil ihre Sprachen untereinander unverständlich sind. Hier ist dann allerdings die Frage, ob diese Diversifizierung tatsächlich nur bei den Orcas vorkommt oder auch bei anderen Delfinarten.

Die erste Frage ist also, ob es Untersuchungen über den Mageninhalt verschiedener Orcas gibt und dort tatsächlich nur Robben oder nur Pinguine oder nur Lachse gefunden wurde oder ob viele verschiedene Fischarten bei allen zu finden waren, auch bei den Lachs- oder Heringsjägern.“ 

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Kommentare (30)

  1. #1 Sascha
    26. April 2021

    Erinnert an die Urmenschen, nur dass den Walen die Werkzeuge fehlen.

  2. #2 Bettina Wurche
    26. April 2021

    @Sascha: Inwiefern? Bei der Herausbildung der Kulturen? Das ist bei erstaunlich vielen Tieren mittlerweile nachgewiesen, u. a. bei Nacktmullen, einigen Vogelarten und Menschenaffen. Wahrscheinlich ist es noch wesentlich verbreiteter.

  3. #3 Remmer
    Oldenburg
    26. April 2021

    viele neue Infos und viele neue Ideen, toll! Im Ergebnis habe ich allerdings das Gefühl, dass Delfine und Orcas noch viele, sehr viele Geheimnisse verbergen, die wir so schnell nicht aufdecken werden. Inspiriert von Deinen Berichten fällt mir übrigens gerade auf, dass Fisch eigentlich gar nicht das logische Orca-Grundnahrungsmittel ist sondern dass es wohl eher Tintenfisch sein müsste. Ich werde also warten und vor allem Deinen Blog weiter intensiv verfolgen, Danke schon mal im Vorab und einen Kaffee gibt es natürlich auch 😉

  4. #4 Bettina Wurche
    26. April 2021

    @Remmer: Doch, fetter Fisch in großen Schwärmen gehört auf jeden Fall dazu – Thun, Lachs und Heringe lohnen sich auch für Orcas, ebenso Haie. Von einer Tintenfisch-Spezialisierung habe ich bei Orcas noch nie gelesen, die nehmen die Mollusken-Proteine halt so mit. Die speziellen Sepia- und Muschel-Jagd-Techniken sind bislang nur bei Großen Tümmlern beobachtet worden, wie ich ja schrieb.
    Ansonsten sind die Pott- und Schnabelwale die Tintenfisch-Spezialisten, die ihre Beute allerdings in größeren Tiefen suchen. Da kommen Orcas nicht hinterher.
    Danke für den Kaffee!

  5. #5 Aginor
    27. April 2021

    >> Einige haben bereits eine andere Ernährungsstrategie – sie machen den kräftezehrenden langen Zug nicht mit, sondern bleiben in nordamerikanischen Gewässern vor Alaska und Kanada. Dort haben sie zwar ein geringeres Futterangebot, verbrauchen aber auch weniger Energie für die Wanderung und sind schneller wieder in den Lagunen zur Fortpflanzung.
    Diese Grauwal-Aussagen lassen sich auf Orcas und andere Wale übertragen.

    ***

    Interessantes Thema, und nicht nur bei Walen!
    Ich kenne das analog von Zugvogelpopulationen, etwa im Bodenseeraum. Manche Vögel aus dem Norden kommen kaum noch als Wintergast, und manche von dort verschwinden nicht mehr in den Süden.

    Das ziehen ist eine der Haupt-Todesursachen, und Populationen die das Risiko eingehen nicht zu ziehen haben dadurch zwar ein geringeres Futterangebot über den Winter, aber eben auch klare evolutionäre Vorteile. So besteht z.B. eine bessere Chance, eine weitere Brut durchzubringen oder früher einen guten Nistplatz zu sichern.
    Der Klimawandel begünstigt das ein Stück weit, milde Winter sind einer der Hauptfaktoren.

    Es schien sich als ich das letzte mal nachgeschaut habe gerade herauszukristallisieren dass immer größere Anteile der Populationen mancher Arten überhaupt nicht mehr ziehen, dort also in den nächsten Jahren die Zugvögel zu Standvögeln werden.

    Das ist Evolution bei der Arbeit. Sehr faszinierend.

    Danke für den Artikel!

    Gruß
    Aginor

  6. #6 RPGNo1
    27. April 2021

    @Aginor

    Ich kenne das analog von Zugvogelpopulationen, etwa im Bodenseeraum.

    Mir fällt spontan der Weißstorch ein. Schon in den 90er Jahren las ich, dass manche Gruppen im Herbst gar nicht mehr die weite Reise nach Afrika mitmachen, sondern in Spanien überwintern.

    Inzwischen überwintern Störche vereinzelt komplett in Mitteleuropa. Sie riskieren bei einem hartem Wintern somit zu verhungern, haben aber andererseits den großen Vorteil, sich im Frühjahr die besten Nistmöglichkeiten zu sichern.

  7. #7 Bettina Wurche
    27. April 2021

    @Aginor, @RPGNo1: Ich hatte noch überlegt, ob ich das zitiere – aber der Artikel war schon so lang : )
    https://www.mpg.de/604317/pressemitteilung201004201

    Störche überwintern bei uns im Rhein-Graben wohl schon länger, hier ist ja mildes Klima mit attraktiven Naturschutzgebieten am Altrhein. Einige Störche gehen zum Essen in einen nahe gelegenen Vogelpark.
    Die größte Storch-Ansammlung – über 30 Vögel – haben wir aber nahe einer Müllhalde gesichtet. Dort bekommen sie immer genug zu essen und es ist auch noch schön warm, erklärte uns ein Orni, der das Völkchen regelnäßig beobachtet. Die Störche kommen pünktlich gegen kurz vor 16:00 Uhr, dann haben nämlich die Arbeiter der Müllkippe Feierabend.

  8. #8 RPGNo1
    27. April 2021

    @Bettina Wurche

    Ein Richtungswechsel von den Walen, aber ein lehrreicher. Natürlich hat Peter Berthold die Untersuchungen durchgeführt. Wenn es um Vögel geht, sieht man ihn ja häufig genug in deutschen Naturdokumentationen. 🙂

  9. #9 Bettina Wurche
    27. April 2021

    @RPGNo1: Danke für den Raktajino : ) !

  10. #10 RPGNo1
    27. April 2021

    @Bettina Wurche

    Bitte, gern geschehen. 🙂

  11. #11 Sascha
    27. April 2021

    https://scienceblogs.de/meertext/2021/04/26/sind-orcas-waehlerisch-beim-essen/#comment-37742
    @Bettina Wurche
    Das Verhalten Siedler vs. Jäger & Sammler – die einen bleiben vor Ort, die anderen ziehen umher. Die meisten Tierarten zeigen das eine oder das andere.

  12. #12 Joseph Kuhn
    27. April 2021

    @ Bettina Wurche:

    Weiß man, warum Orcas keine Menschen fressen? Nicht mal, wenn sie einen schon im Maul haben?

  13. #13 Bettina Wurche
    28. April 2021

    @Joseph Kuhn – nein, absolut nicht! Wobei ich trotzdem im Umgang mit denen extrem vorsichtig wäre. Vielleicht haben sie schon Leute gesnackt und es gab einfach keine Zeugen.

  14. #14 Joseph Kuhn
    28. April 2021

    … vielleicht wissen die Orcas auch, dass Menschen geschmacklos, ungenießbar oder sogar giftig sein können 😉

    Aber in der Tat: zu nahe möchte man diesen Zähnen nicht kommen.

  15. #15 rolak
    28. April 2021

    einfach keine Zeugen

    Das dürfte in diesem Falle genauso sein wie bei denjenigen, die von der DelphinRettung nicht berichten konnten, weil sie eben nicht in Richtung Strand geschubst/geschoben wurden.
    Falls es sie gibt.

    Wenn, haben die Orcas jedoch einen schicken Vorteil gegenüber gewissen Groß­unter­nehmern der AlternativWirtschaft: BetonAnmischen ist unnötig.

  16. #16 Bettina Wurche
    28. April 2021

    @rolak: Gerade mit Tursiops “Flipper” wäre ich auch echt vorsichtig – im Nordatlantik werden die 4,5 m groß, haben ein massives Gebiß und schlagen Schweinswale tot. Für mich eher nicht so der ideale Schwimm-Partner.

  17. #17 zimtspinne
    29. April 2021

    @ Bettina

    Ich lese deine Artikel fast immer, also wenn ich nicht gerade Sb-Pausen mache oder so, komme aber leider zu selten zum Kommentieren.
    Was nicht heißt, ich hab kaum was zu sagen, sondern eher gegenteilig… mir fällt oft alles mögliche ein, das scheint mir aber dann zuviel und ich nehme wieder Reißaus 😉

    Heute hab ich auch wieder grad ganz wenig Zeit, hatte hier aber gestern schon alles gelesen und wollte unbedingt was zu deiner Storchen-Ergänzung anfügen.

    War über das Wort “Müllhalde” richtig erschrocken – Tiere, die sich regelmäßig auf Müllkippen oder generell auch nur von Menschenmüll aus Papierkörben u.ä. bedienen – da geht bei mir intern die Sirene los…..
    bin da zu vorgeschädigt von domestizierten Tieren (Hunden & Katzen überwiegend), die Müllvorkommen auf ihrem Speiseplan haben, was allermeistens in grauseligen Gesundheitszuständen endet.

    Diese Kolonien müssen meist wirklich grundsaniert werden, sobald sich einer ihrer annimmt für geplante Kastrationsaktionen oder innerhalb eines Tierschutzprojektes.

    Augen/Ohreninfektionen, Parasitenbefall und Verletzungen (durch offene Dosen, in denen Pfoten bis ganze Köpfe landen) sind da noch die harmloseren Geschichten….
    schlimmer sind Langzeitfolgen in Form der Schreckgespenster am Katzen- und Hundehimmel.
    Bei Hunden kenne ich mich zwar nicht soo gut aus, hab aber noch das umgangsspr. alle Krankheiten zusammenfassende Wort im Hinterkopf –> “Mittelmeerkrankheiten”.

    Für Katzen sind es FIP (feline Coronaviren),
    FeLV (Leukose/Katzen-Leukämie),
    FIV (feline Immunschwäche/Katzenaids),
    Katzenschnupfen (Calici- und Herpesviren) und dazu noch allgemein Leber- und Nierenschäden, Herzerkrankungen u.ä.

    Selbst wenn so eine wilde Streunerkolonie in Obhut genommen wird, d.h. Einrichtung fester Futterstellen mit regelmäßiger Fütterung, tierärztliche Kontrollen, Kastration aller Tiere sowie ebenfalls regelmäßiges Einfangen neuer unkastrierter Tiere und zahme menschenbezogene Einzeltiere ganz rausgenommen und der Vermittlung übergeben werden, wird dort später leider sehr oft positiv auf viele der o.g. Erreger getestet, die allesamt mit geschwächtem Immunstatus assoziiert sind.
    Ursache Mangelzustände wegen Unter- und vor allem auch Fehlernährung. Und beides zusammen im Wechsel….

    Kann man sich so wie HIV bei uns vorstellen. Mit Heilung ist dann nix mehr, im besten Fall kann ein Ausbruch verhindert werden für lange oder einige Zeit.

    Dazu kommt noch das hohe Ansteckungsrisiko, diese pos. getesteten Tiere müssen lebenslang separiert werden, dürfen keinen Freigang haben und nur zu anderen Artgenossen, die ebenfalls positiv auf den jeweiligen Erreger getestet wurden.
    Brechen die Krankheiten aus, enden sie tödlich.

    Wenn das schon für domestizierte Tiere, die ja auch recht gut an unsere Nahrung angepasst sind, der Fall ist, frage ich mich, was erst mit Wildtieren geschieht, die an unseren Müll aus vorzugsweise junk food überhaupt nicht angepasst sind.

    Waschbären scheinen die Müll-Menüs ja besser zu verkraften; bei Füchsen aber zB weiß ich auch, dass das ein großes Problem werden kann, wenn sie sich Futter im Menschenmüll suchen. Aus vielen Gründen, gesundheitliche aber eben auch.

    Ich denke mal, Mülleimer und Mülltonnen sind noch ewas “günstiger” als Müllhalden, wo ja alles noch verwester sein dürfte und womöglich wild zusammengeschmissen wird… giftiger Restmüll dazwischen.
    Bei Biotonnen in den Straßen oder Mülleimern an Fresstempeln ist das dann etwas weniger gefährlich.

    ist jetzt doch länger geworden und hat mit dem Thema Orcas auch nicht mehr so viel zu tun.
    Hoffe, es ist für dich trotzdem ok, dass ich die Störche nicht einfach links liegenlassen konnte.
    Falls ich da was grundsätzlich falsch verstanden hab, was ich ja fast hoffe…. gib bitte Entwarnung.

    na, wenigstens läuft es für die Orcas besser, die kommen erst gar nicht an menschliche Müllkippen heran. Hoffentlich!?

  18. #18 Bettina Wurche
    29. April 2021

    @zimtspinne: Natürlich ist Dein Kommentar o. k.!
    Müllkippen sind für viele Tiere – Möwen, Krähen, u. a. – ein begehrter Futterplatz. Viele Wildtiere fressen ja auch natürlicherweise Aas und gammelnde Nahrung.
    Wildtiere sind natürlicherweise stark parasitiert, ihr Immunsystem kommt damit normalerweise klar. Nur bei geschwächten (Streß, Krankheit, Verletzung,…) Tieren wird die Pathogen- und Parasitenlast zum Problem. Diese Diskussion hatten wir ja im Kontext mit den Fledermäusen als Viren-Pools.
    Dass Störche zunehmend auf Müllkippen überwintern, statt nach Afrika zu ziehen, scheint zumindest in Deutschland ein zunehmendes Phänomen zu sein:
    https://www.scinexx.de/news/biowissen/stoerche-muellkippe-statt-afrika/

    Natürlich besteht auf den Abfallhalden ein erhöhtes Risiko für Verletzungen und Krankheiten.
    Ob die größer als in der Kulturlandschaft oder gar beim Vogelzug ist, wage ich zu bezweifeln:
    Frösche, Mäuse u a ist durch Pestizide, Abgase, etc hoch belastet, Plastikplanen u. a. Kunststoffe und Müll auf Feldern sind auch unfallträchtig.
    Dazu kommt die trotz aller Schutzvorschriften immer noch legale und illegale Vogeljagd…
    Könnte gut sein, dass es den Müllkippenstörchen vergleichsweise nicht schlechter geht.

    Seit ich gesehen habe, wie in Syrien(Irak ein paar Super-A… mit halb-automatischen Waffen zum Spaß Kraniche abballern wundere ich mich, dass noch Zugvögel zurückkommen. Die Quelle finde ich nicht, sorry – aber das Video war schauderhaft.
    Insgesamt ist die Route über und um das Mittelmeer für Vögel ziemlich gefährlich, selbst auf EU-Areal wird trotz Verboten gejagt, weil niemand sich traut, die Schutzbestimmungen vor Ort durchzusetzen.
    https://www.birdlife.org/worldwide/news/scale-illegal-bird-killing-middle-east-revealed-first-time

    Natürlich fressen auch Orcas Müll, bei den Nekropsien kommt oft Plastik zum Vorschein.
    Lebensmittelabfälle wären wahrscheinlich weniger problematisch als die Aufnahme der anthropogenen Toxine im Lebensraum Meer. Die Giftlast ist so hoch, dass viele Wale gar nicht mehr fortpflanzungsfähig sind. Auch die Orcas schwimmen praktisch in der Müllkippe.

  19. #19 Jenny
    Hamburg
    31. Mai 2021

    Hey Bettina, ich finde deine Artikel, sowie die Disskusionen immer Klasse! Ich muss über den Orcinus Orca eine Präsentation halten (Abitur). Ich frage mich, ob man sich austauschen könnte.

  20. #20 Bettina Wurche
    31. Mai 2021

    @Jenny: Hej, Jenny. danke. Bitte präzisiere “Austausch”.

  21. #21 Jenny
    Hamburg
    1. Juni 2021

    @Bettina, ich habe mir deinen anderen Artikel über Schwertwale angeschaut. Mir schwirren aber zwei Fragen die ich nicht komplett beantworten kann.
    die morphologischen Unterschiede sind die Jagdtaktiken und die Hautpigmentierung (wenn ich das richtig verstanden habe), doch wenn sie in eine eigene Art unterteilt werden sollen, dann muss es doch noch mehr unterschiede hierfür geben. Es sind ja jetzt auch schon die Ergebnisse von der Sequenzierung raus gekommen, und vieles deutet für eine eigene Art, aber mit der Morphologie bin ich trotzdem nicht so vertraut und weiß nicht, was noch dazu gehört.

    und eine weitere Frage die ich mir stelle ist zum Artbildngsprozess. Es gibt keine geographische Barriere, was bedeutet das es die Sympatrische Artbildung sein muss(oder?). wenn das der Fall ist woran liegt das? Sind Orca weibchen wählerisch in der Partnerwahl?

  22. #22 Bettina Wurche
    1. Juni 2021

    @Jenny: Nur zwei Fragen? ; ) Orcas sind z Zt weltweit eine Art: Orcinus orca. John Ford hatte in den 1980-ern herausgefunden, dass die sogenannten Residents eine eigenständige Sprache haben, inkl. Signature whistles für jede Familie. Sie leben streng matrilinear, die Matriarchin ist Chef und sie fressen Lachs.
    Hier ist seine Projektseite:
    https://mmru.ubc.ca/

    Schon damals fiel ihm und dem Team auf: Da waren noch andere Orcas, die Transients. Beide Gruppen gingen sich aus dem Weg. Verhalten, Kommunikation und Jagd war komplett unterschiedlich. Die Transients jagen Meeressäuger.
    Später kam noch eine 3. Gruppe dazu, die wieder anders kommunizierte und jagte, die Offshore Population.

    Hier ist eine Übersicht über die Typen im östlichen Nordpazifik und der Antarktis. Die drei Typen des östlichen Nordatlantiks und die des Indopazifiks fehlen:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Killer_whale

    Heute gestehen wir Wal-Beständen bei Pottwalen und Orcas (vermutlich auch bei anderen Zahnwalen) Kulturen mit eigenständiger Kommunikation, Jagd, Verhalten zu. Wale paaren sich nur innerhalb dieser Kulturen/Bestände. Verschiedene Kulturen verstehen sich offenbar nicht mehr.
    Hal Whiteheads Arbeit dazu war bahnbrechend, er arbeitet an Pottwalen:
    “Sperm whales – Social evolution in the ocean” fasst 30 Jahre Forschung zusammen.
    Erst mit ganz neuen Computerprogrammen für große Datenmengen können diese sozialen Netzwerke sichtbar gemacht und verstanden werden.
    Bei den Orcas ist das etwas einfacher.

    Darum kommt es bei Zahnwalen zur Bildung von Ecomorphotypes, die wohl irgendwann den Status einer Unterart bekommen werden. Diese Trennungen haben sich aber erst nach der letzten Eiszeit herausgebildet, darum sind sie noch nicht so offensichtlich.
    https://scienceblogs.de/meertext/2016/02/03/die-orcas-der-antarktische-seehecht-und-wir/

    https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/07/orcas-im-nordatlantik-herings-karussel-seehund-sushi-und-migration/

    Schweinswale in deutschen Gewässern müssen als 3 Populationen beim Schutz berücksichtigt werden, was das Klöckner-Ministerium gerade negiert:
    https://scienceblogs.de/meertext/2021/05/14/19-05-tag-des-schweinswals/2/

    Die morphologischen Merkmale kannst Du unter Orca/Photo ID recherchieren.

    Hier steht, wie Wale taxonomisch identifiziert werden:
    https://scienceblogs.de/meertext/2020/12/11/11-12-neue-schnabelwalart-entdeckt-mesoplodon-x/

    https://scienceblogs.de/meertext/2019/09/02/neue-schnabelwal-art-aus-der-bering-see-heisst-jetzt-berardius-minimus/

    https://scienceblogs.de/meertext/2016/07/28/raven-mysterioeser-wal-aus-alaska-gehoert-zu-neuer-schnabelwal-art/

    Das bisher gelehrte Artkonzept wird dadurch gerade aufgemischt. Wie das zurzeit im Lehrstoff vorgeschrieben ist, weiß ich nicht, da musst Du bitte noch jemand anderen fragen. Aber diese Ökomorphotypen/Kulturen/Bestände sind mittlerweile auch für Primaten beschrieben worden, z. B. Gibbons.
    Artbildung kann also langfristig auch durch soziale Grenzen entstehen.

    Der Lebensraum Meer enthält de facto auch geographische Grenzen: Ozeanische Becken und Strömungen untergliedern das Meer in verschiedene Lebensräume mit oft unüberwindbaren Barrieren.

    Bitte denk bei Deine Präsentation daran, die Quellen zu nennen. Meertext solltest Du korrekt als Science-Blog (bei Konradin, “Bild der Wissenschaft”) bezeichnen, sonst bekommen Deine LehrerInnen Schnappatmung.

    Viel Erfolg!

  23. #23 Jenny
    Hamburg
    1. Juni 2021

    @bettina ich danke für diese ausführliche Antwort! Ehrlich gesagt ist das Thema nicht im Lehrplan verzeichnet. Und ehrlich gesagt finde ich das Thema auch schwierig bezüglich der Fragen die ich bekommen habe. Denn ich soll einen genauen Artbildungsprozess nennen (sympatrisch, parapatrisch, allopatrisch) und wie ich jetzt verstanden habe kann man das noch gar nicht genau sagen.

  24. #24 Bettina Wurche
    1. Juni 2021

    @Jenny: Ja, das ist nicht einfach. Dann solltest Du vielleicht eher eine Evolutionsbiologin fragen. Oder direkt nach dem Artbildungsprozess suchen.

  25. #25 Jenny
    Hamburg
    2. Juni 2021

    @bettina , ich danke Ihnen für die Mühe. Ich bin gespalten das die taxonomische Disskusion angeht. Mein Lehrer verlangt von mir das ich entscheide, ob die Ökotypen vom Schwertwal als Unterart gelten sollten oder als eigenständige Art. Haben Sie dazu vielleicht noch Input?

  26. #26 Bettina Wurche
    2. Juni 2021

    @Jenny: “Differing in their morphology and their living habits, these varieties – or “ecotypes” – are considered by many scientists as subspecies, or even species in the making.”
    https://baleinesendirect.org/en/are_there_actually_several_species_of_killer_whales/

    -> Arbeitshypothese:
    die 10 ecotypes sind so vollständig kultureöö voneinander getrennt, dass manche WissenschaftlerInnen sie als subspecies interpretieren.
    Langfristig würden sich daraus möglicherweise Arten bilden.

    10 ecotypes
    https://baleinesendirect.org/en/are_there_actually_several_species_of_killer_whales/

    https://www.nationalgeographic.co.uk/2019/03/mysterious-new-orca-species-likely-identified

    Bitte dran denken: Ich bin keine Orca-Taxonomin.
    Vielleicht noch mal eine Taxonomin ansprechen.

  27. […] nicht so schnell möglich. Aufgrund ihres hohen Kalorienbedarfs und der komplexen Jagdmethoden müssen sie also wählerisch beim Fressen […]

  28. […] kommen zwar kosmopolitisch in fast allen Meeren vor, die Bestände unterscheiden sich aber durch ihre bevorzugte Beute, ihre Jagdmethoden und ihre akustische Kommunikation. Je nach ihrer Kultur ernähren sich manche von […]

  29. #29 RPGNo1
    31. Januar 2022

    Ein australisch-amerikanisches Team berichtet nun im Fachmagazin »Marine Mammal Science« darüber, dass die Schwertwale auch Blauwale angreifen, die größten Tiere des Planeten. Insgesamt werden drei Angriffe in der westaustralischen Bremer Bay dokumentiert.

    https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/orcas-toeten-blauwale-auch-weil-ihnen-die-zunge-so-gut-schmeckt-a-a5482479-b9a3-4308-8550-2142ebcfd85e

  30. #30 Bettina Wurche
    31. Januar 2022

    @RPGNo1: Genau. Der Angriff, der gerade in der Presse war, war nicht der erste.
    Dass es so lange keine Dokumentationen dazu gab, kann damit zusammenhängen, dass der Blauwalbestand durch den industriellen Walfang so entsetzlich dezimiert war. Dass jetzt Orca-Angriffe auf Blauwale beobachtet werden, könnte daran liegen, dass es zumindest wieder ein paar mehr Blauwale gibt.
    Die gezielte Attacke auf die Zunge ist typisch Orca, shock and awe. Eine absolut entsetzliche Vorstellung.
    Man muss dabei auch einfach mal überlegen, wie groß Orca-Bullen werden und wie diese Clans koordiniert jagen. Selbst eine so große Beute ist für die kein echtes Problem.
    Allerdings frage ich mich immer wieder, wieso nur Buckelwale Orca-Abwehr-Mechanismen entwickelt haben, nicht aber die ganzen schnellen Balaenopteriden wie Blau-, Finn, -…. wale