Im Jahr 2019 starb der italienische Student Alessio Vinci unter nicht genau geklärten Umständen. Er hinterließ zwei kurze verschlüsselte (?) Texte, die bisher nicht gelöst wurden.

English version (translated with DeepL)

Alessio Vinci war ein Student der Luft- und Raumfahrttechnik aus Ventimiglia, einer italienischen Stadt nahe der Grenze zu Frankreich. Er lebte bei seinem Großvater. Am 17. Januar 2019 reiste Vinci ohne Wissen seiner Familie nach Paris, wo er zunächst zwei Überweisungen tätigte (700 Euro und 1.000 Euro). Anschließend nahm er sich ein Zimmer im “Méridien Etoile”, einem nicht ganz billigen Hotel in der Nähe der U-Bahn-Station Port Maillot. Von dort rief er seinen Großvater an. Obwohl dieser überrascht gewesen sein dürfte, dass sich sein Enkel aus der französischen Hauptstadt meldete, soll in diesem Gespräch nichts Außergewöhnliches vorgefallen sein.

Gegen 2 Uhr morgens verließ Vinci das Hotel. Was danach geschah, ist nicht bekannt. Am Tag darauf wurde Vinci tot auf einer Baustelle nahe der besagten U-Bahn-Station gefunden. Dem Anschein nach war er von einem Kran in den Tod gesprungen. Vincis Großvater bezweifelte jedoch, dass es sich um einen freiwilligen Tod handelte.

 

Die Vinci-Kryptogramme

Interessant ist diese Geschichte für den Cipherbrain-Blog, weil man auf Vincis Computer folgende eingescannte Notiz fand:

Quelle/Source: Reddit

Anscheinend handelt es sich um eine handschriftliche Notiz in Spiegelschrift. Die gespiegelte Version sieht wie folgt aus (“je sais” ist französisch und heißt “ich weiß”):

Quelle/Source: Reddit

Transkription:

E.T.P.

JE SAIS

CAM 381A2LCM

Vor über einem Jahr habe ich schon einmal über den Fall Alessio Vinci gebloggt. Blog-Leser Breaker machte mich danach darauf aufmerksam, dass Vinci noch ein zweites Kryptogramm dieser Art hinterlassen hat:

Quelle/Source: Reddit

Transkribiert heißt das:

S2190 0018

Die Bedeutung dieser beiden Notizen ist meines Wissens unbekannt.

 

Ein Mysteriöser Fall

Mich hat seinerzeit Blog-Leser John Haas auf den Fall Alessio Vinci aufmerksam gemacht. Auf Reddit wurde die Geschichte ausführlich diskutiert. Inzwischen gibt es auch ein paar Veröffentlichungen dazu, vor allem in der italienischen Presse. Hier ist ein Beispiel aus der Zeitung “Diritto e Cronaca”:

Quelle/Source: Diritto e Cronaca

Auf einer italienischen Webseite gibt es noch ein paar weitere handschriftliche Dokumente von Alessio Vinci, die jedoch nicht verschlüsselt sind. Außerdem soll Vinci vor seinem Tod eine Zahlung von 100.000 Euro von einer Bank in Monaco erhalten haben – eine hohe Summe für einen Studenten.

 

Ein paar Hypothesen

Blog-Leser Tobias Schrödel hat darauf hingewiesen, dass “CAM 381A2LCM” die Kennung einer Webcam sein könnte. Falls das so ist, könnte das erste Schreiben eine Warnung an eine Person mit den Initialen ETP sein, die in etwa folgendes besagt: “Ich weiß, was du gemacht hast, denn die Kamera 381A2LCM hat es aufgezeichnet.” Vielleicht gehört diese Warnung zu einer Erpressung.

Auch zum Tod von Vinci gibt es verschiedene Vermutungen. Manche meinen, es gäbe eine Verbidung zu einem Internet-Phänomen namens “Blue Whale Challenge”, das Wikipedia wie folgt beschreibt:

Die Blue Whale Challenge […] ist ein Internetphänomen, das Ende 2016 zunächst in Russland und Mitte 2017 auch im europäischen Raum bekannt wurde. Bei der Challenge wird dem Teilnehmer an fünfzig Tagen jeweils eine Aufgabe täglich gestellt, am Ende soll der Suizid des Teilnehmers stehen. Es handelte sich vermutlich zunächst um einen Hoax, der dann jedoch über diverse Medienberichte zu einem realen Phänomen wurde.

Ein weiteres Internet-Phänomen, das mit Vinci in Verbindung gebracht wurde, ist das der “Incels”. Ich zitiere wiederum Wikipeda:

Incel (Kofferwort aus involuntary, dem englischen Wort für ‚unfreiwillig‘, und celibate, dem englischen Wort für ‚Zölibat‘) ist die Selbstbezeichnung einer in den USA entstandenen Internet-Subkultur von heterosexuellen Männern, die nach Eigenaussage unfreiwillig keinen Geschlechtsverkehr haben und der Ideologie einer hegemonialen Männlichkeit anhängen.

Interessant finde ich außerdem folgenden Reddit-Kommentar des Users “Whyevenbotherbeing”, der früher nachts an einer Hotelrezeption arbeitete:

When young men came to stay by themselves and were not obvious businessmen, they generally were doing drugs, buying/selling drugs, going on a booze bender away from prying eyes or were closet homosexuals who came to have fun anonymously.

Angesichts der involvierten Geldsummen klingt Drogenhandel tatsächlich nicht gerade unwahrscheinlich. Dass Vinci homosexuell war, ohne dass eine Familie das wusste, und sich in Paris heimlich mit einem Liebhaber treffen wollte, kann man sich zwar auch vorstellen, aber das erklärt die besagten Geldsummen nicht.

Kann ein Leser mehr zu dieser mysteriösen Geschichte oder zu den beiden verschlüsselten (?) Notizen sagen?


Further reading: An easy-to-solve criminal cryptogram from the early 20th century

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Kommentare (4)

  1. #1 Theresa Schlag
    Berlin
    29. März 2021

    Hey,
    Bei dem reddit post bin ich auf etwas gestoßen, ein Kollege von dir Klaus, welcher auf reddit unter “EldoradoEnterprises
    ” unterwegs ist, postete vor einer Weile, dass die Nachrricht entschlüsselt sei.

    Hier zwei Links wo er seine These erklärt und einemal wo er aufzeigt, wie es entschlüsselt hat.
    Da ich davon keine Ahnung habe, aber e sehr spannend finde, wäre es mega, zu erfahren, ob seine Entschlüsselung sinnvoll bzw denkbar wäre.

    https://www.reddit.com/r/ET302/comments/b3mkah/etp_cipher_discovered_aerospace_engineering/

    https://www.reddit.com/r/codes/comments/azllak/18yo_italian_boy_found_dead_in_construction_site/

  2. #2 Klaus Schmeh
    30. März 2021

    @Theresa Schlag:
    Danke für den Hinweis. Da behauptet also jemand, mit den Notizen von Vinci könnte man die Alster-Flaschenpost-Verschlüsselungen lösen?? Das wäre die Sensation des Jahres. Da bin ich noch sehr skeptisch.

  3. #3 Rallinger
    1. April 2021

    Was ich mich immer wieder frage wenn ich solche angeblich ‘mysteriösen Codes’ sehe:
    Was wäre, wenn ich selbst plötzlich -warum auch immer- verschwinden würde?

    Allein die ‘Codes’ auf meiner Schreibtischunterlage würden den Rahmen dieses Blogs sprengen. Wild abgekürzte Sachen, die ich mir auf Befehl meiner Frau notieren musste, damit ich sie beim nächsten Einkauf nicht vergesse; berufliche Notizen, für Branchenfremde per se kryptisch; Zahlen, Buchstaben, Symbole die von gescheiterten Entschlüsselungen der hier geposteten Chiffren zeugen; URLs von Websites, die man sich mal anschauen muss ‘wenn dann mal Zeit ist’; das alles noch gespickt mit zahllosen Email- Adressen, Telefonnummern, Daten und Uhrzeiten und zu guter letzt: meine äußerst kreativen…ich nenne sie mal ‘Telefonkritzeleien’, die während langweiligen Telefonaten entstanden sind. Und natürlich auch noch multilingual, da wir uns hier in Luxemburg nicht gerne auf eine Sprache festlegen…

    Was ich damit sagen will: In meinen Augen ist noch lange nicht alles ein ‘mysteriöser Code’, nur weil das Verschwinden evtl. mysteriös war.

    Was, wenn der gute Herr Vinci nur seinem alten Kumpel, dem relativ unbekannten DJ E.T.P einen Gefallen tun wollte und schon mal das Cover für dessen neue Platte “Je sais” entwerfen wollte? Auf ein Hintergrundbild hatte man sich ja schon geeinigt: CAM381A2LCM.jpg

    Ockham’s Razor hat mir verraten, dass er mit dieser Version der Geschichte gut leben kann.

    PS: Je länger ich darüber nachdenke… Hat mal jemand gecheckt, ob Sir Edward Elgar ein Telefon und eine Schreibtischunterlage hatte, als das Dorabella Kryptogramm entstanden ist?

  4. #4 Theresa Schlag
    Berlin
    8. April 2021

    Danke Klaus für deine Antwort.