Dass immer dann, wenn ein Thema regulationsrelevant wird, die Evidenz ähnlich wie die Wahrheit im Krieg zum Opfer der Interessenkonflikte wird, ist nichts Neues. Das war beim Rauchen so, beim Passivrauchen, bei der Homöopathie, bei Glyphosat, beim Klimawandel und aktuell eben beim Diesel.

Niemand will Fahrverbote, diese „Lösung“ des Luftreinhalteproblems hat die Politik untätig herbeigeführt, unter tätiger Mithilfe der CSU-Verkehrsminister der letzten Jahre. Deren Maxime war eher, Schaden von den Gewinnen der deutschen Autoindustrie abzuwenden als vom deutschen Volk, und nicht einmal das haben sie richtig gut hingekriegt, wie die Milliardenzahlungen von VW in den USA zeigen. Ausbaden darf es nun der berühmte kleine Mann, sofern er Diesel fährt. Wenn man jetzt noch den Umstieg in eine zukunftsfähige, emissionsarme Mobilität verpasst, ist die Obergrenze politischer Dummheit erreicht.

Das ist aber nicht mein Thema. Mich beschäftigt vielmehr, was den Schadstoff-Renegaten Dieter Köhler umtreibt. Ich kenne ihn nicht persönlich, daher kann ich nur ein wenig Küchenpsychologie anwenden, so wie er als Küchenepidemiologe unterwegs ist.

Auffällig ist, dass Köhler seit vielen Jahren die immer gleichen Argumente vorbringt: Die Studien, auf die die Grenzwerte Bezug nehmen, seien nicht gut, die Epidemiologie sei ganz allgemein nicht in der Lage, schädliche Wirkungen von Feinstaub oder NOx nachzuweisen, sie verwechsle Korrelation und Kausalität, denke nicht an potentielle Confounder, übersehe mögliche Schwellenwerte, man sehe in der Klinik keine Feinstaub- oder NOx-Toten und Raucher müssten schon lange tot umgefallen sein, wenn Feinstaub und NOx wirklich so gefährlich seien. Auch in der aktuellen Stellungnahme der 100 Lungenärzte (und assoziierten Industrieforscher) werden diese Punkte als Behauptungen heruntergeleiert. Bei Verkehrsminister Scheuer mit großem Erfolg. Er begrüßt das Papier als Versachlichung der Debatte. Dass es die Debatte vernebelt, würde es eher treffen.

Auf Köhlers Punkte wurde wieder und wieder geantwortet, mal wissenschaftlicher, mal populärwissenschaftlicher, mal journalistischer. Er hat nie einen der Kritikpunkte aufgenommen. Würde es ihn, wie er sagt, ärgern, „wenn wissenschaftlicher Blödsinn verbreitet wird“, würde er auch eigenen Blödsinn aus der Welt schaffen und die Punkte seiner Litanei, die klar falsch sind, nicht mehr vorbringen. Er ist ja kein Dummkopf. Er hat inzwischen sicher auch die Studienlage nachgelesen. Gute Kritik schließt nicht aus, trotzdem bei der eigenen Meinung zu bleiben. Aber man muss sie dann besser begründen, die Argumente überdenken, manche aufgeben, andere dazunehmen, Antworten auf Gegenargumente finden. Das tut Köhler nicht. Er bleibt bei seinen Argumenten.

Jetzt meine küchenpsychologische Deutung: Es geht ihm eben nicht darum, Blödsinn aus der Welt zu schaffen, sondern darum, medial erfolgreiche Argumente nicht aufzugeben, obwohl sie falsch sind. Wer so agiert, verfolgt eine strategische Agenda. Das ist nicht anders als bei der Homöopathielobby, die natürlich auch weiß, dass sie teilweise schreienden Blödsinn erzählt, aber auch weiß, dass manche Argumente trotzdem bei den Leuten ankommen. Welche Agenda Köhler verfolgt, weiß ich nicht, vielleicht sind es nur alte Chefarztallüren, die er nicht ablegen kann, vielleicht das warme Gefühl, mit seinen Behauptungen auch als Rentner noch beachtet zu werden, vielleicht auch etwas ganz anderes.

Wer hat bessere Ideen?

Kommentare (39)

  1. #1 Thilo
    27. Januar 2019

    Homöopathie wird regulationsrelevant?

    • #2 Joseph Kuhn
      27. Januar 2019

      @ Thilo:

      Ja, die Hoffnung – oder aus Sicht der Homöopathen das Risiko – besteht. Da ist international so viel in Bewegung, dass das möglicherweise auch in Deutschland Folgen hat.

  2. #3 tomtoo
    27. Januar 2019

    Was gibt es dazu zu sagen?

    Grenzwerte wurden festgelegt. Die Autoidustrie hat darauf mit Beschiss geantworted. Die Regierung hat den Beschiss abgenickt. Willkommen zu Wirschaftslieberalen Zeiten. Wen jucken Gesetze? Nur Weicheier und Schwachmaten. Willkommen zum neuen Wirschaftsfeudalismuss. Die Gesetze machen wir, euren Zettel könnt ihr auch den Klo runterspülen.

  3. #4 Alisier
    27. Januar 2019

    Sogenannte Konservative müssen auch ihre Meinung konservieren. Denn wer seine Meinung ändert ist ein Schlappschwanz und kein richtiger Mann!
    Und dass man mit der Verhaltensweise gut fährt, zeigt uns unter anderem Trump.
    Dass man allerdings auf mittlere bis längere Sicht mit diesem Verhalten alles gegen die Wand fährt ist zu erwarten.
    Möge das bald passieren, und die Menschheit danach eine gewisse Immunität gegenüber solchen Menschen entwickeln.
    Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

  4. #5 Joseph Kuhn
    27. Januar 2019

    Die Dieseldebatte vorhin bei Anne Will:

    Teilnehmer/innen waren Annalena Baerbock von den Grünen, streckenweise etwas missionarisch-nervig, Judith Skudelny, umweltpolitische Sprecherin der FPD und dementsprechend unbekannt, Steffen Bilger, Scheuers Staatssekretär, klassische Junge-Union-Ausstrahlung, Erich Wichmann, renommierter Feinstaubexperte, sehr professoral, vielleicht zu sehr für Zuschauer mit dem Bedürfnis nach einfachen Antworten, und Dieter Köhler, der Gegenstand dieses Blogs, mit den einfachen Antworten auf schwierige Fragen.

    Am Objekt meiner Küchenpsychologie sind mir drei Dinge aufgefallen:

    1. Er trug eine Art Hundekrawatte. Zufall oder sorgfältiges bedachtes Signal an die AfD, die seinen Feldzug unterstützt?

    2. Er hat auch in der Sendung wieder mehrfach betont, er sei “kritischer Rationalist”. Zu Deutsch: Er appelliert an das Bildungsbürgertum mit mindestens rudimentärer Popper-Kenntnis, dass er kein Ideologe sei, sondern sich an Fakten hält. Das ist eine wichtige Duftmarke für die Glaubwürdigkeit für das konservative Bürgertum. Das linksliberale Bürgertum etwa in Berlin-Zehlendorf wird damit nicht unbedingt adressiert, gesellschaftskritische Kreise (im linksgrünversifften Spektrum) schon gar nicht.

    3. Er hat wieder die immergleichen Argumente vorgetragen.

  5. #6 tomtoo
    27. Januar 2019

    Die Wirtschaftsliberalen sind nix anderes als die Schneisenschläger für die Faschisten.
    Man schau sich um.
    Was sieht man? Wirtschaftslieberaler Faschismus.

  6. #7 Thilo
    28. Januar 2019

    Nicht dass das von Bedeutung wäre, aber Berlin-Zehlendorf ist nicht gerade als Heimstatt des linksliberalen Bürgertums bekannt. Dort leben eher Leute wie Gottfried Curo.

  7. #8 Thilo
    28. Januar 2019

    Bemerkenswerterweise ist Zehlendorf übrigens der Berliner Bezirk mit den meisten an Übergewicht und Karies leidenden Jugendlichen, was vielleicht auch mal ein interessantes Thema für einen Gesundheitsblog wäre. (Zumal es dem verbreiteten und sicher oft auch zutreffenden Klischee Armut—->schlechte Zähne massiv widerspricht.)

  8. #9 user unknown
    https://demystifikation.wordpress.com/2019/01/28/lea-draw-togetha/
    28. Januar 2019

    Alisier:

    Sogenannte Konservative müssen auch ihre Meinung konservieren. Denn wer seine Meinung ändert ist ein Schlappschwanz und kein richtiger Mann!

    Man kann auch konservativ in der Wahl seiner Feindbilder und Strohmänner sein.

  9. #10 Joseph Kuhn
    28. Januar 2019

    @ Thilo:

    “Berlin-Zehlendorf ist nicht gerade als Heimstatt des linksliberalen Bürgertums bekannt”

    In den 20 Jahren, in denen ich in Berlin gelebt habe, die letzten Jahre in Steglitz (neben Zehlendorf), hatte Zehlendorf viele Viertel, die im guten liberalen Sinne bürgerlich geprägt waren. Aber das mag mein subjektiver Eindruck sein, Milieustudien habe ich vor meinem Kommentar keine gelesen 😉

    “Bemerkenswerterweise ist Zehlendorf übrigens der Berliner Bezirk mit den meisten an Übergewicht …. leidenden Jugendlichen”

    Wo kommt die Information her? Bei den Kindern im Einschulungsalter ist es jedenfalls ganz anders, da hat Zehlendorf mit Pankow die niedrigste Rate an übergewichtigen Kindern: http://www.gsi-berlin.info/redirectA.asp?filename=TG0500000428201811.xls

  10. #11 Stephan
    28. Januar 2019

    #5 JK
    Nervend ist sie, die Dame, nervend, nicht nervig… (meine Hände sind nämlich nervig). Aber ganz eigentlich ist sie nervtötend.

  11. #12 rolak
    28. Januar 2019

    moin Stephan, was außer Deinem Gefühl spricht denn gegen nervig für ‘lästig, unangenehm’?

  12. #13 luftikus
    28. Januar 2019

    Was treibt Köhler an? Ich kenne Herrn Köhler nicht persönlich, aber ich denke die Story geht ungefähr so: Herr Köhler ist weder industrienah noch automobilindustrieaffin, er legte sich auch schon mit Novartis an (1). Zu seiner Zeit als Präsident der DGP hatte er 2006 eine durchaus differenzierte und vorzeigbare Meinung zu Luftschadstoffen (2). Das änderte sich dann aber irgendwann bis 2014, wo es skurril wird. 2014 veröffentlichte er eine zuvor in seinem Lehrbuch abgedruckte Plausibilitätsabschätzung zu Luftschadstoffen als Leserbrief in Pneumologie (3). Das ehemalige EUGT Forschungsmitglied Peter Morfeld stimmte wohlwollend Köhlers Überlegungen zu (4). Köhlers Plausibilitätsabschätzung taucht dann später im Ärzteblatt auf, hier mit deutlich geringerem RR für Rauchen, warum auch immer (5). Die RRs für PM10 und PM2.5 sind im Bild auch nicht gerade zwanghaft genau eingezeichnet, egal.

    Derweil kommt 2018 die Pro-Diesel Kampagne ins Stocken. Die DUH gewinnt eine Klage nach der anderen. Thomas Kochs Gesundheitsbewertungen der Dieselabgase hatte keine besondere Durchschlagskraft, war Koch doch ehemaliger Daimlerangestellter. Auch Matthias Klingners Forderung nach Aufhebung der Feinstaubgrenzwerte als Leiter den Fraunhofer Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme war dann doch zu absurd, um ein größeres Presseecho hervorzurufen.

    Was dann passiert ist unklar. Irgendwer zieht vielleicht ein altes Strategiepapier der Tabakindustrie aus der Schublade und beschließt, man brauche einen „nützlichen Idioten“. Dieter Köhler hält nichts von Luftschadstoffgrenzwerten, ist unverdächtig, unabhängig, emeritiert und war Präsident der DGP, auf dem Gebiet der Inhalationsphysik ist er Experte, allerdings bei Luftschadstoffen ein unbeschriebenes Blatt. Vielleicht nimmt das AVL Programmkomiteemitglied Uwe Gärtner Kontakt mit Köhler auf und lädt ihn ein zum 10. Internationalen AVL Forum am 20.2.18.

  13. #14 luftikus
    28. Januar 2019

    Fortsetzung:
    Auf dem AVL Forum spricht Köhler direkt vor Thomas Koch zum Thema: „Assessment of studies on the health risk from particle matter (PM2.5) from car emissions in relation to other risks in the study population“ – für einen Experten für Aerosole zumindest erstaunlich, dass sich der Begriff „particle matter“ (statt particulate) auch auf seiner PPT-Folie findet, vielleicht hat es Köhler nicht so mit dem Englisch. Es läuft wohl gut – auf dem 13. AVL Powertrain Symposium im Juni 2018 spricht Köhler erneut an prominenter dritter Stelle. Wer sich da nicht bauchgepinselt fühlt?

    Dann häufen sich die Medienberichte zu Köhler. Schafft das jemand wie Köhler alleine oder erhält er strategische Unterstützung? Schließlich folgt die Unterschriftenliste als Gemeinschaftswerk von Hetzel (der auch schon mit Koch auf einem Kongress war (6)) Klingner, Köhler und Koch. Aber was reitet die vier, ein Positionspapier gemeinsam zu verfassen, die Autorenschaft von Klingner, Koch und Hetzel im Papier zu verschleiern aber dann doch auf der Seite Lungenärzte-im-Netz genannt zu werden? Das Positionspapier ist strategisch jedenfalls ein voller Erfolg. Fast alle reden über Grenzwerte, niemand mehr über den millionenfachen Betrug.

    Ich fürchte, Herrn Köhler ist nicht ganz klar, was er macht. Vielleicht wird es ihm so gehen, wie so einigen EUGT Mitgliedern nach den Affenversuchen. Ulrich Keil sagte rückblickend zu seiner EUGT Mitgliedschaft: “Ich fühle mich im Nachhinein beschissen.”

    (1) https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/medizin-kann-man-das-nicht-abschwaechen-1.2419538-2
    (2) https://m.aerzteblatt.de/app/print.asp?id=49958
    (3) https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0034-1377126.pdf
    (4) https://www.thieme-connect.de/media/pneumologie/201406/lookinside/10.1055-s-0034-1377127-1.jpg
    (5) https://www.aerzteblatt.de/callback/image.asp?id=93756
    (6) https://www.aerzte-es.de/wp-content/uploads/2018/02/tess-18.04.2018_korr-08.pdf

  14. #15 Alisier
    28. Januar 2019

    @ user unknown
    Wenn ich zum Psychologisieren aufgefordert werde, tue ich das natürlich.
    Und das war zudem pure Erfahrung, und hatte mit Strohmänner wenig am (Stroh?)hut.

  15. #16 Joseph Kuhn
    28. Januar 2019

    Bei den Scilogs …

    … hat Lars Jaeger sich auch Gedanken gemacht, was da im Moment für ein Spiel gespielt wird.

    Mich erinnert das zunehmend an die Inszenierung kurz vor den strengeren Regelungen beim Nichtraucherschutz. Die Rolle von Dieter Köhler hatte damals Romano Grieshaber: Professorentitel, daher scheinbar Experte (obwohl ohne einschlägige Publikationen), nach außen unabhängig von der Industrie, nach eigener Aussage nur an “wissenschaftlich sauberen Argumenten” interessiert, in Rente, erst damit angeblich frei in der Argumentation (eine besonders subtile Form, andere als korrupt hinzustellen), ein einsamer Kämpfer gegen das Establishments.

    Das Ergebnis: Der Schein eines wissenschaflichen Dissenses und gleichzeitig die Abwertung des wissenschaftlichen Mainstreams als unseriös und unglaubwürdig, d.h. ein von den regulationsaversen Interessengruppen erwünschter (aktiv beförderter?) Effekt. In den Tabakindustriedokumenten konnte man nachlesen: “Doubt is our product since it is the best means of competing with the ‘body of fact’ that exists in the mind of the general public. It is also the means of establishing a controversy.” In diesem Spiel ist Köhler, falls er nicht weiß, was er tut, bestensfalls eine naive, durch Chefarzt-Eitelkeit blinde Marionette.

    Sogar die vorgebrachten Argumente sind dieselben: Die Epidemiologie stelle nur Korrelationen fest, keine Kausalitäten (die Bradford-Hill-Kriterien bleiben geflissentlich unerwähnt), es gebe zuviele Confounder, die relativen Risiken seien zu klein, um sie dingfest zu machen, es gebe doch gar keine Toten mit der Diagnose Dieselabgase (damals: Passivrauchen), man würde vom Mainstream mundtot gemacht (obwohl man durch alle Talkshows zieht) usw. usw. – und damals wie heute werden Gegenargumente nicht aufgenommen, die eigene Position nie revidiert, nie mit besseren Argumenten nachgerüstet, weil die Formeln, die man pflegt, in den Medien gut ankommen. So funktioniert Denialismus.

  16. #17 bote19
    28. Januar 2019

    Küchenpsychologisch betrachtet ist die Stellungnahme der 100 Lungenfachärzte nach hinten los gegangen.
    Sie reizt zum Widerspruch und stärkt die Front der Dieselgegner.
    Nur als Beispiel: Von den etwa 25 000 neu zugelassenen Opel crosslands seit 2017 sind nur etwa 500 Diesel. Das ist doch mal ein Fortschritt !
    Anmerkung zur Meinungspersistenz : Die Homöopathie als “schreienden Blödsinn” (JK) zu bezeichnen, ist das noch Küchenpsychologie oder nur persistent ?

  17. #18 foobar407
    28. Januar 2019

    Ist es nicht eigentlich egal, was Köhler antreibt? Oder irgendeinen der Unterschreiber seines Positionspapiers?

    Was bringen denn die Überlegungen dazu? Wir werden erstens nie wissen, was ihn wirklich antreibt. Selbst wenn er mal erzählt, wie es gewesen sein soll, kann man ihm einfach nur glauben oder nicht. Also ist alles, was man sich so dazu überlegt mehr oder weniger wilde Spekulation.

    Und zweitens bringt es uns kein Stückchen weiter bei der Beurteilung seiner Aussagen. Die stehen nun mal jetzt medienwirksam im Raum und müssen unabhängig des Botschafters interpretiert werden. Es geht ja auch nicht darum, Herrn Köhler umzustimmen, oder?

    Ich empfand diesbezüglich auch die Frage 5 im letzten Beitrag als die unwichtigste.

  18. #19 xx
    28. Januar 2019

    Was ist an der Stellung der 100 Lungenärzte falsch? Es klingt sehr logisch, und an der Stelle hätte ich gerne Gegenargumente.

    (Ich würde es wirklich gerne wissen, da ich selbst keinen Fehler finde.)

  19. #21 Laie
    28. Januar 2019

    Wer hat bessere Ideen?

    Mein erster intuitiver oder küchenpsychologischer Zugang, rein mutmasslich: Er wird vielleicht dafür bezahlt, die Unwahrheit zu verbreiten – oder er fühlt sich vielleicht Leuten verpflichtet, weil er vielleicht früher von ihnen selbst profitierte?

    • #22 Joseph Kuhn
      29. Januar 2019

      @ Laie:

      “Er wird vielleicht dafür bezahlt”

      Dafür gibt es keinerlei Hinweise und das glaube ich auch nicht. So etwas läuft eher so, dass man ein Signal bekommt, dass jetzt ein Papier gut wäre. Köhlers Papier hat ja vor allem deswegen so eine Wirkung, weil es auf einen vorbereiteten Boden fällt. Aber hier kommt man in die Grauzone zwischen mehr oder weniger begründeten Vermutungen, Spekulationen und Verschwörungstheorien, daher sollte man da eher zurückhaltend sein.

  20. #23 RPGNo1
    29. Januar 2019

    @Joseph Kuhn
    Danke für die Verlinkung des Artikels vom science media center. Die Einschätzungen und Rückschlüsse der internationalen Experten zur Stellungsnahme der Lungenärzte, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema befassen, klingen sehr schlüssig. Besonders die folgende Aussage von Prof. Dr. Nino Künzli lässt es nicht an Deutlichkeit missen, insbesondere da sich auch die Medien eine deutliche Kritik gefallen lassen müssen:

    Die Luftverschmutzung verursacht akute und chronische Krankheiten wie Krebs, Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen und führt zu vorzeitigem Tod. Daran ändern die Stammtischdiskussionen einiger älterer Ärzte nichts. Es bleibt die offene Frage, weshalb Medien diesen Stammtisch zum ‚Expertengremium‘ hochstilisieren und diesem ihre medialen Plattformen offerieren.

  21. #24 Solarius
    29. Januar 2019

    Besonders die folgende Aussage von Prof. Dr. Nino Künzli lässt es nicht an Deutlichkeit missen, insbesondere da sich auch die Medien eine deutliche Kritik gefallen lassen müssen:

    Die Luftverschmutzung verursacht akute und chronische Krankheiten wie Krebs, Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen und führt zu vorzeitigem Tod. Daran ändern die Stammtischdiskussionen einiger älterer Ärzte nichts. Es bleibt die offene Frage, weshalb Medien diesen Stammtisch zum ‚Expertengremium‘ hochstilisieren und diesem ihre medialen Plattformen offerieren.

    Auch diese angeblich so deutliche Aussage läuft an der Diskussion völlig vorbei.

    Herr Köhler hat behauptet, das Stickoxide nicht so giftig sind. Ja das sie eigentlich ungefährlich sind. Dann wäre da noch der Feinstaub. – Aber den kann man durch Dieselfahrverbote nicht verringern.

    Ich halte das Dieselfahrverbot deshalb für unangemessen. Und ich halte auch die Nachrüstforderungen für unangemessen. Da wird so viel Geld ausgegeben. – Und die Wirkung ist ziemlich dicht bei Null.

    Ich hatte es schon an anderer Stelle geschrieben: Würde man dieses viele Geld in unser Gesundheitssystem investieren, dann hätte es eine viel größere Wirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung.

    Zweiter Vorschlag: (Hatte ich auch schon geschrieben) Man investiere das Geld in Solaranlagen oder Windräder. Dann muß man nicht so viel Kohlestrom produzieren, was bedeutet, das man auch weniger Feinstaub produziert. Und ich stelle an dieser Stelle mal die Behauptung auf, das man sogar sehr viel mehr Feinstaub einspart, wenn man das Geld statt in Umrüstung der Diesel in Windräder oder Solaranlagen investiert.

    Das würde unser Land voranbringen. Elektroautos fahren nämlich nur mit Ökostrom wirklich sauber.

  22. #25 bote19
    29. Januar 2019

    Solarius
    Wenn man neben einem Turbodiesel husten muss und es einem hinterher schlecht geht, da gibt es nichts mehr zu diskutieren.
    Zu lange hat die KFZ Industrie auf Zeit gespielt, jetzt müssen “menschenfreundliche” Lösungen her.
    Und die lassen sich , wie du mit recht bemängelst, nicht 100% erreichen. Die elektroautos brauchen Strom und die Wärmekraftwerke arbeiten nur mit einem Wirkungsgrad von 30 %. Das ist der Anachronismus dabei.

  23. #26 René
    29. Januar 2019

    @RPGNo1:

    Besonders die folgende Aussage von Prof. Dr. Nino Künzli lässt es nicht an Deutlichkeit missen, insbesondere da sich auch die Medien eine deutliche Kritik gefallen lassen müssen:

    Die Luftverschmutzung verursacht akute und chronische Krankheiten wie Krebs, Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen und führt zu vorzeitigem Tod. Daran ändern die Stammtischdiskussionen einiger älterer Ärzte nichts. Es bleibt die offene Frage, weshalb Medien diesen Stammtisch zum ‚Expertengremium‘ hochstilisieren und diesem ihre medialen Plattformen offerieren.

    Naja. Es ist vielleicht die Passage, die sich am schönsten (an)griffig anfühlt. Aber argumentativ ist sie die schlechteste. Man hätte es auch bei den sonst genannten Sachargumenten belassen können, statt auf die Ebene der Herabwürdigung zu steigen. Die anderen Widersprecher haben das ja auch geschafft. Stattdessen entscheidet er sich, die Kerbe für die emotionale Weiterführung der Debatte vorzubereiten.

  24. #27 knorke
    29. Januar 2019

    Vielleicht ist seine politische Heimat einfach pro-Automobil und somit möchte er gern eine politische Linie durchsetzen, die A) der (Automobil-)Wirtschaft nicht schadet und B) hinreichend populär (bzw. das Gegenteil unpopulär) ist um damit beim Wahlvolk Pluspunkte zu sammeln? Wahrscheinlich ist das auch einfach alles gemixt mit dem Impuls, Recht behalten zu wollen und die gefühlte Wahrheit zu verteidigen. Eigentlich alles sehr menschliche Gründe. Das Blöde an der Politik ist ja, dass sie dem Wähler auch noch schmecken muss und man sich selber möglichst keine Blöße gibt.

    @René (26)
    Das stimmt, aber nur was die Tonalität angeht. Sachlich hat er da allerdings nicht ganz Unrecht. Das Schlimme daran ist, dass die Öffentlichkeit unsicher wird. Selbst die lustigen Kommentare dazu auf Twitter finde ich problematisch: Es schürt einen reinen Meinungswettkampf bei einem Thema, wo weniger Meinung und mehr Sachdiskussion guttäten. Insofern hast Du natürlich auf die emotionalität der Debatte bezogen vollkommen Recht.

  25. #28 Joseph Kuhn
    29. Januar 2019

    Die paar tausend Mikrogramm …

    Vor einiger Zeit wurde Köhler vom SWR damit zitiert, dass bei 900.000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft Asthmatiker anfangen würden, Probleme zu kriegen. Damals hatte ich das als Verwechslung von Punkt und Komma interpretiert.

    Aber ich fürchte, er meint es ernst, irgendwie zumindest. Im Moment wird er ja durch alle Talkshows gereicht. In einem Einspieler zu einem MDR-Beitrag gestern sagt er, die Gefährlichkeit finge erst bei einem Faktor von 1.000 oder 10.000 darüber an, gemeint ist wohl der aktuelle Grenzwert. Dann wären 40.000 oder 400.000 Mikrogramm pro Kubikmeter die Grenze, ab der man sich Sorgen machen müsste. Für Mäuse ist man da im Bereich der LD50-Dosis.

    Am Ende des MDR-Beitrags spricht er ganz nebenbei wieder von der Notwendigkeit, dass es “neutrale Experten” brauche, weil die anderen den Forschungsgeldern hinterherlaufen. Da fand ich den Versuch des Moderators, etwa bei Minute 21:00, das Wort Pneumologie auszusprechen, dann doch witziger.

  26. #29 Alisier
    29. Januar 2019

    Noch ein paar Tage und das Wort der “Lügenexperten” macht die Runde………

  27. #30 tomtoo
    29. Januar 2019

    @nicknamewecksler/bote19
    “…Anmerkung zur Meinungspersistenz : Die Homöopathie als “schreienden Blödsinn” (JK) zu bezeichnen, ist das noch Küchenpsychologie oder nur persistent ?…”

    Nö, ganz einfach nur eine Tatsache. Wobei “schreiender Blödsinn’ eigentlich noch eine starke Untertreibung ist.

  28. #31 bote19
    29. Januar 2019

    tomtoo, der mit den Wölfen heult !

    Dass JK den Bogen vom Diesel zur HP geschafft hat ist rekordverdächtig. Beim Dieselveriss sind wir uns einig. Diese Technologie gehört zurück in die Schublade. Die neuen Turbobenziner haben das gleiche Drehmoment, aber nicht die Probleme bei der Abgasreinigung. (Ich habe mir gerade den neuen Crossland X gekauft mit 1,2 l und 205 Nm Drehmoment. Da braucht man keinen Diesel mehr.
    Das nenne ich aktiven Umweltschutz.

  29. #32 RPGNo1
    29. Januar 2019

    Nochmals Künzli über Köhler und seine Mitstreiter:
    “Die 112 Unterzeichnenden seien noch nie in dieser Wissenschaft tätig gewesen, kein einziger habe jemals wissenschaftlich gearbeitet.”
    https://www.deutschlandfunk.de/grenzwert-debatte-kritik-an-deutschen-aerzten-komplett.2850.de.html?drn:news_id=970066

  30. #33 shader
    30. Januar 2019

    Wo man nun den Grenzwert festlegt, das ist in der Tat eine politische Entscheidung. Denn die Politik muss schließlich festlegen, was in Innenstädten zulässig ist. Und es ist wirklich nicht einfach, bei all den Abwägungen der verschiedenen Risiken und Interessen die goldene Mitte zu finden. Letztlich kann die Politik auch zeigen, wenn sie besonders niedrige Grenzwerte festlegen, dann ist ihnen der gesundheitliche Aspekt sehr wichtig. Ich finde auch, dass es legitim ist, eine Debatte über die Grenzwerte zu etablieren.

    Was aber die Aussagen von Herrn Köhler so unglaubwürdig macht ist, dass er den kausalen Zusammenhang zwischen NOx und Gesundheitsprobleme in Frage stellt und zum anderen, dass er die Ungefährlichkeit von der 10.000 fachen Konzentration behauptet. Denn für letzteres verzichtet er auf jeglichen wissenschaftlichen Beweis.

  31. #34 luftikus
    30. Januar 2019

    Meinungspersistenz – sicherlich, aber auch Falsifizierungsinkonsequenz, Beratungsresistenz, Chefarztresilienz.

    „Wer öffentlichen Zweifel an dem gesundheitsschädlichen Potential von Luftschadstoffen sät, ohne hierfür wissenschaftliche Arbeiten zu zitieren, verletzt die Grundsätze ärztlich-wissenschaftlichen Handelns.“ So liest man heute in der GPP-Stellungnahme zur Debatte um Luftschadstoffe (1)

    Ziel ist Dieter Köhlers Unterschriftenliste, initiiert von einem Arzt, der bekundet, seine Gefühle dem Primat der Rationalität unterzuordnen, dabei aber Kollateralschäden in Kauf nimmt. Bei Anne Will äußerte er: „Ich bin eigentlich vom Herzen Alt-Grüner, aber das schließt nicht aus, dass man als kritischer Rationalist bestimmte Tatsachen akzeptieren muss.“ Alt-Grüner, ist das einer, dem die Umwelt mal am Herzen lag und einer, der keine Autoritäten als absolut anerkennt? Zumindest für letzteres gibt seine Biographie ausreichend Beispiele: sein Rücktritt als Herausgeber von „Kompakt Pneumologie“ im Streit um die Veröffentlichung seiner harschen Kritik an Novartis. Sein Einleitungskapitel in seinem Pneumologielehrbuch, in dem er schreibt: „Die Anwendung des kritischen Rationalismus zeigt unmittelbar, dass es keinen „Goldstandart“ im Sinne einer absoluten Wahrheit geben kann.“ (2) Sein aktueller Angriff auf die WHO Grenzwerte und die Forschungsgemeinschaft.

    Ist Köhler bereit, der selbsterkannten vermeintlichen Wahrheit alles unterzuordnen und koste es ein Bildzeitungsauftritt?

    Köhlers Thesen sind mittlerweile hinreichend widerlegt, was Köhler inkonsequenter Weise nicht anerkennt. Vielleicht weil man bei ihm – wie bei so manchen Chefärzten meint, man stünde vor dem Luftschadstoff-Zentralexperten, sozusagen vor der Pälzer Weltachs.

    Vielleicht hat Herr Koch auch die Ingenieursgefühle in Köhler geweckt und ihn auf dem AVL Kongress um den Finger gewickelt. Bei Anne Will verkaufte Köhler den Diesel als missverstandene Luftreinhaltungsmaschine- genauso wie Koch vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages. Köhlers kritisches Denken scheint etwas ermüdet? Ich weiß es nicht. Für gekauft halte ich ihn aber nicht.

    (1) https://www.paediatrische-pneumologie.eu/aktuelles/
    (2) https://books.google.de/books?id=df9TBQAAQBAJ&printsec=frontcover&dq=dieter+k%C3%B6hler+pneumologie&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi_2trk5JXgAhWEYlAKHSz7AhoQ6AEIKTAA#v=onepage&q=dieter%20k%C3%B6hler%20pneumologie&f=false

  32. #35 shader
    30. Januar 2019

    Nun trat Herr Köhler zuletzt bei Hart aber fair und Anne Will auf. Ich verstehe allerdings nicht das Konzept dieser Sendungen, dass man dazu keinen Wissenschaftler aus dem Fachgebiet einlädt, da sich die Kritik von Herrn Köhler doch gegen die Wissenschaft richtet. So hätten die Zuschauer nicht auf den “Faktencheck” warten müssen, um wesentliche Aussagen widerlegt zu sehen.

  33. #36 luftikus
    6. Februar 2019

    “vielleicht sind es nur alte Chefarztallüren”

    ***
    Auf jeden Fall meint Herr Köhler, er habe in Brüssel einen Teilsieg errungen, nämlich dass der Stickoxid-Grenzwert der EU entgegen von WHO Bestrebungen nicht auf 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gesenkt würde. Sein Gesprächspartner, EU-Kommissar Vella ließ indes verlauten, wenn man die Grenzwerte überhaupt änderte, dann würden sie verschärft und nicht gelockert.

    So sehen Kommunikationsstörungen aus. Wer wem nicht zugehört hat kann ich aus der Ferne selbstverständlich nicht feststellen, ich glaube aber nicht, dass Köhlers Papier bei der WHO oder der EU viel Beachtung fand. Als ehemaliger Chefarzt sieht man das vielleicht anders.

    https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bruessel-lungenarzt-koehler-verkuendet-teilsieg-zur-grenzwertdebatte-16027503-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_1

  34. #37 Joseph Kuhn
    13. Februar 2019

    Nebenan von Luftikus verlinkt: Köhler hat sich mehrfach verrechnet.

    Köhler dazu: “Seine Rechenfehler und veralteten Angaben erklärt er so: ‘Ich mache ja praktisch alles allein und habe nicht einmal mehr eine Sekretärin als Rentner.’ “

  35. #38 luftikus
    1. März 2019

    In der Berliner Zeitung steht heute ein lesenswertes Interview mit Holger Schulz, stellvertretender Direktor des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München. Auf die Frage, wie es sein kann, dass ausgerechnet Lungenärzte den Schutz ihrer Patienten vor Luftschadstoffen abschaffen wollen, antwortet Schulz:

    „Ich kenne Dieter Köhler schon seit mehr als zwanzig Jahren, er ist hochintelligent. Wir haben schon viel und intensiv miteinander diskutiert. Wie und warum er sich bei diesem Thema derart verrennen konnte, begreife ich einfach nicht. Und ich fürchte, wir können seine Argumente noch so oft widerlegen: Er wird nicht von seiner Position abrücken.“ (1)

    JK trifft mit dem Begriff „Meinungspersistenz“ mal wieder den Nagel auf den Kopf. Ich musste das Wort erst einmal googeln (2): Meinungspersistenz ist das widerständige Festhalten an einmal gewonnenen Überzeugungen, selbst wenn sich diese als fehlerhaft herausstellen, ein Entscheidungsdefekt, ein kognitiver Bias.

    Gibt es für Köhler eine Alternative zur Meinungspersistenz? Je mehr Argumente auf dem Tisch liegen, umso mehr sorgt sich Herr Köhler um seine Reputation, auch der Applaus der AFD gefalle ihm nicht. Schwierig zu beantworten, was denn schädlicher für Köhlers Reputation wäre – ein Festhalten wider besseren Wissens an seinem bisherigen Kurs oder ein 180° Schwenk. Vielleicht einfach mal den Mund halten – der Schaden für die Wissenschaft, den er mit seinem Vorwurf der Beliebigkeit angerichtet hat, ist immens.

    (1) https://www.berliner-zeitung.de/wissen/medizinprofessor-ueber-stickoxide–es-geht-nicht-nur-um-dieselfahrzeuge–32113640
    (2) https://en.wikipedia.org/wiki/Belief_perseverance