Acht Flaschenpost-Funde in Hamburg bilden eines der spannendsten Krypto-Rätsel, über das ich auf diesem Blog bisher berichtet habe. Gelingt es dieses Jahr endlich, das Geheimnis zu lüften?

English version (translated with Deepl)

Es begann im Oktober 2016. Damals informierte mich Dominique Eggerstedt aus Hamburg über eine verschlüsselte Flaschenpost, die sie im Isebekkanal, der mit der Außenalster verbunden ist, gefunden hatte. Danach informierten mich im Laufe von drei Jahren weitere Leserinnen und Leser über ähnliche Funde in derselben Gegend.

Inzwischen sind mir acht Flaschenpost-Kryptogramme bekannt. Nach wie vor habe ich nicht die geringste Ahnung, was dahinter steckt.

Nach nahezu jedem Blog-Artikel, den ich zu diesem Thema veröffentlichte, informierte ich verschiedene Zeitungen und Rundfunksender in Hamburg. Leider sprang keines dieser Medien auf die Geschichte an. Vielleicht lag es daran, dass meine Artikel auf Englisch geschrieben waren. Oder die zuständigen Redakteure hielten das Ganze für einen von wir inszenierten Scherz.

Ich versuche es daher heute mit einem deutschsprachigen Artikel über das  Alster-Flaschenpost-Rätsel. Außerdem versichere ich ausdrücklich, dass ich diese Flaschenpost-Serie nicht selbst ins Leben gerufen habe oder in irgendwelcher Weise an der Entstehung beteiligt war. Alles, was ich darüber weiß, habe ich auf diesem Blog veröffentlicht.

Ein weiterer Anlass für diesen Artikel ist ein Webinar-Vortrag über ungelöste Verschlüsselungen, den ich am 28. Januar 2021 zusammen mit Elonka Dunin (Ko-Autorin meines aktuellen Buchs Codebreaking: A Practical Guide) beim National Museum of Computing halten werde. Das Alster-Flaschenpost-Rätsel wird darin ein Thema sein.

Die folgende Karte zeigt, wo die acht Flaschen gefunden wurden:

Quelle/Source: Schmeh

Meine Vermutung ist, dass alle Flaschen etwa dort ins Wasser geworfen wurden, wo die Flaschen 5, 6, 7 und 8 gefunden wurden. Dort befindet sich das Kaiser-Friedrich-Ufer (Kaifu). War ein Leser schon einmal dort? Gibt es dort irgendwelche Stellen, von denen man unauffällig etwas ins Wasser schmeißen kann?

 

Flaschenpost 1

Im Oktober 2016 fand Dominique Eggerstedt die erste Flaschenpost im Isebekkanal.

Isebek-Cryptogram-1

Quelle/Source: Dominique Eggerstedt

Isebek-Cryptogram-3

Quelle/Source: Dominique Eggerstedt

Wie alle folgenden Nachrichten besteht auch diese aus sinnvollen Wörtern (MÄDCHEN, GESCHIRR, …), scheinbar sinnlosen Buchstaben bzw. Zahlen und einigen Symbolen.

 

Flaschenpost 2

Am 24. Januar 2017 wurde eine ähnliche Nachricht in der Außenalster entdeckt, und zwar in der Nähe des Restaurants Kajüte (danke an Alex Vladi für den Hinweis).

Alster-Bottlepost-Cryptogram

Quelle/Source: Facebook

 

Flaschenpost 3

Im April 2017 informierte mich Tuncel Biyikli über eine weitere Flaschenpost dieser Art. Er fand sie am Ostufer der Außenalster.

Alster-Bottlepost-Cryptogram-3b

Quelle/Source: Tuncel Biyikli

Alster-Bottlepost-Cryptogram-3

Quelle/Source: Tuncel Biyikli

Zu den sinnvollen Wörtern, die dieses Mall zu sehen sind, gehören MÄDCHEN, STURMBEFEHL und HÖCHSTGEFAHR.

 

Flaschenpost 4

Im September 2017 schickte mir Hans von Jagow ein Foto von einer weiteren Flaschenpost. Er sah sie auf dem Wasser treiben, während er nahe der Krugkoppelbrücke ruderte.

Alster-Bottlepost-4

Quelle/Source: Hans von Jagow

Man erkennt unter anderem die Wörter UBOOTE und DIEGRÖßTEN.

 

Flaschenpost 5

Im Mai 2018 informierte mich Katrin Reischert über eine Flaschenpost, die sie schon ein Jahr zuvor im Isebekkanal gefunden hatte.

Alster-Bottlepost-Cryptogram-5bpic

Quelle/Source: Katrin Reischert

SCHNELLBOOT, POSTFINANZ und MÄDCHEN sind darin zu erkennen.

 

Flaschenpost 6

Im Juli 2018 erhielt ich eine weitere Mail von Katrin Reischert. Sie hatte im Isebekkanal eine weitere Flaschenpost entdeckt.

Alster-Bottlepost-Cryptogram-6b-medium

Quelle/Source: Katrin Reischert

Alster-Bottlepost-Cryptogram-6a-medium

Quelle/Source: Katrin Reischert

Wie man sieht, befand sich diese Nachricht in einer Coca-Cola-Plastikflasche. Die bis dahin bekannten Flaschenpostsendungen waren in kleinen Glasflaschen enthalten, wie sie für Spirituosen verwendet werden. Das Etikett der Cola-Flasche ist noch vorhanden, während sich die Etiketten der Glasflaschen offenbar im Wasser lösten.

 

Flaschenpost 7

Im August 2019 schickte mir Christina Stacke Fotos von gleich zwei Flaschenpost-Funden zu. Die folgenden drei Bilder zeigen eine davon:

Quelle/Source: Christina Stacke

Quelle/Source: Christina Stacke

Quelle/Source: Christina Stacke

Auch hier sind deutsche Wörter zu erkennen: ABSOLUT, UHRZEIT, BETREFF.

 

Flaschenpost 8

Flaschenpost Nummer 8 ist die bisher letzte, die aufgetaucht ist. Es handelt sich um den zweiten Fund von Christina Stacke.

Quelle/Source: Christina Stacke

Quelle/Source: Christina Stacke

Auffällig sind die vielen grafischen Symbole.

 

Was steckt dahinter?

Zunächst einmal gehe ich davon aus, dass es noch deutlich mehr Flaschenpost-Sendungen dieser Art gibt. Falls ein Leser eine gefunden hat, bitte ich um Mitteilung (mit Fundort und -zeit). Soweit ich es beurteilen kann, wurden alle Botschaften mit derselben Handschrift verfasst. Wir haben es also wohl mit einem “Einzeltäter” zu tun.

Ich weiß nicht, ob sich die Kryptogramme entschlüsseln lassen. Die vielen hervorragenden Codeknacker unter meinen Lesern hatten diesbezüglich leider bisher keinen Erfolg.

Noch schwieriger ist die Frage, welchen Zweck diese Flaschensendungen erfüllen sollten. Spannend wäre es natürlich, wenn Spione oder Kriminelle auf diese Weise miteinander kommuniziert hätten. Wahrscheinlicher ist allerdings eines der folgenden Szenarien:

  • Alternate Reality Game (ARG): ARGs beginnen normalerweise damit, dass Nachrichten (z. B. Briefe) an ausgewählte Personen gesendet werden. Diese Nachrichten enthalten typischerweise einen Handlungsaufruf (z. B. “Wir brauchen Ihre Hilfe, um die Welt zu retten, rufen Sie mich an unter 01234/567890”). Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass die Organisatoren eines ARG Flaschenpost-Nachrichten verwenden, um ihr Spiel zu starten, allerdings enthält keine der bisher gefundenen Nachrichten einen Aufruf zu irgendetwas. Oder spielten die Flaschenpost-Nachrichten in einer späteren Phase eines ARG eine Rolle, als bereits Anweisungen bekannt waren, wie sie zu interpretieren sind?
  • Geocaching: Krypto-Rätsel spielen eine gewisse Rolle im Geocaching. Ist dies auch hier der Fall? Eher nicht. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, wie die diversen Botschaften in ein Geocaching-Szenario passen. Das Suchen einer Flaschenpost mit GPS-Koordinaten ergibt zumindest keinen Sinn.
  • Kunst: Vor ein paar Jahren wurden an einer Universität in Kanada etwa 20 verschlüsselte Notizen gefunden. Im Jahr 2014 wurde bekannt, dass diese Nachrichten von einem lokalen Künstler geschaffen worden waren. Das Krypto-Mysterium entpuppte sich damit als Performance-Kunstprojekt. Es ist natürlich möglich, dass auch das Alster-Flaschenpost-Rätsel so zustande gekommen ist.
  • Scherz: Und schließlich kann es natürlich auch sein, dass sich hier jemand einen Scherz erlaubt hat. Falls das so ist, könnte sich der Verantwortliche so langsam mal melden.

Kann ein Leser mehr zu diesem Rätsel sagen?

Addendum (2021-01-23): Drift Line Peter hat mich über Twitter auf eine weitere Flaschenpost aus dieser Serie aufmerksam gemacht:

Leider weiß ich nicht, wo und wann diese Botschaft gefunden wurde und wie die Flasche aussah. Vielleicht weiß ein Leser mehr.

Further reading: Kaliningrad’s second mystery: Who can break this encrypted bottle post?

Linkedin: https://www.linkedin.com/groups/13501820
Facebook: https://www.facebook.com/groups/763282653806483/

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Kommentare (12)

  1. #1 Arne
    Hamburg
    17. Januar 2021

    Kurz zur Frage, ob man am Isebekkanal “unauffällig” Flaschen zu Wasser lassen könnte. Ja, das kann man an vielen verschiedenen Stellen. Gerade auch dort, wo die Flaschen 5,6,7,8 gefunden worden sind. Dort gibt es von vielen Seiten Baumbewuchs, der einen direkten Blick auf das Wasser verhindert.
    Ganz unabhängig davon, würden sich viele wohl auch nicht wundern, wenn man beim Überqueren einer der vielen (kleinen) Brücken dort etwas ins Wasser wirft….

    Außerdem ist der Bereich bei gutem Wetter sehr beliebt zum Kanu, Kajak- oder Tretbootfahren. Vielleicht auch ein Grund, warum viele dort gefunden wurden. Das Gewässer in dieser Ecke bewegt sich meistens kaum.

    Liebe Grüße aus Hamburg

  2. #2 Maru
    17. Januar 2021

    Also ich bin jetzt so gar nicht der kompetente Decrypter, aber vielleicht sollte man die Beschaffenheit des Behältnisses nicht außer Acht lassen. Also Material, Farbe (Flasche oder Verschluss) Länge, Breite, Lichtbrechung etc. Vielleicht braucht man dies (alles) zur Entschlüsselung.
    Fundort sollte bei Flaschenpost für die Entschlüsselung keine Rolle spielen – würde sagen.

    LG
    Maru
    PS: @Klausi: Ich hoffe auf ein Voynich-Update 2021 – sofern es denn etwas Neues gibt….

  3. #3 Klaus Schmeh
    17. Januar 2021

    @Maru:
    >Ich hoffe auf ein Voynich-Update 2021
    Wenn es etwas Neues gibt, berichte ich sicherlich darüber. In letzter Zeit gab es aber nur Pseudolösungen.

  4. #4 Dampier
    dampierblog.de
    17. Januar 2021

    Ich hab den Fall ja eine Weile gespannt verfolgt, und bin auch ein paar mal auf der Ecke gewesen (jedesmal wenn ich an der Hoheluftbrücke vorbeikomme, muss ich dran denken). Dort am oberen Ende des Isebekkanals gibt es viele kleine Grünstreifen und Fußwege am Kanal entlang, dort stehen auch viele Parkbänke. Am Uferstreifen und im Röhricht liegen eine Menge kleiner Schapsflaschen rum. Ich denke, den Urheber der Flaschenposten könnte man evtl. finden, wenn man die “Stammgäste” auf den Parkbänken interviewt.

    Meine These ist nach wie vor, dass es sich um eine Person mit wahnhaften Zügen handelt, evtl. jemand, der Stimmen hört. Ich tippe auf einen alten Mann, wegen der Inhalte (Militär, Sport) und der zittrigen Schrift. Die Botschaften erscheinen mir eher spontan geschrieben, als nach irgendeinem System (ARG oder Geocaching). Sie scheinen sich auch an niemanden direkt zu wenden, auf mich machen sie eher den Eindruck eines inneren Monologs. Nicht zuletzt erinnern mich die Texte an das wahnhafte Gemurmel von psychisch Kranken, mit den vielen Wiederholungen und häufig mit Versatzstücken aus der eigenen Biografie.

    Zuerst hab ich mir Sorgen gemacht, ob da jemand in (seelischer) Not ist, habe auch eine Mail an die Alsterdorfer Anstalten geschrieben, und um eine Einschätzung gebeten, habe aber keine Antwort bekommen. Inzwischen denke ich, wenn die Person offenbar über Jahre ihre Flaschenposten an der selben Stelle absetzen kann, wird sie wohl irgendwo dort wohnen und ein (irgendwie) geregeltes Leben haben. Deshalb mache ich mir keine Sorgen mehr – würde mich aber natürlich auch freuen, wenn es irgendwann eine Auflösung gäbe.

  5. #5 Marc
    18. Januar 2021

    Ich finde ja die in den Botschaften genannten Treffpunkte interessant, da sie rund um die Eimsbütteler Brücke liegen, das Eiscafé, die Litfaßsäule am Anfang der Bismarckstraße, Anno 1899 (vermutlich der ETV). Eventuell wurden die Botschaften also dort ins Wasser geworfen. Ich gehe also davon aus, dass das Meiste nur Fülltext ist und die Zeit- und Ortsangaben in den Botschaften das eigentlich Wichtige sind. Nahe der genannten Orte befinden sich ein Gymnasium das Schulbootshaus und das Diakonie-Zentrum für Wohnungslose. Es könnte sich also um die Kommunikation zweier Schüler oder, aufgrund der Art der Flaschen (die aber auch vom Boot aus eingesammeltes Treibgut sein könnten), zweier Obdachloser handeln.

  6. #6 davids
    utr
    18. Januar 2021

    When I look on google maps, there are these building that seem interesting to investigate: AGAPLESION DIoAKONIE KLINIKUM HAMBURG (and Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer) and Diakonie-Zentrum für Wohnungslose – Straßensozialarbeit.

    I put my money on the latter.

  7. #7 Klaus Schmeh
    22. Januar 2021

    Drift Line Peter via Twitter:
    Eine Möglichkeit fehlt in der Liste der möglichen Urheberschaften. Nämlich, dass es sich um einen Psyhopathen handelt, dessen Schizophrenie sich auf diese weise äußert.

  8. #8 Klaus Schmeh
    22. Januar 2021

    Drift Line Peter via Twitter:
    Ein weiteres Beispiel:
    https://t.co/DjiHkpOI2t?amp=1

  9. #9 Dampier
    22. Januar 2021

    @Klaus, das scheint tatsächlich eine weitere Flaschenpost zu sein. Meinst du, du kannst das Bild hier ins Blog übernehmen?

    Die Nachricht ist laut Imgur vom September 2019. Nach dem gestanzten Fenster zu urteilen, scheint es sich wieder um eine Handelsgold-Zigarilloschachtel zu handeln (siehe Fund #1).

    Vielen Dank @Drift Line Peter!

  10. #10 BREAKER
    26. Januar 2021

    Themes of Ciphers/Meaning?

    They are SOS Codes – Messages in Bottles – Flight Controls, Flight Names, Radio Frequencies and more related to commercial air traffic in these ciphers. Recommend that you contact the authorities immediately as I have been reporting these to officials around the world from countries that are being plagued with air accidents.

    http://www.facebook.com/ProjectArchiteuthis

    US Navy set up a project in 2014 based on cryptography and introduced it to the mainstream media online in their first of a kind ARG and it made the 2014 Shorty Awards for it’s creativity.

    The link to my page made is now at the top of the Shorty Awards page on the ARG, surpassing their own homepage link….

    It’s official…these are terrorists that are working on a specific set of operations. The bottles are written by the same people from the Gelatin Art Crew that was in the World Trade Center for 4 years before the attacks. The handwriting can be found in their book matching numerous specific out of place letters in the ciphertext of the bottle posts. The window in the bottle post cipher is overlaid on this book to highlight a specific set of text in the prologue and reveal the extent of their operations.

    https://shortyawards.com/7th/project-architeuthis

    This is a US/Israeli operation in a real world scenario. I am not joking…..

  11. #11 Stefan
    Mannheim
    4. Februar 2021

    Oh das ist ja was spannendes. Was auffällt das jemand versucht das nicht mit seiner Blockschrift zu schreiben. Das erkennt man zum Beispiel am Buchstaben “Ä” einerseits sind oben 2 Punkte über dem A zu sehen, in der nächsten Flaschenpost ein durchgehender Strich. Die Blockschrift fällt auch nach hinten, wirkt also sehr gestelzt. Des weiteren fällt das immer wieder vorkommende auf (Amateurfunk?). In der 5. Flaschenpost waren 2. Zettel drinnen? Das eine Papier sieht nach Umweltpapier aus (holzig, nicht gebleicht) auch wirkt es stärker als das übliche 80g/qm aber auch weicher. Ich habe zwar vor zig Jahren mal in Norderstedt gewohnt, aber kenne nun nicht die einzelnen Kanäle. Ist der besagte Kanal ein fließendes Gewässer? Oder eher buschig und flach? Und geht die Fließrichtung zur Außenalster? Der Gedanke dahinter ist was man ausschließen kann. Ob es ein RPG, Geocaching, Kunst whatever ist.

  12. #12 Stefan
    Mannheim
    4. Februar 2021

    Mir ist noch was wegen dem Schriftbild eingefallen, das könnte auch von jemanden mit einem Tremor verfasst worden sein. Dann wäre es ein “bisschen” älterer Mann mit einem stressigen Beruf in jüngeren Jahren. Man versucht da leserlich in Blockbuchstaben zu schreiben, die Hand verkrampft aber beim schreiben und es wird gestelzt und teilweise unleserlich. Das wäre dann ich 🙂