Ein Hinweis vorweg: Der folgende Beitrag stellt keine politikwissenschaftliche Analyse dar. Er ist Resultat eines Unbehagens, das mit Theodor Eschenburg zur Feststellung kommt: „Die Gesamtsituation ist unbefriedigend”. Auch wenn sonst alles gut ist.


Armes Bayern. Die Ratingagentur Moody´s hat jetzt auch Bayern eine Mahnung zugestellt. Zwar ist Stoiberland noch längst nicht abgebrannt, zwar behält Bayern sein AAA-Rating, aber die Zukunftsperspektiven Bayerns sieht Moody´s nicht mehr ganz so rosig. Das ist etwas kurios, weil diese kassandrischen Gesänge damit begründet werden, dass Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke Banken in Europa rettet. Wirtschaftliche Stärke bedeutet so gesehen Schwäche. Orwell hätte seine Freude an diesen Zeiten. Aus bayerischer Sicht ist es ein besonderes Unding, dass wir Bayern jetzt auch noch Deutschlands europäisches Gutmenschentum ausbaden müssen – wo wir doch nicht mal den innerdeutschen Länderfinanzausgleich mögen. Wir kriegen ja nichts mehr.

Das Thema Finanzpolitik ist aber auch sonst nicht arm an Kuriositäten. Da leihen die Steuerzahler den Banken Geld zum Nulltarif, damit die Banken den Steuerzahlern teure Kredite geben können. Etwas seltsam ist das schon, oder? Was mich außerdem schon lange befremdet, ist die Rede von der „Systemrelevanz” der Banken. Davon steht im Grundgesetz so kein Wort, eher könnte man aus der Lektüre dort auf die Idee kommen, die Menschenwürde sei systemrelevant. Aber davon hat man noch nie was gehört. Was wäre das auch für ein System?

Sehr schön hat übrigens die Süddeutsche Zeitung gestern die Reaktion des bayerischen Finanzministers Markus Söder auf Moody´s umschrieben: „Söder stuft Moody´s herunter”. Weiter so, Herr Finanzminister. Vielleicht wird aus dem Primat der Politik ja doch noch was.

Aber irgendwie trifft Moody´s schon den weißblauen Nerv der Zeit. Bayern wirkt in letzter Zeit eigenartig perspektivlos. Nicht nur das Wetter, auch sonst. Und das ein Jahr vor den Landtagswahlen. Die stolze CSU, die aus dem rückständigen Agrarland Bayern einst eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft gemacht hat, unter Bewahrung gewisser Rückständigkeiten natürlich, die als „bayerische Lebensart” gelten – Laptop und Lederhose eben, diese CSU hat in den letzten Jahren spürbar an geistiger Vitalität eingebüßt. Ob Atomenergie, G8, Transrapid oder Flughafenausbau, sie trifft irgendwie nicht mehr ins Schwarze. Sie hat aber eine Lebensversicherung, die bayerische SPD. Wer wählt schon statt der CSU eine SPD, bei deren Vorsitzendem sich die Älteren unter uns fragen, wie sich Heintje all die Jahre so gut halten konnte und deren Spitzenkandidat nicht weiß, wo Aschaffenburg liegt? Wer oben und unten in Franken verwechselt, bringt das vielleicht auch sonst durcheinander. Und weiß jemand, was die SPD überhaupt politisch anders und besser machen will, was ihre 10 zentralen Themen sind? Äh … , nun gut, das weiß man bei der geseehoferten CSU auch nur noch mit kurzer Halbwertszeit.

Zur FDP sage ich lieber gar nichts Schlechtes. Das wäre Leichenschändung. Ratingtechnisch ist die Partei auf Ramschniveau. Aber schlimmer geht immer: Die Linkspartei in Bayern steht vermutlich inzwischen unter der Beobachtung des Sektenbeauftragten, ein esoterischer Zirkel, Ernst, aber nicht ernst gemeint. Immerhin fährt Ernst symbolträchtig einen roten Porsche, die Erben der Arbeitereinheitsfront haben wenigstens Sinn für schwarzen Humor. Wir haben dann noch „Freie Wähler”, aber frei sind die nicht, die hat ihr Chef im eisernen Griff, der Rippenbruch gilt in diesen Kreisen als Liebkosung. GRÜNE auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gibt es in Bayern natürlich auch, derzeit lost in time and space, weil Merkel die Atomkraftwerke abschaltet und Söder gegen Gentechnik und Donauausbau ist. Vielleicht sollten sie schon mal den grünen Porsche bestellen. Ach ja, PIRATEN haben wir neuerdings auch. Die sind aber bei uns wie im Rest der Republik noch dabei, politische Positionen zu kapern. Ob sie schon Beute gemacht haben, ist nicht bekannt.

Da stabilisiert sich also ein System von Untoten und Toten gegenseitig. Was bleibt da 2013? Soll man wünschen, dass die Toten an die Regierung kommen, damit die Untoten eine Chance auf Rekonvaleszenz kriegen (oder gar ein christliches Wunder geschieht und die Toten auferstehen)? Soll man sich für ein „Weiter so” entscheiden, weil es uns ja eigentlich in Bayern trotz Moody´s Blues gar nicht schlecht geht? Ja, wir jammern auf hohem Niveau, auf Triple-A-Niveau sogar, granteln, heißt das auf bairisch. Die Gesamtsituation ist eben unbefriedigend!

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Kommentare (41)

  1. #1 michael
    27. Juli 2012

    Nun, warum reanimieren Sie nicht die Bayerische Volkspartei und werden selber aktiv. Ministerpräsident ist doch ein schöner Job.

  2. #2 WolfgangK
    27. Juli 2012

    Ganz schön launig, aber treffend geschrieben. Abgesehen davon, dass ich diese Abstufungen von Moody´s (wer ist Moody´s?) sowieso nicht verstehe (ein Staat ist kein Wirtschaftsbetrieb, wenn er das wäre, müsste er erst einmal alle Nichtsteuerzahler des Landes verweisen) fällt mir bei dem Artikel noch ein, dass ich schon seit Jahren aus der Partei der Freien Wähler austreten wollte. Und wenn Ude nicht weiss, dass “Aschebersch” nicht in Oberfranken liegt, spielt das doch keine Rolle, zumal sowieso Oberfranken tiefste Provinz ist. Also her mit Aschaffenburg, im Gegenzug biete ich Bayreuth (mit grünen Hügel!) und Coburg, und als Schleifchen obendrauf vielleicht noch das tiefschwarze Bamberg, aber die Symphoniker bleiben hier 😉

  3. #3 Joseph Kuhn
    28. Juli 2012

    @ michael: Erstens habe ich schon einen schönen Job, zweitens fürchte ich, dass ich beim Oktoberfest das Fass nicht aufkriege.

    @ WolfgangK: Was haben Sie denn gegen Bayreuth? Bei Wikipedia kann man im Bayreuth-Eintrag unter der Überschrift “21. Jahrhundert” lesen: “Ende Oktober wurden der lang geplante Busbahnhof und das damit verbundene Funktionsgebäude am neugeschaffenen Hohenzollernplatz eingeweiht und in Betrieb genommen.” Das ist doch schön.

  4. #4 WolfgangK
    28. Juli 2012

    @Joseph Kuhn

    Hat Bayreuth tatsächlich einen Busbahnhof? Da bin ich ja völlig platt. Wozu schreien die denn nach dem ICE, wenn sie Busse haben? Bamberg hat übrigens auch einen Busbahnhof, sogar beleuchtet, aber die haben ja auch den ICE…

  5. #5 Joseph Kuhn
    28. Juli 2012

    @ WolfgangK: Ich finde, Sie sollen Ihre Vorurteile gegen Bayreuth abbauen. Gönnen Sie Bayreuth doch den ICE. Hof hat schließlich sogar einen Flughafen. Da soll auch noch Licht brennen.

  6. #6 WolfgangK
    28. Juli 2012

    @Joseph Kuhn

    Ich gönne Bayreuth den ICE; sie bekommen ihn nur nicht (mehr; sie hatten ihn ja mal…). Wahrscheinlich haben die Bayreuther stets zu früh das Licht am Bahnhof ausgeschaltet. Aber Sie haben recht, ich sollte in mich gehen ob der abfälligen Worte…

  7. #7 michael
    28. Juli 2012

    > Erstens habe ich schon einen schönen Job

    Wie ein Kommentator hier mal meinte: Alle meckern und sind unzufrieden, aber in die Politik gehen und sich durch die Parteihierachie nach oben arbeiten, will keiner.

    Das Oktoberfest kann man abschaffen. Sparmassnahme, da Bayern sonst weiter abgestuft wird.

    Und wenn Ihre Partei die absolute Mehrheit erringt, können Sie das Gesundsheitswesen in Bayern nach Ihren Vorstellungen umgestalten.

  8. #8 Joseph Kuhn
    28. Juli 2012

    @ michael:

    “Und wenn Ihre Partei die absolute Mehrheit erringt (…)”

    … ach, ich bin mit den Parteien, die es schon gibt, eigentlich ganz zufrieden.

    “Alle meckern und sind unzufrieden, aber in die Politik gehen und sich durch die Parteihierachie nach oben arbeiten, will keiner.”

    Gilt das auch für Sie oder kommuniziere ich hier etwa mit dem künftigen bayerischen Ministerpräsidenten?

  9. #9 BreitSide
    28. Juli 2012

    xxx

  10. #10 michael
    29. Juli 2012

    >> .. ach, ich bin mit den Parteien, die es schon gibt, eigentlich ganz zufrieden.

    soso, schauen wir mal:

    > Die Linkspartei in Bayern steht vermutlich inzwischen unter der Beobachtung des Sektenbeauftragten

    > Wer wählt schon statt der CSU eine SPD, bei deren Vorsitzendem sich die Älteren unter uns fragen, wie sich Heintje all die Jahre so gut halten konnte und deren Spitzenkandidat nicht weiß, wo Aschaffenburg liegt?

    > Zur FDP sage ich lieber gar nichts Schlechtes. Das wäre Leichenschändung. Ratingtechnisch ist die Partei auf Ramschniveau.

    > GRÜNE auf der Suche nach dem Sinn des Lebens gibt es in Bayern natürlich auch

    Na, mit solcher Konkurrenz kann die CSU auch zufrieden sein, nicht wahr.

  11. #11 Joseph Kuhn
    29. Juli 2012

    @ michael: Mit dem letzten Satz haben Sie vermutlich recht. Was die Zitate angeht: Das zur CSU fehlt. Ich bin mit allen von mir genannten Parteien zufrieden, so weit das unter den gegebenen Umständen möglich ist. Die gegebenen Umstände haben Sie zitiert.

  12. #12 Spoing
    29. Juli 2012

    Tja, wenigstens sind sich “mittlerweile” (seit bestimmt 2 Jahren) alle (mit Ausnahme der CDU/CSU) einig, dass die Praxisgebühr weg soll. Aber immerhin kann man die Praxisgebühr dann vom Kindergeld bezahlen.

    Allerdings musste ich gerade lesen, dass die Steuerungsfunktion anscheinend doch nicht ganz versagt hat. Aus dem Wiki:
    “Außerdem stieg seit Einführung der Praxisgebühr die Zahl der Überweisungen um über 40 % an. Patienten gehen aufgrund der Praxisgebühr tendenziell vermehrt zuerst zum Hausarzt”
    Ps. Die Suchfunktion hier ist leider Kaputt, hätte mir sonst gerne eins, zwei Artikel zur Praxisgebühr angetan.

  13. #13 rolak
    29. Juli 2012

    ^^der post scheint mir durch die Maschen gerutscht zu sein

    /Moody´s Blues/ schön 🙂 allerdings sind’s ja auch Knights of Right Ratin’

    Hi Spoing, wie wäre es denn so?

  14. #14 Joseph Kuhn
    29. Juli 2012

    @ rolak: “Moody´s Blues”: Ein gestandenes Bon Mot, siehe google. Allerdings fast nur noch für ältere Semester verständlich, wie die Knight Rider wohl auch.

  15. #15 rolak
    29. Juli 2012

    /gestanden/ Egal ob nun zugegeben oder bewährt oder gedruckt oder gar die anderen überlebt habend: Die Wortkombination war völlig neu für mich, Joseph. Obgleich es dermaßen naheliegend ist.
    Naheliegend auch mein Kurzschluß über den song zu alten Bildern: Wer einmal erlebt hat, wie auf einer dieser 70er Feten bei den ersten Akkorden eines Liedes (gab ja nicht nur dieses) sich bei der einen Hälfte der Anwesenden die Augen zielorientiert tunnelblickend verengten und bei der anderen Ungewolltes erahnend weiteten…
    Koinzidenz, oh selige Koinzidenz: Zu der Serie ist mir jetzt vor Kürzestem, damals artikelzeitgleich dieser schräge clip vor die Augen geworfen worden.

    Ist eigentlich schon einer auf “moody Moody’s” gekommen?

    /Wir kriegen ja nichts mehr./ Auch schön. Der auf diversen Ebenen zu beobachtende, mehr oder weniger schleichende Ausstieg aus Ausgleichsbeziehungen kam gestern uvam zur Sprache. Das aktuelle Beispiel auf Bundesland-Niveau, der geplante Bayern-Prozeß, bekam sofort den Kommentar ‘Klar, ist halt nicht so angenehm wie in den ersten vier Jahr­zehn­ten.’

  16. #16 Joseph Kuhn
    29. Juli 2012

    @ rolak: Von einem “abgestandenen” Bon Mot wollte ich nicht reden, so weit geht die Selbstironie dann doch nicht.

  17. #17 Olaf aus HH
    29. Juli 2012

    Moody’s Blues… Seeehr schön. Herrlich !
    Was mache ich nur bloß, wenn Moody’s mich und meine PIN-Nummer zum Girokonto einmal “räitet” ? (56 Jahre alt, wohnhaft in Hamburg, Akademiker in einer Art Auszeit…) Dann bin ich wohl für immer und alle Zeiten so richtig ganz unten durch. Zugleich gibt es doch einige Menschen, die mich wirklich lieb haben. Was machen die dann ? Wahrscheinlich werden die auch noch geräitet. Und dann ist bestimmt alles aus…

  18. #18 rolak
    29. Juli 2012

    Mal eben nachschauen… 0/4. Nö, so hatte ich es nicht verstanden. ‘Abgestanden’ – ein schaler Seitenhieb wäre das gewesen…

  19. #19 Dr. Webbaer
    30. Juli 2012

    Ratingagenturen folgen oft folgender Logik: Wird ein Land downgegradet, werden idF auch Institutionen des Landes dementsprechend behandelt, bspw. Banken oder teilselbstständige Regionen.
    Das liegt daran, dass eine (negative) Aussicht dann “wg. Abhängigkeit” auch für im Land Beheimatete und Abhängige gilt.

    Letztlich leidet auch die Kreditwürdigkeit einzelner Personen.

    MFG
    Dr. Webbaer (der wegen qualitativ ansprechender Artikel aber ausnahmsweise dem Inhaltemeister keine “negative Aussicht” zusprechen will)

  20. #20 Dr. Webbaer
    30. Juli 2012

    @Spoing

    Ps. Die Suchfunktion hier ist leider Kaputt, hätte mir sonst gerne eins, zwei Artikel zur Praxisgebühr angetan.

    Nehmen Sie die große Suchfunktion:
    https://www.google.de/search?hl=de&as_q=Praxisgebühr&as_epq=&as_oq=&as_eq=&as_nlo=&as_nhi=&lr=&cr=&as_qdr=all&as_sitesearch=www.scienceblogs.de%2Fgesundheits-check

  21. #21 michael
    1. August 2012

    > Das ist etwas kurios, weil diese kassandrischen Gesänge damit begründet werden, dass Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke Banken in Europa rettet.

    Wieso ? Das Geld, das man ausgibt, damit andere ihre Schulden bezahlen können, fehlt halt zum Abtragen der eigenen Schulden.

    Was die Agentur wahrscheinlich sagen will, dass Griechenland u.a. vielleicht besser ihre Insolvenz hätten erklären sollen.

  22. #22 doctora britta
    1. August 2012

    Wo Aschaffenburg liegt, sollte man tatsächlich wissen. Nach gefühlter Geografie sind die Franken aber eh kein Teil Bayerns, oder? Und sie sprechen, siehe Priol, ja fast wie die Südhessen. Den Main entlang ist Frankfurt, Bankfurt ja auch problemlos mit dem Fahrrad von Aschaffenburg aus zu erreichen. Und das geht für so manchen CSU-ler wahrscheinlich gar nicht. Aber das alles natürlich von einer Nicht-Insiderin, d.h. Nicht-Bayerin… Wie verrückt das doch ist, dass attac schon vor mehr als zehn Jahren mit allem recht hatte und durch die wahnsinnige Entwicklung der Finanzmärkte sogar noch getoppt wurde. Gefährlich ist das schon… nicht nur merkwürdig, wobei Humor wahrscheinlich am besten hilft. Bleibt nur zu hoffen, dass es sich nicht als Galgenhumor herausstellt. Aber jetzt sind – auch in Bayern – doch erst mal Ferien angesagt, ne?

  23. #23 Joseph Kuhn
    6. August 2012

    @ doctora britta:

    “Nach gefühlter Geografie sind die Franken aber eh kein Teil Bayerns, oder?”

    Schwieriges Thema.

    “Und sie sprechen, siehe Priol, ja fast wie die Südhessen.”

    Das ist eine böse Beleidigung. Wenn ich Ihr Pseudonym lüfte, haben Sie in Franken Einreiseverbot.

    “Den Main entlang ist Frankfurt, Bankfurt ja auch problemlos mit dem Fahrrad von Aschaffenburg aus zu erreichen.”

    Auch mit dem Fahrrad geht’s auf der Autobahn schneller.

    “Aber jetzt sind – auch in Bayern – doch erst mal Ferien angesagt, ne?”

    Ne. Wir müssen noch den Länderfinanzausgleich erarbeiten (und die Schulden für unsere Landesbank).

  24. #24 michael
    7. August 2012

    > Wir müssen noch den Länderfinanzausgleich erarbeiten .

    38 Jahre hat man profitiert und seit 24 Jahren darf man auch sein Scherflein dazu beitragen. Aber jammern, was das Zeugs hält.

  25. #25 Joseph Kuhn
    7. August 2012

    @ michael: Das ist gewissermaßen die Übertragung der Sichtweise Thilo Sarrazins auf die Länder, natürlich in sozialpädagogischer Absicht: Bayern beklagt die “Florida-Rolf-Mentalität” Preußens. Eine wertneutralere, eher psychosomatische Interpretation ginge in die Richtung des Phantomschmerzes: Das Geld ist weg und tut doch noch weh.

  26. #26 Dr. Webbaer
    7. August 2012

    > Eine wertneutralere, eher psychosomatische Interpretation ginge in die Richtung des Phantomschmerzes: Das Geld ist weg und tut doch noch weh.

    Und was Ihre linken Freunde in D auf Euro-Ebene anstreben, die LINKSpartei hier auch gamz offen, löst in D einen unbegründeten Vorschmerz aus, korrekt?

    Ja, die Umverteilung, die einen finden’s gut, die anderen nicht so…

    MFG
    Dr. Webbaer

  27. #27 Joseph Kuhn
    7. August 2012

    @ Dr. Webbär: Meine “linken Freunde”? Hoffentlich lassen die mich mal im roten Porsche mitfahren. Was Europa angeht, so ist hier natürlich nicht die psychosomatische Interpretation einschlägig, sondern die sozialpädagogische, wie sich an den Worten unseres Finanzministers unschwer erkennen lässt: “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen und die Griechen sind jetzt so weit.” Oder mit etwas mehr Sarrazin: “Die Euro-Zone ist eine Gemeinschaft (…) der Leistungsbereitschaft, kein Hängematten-Club”. So zitiert die Süddeutsche heute Herrn Dobrindt und so versteht endlich auch jeder, wie internationale Finanzpolitik funktioniert. Davon könnte sich der Weltökonom Helmut Schmidt mal eine Scheibe abschneiden, statt von der Regulation der Finanzmärkte und solchen Sachen zu reden.

  28. #28 Dr. Webbaer
    7. August 2012

    @Kuhn
    Halten wir einfach fest: Bayern klagt, womöglich aus gutem Grund, gegen den sogenannten Länderfinanzausgleich:
    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-07/finanzausgleich-klage-bayern

    … Linke finden dieses Klagen gar nicht gut und schlagen stattdessen vor den ga-anz großen Länderfinanzausgleich anzustreben:
    http://www.news.de/politik/855336466/sigmar-gabriel-spd-boss-will-gemeinsame-schuldenhaftung/1/

    Und der Schreiber dieser Zeilen, der Webbaer, sieht hier titanic-artiges Bemühen. Jenes gentlemenhafte Bemühen anderen Vortritt zu lassen … bevor das Schiff zur Gänze abtaucht – von Ihnen und Ihren Texten zu diesem Thema eu­pho­nisch begleitet.

    MFG
    Dr. Webbaer

  29. #29 WolfgangK
    7. August 2012

    Bezugnehmend auf den Titel des Artikels wäre ich doch dafür, dass Bayern endlich bei Mama auszieht. Schließlich können Schreihälse wie Söder oder Dobrindt nicht ständig bei Mama am Rockzipfel hängen und ungezogen herumplärren. Auch Österreich sollte endlich den Euro zurückgeben (in dem Zuge kann man auch gleich die Internetverbindungen nach Österreich kappen…), schließlich wird da ständig gegen denselben gewettert, vor allem bei der nicht gerade mit Intelligenz gesegneten FPÖ. Im Gegensatz zu Griechenland als schönes Urlaubsland mit Gyros und Tsatsiki braucht Bayern oder Österreich in der Eurozone niemand. Bayrische Haxen sind sowieso zu fett und Österreicher haben kein vernünftiges Essen…

  30. #30 Dr. Webbaer
    7. August 2012

    @WolfgangK
    Das Problem mit der Euro-Zone ist ja folgendes und vom Schreiber dieser Zeilen bereits seit mehreren Jahren wie folgt oder ähnlich zusammengefasst:
    Heterogene Gesellschaften generieren unterschiedliche allgemeine Wertschöpfung, was bisher kein Problem war, in demokratischen Systemen hat dann bei freiem Wechselkurs der Markt entschieden und die Drachme oder sonstiges Gulli-Geld wurde abgewertet – stand noch der Staat drauf, hat dann dieser meist halbwegs angemessen reagiert und per Setzung abgewertet.

    So blieb dann alles im Grünen und das Gyros blieb in Athen (ist eine A. Spezialität) wohlschmeckend wie den allgemeinen finanziellen Stärken entsprechend finanzierbar.

    Heutzutage kann eine euro-gebundene minderleistende (natürlich nur: vergleichsweise) Gesellschaft nicht mehr dementsprechend anpassen und Substitute zum o.g. Anpassungsverhalten werden für die jeweilige (meist südländische, F aber gerne eingeschlossen) zerstörerisch.

    D.h. heutzutage bedarf es eines Sugar-Daddies wie D … und der stellt dann unangenehme Forderungen (die natürlich nicht umfänglich erfüllt werden) und dann ist irgendwann ein Zustand erreicht, der absehbar ist: der Jetzt-Zustand.

    Wie man aus der Sache noch rauskommt? A: Wahrscheinlichste Variante: allgemeine Schuldenübernahme, Schuldhaftung durch D, gemeinsames Abrauchen vor 2015, Neuaufsetzen der Systeme, dabei die Systemteilnehmerinteressen wie -fähigkeiten einarbeitend. Womöglich ohne Gemeinschaftswährung, international i.p. Gemeinschaftswährung sozusagen für alle Zeiten Zeichen setzend.

    HTH
    Dr. Webbaer

  31. #31 Dr. Webbaer
    7. August 2012

    Nachtrag:
    Vgl. auch ‘Gullibility

  32. #32 michael
    7. August 2012

    >Bayrische Haxen sind sowieso zu fett

    Wenn es dort wenigstens Bier zu trinken gäbe!

    Ausserdem für das arme Bärchen:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kapitalismus/europa-in-der-krise-schluss-mit-mephistos-umverteilung-11554102.html

  33. #33 WolfgangK
    7. August 2012

    “Wenn es dort wenigstens Bier zu trinken gäbe!”

    Gibt es, nennt sich dort jedoch “Volksbelustigungswasser”.

  34. #35 Joseph Kuhn
    11. August 2012

    @ michael: Sommerloch oder Altersverwirrtheit.

  35. #36 Sven Türpe
    12. August 2012

    Vielleicht wird aus dem Primat der Politik ja doch noch was.

    Hoffentlich nicht. Der verbreitete Wunsch nach einem kleinen bisschen Diktatur wird nicht dadurch akzeptabler, dass man ihn in neue Bezeichnungen packt. Ihm liegt die falsche Hoffnung zugrunde, ein bisschen Diktatur könne die eigenen Interessen, Entwürfe und Vorstellungen effizient vorantreiben. Tatsächlich jedoch verlieren durch Diktatur, auch durch ein kleines bisschen Diktatur, am Ende alle, sogar die Gefolgschaft des kleinen Diktators. Moderne Staaten setzen deswegen nicht auf ein kleines bisschen Diktatur, sondern auf sorgsam austarierte Machtverhältnisse zwischen staatlichen Institutionen. Ein Primat irgendeiner dieser Institutionen soll und darf es nicht geben, denn dies wäre das Ende der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

  36. #37 Joseph Kuhn
    12. August 2012

    @ Türpe: Ich fand meinen Beitrag witziger.

  37. #38 Dr. Webbaer
    14. August 2012

    Erklärung:
    Söder ist hier (oder: im Artikel) als ‘Primat‘ eingestuft worden.

    BTW, in Baden-Würtemberg gab es auch schon Ideen sich der Schweiz anzuschließen und in den Staaten, in denen den einzelnen Bundesstaaten aus Sicht vieler ein Austrittsrecht zusteht, von dem auch schon Gebrauch gemacht worden ist, gehört die angekündigte Sezession/Segregation [1] zur Folklore.

    Richtig bleibt, dass die (behauptete) Alternativlosigkeit in Europa, gerade in Anbetracht der Heterogenität der Teilnehmer, noch für den einen oder anderen Knall sorgen kann und – wie sich der Schreiber dieser Zeilen gerne erlaubt anzumerken – sorgen wird.

    Ob es ein eher lokaler Knall-Laut wird oder eine gemeinsame Abrauche? – Das obliegt den Teilnehmern, Dr. W gespannt sein. Nicht-Euro-Länder geilen sich an diesem Szenario zurzeit geradezu auf.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1] “Multikulturelle” Gesellschaften splitten sowieso irgendwann.

  38. #39 michael
    15. August 2012

    > Söder ist hier (oder: im Artikel) als ‘Primat’ eingestuft worden.

    Aha, man erklärt Herrn Türpe, warum aus Bärensicht Herr Kuhn seinen Beitrag witziger fand.

    Naja, immerhin ein schöner Vorwand,um mal wieder den Untergang des Abendlandes zu verkünden.

  39. #40 Dr. Webbaer
    15. August 2012

    Das war kein Vorwand. Bayern sieht seine Felle davonschwimmen, wenn sich die Nahrungskette “Bundesländer fressen Bayern, die Euro-Union frisst die Bundesländer” persistiert.

    Und der Untergang eines verfehlten Währungssystems (die Südländer können oder wollen wirtschaftlich nicht mithalten, dort läuft ja auch viel am Staatssystem vorbei, können und wollen aber ganz sicher nicht ihrer Bevölkerung jahrzehntelang verklickern, dass -um den Euro stabil zu halten- gespart werden muss) ist ja nicht so-o schlimm. – Je früher, desto weniger schlimm btw.

    HTH
    Dr. Webbaer

  40. #41 michael
    15. August 2012

    @WB
    Besser ist es: Griechenland und andere erklären sich für insolvent. Dann lernen die Banken wenigstens, dass eine Risikoanleihe nicht deswegen Risokoanleihe heißt, weil das Risiko einer Pleite auf andere abgewälzt wird.

    und im übrigen: