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Ein Geheimcode, der in Kommentaren zu Cristiano-Ronaldo-Videos versteckt war, diente zwei russischen Spionen als Kommunikationsmittel.

Heidrun und Andreas Anschlag lebten zwei Jahrzehnte lang ein unauffälliges Leben. Er arbeitete als Ingenieur, sie war Hausfrau. Das Ehepaar wohnte zuletzt in Marburg und hat eine gemeinsame Tochter.

Doch die Anschlags führten in Wirklichkeit ein Doppelleben. Wie Ermittler des Bundesamts für Verfassungsschutz nach einem Tipp der CIA feststellten, arbeiteten die beiden als Agenten für den russischen Auslandsnachrichtendienst SWR. Im Oktober 2011 wurden sie verhaftet. Beide wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt und nach ihrer vorzeitigen Entlassung nach Russland abgeschoben.

Wie genau das Paar arbeitete, ist (wie vieles andere in diesem Fall) nicht öffentlich bekannt. Nach Lage der Dinge dürften die beiden beruflich keinen Zugang zu Geheiminformationen gehabt haben. Wahrscheinlich bestand ihre Rolle darin, die Arbeit anderer Spione zu koordinieren.

Der Youtube-Code

Interessant ist für mich als Kryptologe immer die Frage, wie Spione mit ihren Auftraggebern und anderen Personen kommunizieren. Anscheinend nutzte der SWR eine bewährte Methode, um die Anschlags zu erreichen: einen Zahlensender. Früher empfing man einen solchen unauffällig über ein handelsübliches Radiogerät. Die Anschlags machten es etwas moderner – sie hatten einen Kurzwellenempfänger an den heimischen Computer angeschlossen. Anscheinend nutzten sie außerdem eine Software namens Kelchblatt.

Die Kommunikation in die Gegenrichtung lief über das Internet. Das russische Agentenpärchen nutzte dazu die Videoplattform Youtube. Am 8. Mai 2011 soll Heidrun Anschlag dort unter dem Namen “Alpenkuh1” ein Nutzerkonto eröffnet haben. Sie lud keine neuen Videoclips hoch, sondern kommentierte die Filme anderer – mal auf Englisch, mal auf Deutsch. Bis zu ihrer Festnahme hinterließ Heidrun Anschlag alias Alpenkuh1 bei fünf verschiedenen Videos Kommentare. Dabei hatte die russische Agentin eine Vorliebe für den portugiesischen Fußballer Cristiano Ronaldo. Die Kommentare enthielten geheime Botschaften an eine Kontaktperson in Russland.

Diese Kontakperson schrieb auch selbst Kommentare unter die Videos – unter dem Pseudonym “Cristianofootballer”. Genau einen Monat vor Alpenkuh1 hatte sich dieser Nutzer bei Youtube registriert und jeweils die gleichen Videos kommentiert.

Wie funktionierte der Code?

Doch wie sahen diese Kommentare aus? In einem Welt-Artikel fand ich folgendes:

  • Alpenkuh1: “Es ist ein sehr nettes Video und das Lied ist auch sehr gut”. Cristianofootballer: “Ein großartiger Dribbelkünstler und Fußballer in der Welt.”
  • Alpenkuh1: “Er rennt und spielt wie der Teufel.” Cristianofootballer: “Na klar ist es nicht echt, aber sehr gute Werbung.”

Ein Screenshot, den ich im Internet gefunden habe, zeigt, dass Alpenkuh1 zumindest den erstgenannten Satz auf Englisch formulierte.

Alpenkuh

Die Abfolge der Satzzeichen, so heißt es im Welt-Artikel, ließ sich in eine Zahlenfolge übertragen. Hinter jeder Zahl steckte eine abgesprochene Botschaft. Möglicherweise ist dies die etwas laienhafte Beschreibung eines Jargon-Codes. Ein solcher sieht für eine Anzahl zuvor festegelegter Nachrichten jeweils einen harmlos klingenden Satz oder ein harmlos klingendes Wort vor. “Es ist ein sehr nettes Video” könnte beispielsweise “Der tote Briefkasten ist gefüllt” oder “Keine besonderen Vorkommnisse” heißen.

Falls jemand mehr über diesen Code weiß, würde ich mich über einen Hinweis freuen.

Die Kommentare von Alpenkuh1 und Cristianofootballer sind bei YouTube längst gelöscht. Falls jemand diese Kommentare archiviert hat, bitte melden.

Zum Weiterlesen: Der US-Spion, den seine Rechtschreibschwäche verriet

Kommentare (3)

  1. […] Weltpolitik einmischen — Agentenehepaar kommunizierte über Fußball-Kommentare auf YouTube Agentenehepaar kommunizierte über Fußball-Kommentare auf YouTube – Klausis Krypto Kolumne Schwarzes Loch frisst Stern Astronomen beobachten erstmals den Ablauf eines gewaltsamen […]

  2. #2 Bernd
    30. November 2015

    Ach ja, Herr und Frau Anschlag mal wieder. Allein, mir drängt sich eher der Eindruck auf, dass sich die stes kompetenten deutschen Sicherheitsbehörden hier einen russischen Bären haben aufbinden lassen. Dass die Agenten einen solchen Rückkanal mit derart geringer Übertragungskapazität genutzt haben sollen und dazu noch die Dienste eines US-Unternehmens in Anspruch genommen haben sollen, klingt mir doch arg gewagt.

  3. #3 Klaus Schmeh
    2. Dezember 2015

    Kommentar von Wolfgang Wilhelm über Facebook:
    Ich muss mich dem Kommentar von Bernd anschließen: es wirkt auf mich schon etwas konstruiert. Aber vielleicht ist es – wenn auch russisch – doch kein aufgebundener Bär, sondern es geht um etwas anderes: meines Wissens sollten die beiden gegen einen deutschen Spion in russischer Haft getauscht werden, was aber von russischer Seite abgelehnt wurde. Vielleicht alleine schon deshalb, weil die Beweislage wirklich dünn war?