Im Jahr 1873 verschickte ein englischer Fußball-Funktionär eine verschlüsselte Postkarte an seine Schwester. Sein Ururenkel hat mich deswegen kontaktiert. Er würde zu gerne die Lösung dieses alten Familienrätsels erfahren.

English version (translated with DeepL)

Verschlüsselte Postkarten gehören zu meinen Lieblingsthemen auf Cipherbrain. Ich habe inzwischen weit über 100 davon vorgestellt, und meine Leser haben nahezu alle gelöst.

Zu den wenigen Ausnahmen gehört ausgerechnet eine der historisch interessantesten Karten, über die ich bisher gebloggt habe. Sie stammt von einem englischen Fußball-Funktionär aus dem 19. Jahrhundert. Ein Nachfahre dieses Mannes hat mich kürzlich kontaktiert. Er würde sich verständlicherweise sehr freuen, wenn dieses alte Familienrätsel endlich gelöst werden würde. Vielleicht können meine Leser dazu beitragen.

 

Nachtrag zur Mars-Landung

Bevor ich zum heutigen Thema zurückkomme, möchte ich noch erwähnen, dass es zu meinem Cipherbrain-Artikel über den Code im Mars-Fallschirm ein paar Neuigkeiten gibt. Elonka Dunin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass die NASA für diese Mission noch ein weiteres Objekt mit einer geheimen Nachricht geschafffen hat, und zwar ein Kryptogramm, das den tanzenden Männchen von Sherlock Holmes nachempfunden ist. Cipherbrain-Leser Gerry Haynaly hat diese Challenge gelöst. Dave Oranchak hat außerdem ein Video erstellt, das den Fallschirm-Code sehr gut erklärt:

Das alles ist in den Kommentaren 2-5 zum besagten Mars-Code-Artikel nachzulesen.

 

George Furlong

Auf die eingangs erwähnte Postkarte hat mich vor ein paar Jahren Thomas Bosbach aufmerksam gemacht. Thomas hat außerdem einige interessante Informationen zum Hintergrund dieses Kryptogramms ermittelt, was schließlich zu zwei Blog-Artikeln in den Jahren 2017 und 2019 geführt hat.

Der Autor der Karte war ein gewisser George Furlong (1843-1911), der als Funktionär für den englischen Fußballverein Luton Town FC arbeitete. Die Stadt Luton liegt nördlich von London und ist heute vor allem als Standort eines der sechs Londoner Flughäfen bekannt.

Quelle/Source: Furlong

George Furlong trat meinen Informationen nach selbst nicht als Spieler des Klubs in Erscheinung, dafür aber sein Sohn John B. Furlong. Von Beruf war er Lehrer und Schulmeister. Mit seiner Frau Mary hatte er sieben Kinder.

 

George Furlongs Postkarte

George Furlong hinterließ eine Postkarte, die er am 19. Oktober 1873 an seine Schwester Lizzie geschrieben hatte. Vor drei Jahren veröffentlichte sein Ururenkel Andrew Furlong diese auf Reddit. Er schrieb:

Written in 1873 by my great, great grandfather George Furlong (from Luton, Bedfordshire) to his sister Lizzie who was living in Cosheston, Wales. The postcard seems to use some variation on the masonic pigpen code. If you can help decipher this, please let me know.

I’m hoping some brilliant mind somewhere is trying to work this out. It’s driving me crazy.

Hier ist ein Scan der Karte, die Andrew Furlong nach eigener Aussage in den Wahnsinn treibt:

Quelle/Source: Furlong

Die Vorderseite der Karte wurde meines Wissens bisher nicht veröffentlicht. Hier ist sie:

Quelle/Source: Furlong

Vor ein paar Tagen hat mich der besagte Andrew Furlong, der Ururenkel des Fußball-Funktionärs, kontaktiert. Er hat mir das obige Foto seines Vorfahren und die Vorderseite der Karte zur Verfügung gestellt. Andrew Furlong wohnt in Ontario (Kanada). Die verschlüsselte Postkarte ist seines Wissens nach wie vor ungelöst.

Eine erste Analyse

Ich muss zugeben, dass ich mir auf die Schrift, in der der Kartentext verfasst ist, keinen Reim machen kann. Fast alle verschlüsselten Postkarten, die ich kenne, sind mit einer einfachen Buchstaben-Ersetzung erstellt worden. Das könnte natürlich auch hier der Fall sein, allerdings ist sehr ungewöhnlich, dass die Symbole teilweise übereinander stehen. Eine Häufigkeitsanalyse ist hier schwer zu erstellen.

Das Schriftbild wirkt für eine Geheimschrift ungewöhnlich flüssig. Furlong muss in dieser Schrift geübt gewesen sein. Möglich wäre eine Kurzschrift, allerdings sieht eine solche normalerweise anders aus. Schon allein die Tatsache, dass die Symbole nicht miteinander verbunden sind, wäre ungewöhnlich, da dies das Schreiben verlangsamt. Außerdem sind Symbole wie das Dreieck oder der doppelte Halbbogen mit Punkt in der Mitte für eine Kurzschrift zu komplex.

Richard SantaColoma kam in einer ersten Analyse auf folgende Ansätze:

I think the “delta” shape may be a “D”. I’ve seen this more than once in ciphers, and it would fit in several instances. See the second from the last words in the second and fourth full sentences. If these were “AND”? As for the person addressed (If that is what it is, a name), it could then be “ASTER”. This was a 19th century British female name. Perhaps the second word in the second from the bottom sentence is then “DID”.

 

Tironische Noten

Blog-Leserin Charlotte Auer schrieb folgenden Kommentar: “Auf den ersten Blick erinnert mich das stark an Tironische Noten. Wenn Furlong Lehrer an einem College war, dann ist es gut möglich, dass die ihm bekannt waren. Auch für möglich halte ich, dass Tironische Noten die Inspirationsquelle waren, aus denen er und seine Schwester ihre ganz private Geheimschrift abgeleitet haben.”

Tironische Noten sind eine Kurzschrift, die im ersten vorchristlichen Jahrhundert zum Mitschreiben von Reden und Gerichtsverhandlungen entwickelt wurde und rund 4.000 Zeichen umfasst. Hier ist ein Beispiel dafür:

Quelle/Source: Wikimedia Commons

Es gibt also ein paar interessante Ansätze zur Lösung dieser rätselhaften Postkarte. Kommt ein Leser damit weiter? Andrew Furlong und ich würden uns sehr freuen.


Further reading: Ein ungelöstes Krypto-Rätsel für die “Kryptografen aller Nationen” aus dem 19. Jahrhundert

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Kommentare (7)

  1. #1 ShadowWolf
    Observations
    2. März 2021

    If you look, you will find 3 words that are repeated. Since none of the factors match, I have to assume it isn’t a poly-alphabetic. Transposition is also ruled out because we have word divisions. It also rules out some of the more complex substitutions that would remove word divisions. So most likely a simple mono-alphabetic.

    The next problem is the extra markings. A few of them are obviously added after the text was written. Many would seem to be written by a different pen or a different hand. Enlarging and resampling the image helps, but a 600 or 1200 dpi lossless image format would be better.

    If you ignore the extra marks, I think there will be fewer than 26 symbols. My first transcription failed because I ended up with extra symbols. This is a problem for a message that I expect to be English.

    I haven’t had time to do a transcript ignoring the extra marks yet. It all takes time. The handwriting is not very consistent and I still have to be sure I’m not ignoring the real symbols. Someone with a proper key would have much less trouble reading the cipher.

  2. #2 Klaus Schmeh
    2. März 2021

    @ShadowWolf: Thanks for this initial analysis. It would be great if you could find out more.

  3. #3 Thomas
    3. März 2021

    @Klaus
    Und wenn die Klartextsprache gar nicht Englisch ist?Hat sich schon einmal jemand mit dem Brief befasst, der Griechisch kann? Vielleicht hatten der Schulmeister Furlong und seine Schwester in der Schule Griechisch gelernt und lediglich einige Buchstaben durch andere Zeichen wie z.B. die Freimaurerzeichen ersetzt. Auffallend sind 3-buchstabige Wörter, die mit ε anfangen und etwas mit den griechischen Wörtern für ich/du samt ihren grammatischen Formen zu tun haben könnten. In der letzten Zeile könnte es “αρχ..” heißen, also irgend etwas mit “alt…” zu tun haben. Aber das ist nur eine vage Vermutung.

  4. #4 ShadowWolf
    Still Working...
    8. März 2021

    Klaus:
    I have about half of it transcribed and I think it is working this time. I’m on my 4th attempt starting over from nothing. So far I’m not running out of letters and it seems to be working. The symbols seem to be making words even if they are obscured for the moment. This isn’t a high priority project of mine and there is already several hours getting this far. It is all pencil and paper and studying the image with a lot of scrolling around at high magnification to make sure I have unique symbols and not sloppy duplicates. I understand why this has remained unsolved.

    His writing teacher didn’t hit him with the ruler enough. 😉 (I think they still did things like that back then)

  5. #5 Klaus Schmeh
    8. März 2021

    >Hat sich schon einmal jemand mit dem Brief
    >befasst, der Griechisch kann?
    Das weiß ich nicht. Wäre ein interessanter Ansatz.

  6. #6 Klaus Schmeh
    8. März 2021

    @ShadowWolf:
    >So far I’m not running out of letters
    >and it seems to be working.
    Sounds good! Good luck!

  7. #7 Klaus Schmeh
    13. März 2021

    Andy Furlong has thankfully provided me new scans of the postcard. I have replaced the old ones with them.