Am Freitag hat das Sachverständigengremium nach § 5(9) IfSG seinen Evaluationsbericht vorlegt. Er beklagt mehrfach die unzureichende Datenlage und in diesem Zusammenhang auch die mangelhafte Forschungsinfrastruktur in Deutschland zur Evidenzbasierung (ex ante) bzw. zur Evaluation (ex post) von Infektionsschutzmaßnahmen – man könnte ergänzen, von Präventionsmaßnahmen insgesamt.

Der Bericht beschränkt sich daher an verschiedenen Stellen auf sehr zurückhaltende Aussagen. Das gefällt manchen, andere ärgern sich darüber, und beides findet Freunde in den Pro&Contra-Maßnahmen-Lagern. Unter Querdenkern wird der Hinweis des Sachverständigengremiums auf die mangelnde Evidenz zu manchen Fragestellungen erwartungsgemäß so interpretiert, man sei zu feige zu sagen, die Maßnahmen seien wirkungslos gewesen.

Triggerwarnung: Im Folgenden greife ich einen Beitrag eines Autors auf, der unter dem Pseudonym „Andreas Zimmermann“ auf der auf der sog. “Achse des Guten“ sein Bestes gibt. Das Lesen seines Textes kann von Stil und Inhalt her zu Brechreiz führen.

Interessant ist aber seine Interpretation des Satzes „absence of evidence is not evidence for absence“, also des Fehlschlusses von fehlenden Daten für eine Wirksamkeit auf die Unwirksamkeit einer Intervention:

„Dieser Satz ist im Juli 2022 nicht nur Ausweis sowohl mangelnder Kreativität als auch mangelnder Intellektualität (…), sondern schlicht und einfach falsch. Denn die Abwesenheit von Evidenz für Etwas wird sehr wohl regelmäßig als Evidenz für die Abwesenheit dieses Etwas betrachtet. Wer dies bezweifelt, der möge nur ganz kurz versuchen, Beweise für die Nichtexistenz von wahlweise Drachen, dem Weihnachtsmann oder Reinhold Messners Yeti zu finden. Er wird ganz schnell feststellen, dass es diese nicht gibt. Denn die Nichtexistenz eines Yetis lässt sich nicht beweisen. Dennoch betrachten wir die Abwesenheit von Evidenz, die seine Existenz unterstützt, zu Recht als Evidenz, dass Yetis nicht existieren. Das Gleiche gilt für Drachen, Weihnachtsmänner und eben auch für den „Nutzen” der Coronamaßnahmen.“

Wir hatten dieses Thema hier schon einmal diskutiert, mit Blick auf die fehlende Evidenz für die Wirksamkeit homöopathischer Mittel über Placebo hinaus. In gewisser Weise hat „Zimmermann“ recht, aber er vergisst, dass hier der Kontext wichtig ist. Seine Beispiele machen diesen Kontext deutlich: Wenn die A-priori-Wahrscheinlichkeit für die Existenz eines Phänomens marginal ist, dann sind sehr starke Belege nötig, um Evidenz zu erzeugen. Wenn wiederholte Versuche, diese Evidenz zu schaffen, fehlschlagen, wird man das so interpretieren, dass es das Phänomen wohl, wie vermutet, nicht gibt. Das sieht anders aus, wenn die A-priori-Wahrscheinlichkeit für seine Existenz nicht so abgründig schlecht ist. Die Suche nach dem Higgs-Teilchen hat man aus guten Gründen auch nach vielen empirischen Fehlschlägen nicht aufgegeben – zu Recht, wie sich gezeigt hat.

Diese A-priori-Wahrscheinlichkeit ist ein entscheidender Punkt, übrigens auch, um das vor allem in Kreisen der „Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt“-Community beliebten Galileo-Gambit zu vermeiden, also den Hinweis, dass große Entdeckungen immer wieder einmal anfangs vehement abgelehnt wurden. A priori meint hier: Vor der empirischen Hypothesenprüfung. Damit kommt ein subjektives Element ins Spiel. Im konkreten Fall: Wer beispielsweise die Wirksamkeit von Masken a priori für sehr unwahrscheinlich hält, der wird mangelnde Evidenz als Bestätigung seiner Annahme interpretieren. Wer eine andere Ausgangshypothese hat, wird eher in Richtung „absence of evidence is not evidence for absence“ argumentieren. Der confirmation bias kann auch statistisch verpackt sein.

Während bei der Homöopathie der naturwissenschaftliche Erkenntnisstand es sehr unwahrscheinlich macht, dass klinische Prüfungen mehr als ein Zufallsrauschen ergeben, ist das bei den Masken anders. Hier gibt es gute naturwissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit unter Laborbedingungen („efficacy“), aber Probleme mit dem Nachweis der Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen („effectiveness“). Einflussfaktoren wie die Art und Dauer des Maskentragens, des Settings, des Klimas, gesellschaftlicher Begüßungsrituale, interagierende andere Infektionsschutzmaßnahmen usw. erschweren die Evaluation, individuell wie bevölkerungsbezogen, und das umso mehr, je spezifischer die evaluative Fragestellung ist. Die Frage „Wirken Masken gegen SARS-CoV-2“ wäre wohl nur mit Radio Eriwan zu beantworten: „Im Prinzip ja, aber …“. Man will aber wissen, ob sie in Pflegeheimen vor infizierten Besuchern geschützt haben, in Schulen am Sitzplatz in regelmäßig belüfteten oder wenig belüfteten Räumen, in Gaststätten auf dem Weg zum Tisch oder ob die Maskenpflicht einen Mehrwert gegenüber einer Empfehlung gebracht hat.

Dazu fehlen aussagekräftige Daten zum Maskengebrauch unter den konkreten Rahmenbedingungen in Deutschland. Auf diese Problematik weist der Bericht des Sachverständigengremiums zu Recht hin.

Kommentare (20)

  1. #1 lion in oil
    3. Juli 2022

    Zum Evaluationsbericht
    Definition: Von Evaluation spricht man, wenn ein Sachverhalt in systematischer Weise nach festgelegten Kriterien begutachtet und bewertet wird.

    Genauer: Wenn der Sachverhalt auf klar definierten Gegenstand bezogen
    von Experten durchgeführt usw. usw.

    Soweit die Theorie.

    Die Praxis beginnt mit einer mit „Executive Summary“ recht vielversprechend !
    Gefolgt von Benennung der Schwierigkeiten, mit denen die Kommission zu kämpfen hatte und darin gipfelt :
    „Außerdem ist festzuhalten, dass die Evaluationskommission für eine umfassende Evaluierung dieser Fragestellung weder personell ausgestattet war, noch einen ausreichend langen Evaluationszeitraum zur Verfügung hatte „

    Also, was jetzt, Summary oder Entschuldigung ?
    Kann man noch von evaluation sprechen ?
    Zur beruhigungm man kann.
    Der Bericht ist zweigeteilt.
    1. Evaluation der Rechtsgrundlagen , diese Aufgabe wurde erfüllt.
    2. Maßnahmen der Pandemiepolitik
    Nur einen Punkt herausgegriffen, der gut durchdacht wurde, die Absonderung im Krankheitsfall.
    „§ 30 IfSG erlaubt die Absonderung (also die Anordnung von Quarantäne und Isolation) im Einzelfall. Dabei handelt es sich nach herrschender Meinung um eine Freiheitsentziehung gem. Art. 2 Abs. 2 S. 2 GG.40 Im Ergebnis bedeutet dies, dass auch für Absonderungen nach § 30 Abs. 1 IfSG (und nicht nur für solche nach § 30 Abs. 2 IfSG) der Richtervorbehalt des Art. 104 Abs. 2 S. 1 GG gilt, den die Vorschrift aber nicht vorsieht.
    Die Corona-Epidemie hat gezeigt, dass ein solcher Richtervorbehalt in der Massenverwaltung auch nicht praktikabel wäre; die Maßnahme der Absonderung, wie sie in § 30 IfSG geregelt ist, ist schlicht nicht für Epidemien konzipiert. Bemerkenswert !
    Hier wird also konkret eine Lücke aufgezeigt, die es zu schließen gilt.
    Fazit, die rechtliche Seite wurde untersucht, ganz praktische Themen wie die Verwendung von Gesichtsmasken wird so beschrieben :
    In Risikosettings, wie medizinischen oder pflegerischen Bereichen, sollte aus hygienischer Sicht zum Fremd- und Selbstschutz die FFP2-Maske präferiert werden. Das ist doch konkret. Aber hier hätte man jetzt mehr erwartet.

  2. #2 Lisa
    Oldenburg
    5. Juli 2022

    Alles nachvollziehbar, allerdings fehlt bei der Frage um die nötige Evidenz, der Bezug auf die Maßnahmen…Ob das Higgs Teilchen jetzt gefunden wird oder nicht, ist für die meisten bis auf die Fachwelt relativ irrelevant. Ob ich den Leuten ohne Evidenz demokratische Rechte aberkenne, ist schon was anderes… Die Regierung war somit in der Pflicht sehr deutliche Hinweise zu bringen, dass Lockdowns, Berufsverbote, Versammlungsverbote und Schulschließungen einen riesigen Effekt haben.
    Die Regierung hats jedoch anscheinend nicht mal ernsthaft versucht, was schon ein Skandal ist und zudem scheint es diese deutlichen Hinweise nicht zu geben. Kurioserweise gibts nur Hinweise für den kleinsten Eingriff, nämlich Maske tragen….

    Hab hier in etwa die Position von Prof. Riek dazu zusammengetragen, finde ich ziemlich logisch. https://youtu.be/vaDc7iq-eo0

    Off Topic:
    Da du auch öfter auch was zu dem Ukraine Krieg geschrieben hast, würde mich auch deine Meinung zu der Analyse von Michael Lüders interessieren. https://youtu.be/xyQiw3f9zRQ

    • #3 Joseph Kuhn
      5. Juli 2022

      @ Lisa:

      “Alles nachvollziehbar”

      Eben. Daher ist der Rest Ihres Kommentars irrelevant, wie das verlinkte TUI-Filmchen. Ich wünsche einen guten Tag.

  3. #4 Hyperficial
    5. Juli 2022

    Warum haben sie meinen Kommentar nicht öffentlich gehen lassen?

    XXX

    [Edit: Der hatte die Mindestanzahl sinnvoller Buchstabenkombinationen nicht erreicht. Rest Ihres Sermons gelöscht. Ich wünsche einen guten Tag. JK]

  4. #5 Herr Senf
    Fachphysiker der Medizin
    5. Juli 2022

    @Lisa könnte man die heutige Runde von Markus Lanz mit Karl Lauterbach empfehlen:
    Da hat er ganz verständlich die Bewertung der Maßnahmen durch ausreichend Sachverstand und die Probleme einer politischen Evaluierung mit zu wenigen Sachverständigen unter Zeitdruck rübergebracht, wie die Vorbereitungen auf den Herbst.
    Sollte in der Mediathek zu finden sein, meine Empfehlungen hat Lauterbachs Sicht.

  5. #6 PDP10
    6. Juli 2022

    Ich frage mich ja wirklich, was die sich dabei gedacht haben, wie sowas funktionieren soll.
    Im letzten Jahr im September wurde der Ausschuss beschlossen und zusammengesetzt. Und zwar ausschließlich aus Leuten, die einen ganz normalen Brotjob an Universitäten, im Gesundheitsmanagement usw. haben (meist keine “normalen Brotjobs” sondern eher 50 bis 60 Wochenstunden-Jobs möchte man korrigieren). Die sollten das also mal eben so nebenher machen. Und jetzt beschweren sich alle, dass die sich darüber beschweren, dass die Datenlage Mist ist und die von den dreiundzwölfzigtausend wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die seit Beginn der Pandemie zum Thema erschienen sind nur einen winzigen Bruchteil berücksichtigen konnten …

    Das Projekt war von Anfang an zum gegen die Wand fahren verurteilt.

    Und dann kommt jemand wie Lisa an und flötet “Alles nachvollziehbar, allerdings fehlt bei der Frage um die nötige Evidenz, der Bezug auf die Maßnahmen”.

    Ach echt?

    Eine Sinnvolle Methode wäre gewesen, mal ein paar Drittmittel in die Hand zu nehmen (und zwar schon Ende 2020 oder Anfang 2021!) und die an ein paar renommierte Forschungsinstitutionen zu vergeben, damit sich da Leute mit den Ganzen Fragen begleitend zu Pandemie hauptberuflich beschäftigen. (*)

    Aber neee, man setzt einen Ausschuss ein. Ich habe ja schon geschrieben, was ich von sowas halte. Und lag ich komplett falsch? Ich glaube nicht …

    Ich verstehe zu hundert Prozent, warum Christian Drosten da ausgestiegen ist. Er hat es ja gesagt: So funktioniert Wissenschaft nicht.

    Ausser im Wunschdenken von Politikern und Lisas.

    (*): Glücklicherweise gibt es genug Leute, die sich mit sowas wissenschaftlich und hauptberuflich beschäftigen. Deren Ergebnisse werden allerdings ihre Zeit brauchen. Was auch sonst.

    • #7 Joseph Kuhn
      6. Juli 2022

      @ PDP10:

      “Eine Sinnvolle Methode wäre gewesen, mal ein paar Drittmittel in die Hand zu nehmen”

      Bei der Geschichte gibt es mehrere Problemebenen:

      – In Deutschland gab es kein Programm für eine systematische Begleitforschung (was übrigens nicht einfach nur ein Versäumnis des RKI ist, auch das BMG und die universitäre Public Health-Szene ist hier säumig gewesen),
      – es fehlt ein systematisches Evaluationskonzept mit den relevanten Leitfragen,
      – hinter manch scheinbar einfachen Evaluationsfrage steckt ein hohes Maß an Komplexität, das erschwert die Evaluation in jeder Hinsicht,
      – manchmal fehlen grundsätzlich Daten zu einer Frage,
      – manchmal fehlen Daten für Deutschland, wo internationale Daten nicht reichen,
      – manchmal gibt es viele Studien, aber keine guten Übersichtsarbeiten,
      – es haben Zeit und Ressourcen zur Aufarbeitung der Daten bzw. der Literatur gefehlt,
      – der Sachverständigenausschuss kennt unser living textbook “Corona verstehen – evidenzbasiert” nicht 😉
      – usw.

      “Ich verstehe zu hundert Prozent, warum Christian Drosten da ausgestiegen ist.”

      Was Drostens Ausstieg konkret motiviert hat, weiß man nicht, darüber kann man nur spekulieren. Er hat sich in einem SPIEGEL-Interview dazu selbst eher vieldeutig geäußert.

  6. #8 Klardenker
    Wien
    6. Juli 2022

    Woran es nicht fehlt, sind Abrechnungsgrundlagen der Krankenkassen für sogenannte “Impfnebenwirkungen”. Die BKK allein hat 2,5 Millionen. Aber sicher: nur so eine “Schweinekorrelation”. Wir sind gespannt, wie sich der Autor hier weiter rauswindet.

  7. #10 lioninoil
    6. Juli 2022

    PDP10
    Man kann es auch Nebenjob nennen, wenn „Fachleute“ beauftragt werden.
    Die machen tatsächlich die Aufgabe nebenher, ich kenne das von der Schule, wenn eine Kollegin zur „Frauenbeauftragte“ bestimmt wurde. Die hatte das damals abgelehnt, weil sie keinen Handlungsbedarf sah. Ich selbst hatte zwei solcher Nebenjobs als Beauftragter für Medien und gleichzeitig noch …………….für …………. (Datenschutz). Ach ja, in einem Ausschuss war ich auch noch.
    Fachverstand fließt da ein, Vollständigkeit kann nicht garantiert werden, dazu fehlt einfach die Zeit.
    Dieses Verfahren garantiert Aktualität und Sachverstand, würde man stattdessen zusätzliche Stellen besetzen, würde das noch länger dauern ,die Leute müssten sich ja erst einarbeiten.

  8. #11 Lisa
    Oldenburg
    6. Juli 2022

    Ich bitte den Forum Putin um Verzeihung und korrigiere mich, so dass nur der relevante Teil nochmal hervorgehoben wird.
    Alles nachvollziehbar. DANKE!

  9. #12 Joseph Kuhn
    6. Juli 2022

    Zum Blogthema heute in der Süddeutschen:

    “Diese Aussage [dass man zu vielen Maßnahmen mangels Daten nicht viel sagen könne, JK] wird in Teilen der Bevölkerung und auch in Teilen der Politik, etwa der FDP, bereits als Begründung dafür genutzt, künftig keine Maßnahmen zu ergreifen, weil der Unterschied zwischen fehlender Evidenz und fehlender Wirksamkeit nicht erkannt wird. ‘Nur weil die Wirksamkeit noch nicht belegt ist, heißt das nicht, dass es keine Wirksamkeit gibt’, betont Friedemann Weber, Leiter der Virologie an der Uni Gießen.”

    Grundsätzlich ist es immer besser, wenn man evidenzbasiert statt auf Basis des Vorsorgeprinzips handeln kann. Das gilt auch für das Nichthandeln: Auch da wäre es gut, man wüsste, dass es besser ist, nichts zu tun, als einfach nichts zu tun, weil die Datenlage schwach ist.

    Und in ZEIT-Online:

    In ZEIT-Online kritisieren Jutta Allmendinger, Christoph M. Schmidt und Hendrik Streeck ihre Kritiker: https://www.zeit.de/gesundheit/2022-07/corona-sachverstaendigenrat-gutachten-massnahmen-kritik

  10. #13 schorsch
    6. Juli 2022

    Selbst wenn man die Wirksamkeit von Masken a priori für sehr unwahrscheinlich halten mag – ein Standpunkt, der sich durchaus begründen lässt – so ist die Annahme einer Wirksamkeit doch grundsätzlich zunächst einmal plausibel. Darin besteht ein ganz wesentlicher Unterschied zur völlig willkürlichen Annahme der Existenz von Drachen oder von leibhaftigen Weihnachtsmännern.

    Insofern scheitert Andreas Zimmermanns kindlich-naive Argumentation schon im Ansatz.

  11. #14 Hyperficial
    6. Juli 2022

    XXX

    [Edit: Kommentar gelöscht. Entweder sachlich und höflich oder gar nicht. JK]

  12. #15 PDP10
    7. Juli 2022

    @Joseph Kuhn:

    In Deutschland gab es kein Programm für eine systematische Begleitforschung (was übrigens nicht einfach nur ein Versäumnis des RKI ist, auch das BMG und die universitäre Public Health-Szene ist hier säumig gewesen) […]

    Ich schrieb ja schon oben: Warum nicht? Und kann mir auch nicht verkneifen, noch ein wenig darauf rum zu reiten.
    (Ist ja nicht so, dass noch nie jemand auf die Idee gekommen wäre, bei anderen Maßnahmen so eine begleitende Evaluation zu machen. Bei der Freigabe von Cannabis beispielsweise. Ist nur ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel.)
    Wir schlagen uns jetzt seit zweieinhalb Jahren mit dem Virus rum. Hätte man da nicht spätestens im Herbst 2020, als klar war, dass das gekommen ist zu bleiben mal auf die Idee kommen können so eine begleitende Evaluierung an zu leiern? Als Auftrag an geeignete (Forschungs)-Institutionen oder so eine Kommission oder beides?

    Was Drostens Ausstieg konkret motiviert hat, weiß man nicht, darüber kann man nur spekulieren. Er hat sich in einem SPIEGEL-Interview dazu selbst eher vieldeutig geäußert.

    Ich muss gestehen, dass ich das Video aus Gründen nicht gesehen habe. (Gründe: eingeschränktes Internet. Mein Internet aus der Wand ist kaputt und ich kann nur mit Handy als Modem. Das schließt Videos gucken praktisch aus. Zweitens guck ich zu so komplizierten Themen nicht gerne Videos – ausser sie sind von Mai Thi oder so – sondern lese lieber.)

    Hier ist noch ein Interview mit Droste zum Thema:

    https://www.deutschlandfunk.de/christian-drosten-corona-100.html (Kann man auch hören, wenn man mag.)

    Hier antwortet er zB. auf die Frage: “Sind Sie befangen bei der Bewertung der Corona-Maßnahmen?” (Weil er auch im beratenden Gremium der Bundesregierung gesessen hat):
    “[…]Und dann muss jeder Wissenschaftler selber sich Gedanken machen, denn die Instanz, die eigentlich über dem Ganzen steht, ist nicht irgendeine Partei oder irgendeine Politikinstanz, sondern die Wissenschaft. Und wenn man da jetzt irgendwas von sich gibt, was nicht stimmt, dann wird das sich als falsch herausstellen, denn es läuft ein Wissenschaftsprozess international[…]”

    Das ist vielleicht ziemlich idealistisch, aber unter welcher Prämisse sollte man denn sonst Wissenschaft betreiben?

    Ein paar Absätze weiter:

    “Das andere ist: Wenn Sie so was machen wollen, dann brauchen Sie Kräfte für eine Literaturrecherche. Wir haben ja hier in dem Gremium lauter ehrenamtliche, aber hauptberuflich anders tätige Leute drin. Die können das gar nicht leisten von der Arbeitskraft und es ist aus dem Grunde jetzt dazu gekommen, dass wirklich die Mehrheit des Gremiums, gerade diejenigen, die medizinisch-epidemiologisch zumindest an den Randbereichen bewandert sind, sagen, das ist nicht zu schaffen. Da bin ich nicht der einzige in der Kommission, der sagt, ich habe da meine Zweifel.”

    hinter manch scheinbar einfachen Evaluationsfrage steckt ein hohes Maß an Komplexität, das erschwert die Evaluation in jeder Hinsicht,

    Korrigiere mich bitte, wenn ich mich irre wenn ich behaupte, dass ich in den Diskussion dazu einer von denen war, die überdurchschnittlich häufig Formulierungen benutzen wie “wir wissen es eben noch nicht” oder ganz platt “Das ist eben kompliziert”. 😉

    der Sachverständigenausschuss kennt unser living textbook “Corona verstehen – evidenzbasiert” nicht

    AHA! Und was hat euch daran gehindert den Verlag schon im letzten Jahr ein paar Belegexemplare drucken und den Mitgliedern der Kommission mit freundlichen Grüßen zustellen zu lassen? Hä? 😉

    Nein, nicht falsch verstehen: Ich reite auf dem Thema nicht rum weil mir deine Einschätzung nicht gefällt, sondern weil mir einfach dauernd die Kinnlade runterklappt und ich mich darüber endlos schoffieren könnte wie unfähig (oder unwillig?) die Politik schon seit zwei Jahren ist, die ganze Krise wissenschaftlich begleiten zu lassen. Ich mein’ … Drosten hat ja recht wenn er sagt: “denn es läuft ein Wissenschaftsprozess international”. Früher oder später werden wir also hoffentlich brauchbare Antworten bekommen. Früher wäre halt ganz nett gewesen. Und das die Hauptaussage der Kommission ist: Wir haben keine brauchbaren Daten ist schon sehr, sehr peinlich. Das Problem wurde schon von Anfang an in Länge und Breite diskutiert und passiert ist (insbesondere auf der Ebene vor Ort, bei den Gesundheitsämtern etc.) in zwei Jahren: Nichts. (Falls mir jetzt übrigens jemand mit “das liegt alles am bösen Datenschutz” kommt ziehe ich den an den Haaren!)

    So. Rant Ende.

    • #16 Joseph Kuhn
      7. Juli 2022

      @ PDP10:

      “SPIEGEL-Interview … Video”

      Kein Video, Text mit Buchstaben. 😉

      “Und was hat euch daran gehindert ….”

      Dazu könnte ich jetzt eine Anekdote erzählen, aber darüber decke ich mal den Mantel des Schweigens.

  13. #17 PDP10
    7. Juli 2022

    @Lisa:

    Ich bitte den Forum Putin um Verzeihung und korrigiere mich, so dass nur der relevante Teil nochmal hervorgehoben wird.

    Wieso vergleichst du mich mit Putin? Habe ich irgendwann neulich, ohne es zu merken (ehrlich! Ich wüsste nicht wie und wann. Höchstens möglich, dass ich da besoffen war), einen Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat angefangen oder sowas? Hmmm …

  14. #18 Karl Mistelberger
    mistelberger.net
    7. Juli 2022

    > Im Folgenden greife ich einen Beitrag eines Autors auf, der unter dem Pseudonym „Andreas Zimmermann“ auf der Achse des Guten sein Bestes gibt.

    Von „Andreas Zimmermann“ gibt es zahlreiche Artikel:
    https://www.google.com/search?q=Andreas+Zimmermann+site%3Aachgut.com

    Er beruft sich auf die wissenschaftliche Methode, betreibt aber tatsächlich nur Cargo Cult Wissenschaft:

    “In der Südsee gibt es einen Cargo-Kult der Menschen. Während des Krieges haben sie gesehen, wie Flugzeuge mit vielen guten Materialien gelandet sind, und sie wollen, dass dasselbe auch jetzt passiert. Also haben sie Dinge wie Start- und Landebahnen imitiert, Feuer an den Seiten der Start- und Landebahnen gelegt, eine Holzhütte gebaut, in der ein Mann sitzt, mit zwei Holzstücken auf dem Kopf wie Kopfhörer und Bambusstäben, die wie Antennen herausragen – er ist der Controller – und sie warten auf die Landung der Flugzeuge. Sie machen alles richtig. Die Form ist perfekt. Sie sieht genau so aus wie vorher. Aber es klappt nicht. Es landen keine Flugzeuge. Ich nenne diese Dinge Frachtkult-Wissenschaft, weil sie alle scheinbaren Regeln und Formen der wissenschaftlichen Untersuchung befolgen, aber ihnen fehlt etwas Wesentliches, denn die Flugzeuge landen nicht.”

    http://calteches.library.caltech.edu/51/2/CargoCult.pdf

    Richard Feynman warnt eindringlich:

    “Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass die Wahrheit ans Licht kommen wird. Andere Experimentatoren werden Ihr Experiment wiederholen und herausfinden, ob Sie falsch oder richtig lagen. Die Naturphänomene werden Ihrer Theorie zustimmen oder sie werden ihr nicht zustimmen. Und obwohl Sie vielleicht vorübergehend etwas Ruhm und Aufregung erlangen, werden Sie sich keinen guten Ruf als Wissenschaftler erwerben, wenn Sie sich nicht bemüht haben, bei dieser Art von Arbeit sehr vorsichtig zu sein. Und es ist diese Art von Integrität, diese Art von Sorgfalt, um sich nicht selbst zu täuschen, die in weiten Teilen der Forschung in der Cargo-Kult-Wissenschaft fehlt.”

    > Hier gibt es gute naturwissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit unter Laborbedingungen, aber Probleme mit dem Nachweis der Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen.

    Der Nachweis der Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen leidet darunter, dass die Leute kein einheitliches Verhalten aufweisen. Es gibt Risikobewusste und Sorglose, der Sorglose tarnt sich als Risikobewusster und so fort.

  15. #19 lioninoil
    7. Juli 2022

    Ein Wortspiel
    Die Abwesenheit (absence of) bedeutet ,etwas (hier der Beweis ) ist nicht anwesend (vorhanden). Absence bedeutet nicht , dass es etwas( den Beweis ) nicht gibt .
    Beweise für die Abwesenheit (evidence for)sind etwas anderes, sie fordern einen Grund.
    Keine Beweise(not evidence for) für die Abwesenheit heißt, die Abwesenheit (hier von Beweisen) ist nicht erklärt.
    Fazit: Es gibt Beweise, sie sind nur noch nicht bekannt , noch nicht verstanden.
    Wenn man evident mit offensichtlich, verständlich übersetzt, dann wird der Zusammenhang klar.

    Das Fehlen des Verständnisses ist nicht gleichbedeutend mit dem Verständnis ,dass etwas fehlt.
    Es ist genau genommen das Gegenteil.

    Die Psychologen sagen das viel einfühlsamer: Alles verstehen heißt nicht , alles verzeihen.
    Oder vielleicht doch umgekehrt besser ? Alles verzeihen heißt nicht alles verstehen ?

  16. #20 PDP10
    7. Juli 2022

    @Joseph Kuhn:

    Kein Video, Text mit Buchstaben.

    Uups. (Kommt davon, wenn man Link nicht genau anguckt und denkt man kennt den schon … )